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Frank Reade Library – Nummer 1 – Kapitel 14

Frank Reade jr. und sein neuer Dampfmann
Oder: Die Reise des jungen Erfinders in den Wilden Westen
Kapitel 14
In heißer Verfolgung

Die Gruppe der Wilden mit den beiden Gefangenen in ihrer Mitte beabsichtigten offensichtlich, die Hügel zu erreichen, wenn möglich noch bevor der Dampfmann sie einholen konnte.

Zunächst hatte Frank geglaubt, er könne ihnen leicht den Weg abschneiden. Doch auf der Prärie gab es mehrere Senken, die das Gefährt umfahren musste, sodass die Strecke weit größer war, als Frank geahnt hatte.

Wie eine entlaufene Lokomotive raste der Dampfmann über die Ebene. Die Vigilanten lieferten sich derweil ein laufendes Gefecht mit den Wilden. Doch Frank Reade jr. war zu einer Enttäuschung verdammt. Es gelang ihm nicht, der Gruppe der Entführer den Weg abzuschneiden, und sie verschwanden in einem tiefen Pass aus seinem Blickfeld.

Für den Dampfmann war das Gelände zu felsig. Bislang hatten die Schurken also das Oberwasser.

»Herrje, Maste Frank!«, rief Pomp. »Die sind glatt mit den Gefangenen auf und davon. Ganz sicher!«

»Es sieht ganz danach aus«, gab Frank frustriert zu. »Aber es muss doch einen Weg geben, sie abzufangen.«

»Bei Gott, da gibt es nur eine Möglichkeit!«, erklärte Barney.

»Und die wäre?«

»Lassen Sie den Dunkelhäutigen beim Dampfmann und Sie und ich gehen den Teufeln zu Fuß hinterher«, sagte der Kelte.

Einen Moment lang machte sich Frank keine Hoffnung auf das Gelingen eines solchen Plans. Dann blickte er zurück auf die Prärie, wo die Vigilanten und die Indianer noch immer kämpften. Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen, aber Frank sah, dass die Vigilanten langsam die Oberhand gewannen.

Nicht mehr als ein halbes Dutzend der Wilden hatte die Gefangenen in ihrer Gewalt. Zwar stand die Chance drei zu eins gegen sie, doch Frank glaubte, mithilfe des mutigen Barney gegen sie ankommen zu können.

Wer wie Frank Reade jr. dachte, handelte auch. Er verschwendete keine Zeit, ergriff sein Gewehr und rief: »Deine Idee ist gut, Barney. Wir versuchen es. Pomp, halt die Augen offen und pass auf, bis wir zurück sind.«

»In Ordnung, Master Frank«, erwiderte der treue Dunkelhäutige.

Barney, begeistert, dass Frank seinen Plan für gut befunden hatte, machte sich rasch bereit und sie verließen den Wagen.

Die Indianer hatten zwar einen Vorsprung, aber der Pass war felsig, sodass es unwahrscheinlich war, dass sie schnell vorankamen.

Rasch drangen die beiden Retter vor. Sie kletterten über Felsbrocken und krochen durch enge Schluchten. Es schien, als ob die Ponys der Indianer nur langsam vorankommen konnten und bald eingeholt werden müssten.

Plötzlich hielt Barney mit einem scharfen Schrei inne. Er packte Frank am Arm und zog ihn hinter einen Vorsprung der Felswand zurück.

Er kam keinen Augenblick zu früh.

Das Knallen von Gewehren hallte durch die Luft, und ein Kugelregen sauste in den Pass.

»Heilige Mutter Gottes, ich habe die Schurken im letzten Moment erblickt!«, rief Barney und spähte um die Kante der Felswand. »Wenn ich nicht hingeschaut hätte, wären wir jetzt so tot, so wahr ich Barney heiße!«

»Du hast vollkommen recht!«, erwiderte Frank und schob zusätzliche Patronen in sein Gewehr. »Das war verdammt knapp.«

»In der Tat, das war es.«

»Ich hatte keine Ahnung, dass wir den Schurken schon so nah waren.«

»Bei Gott, ich selbst wusste es nicht, bis ich den Haarschopf von einem über dem Felsgrat dort drüben sah.«

»Dann sind sie also bereit für uns.«

»Bei Gott, und wir sind bereit für sie. Wenn ich nur einen von ihnen ins Visier bekomme, hat der Leichenbeschauer Arbeit!«

»Wo sind sie? Ich kann ihre Stellung nicht genau erkennen.«

»Da drüben, Mr. Frank«, sagte Barney. »Sie verstecken sich dort drüben hinter dem großen Gebüsch bei der Eiche am Rand der Klippe.«

Frank blickte in diese Richtung. Plötzlich stieß Barney einen lautstarken Schrei aus.

