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Die Geheimnisse Londons – Band 1- Kapitel 18

George W. M. Reynolds
Die Geheimnisse Londons
Band 1

Kapitel 18
Die Gaunerschänke

»Komm rein«, rief Bill. »Ich wette, das ist Dick Flairer.«

»Na, Bill Bolter, alter Kumpel – da bist du ja endlich«, rief der Ankömmling. »Ich schätze, du wusstest, dass ich heute Abend vorbeikommen würde. Selbst wenn du mir neulich nicht die Nachricht durch den jungen Küchenschleicher1geschickt hättest, der aus dem Coldbath-Knast2; entlassen wurde, wäre ich trotzdem gekommen. Ich wusste noch ganz genau, dass du dafür sechs Monate aufgebrummt bekommen hattest, und ich hab die Tage und Wochen richtig zusammengezählt.«

»Setz dich, Dick, und rauch eine Pfeife. Was gibt’s Neues, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe?«

»Nichts. Du weißt ja, dass sie Crankey Jem geschnappt haben. Er und der Auferstehungsmann haben irgendwo oben bei Soho einen Einbruch gedreht. Sie sind mit der Beute sicher davongekommen, und der Auferstehungsmann ist weiter zur Mint gegangen. Jem hat sich ins Alte Haus in der Chick Lane verdrückt und mich an meinem Anteil teilhaben lassen. Aber nach einer Woche oder zehn Tagen hat der Auferstehungsmann ihn verpfiffen und wird vor den Richtern als Kronzeuge aussagen. Also wurde Jem dem Schließer übergeben, und diesmal wandert er für immer hinter Gittern.«

»Na logisch. Er war ja schon zweimal auf der schwimmenden Akademie3. Diesmal gibt’s keine Rettung.«

»Was das Geschäft angeht«, sagte Dick Flairer nach einer Pause, in der er seine Pfeife ansteckte und sich dem Bier widmete, »ist mein Tasche so leer wie die Aktenmappe eines Anwalts am Tag nach den Assisen. Ich habe nur noch einen Groschen in meiner Westentasche und den verpulvern wir gleich für Gin. Meine Griffel jucken schon richtig nach einem Job.«

»Es muss was passieren – und zwar schnell«, entgegnete Bill Bolter. »Apropos, wie wär’s, wenn wir die Bude versuchen, die wir vor etwa vier Jahren knacken wollten, als du am nächsten Morgen geschnappt wurdest, weil du einer Dame das Täschchen vom hübschen Arm gemopst hast?«

»Was – du meinst Markhams Bude da oben zwischen Kentish Town und Lower Holloway?«, hinterfragte Dick.

»Genau die. Erinnerst du dich nicht – wir haben doch alles genau in der Nacht ausgemacht, als wir diesen jungen Kerl im Alten Haus in der Chick Lane durch die Falltür geschmissen haben? Aber du meine Güte – Dick – was zum Teufel ist denn mit dir los?«

Dick Flairer war bei der Erwähnung dieses Umstands totbleich geworden; seine Knie zitterten, und er warf einen unruhigen, raschen Blick um sich.

»Komm schon, Dick – sei kein Narr«, sagte die Frau. »Du glaubst doch wohl nicht, dass es hier Gespenster gibt?«

»Gespenster!«, rief er mit einem konvulsivischen Zucken aus; dann, nach einem Moment des Schweigens, in dem seine beiden Gefährten ihn mit Neugier und Furcht betrachteten, fügte er mit leiser, gedämpfter Stimme hinzu: »Bill, du weißt, dass in der ganzen Gegend keiner mutiger war als ich, bis zu der Zeit, als du in Schwierigkeiten geraten bist. Du weißt, dass ich mir nichts aus Gespenstern, Friedhöfen, dunklen Räumen oder so was gemacht habe. Jetzt ist das ganz anders. Wenn jemals ein Mensch den Geist einer Person gesehen hat, dann war ich das vor etwa zwei Monaten!«

»Was zum Teufel soll das bedeuten?«, rief Bolter und blickte seinerseits unruhig umher.