»Whurro!«, brüllte er.

Blitzschnell flog sein Gewehr an die Schulter.

Crack!

Ein quälender Schrei hallte durch die Schlucht. Dann stürzte drüben an der Klippe ein Indianer fast vor die Füße des Kelten. Die Kugel hatte seinen Schädel durchbohrt.

»Guter Schuss, Barney!«, rief Frank. »Jetzt bleiben uns nur noch fünf!«

Im selben Moment riss auch der junge Erfinder sein Gewehr an die Schulter.

Crack!

Ein weiterer Schrei, ein Todesschrei, stieg in die Luft der Schlucht auf.

»Bei Gott, das sind nur noch vier von den Teufeln!«, gluckste Barney. »Jetzt sind es nur noch zwei zu eins, Mr. Frank!«

»Du hast recht, Barney!«, rief Frank begeistert. »Aber die Chancen stehen immer noch gegen uns.«

Die Aussichten für die Rettung der Gefangenen waren nun deutlich ermutigender. Doch die beiden Retter wussten es besser, als einen offenen Angriff zu wagen. Die Kampfweise der Indianer war in diesem Fall die beste: Sie blieben strikt in Deckung.

Auf der Klippe oben war alles still.

Es war jedoch keineswegs wahrscheinlich, dass der Feind untätig blieb. Die große Gefahr bestand nun darin, dass sie sich weiter tief in die Hügel zurückziehen und ein unzugängliches Versteck erreichen würden.

Unsere Retter warteten so lange, wie es mit der Sicherheit vereinbar schien. Dann sagte Frank: »Ich denke, wir sollten einen Vorstoß wagen, Barney.«

»Ganz recht, Sorr«, erwiderte der Kelte. »Aber halten Sie das für sicher?«

»Wir müssen vorsichtig sein. Es kann sein, dass sie versuchen, uns aus unserem Versteck zu locken.«

»Das dachte ich mir auch.«

»Außerdem könnten sie inzwischen schon tief in den Hügeln sein. Wir gewinnen nichts, wenn wir hier bleiben.«

»Ganz recht.«

Barney begann die Felswand abzusuchen. Ein Pfad war nirgendwo zu sehen. Dennoch hielt der Kelte es nicht für unmöglich, den Gipfel zu erklimmen. Wenn dies gelang, konnten sie vielleicht auf gleicher Höhe mit dem Feind gelangen und dem Kugelregen entgehen.

Frank erriet Barneys Absicht und sagte: »Ich glaube, wir können da hochklettern, Barney.«

»Bei Gott, wir werden es versuchen!«

Barney hatte gerade Hände und Füße in Nischen der Klippe gesetzt, als ein aufschreckendes Geräusch durch den Pass drang.

»Hören Sie das?«

»Was ist das?«

Das Stampfen von Hufeisen war zu hören, und das ferne Grölen der Wilden wurden vom Wind herangetragen.

»Die Indianer kommen den Pass herauf!«, rief Frank entsetzt. »Barney, wir dürfen keine Sekunde verlieren!«

»Bei Gott, Sie haben recht!«, sprach der Kelte und begann, sich die Klippe hinaufzuarbeiten.

Es war ein gewagter Aufstieg an der steilen Wand, aber schließlich war er geschafft. Sie standen nun auf ebenem Boden, wo sie die vier Entführer vernuteten. Doch eine vorsichtige Erkundung der Umgebung zeigte, dass diese bereits verschwunden waren. In der Gefechtspause waren sie tiefer in die Hügel entkommen.

Barney nahm jedoch die Spur auf und sie rückten erneut zur Verfolgung vor. Die Geräusche der Feinde, die den Pass hinter ihnen heraufkamen, wurden jedoch von Minute zu Minute deutlicher.

Doch glücklicherweise, genau an dem Punkt, an dem sich der Pfad tiefer in den Hügeln verzweigte, mussten die Feinde in eine andere Richtung abgebogen sein, denn sehr bald verhallten die Geräusche.

»Wir haben von denen nichts mehr zu befürchten«, meinte Frank mit einem Seufzer der Erleichterung. »Sie sind in eine andere Richtung gegangen.«

Sehr bald gingen die Hügel in ein tiefes Tal über. Durch dieses Tal floss ein reißender Strom.

Als Frank und Barney das Tal betraten, rief Barney plötzlich: »Schau einer an, da drüben sind die Schurken ja!«

»Wo?«, fragte Frank.

»Gleich da drüben bei dem Hain aus Bäumen, Mister Frank.«

»Tatsächlich!«

Die vier Wilden und ihre Gefangenen waren drüben am Ufer des Baches deutlich zu sehen. Sie waren gerade dabei, ein Kanu zu besteigen. Frank sah, dass er schnell handeln musste, wenn er das verhindern wollte.

Er sagte hastig: »Geh nach rechts, Barney, ich gehe nach links! Wir müssen versuchen, sie einzukreisen!«

»Alles klar, Sir.«

Barney rannte los. Die Wilden hatten das Kanu bereits ins Wasser gelassen. Sie sahen ihn kommen, und ein Gebrüll war das Signal. Die Gefangenen wurden in das leichte Boot gestoßen und es wurde vom Ufer weggeschoben. Abwärts in die Strömung trieb es dahin. Es gab keine Zeit zu verlieren.

Frank Reade jr. hielt inne und hob sein Gewehr. Es war eine verzweifelte Chance, aber er ergriff sie. Er zielte sorgfältig auf einen der Paddler und …

Crack!

Ein wilder Indianerschrei stieg auf und der Bug des Kanus drehte sich. Der getroffene Wilde stürzte ins Wasser. Der Schuss hatte gesessen!

Doch das Kanu befand sich in diesem Moment am Kopf einer schnellen Stromschnelle. Im nächsten Augenblick raste es hinab und verschwand hinter einer Biegung des Baches.

Frank hatte keine Zeit für einen zweiten Schuss, bevor es außer Sicht war, und als es den unteren Bereich erreichte, war es außer Reichweite.

Barney kam herbeigelaufen und rief: »Bei Gott, gut gemacht, Mister Frank! Das war ein sauberer Schuss. Jetzt sind es nur noch drei von den Kerlen!«

Das stimmte zwar, aber die drei Wilden schienen ihren Verfolgern dennoch zu entkommen. Das Kanu raste den Fluss hinab und näherte sich rasch einer Schlucht in den Hügeln. Wenn es dort hineingeriet, gab es kaum Zweifel, dass den Flüchtlingen das Entkommen gelingen würde.

Frank und Barney erkannten dies im selben Moment.

»Bei Gott, Mister Frank, wir dürfen uns die Kerle nicht entwischen lassen!«, rief der Kelte.

»Vorwärts dann!«, rief Frank. »Gibt es hier keinen kürzeren Weg?«

Beide hielten Ausschau. Im selben Moment entdeckten sie ihn. Der Bach machte eine große Schleife. Wenn sie direkt über eine Wiese schritten, würden sie den Wilden wahrscheinlich den Weg abschneiden können.

Dementsprechend rannten sie im Laufschritt los.

Die Indianer bemerkten ihr Vorhaben sofort, und ein wütender Schrei drang von ihnen herüber.

Einer von ihnen richtete sich im Kanu auf, zielte rasch und feuerte.

Die Kugel pfiff dicht an Barneys Ohr vorbei. Der Kelte hielt inne und spannte den Hahn seines Gewehrs.

»Bei Gott, dem Kerl zeige ich’s!«, rief er. »Nimm das, du Großmaul!«

Barneys Schuss aus dem Gewehr brach.

Doch die Bewegung des Kanus lenkte die Kugel wohl ab, denn der Schuss verfehlte sein Ziel.

In diesem Moment schlug das Kanu einen scharfen Haken. Im Bruchteil einer Sekunde schien das reißende Wasser die Oberhand über die geübten Hände an den Paddeln zu gewinnen. Wie der Blitz kenterte es, und die gesamte Gruppe wurde in die Fluten des Baches geschleudert.

Ein lauter Schrei entfuhr Frank Reade jr.

»Mein Gott! Sie werden ertrinken!«

Vorwärts eilte der junge Erfinder. Er dachte an den armen Barrows, dessen Hände gefesselt waren.

In die Fluten geschleudert, erschien es unmöglich, dass ihn irgendwelche Hilfe vor dem Ertrinken retten konnte.

Doch zwei der Wilden hatten die Gefangenen gepackt. Das Kanu war nahe am Ufer umgekippt. Der dritte Wilde half mit, und da das Wasser hier nicht tief war, gelangten alle an Land.

»Jetzt haben wir sie!«, rief Frank zuversichtlich.

Doch seine Freude war verfrüht.

Gerade als die Rettung sicher schien, verhinderte ein Zwischenfall das Eingreifen.

Hinter einem kleinen Hügel tauchte plötzlich Red Bears Apachen-Bande auf – gut fünfzig Mann stark.

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