»Vor zwei Monaten«, fuhr Dick Flairer fort, »war ich oben in Hackney unterwegs und wollte ein kleines Geschäft mit Tom dem Fassadenkletterer drehen, aus dem aber nichts wurde; denn Tom hatte die ganze Nacht zuvor in der Gaunerschänke gesessen und sich bei einem Spaß mit etwas Schießpulver die Hand zerfetzt. Nun, ich war gerade auf dem Heimweg, stinksauer über die verkorkste Sache, und als ich am Tor bei Cambridge Heath ankam, hörte ich Pferdegalopp. Ich drehe mich natürlich um – aber wen sehe ich da auf einer wunderschönen fuchsroten Stute …?«

»Wen?«, fragte Bill gespannt.

»Den Geist genau desselben jungen Kerls, den du und ich vor vier Jahren und ein paar Monaten im alten Haus in der Chick Lane durch die Falltür geschmissen haben!«

»Könnte das nicht ein Irrtum gewesen sein, Dick?«, fragte Bill.

»Na, natürlich war es einer!«, rief die Frau aus.

»Nein, war es nicht«, sagte Dick sehr ernst. »Ich belüge nie einen Kumpel, Bill – und das weißt du ganz genau. Ich habe diesen jungen Mann so deutlich gesehen, wie ich dich jetzt sehe, Bill – so deutlich, wie ich dich sehe, Polly Bolter. Ich dachte, ich kippe um; ich bin voll gegen einen Pfosten am Fußweg geprallt; aber ich habe noch mal ganz genau hingesehen. Da war er – dasselbe Gesicht – dieselben Haare – dieselbe Kleidung – alles absolut gleich! Ich konnte mich nicht geirrt haben: Ich würde einen Eid darauf schwören.«

»Und würdest du diese Geschichte auch dem Anstaltsseelsorger erzählen, wenn du morgen Früh zum Schafott marschieren müsstest?«, fragte Bill.

»Das würde ich, so wahr mir Gott helfe!«, rief Dick feierlich und schlug gleichzeitig mit der Hand auf den Tisch.

Es folgte eine lange Pause. Selbst die Frau, die vielleicht noch verrohter im Laster und unempfänglicher für jegliche Empfindsamkeit war als ihre männlichen Kumpane, schien von der absoluten Bestimmtheit beeindruckt, mit der der Mann seine Geschichte erzählte.

»Nun – komm, so geht das nicht weiter!«, stieß Dick nach einigen Minuten aus. »Geist hin oder her, wir können es uns nicht leisten, ehrlich zu sein.«

»Nein – wir müssen irgendwas drehen«, erwiderte Bill. »Wenn wir uns dem Pfarrer als Küster und Totengräber anbieten würden, nähme er uns auch nicht; wenn er uns also nicht aufhilft, wer zum Teufel soll es dann tun? Aber was ist nun mit diesem Anwesen von Markham?«

»Der alte Kerl ist vor ein paar Monaten gestorben, habe ich gehört«, sagte Dick. »Der älteste Sohn ist auf und davon, und das hat dem Vater den Rest gegeben. Und was den Jüngeren angeht: Der wurde heute Nachmittag eingesackt, weil er Falschgeld unters Volk gebracht hat.«

»Der Teufel soll ihn holen! Tja, in der Ecke gibt’s also nichts zu holen. Kennst du noch eine andere Spekulation?«

»Tom der Fassadenkletterer und ich wollten damals einen Einbruch in einer schmucken kleinen Bude oben bei Clapton drehen, als er sich die Hand fast weggeblasen hat, als er mit seinen Kumpels herumgealbert hat. Ich wüsste nicht, warum wir das nicht jetzt machen sollten. Tom hat mir davon erzählt. Ein junger Schnösel, verrückt nach Pferden und Hunden – lebt ausgesprochen zurückgezogen – so gut wie nie Gesellschaft – aber haufenweise Kohle.«

»Dienstboten?«, fragte Bill auffordernd.

»Ein Mann – ein alter Stallknecht; und zwei Frauen – drei insgesamt«, antwortete Dick.

»Das passt«, bemerkte die Frau zustimmend.

»Müssen wir zuerst mit dem Fassadenkletterer sprechen?«, erkundigte sich Bill.

»Ja – Ehre unter Dieben. Ich glaube kaum, dass der Auferstehungsmann jemals gesungen hätte, wenn man ihn anständig behandelt hätte. Aber wenn das Ding gedreht werden soll, dann morgen Nacht; und jetzt lasst uns in die Gaunerschänke gehen und mit dem Fassadenkletterer reden.«

»Ich bin dabei«, sagte Bill; und die beiden Diebe verließen gemeinsam das Zimmer.

 

Am oberen Ende des Union Court liegt der Bleeding Hart Yard, der zur Kirby Street führt, in deren rechtem Winkel eine schmale Gasse abzweigt, die an der Great Saffron Hill endet. Das war der Weg, den die Einbrecher einschlugen.

Es war nun elf Uhr, und es herrschte ein dicker Nebel – so dicht, dass es schien, als könne man ihn mit einem Messer schneiden. Die Männer blieben dicht beieinander, denn sie konnten keine Hand vor Augen sehen. Hier und da glimmten Lichter in den elenden Fensterrahmen; und der Nebel, der auf diese Weise stellenweise schwach erhellt wurde, erschien in einem schmutzigen Kupferton.

Die Einbrecher gingen die Saffron Hill entlang.

Die Straßen waren fast leer; doch ab und zu hörte man an den Hauseingängen die blassen, elenden und namenlosen Gestalten des Lasters, wie sie versuchten, die Vorübergehenden in ihre stinkenden Behausungen zu locken. Ein Großteil des ungesunden Lebens dieses Bezirks hatte in den Armen des Schlafs Linderung von den Qualen des Elends und den Gewissensbissen des Verbrechens gesucht. Ach! Die Schlummerstunden der Armen und der Schuldigen werden von den mageren, hageren und ausgemergelten Fratzen der Armut und dem gesamten schrecklichen Gefolge der Schande heimgesucht!

Durch die zerbrochenen Läden mehrerer Fenster drangen die Klänge scheußlicher Gelage – zotig und widerwärtig; und aus anderen erschallten Schreie, Gekreische, Flüche und das Geräusch schwerer Schläge – ein trauriger Beweis für die Rohheit betrunkener Streitigkeiten. Zahlreiche irische Familien drängen sich in den kleinen Hinterzimmern der Häuser in Saffron Hill zusammen; und die Ehemänner und Väter mästen sich auf Kosten herzkranker Frauen und hungernder Kinder mit jener schrecklichen Mischung aus Spirituosen und Vitriol, die in den billigen Gin-Kneipen der Nachbarschaft verkauft wird. Auch Scharen italienischer Meister finden sich in dieser Gegend zusammen; und das Gekreische der unglücklichen Jungen, die sich unter der Peitsche ihrer wütenden Dienstherren krümmen, wenn sie nach einem erfolglosen Tag mit ihren Drehorgeln, Affen, weißen Mäusen oder Gipsfiguren nach Hause zurückkehren, mischt sich mit den anderen erschreckenden oder ekelhaften Geräuschen, die die Nacht in diesem Bezirk wahrhaft abscheulich machen.

Selbst zu der späten Stunde, in der die beiden Einbrecher ihren Weg über Saffron Hill nahmen, lauerten Jungen im Alter von sieben bis fünfzehn Jahren in den Höfen und Gassen und hielten Ausschau nach anständig gekleideten Personen, die zufällig vorbeikommen mochten. Diese Jungen waren zum Großteil von den Hehlern in der Field Lane dem Einfluss ihrer Eltern entzogen oder von ihren eigenen elenden Eltern zum Stehlen auf die Straße geschickt worden.

So wie die Sträflingsschiffe, die Deportationsschiffe, die Zuchthäuser und der Galgen die Gesellschaft von einer Generation von Ganoven befreien, wächst schon die nächste heran, um die Lücke zu füllen.

Und das wird immer so sein, solange Gesetze nur darauf abzielen zu strafen – und nicht darauf, zu bessern.

Dick Flairer und Bill Bolter gingen, ohne viele Worte miteinander zu wechseln, durch den dichten Nebel, bis sie zu einer niederen Kneipe gelangten, die sie betraten.

Nichts konnte schmutziger oder widerwärtiger sein als das Innere dieser »Gaunerschänke«. Schornsteinfeger, Fliegende Händler, Juden, irische Bauarbeiter und Dirnen drängten sich um den Tresen und tranken verschiedene Malz- und Spirituosengetränke, die scheußlich gestreckt waren. Das Bier, das ursprünglich mit Wasser übergossen worden war, um die Menge zu vergrößern, war mit Drogen von höchst schädlicher Wirkung verstärkt worden – wie etwa Tabaksaft und Scheinkorn (Cocculus indicus). Ersterer ist ein ebenso schleichendes Gift wie das einer Viper; Letzteres ist eine Beere von so giftiger Natur, dass sie, in einen Teich geworfen, die Fische schnell an die Oberfläche treibt, wo sie nach Luft schnappen und sterben. Der Gin war, wie oben angedeutet, mit Vitriol versetzt; und der Whisky, den sie Paddys Augenwasser nannten, mit Terpentingeist. Die Krüge und Gläser, in denen die verschiedenen Getränke serviert wurden, standen alle auf doppelten Tabletts mit einem Hohlraum dazwischen und zahlreichen Löchern in der Oberfläche. Das Übergelaufene und die Reste wurden so aufgefangen und gesammelt; und der Wirt schenkte diese kostbare Mischung, die den Namen Allerlei trug, für einen halben Penny das Glas aus.

Die beiden Einbrecher nickten dem Wirt und seiner Frau vertraut zu, als sie am Tresen vorbeigingen und einen kleinen, niedrigen, rauchigen Raum betraten, der als »die Stube« bezeichnet wurde. Im Kamin brannte ein gewaltiges Feuer, an dem ein kleiner, magerer, dunkler Mann mit einem höchst abschreckenden Gesicht saß, angenehm damit beschäftigt, eine Wurst zu rösten. Die rechte Hand dieses Mannes hatte die beiden mittleren Finger verloren, deren Stümpfe noch mit Pflastern bedeckt waren, als sei die Verletzung erst vor Kurzem geschehen. Er war komplett in Kord gekleidet; die Ärmel seiner Jacke, der untere Teil seiner Weste und die Vorderseite seiner Hose waren fettbefleckt. Auf dem Tisch neben ihm standen ein riesiges Stück Brot und ein Krug Bier.

Das Individuum war Tom der Fassadenkletterer – der gewandteste und bekannteste Einbrecher der Hauptstadt. Er führte eine vollständige Liste aller Herrschaftshäuser in der Umgebung von London, samt der Anzahl der Dienstboten und männlichen Bewohner eines jeden Hauses. Er versuchte sich nie an einer Behausung innerhalb eines Umkreises von drei Meilen um das Hauptpostamt; sein Gewerbe übte er ausnahmslos in den Vororten von London aus, wo das Eingreifen der Polizei weniger wahrscheinlich war.

In dem Moment, in dem wir ihn unseren Lesern vorstellen, war er etwas vom Glück verlassen, wie er es selbst ausdrückte, da der Unfall, der seiner Hand beim Spielen mit Schießpulver zugestoßen war, ihn für die vorangegangenen zwei Monate völlig außer Gefecht gesetzt hatte und der Wirt der Gaunerschänke es sich zur eisernen Regel gemacht hatte, niemals Kredit zu gewähren. Obwohl der Fassadenkletterer Hunderte von Pfund in diesem Haus ausgegeben hatte, konnte er ohne Geld nicht einmal ein Glas Allerlei bekommen.

Der Fassadenkletterer war allein in der Stube, als Dick Flairer und Bill Bolter eintraten. Nachdem er seine Wurst geröstet hatte, legte der berühmte Einbrecher sie auf das Brot und begann sein Abendessen mithilfe eines furchterregenden Klappmessers zu verzehren, ohne sich zu herabzulassen, auch nur einen Blick im Raum umherzuwerfen.

Schließlich brach Bill Bolter in ein lautes Lachen aus und rief: »Na, Tom, du wirst wohl auf deine alten Tage noch eingebildet? Sprichst nicht mal mehr mit deinen Freunden!«

»Hallo, Bill, bist du das?«, stieß der Einbrecher aus. »Wann haben sie dich denn aus dem Knast gelassen?«

»Heute Morgen um zwölf; und keinen einzigen Heller in der Tasche. Zum Glück hat die Alte die Kinder zu etwas Nütze gemacht, während ich auf der Tretmühle war, sonst wüsste ich nicht, was aus uns geworden wäre.«

»Und ich bin so abgebrannt, wie man es nur sein kann, wenn man gerade aus dem Armenhaus kommt«, sagte Tom. »Ich habe gerade meinen letzten Sechser für dieses Futter hier ausgegeben. Ah! Es ist verdammt hart für einen Mann wie mich, auf Gammelfleisch herunterzukommen«, fügte er hinzu und blickte mürrisch auf die Wurst, die er halb roh aß.

»Wir haben alle unsere Höhen und Tiefen«, bemerkte Dick Flairer. »Ich bin der Meinung, dass wir zu spendabel sind, wenn wir die Kohle haben.«

»Und es gibt welche, die sind zu knauserig, wenn wir keine haben«, erwiderte der Fassadenkletterer bitter. »Da ist der Wirt von diesem Schuppen, der gibt einem Gentleman wie mir nicht mal Kredit für einen einzigen verdammten Farthing. Aber so kann das nicht weitergehen: Ich verdamme mich selbst, wenn ich nicht einen Bruch drehe, der sich richtig lohnt; und dann mache ich einen Schuppen auf, als Konkurrenz zu dem hier. Du würdest sehen, ob ich einem Kumpel in der Stunde der Not den Kredit verweigern würde.«

»Nun, du glaubst doch wohl nicht, dass wir nur hier sind, um uns zu amüsieren«, sagte Dick. »Wir kommen wegen dir.«

»Gibt’s was zu drehen?«, fragte der Fassadenkletterer.

»Beantworte mir zuerst das«, rief Dick: »Ist in die Bude da oben in Upper Clapton schon eingebrochen worden?«

»Da, wo der junge Schnösel sitzt …?«

»Ich weiß nicht mehr darüber, als was du mir erzählt hast«, unterbrach ihn Dick. »Du und ich wollten es doch machen; und dann hast du mit dem Schießpulver herumgealbert …«

»Ich weiß, welche Bude du meinst«, sagte der Fassadenkletterer hastig. »Der Job muss noch gemacht werden. Seid ihr die Kerle, die mit anpacken?«

»Das ist genau das Geschäft, wegen dem wir gekommen sind«, antwortete Bill.

»Nun«, fuhr der Fassadenkletterer fort, »es sieht so aus, als wären wir alle blank und könnten nicht mehr länger durchhalten. Wir verschieben die Sache nicht – es wird morgen Nacht gemacht. Elf ist die Stunde. Ich gehe über Dalston – ihr zwei könnt die Wege abmachen, die ihr nehmt, solange ihr nicht zusammen geht; und wir treffen uns alle drei um elf Uhr am Tor von Ben Prices Feld.«

»So weit, so gut«, sagte Dick Flairer. »Ich habe eine Blendlaterne, aber wir brauchen das Werkzeug und die Gerätschaften.«

»Und einen Sack«, fügte Bill hinzu.

»Das alles müssen wir von dem alten Moses Hart besorgen, dem Hehler, und ihm einen Anteil an der Beute geben«, rief der Fassadenkletterer. »Macht euch darüber keine Sorgen; ich biege das schon gerade.«

»Gut, wo das jetzt geklärt ist«, sagte Dick, »ich habe noch einen Groschen in der Tasche, und wir gönnen uns einen Schluck Schnaps.«

Der Einbrecher ging hinaus an den Tresen und kehrte mit etwas Brandy zurück, den er und seine Kumpane pur tranken.

»Crankey Jem sitzt also im Knast?«, bemerkte der Fassadenkletterer nach einer Pause.

»Ja – und der Auferstehungsmann auch: Aber der hat gesungen und kommt nach den Assisen wieder raus.«

»Du hast doch von seinem Streich drüben in Borough gehört, schätze ich?«, sagte der Fassadenkletterer.

»Nein, habe ich nicht«, antwortete Bill. »Was war da?«

»Oh! Ein erstklassiger Witz. Die Geschichte ist ziemlich lang, aber sie ist es wert, erzählt zu werden. Da gibt es einen jungen Kerl namens Sam Chisney; sein Vater starb vor etwa zwei Jahren und hinterließ zweitausend Pfund in Staatsanleihen. Die Witwe sollte die Zinsen zu ihren Lebzeiten genießen, und danach sollte das Geld, Stammkapital und Zinsen, an Sam gehen. Nun, die alte Frau macht Schulden und wird verhaftet. Sie geht hinüber ins Bench-Gefängnis, erwirbt die Freizügigkeit im Gerichtsbezirk und mietet eine hübsche Wohnung im Erdgeschoss im Belvidere Place. Der junge Kerl braucht sein Geld dringend und scheint überhaupt nicht geneigt zu sein, auf den Tod der alten Dame zu warten, besonders da sie noch zehn Jahre leben könnte. Nun, er trifft den Auferstehungsmann und erzählt ihm genau, wie seine Lage ist. Der Auferstehungsmann denkt über die Sache nach, und da er ein kleiner Gelehrter ist, versteht er das Geschäft. Sie machen sich auf und konsultieren einen Anwalt namens Mac Chizzle, der oben in der New Road wohnt, irgendwo da drüben beim Servants Arms

»Den Schuppen kenne ich gut«, bemerkte Bill. »Der ist sehr ordentlich und anständig.«

»Mac Chizzle, Sam Chisney und der Auferstehungsmann stecken also die Köpfe zusammen und regeln die ganze Sache. Der junge Kerl geht dann hinüber zu der alten Frau und erzählt ihr, was getan werden soll. Sie willigt ein, und alles ist in Butter. Nun, genau an diesem Tag wird die alte Dame so krank – so sehr krank, dass sie glaubt, sie müsse sterben. Einen Arzt will sie nicht; aber sie schickt nach einer Pflegerin, die sie kennt – ein altes Geschöpf von über siebzig Jahren und schon fast kindisch. Dann kommt Sam; und er ist so betrübt, seine arme, liebe Mutter so krank zu sehen; und sie fängt an, sehr fromm zu reden und ihn zu segnen und ihm zu erzählen, dass sie spürt, dass sie keine vierundzwanzig Stunden mehr zu leben hat. Sam heult schrecklich und schwört, er werde seine arme, liebe Mutter nicht verlassen – nein, um alles in der Welt nicht. Er sitzt die ganze Nacht bei ihr und ist so außerordentlich gutmütig; und er geht hinaus und holt eine Flasche Medizin – was am Ende nichts als Gin und Pfefferminz war. Die alte Pflegerin ist ganz entzückt bei dem Gedanken, dass die alte Frau einen so fürsorglichen Sohn hat; und er schickt sie los, um etwas Rum zu holen; und die alte Pflegerin geht strack betrunken ins Bett.

»Wozu zum Teufel war das alles gut?«, fragte Dick.

»Das wirst du gleich sehen«, fuhr der Fassadenkletterer fort. »In der nächsten Nacht gegen zehn Uhr sagt der junge Kerl zur Pflegerin: ›Pflegerin, meine arme, liebe Mutter dahinscheidet; sie wird die Nacht nicht überstehen. Ich fühle mich so elend; und ich hätte so gerne einen Tropfen von dem Rum, den sie in dieser einen Kneipe gleich oben an der Westminster Bridge verkaufen.‹

›Nun, mein Lieber‹, sagt die Pflegerin, ›ich gehe und hole dort eine Flasche; denn ich spüre, dass wir beide etwas brauchen werden, das uns durch diese gesegnete Nacht hilft.‹

Also watschelt die alte Pflegerin los, um den Rum an dem Ort zu holen, den Sam ihr genannt hatte. Er hatte sie mit Absicht eine gehörig weite Strecke weggeschickt. In dem Moment, als sie weg war, steht Mrs. Chisney auf, zieht sich so schnell sie kann an und ist völlig bereit, genau als eine Droschke vor die Tür fährt. Sam rennt hinunter: Alles lief wie am Schnürchen. Da war der Auferstehungsmann in der Kutsche mit der Leiche einer alten Frau, die erst am Tag zuvor begraben worden war und die er in der Nacht wieder ausgegraben hatte. Sam und der Auferstehungsmann schaffen also die Leiche nach oben, und Mrs. Chisney springt in die Kutsche und fährt zu einer gemütlichen Unterkunft, die Mac Chizzle für sie oben in Somers Town besorgt hatte.«

»Jetzt kapiere ich langsam«, rief Dick Flairer.

»Kurz darauf kommt die alte Pflegerin zurück; und Sam begegnet ihr auf der Treppe, wimmernd, so laut er nur konnte, und sagte: ›Oh! Pflegerin – Ihre arme, liebe Herrin ist dahingegangen; Ihre arme, liebe Herrin ist dahingegangen!‹ So war es auch; kein Zweifel daran. Nun, die Pflegerin fängt an zu weinen; aber Sam bringt sie nach oben und flößt ihr so reichlich Rum ein, dass sie wieder strack betrunken war, ohne auch nur daran zu denken, die Leiche aufzubahren; so merkte sie nicht, dass sie schon ganz kalt war. Am nächsten Tag wusch sie sie und bahrte sie ordnungsgemäß auf; und da sie fast blind war, bemerkte sie nicht, dass die Gesichtszüge nicht ganz dieselben waren. Die Leiche war zudem bemerkenswert frisch; und so lief alles so gut, wie man es sich nur wünschen konnte. Sam ging dann hinüber zum Leiter des Bench-Gefängnisses und zeigte ihm den Tod seiner Mutter an; und da sie im Gerichtsbezirk gestorben war, musste eine Leichenschau stattfinden. Es wurde also eine Geschworenenjury aus Gefangenen einberufen; und die alte Pflegerin wurde vernommen; und sie erzählte, wie außerordentlich aufmerksam der junge Mann gewesen war und das alles; und dann wurde Sam selbst aufgerufen. Natürlich tischte er eine gute Geschichte auf; und da sagt der Gerichtsmediziner: ›Nun, meine Herren, ich nehme an, Sie möchten die Leiche sehen.‹ Also gehen alle hinüber zum Belvidere Place, und der Obmann der Geschworenen steckt nur kurz seine Nase zur Tür des Zimmers hinein, in dem die Leiche lag; und sonst ging niemand weiter als bis zur Hälfte der Treppe. Danach sind die Geschworenen völlig zufrieden und fällen das Urteil: ›Gestorben an natürlicher Ursache, beschleunigt durch die Haft im Gerichtsbezirk des King’s-Bench-Gefängnisses‹; und dazu fügten sie – da sie selbst Gefangene waren – einige sehr scharfe Bemerkungen über die ›gefühlslosen und erbarmungslosen Gläubiger der Verstorbenen‹ hinzu. Dann kommt die Beerdigung, die sehr standesgemäß war; und Sam Chisney war der Haupttrauernde; und er weinte sehr viel. Alle Leute, die es sahen, sagten, sie hätten noch nie einen jungen Mann gesehen, der so schrecklich mitgenommen war. Auf diese Weise haben sie die alte Frau umgebracht: Der Sohn wies ihren Tod nach, kassierte das Geld, verkaufte alles bis auf den letzten Heller; und er und seine Mutter betreiben jetzt zusammen eine Kneipe irgendwo oben in Spitalfields. Der Auferstehungsmann und Mac Chizzle bekamen jeder hundert Pfund für ihren Anteil an der Sache; und die Geschichte ging so glatt aus wie nur möglich.«

»Ich verdamme mich selbst, wenn das nicht der beste Streich ist, den ich je gehört habe!«, stieß Dick aus, als der Fassadenkletterer seine Geschichte beendet hatte.

»Stimmt genau«, fügte Bill hinzu.

Die Stube der Gaunerschänke füllte sich nun mit weiteren Gästen – alle gehörten sie zur Zunft der Ganoven, obwohl sie nicht alle genau derselben Sparte nachgingen. So gab es da Einbrecher, Bauernfänger, Küchenschleicher, Straßenprediger, Taschen-, Taschentuch, Ladenräuber, Falschgeldwechsler, Blütenstecker, Trickbetrüger, Falschmünzer, Bettelbriefbetrüger und so weiter.

Die Gelage dieser buntgemischten Meute wurden bald lautstark und widerwärtig. Diejenigen, die Geld hatten, verschleuderten es mit hemmungsloser Verschwendung; und so waren diejenigen, die keines hatten, keineswegs ohne Alkohol.

Der Fassadenkletterer war offensichtlich eine große Nummer unter dieser schrecklichen Bruderschaft; seine Geschichten und Lieder erregten ausnahmslos Aufmerksamkeit.

Es ist nicht unsere Absicht, den Leser noch viel länger in der Stube der Gaunerschänke verweilen zu lassen; wir haben in diesem und dem vorherigen Kapitel zweifellos genug erzählt, um ihm eine schwache Vorstellung von einigen Schrecknissen Londons zu vermitteln. Wir können die Szene am nächsten Morgen jedoch nicht unbeachtet verstreichen lassen.

Show 3 footnotes

  1. Ein Dieb, der sich in Souterrains schleicht, um zu sehen, was er in den Küchen stehlen kann
  2. Gefängnis
  3. Sträflingsschiffe

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