Die Gespenster – Vierter Teil – 44. Erzählung
Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil
Vierundvierzigste Erzählung
Das spukende graue Männchen
Im Jahre 1786 diente ein hübsches junges Mädchen bei einer bereits verstorbenen Kriegsrätin, deren genauer Name hier nicht zur Sache gehört. Gertrude – so wurde die Schöne im Hause genannt – erkrankte. Sie genoss bei ihrer Gebieterin, einer überaus menschenfreundlichen Dame, die beste Pflege und Versorgung. Früh und spät war die gute Hausfrau zur Stelle, und ein Wundarzt namens P. besuchte die Leidende täglich.
Eines Abends, als gerade einige der zahlreichen Kinder des Hauses bei ihr waren, ertönte plötzlich ein rätselhaftes Pochen. Es klang genau wie das Klopfen, das man erzeugt, wenn man mit dem Knöchel eines gebogenen Fingers an eine Tür schlägt. Man suchte vor der Tür sowie in der Nähe und Ferne, fand jedoch nichts. Daraufhin erzählte die Kranke, es erscheine ihr ein kleines, altes Männchen in einem langen, grauen Kleid, das mit ihr über verborgene Dinge spreche. Die Familie wurde hellhörig, und der Arzt nicht minder. Auf die Frage, was die Erscheinung denn sage, gab die Geisterseherin Aussagen wieder, die jedoch völlig belanglos waren. Genauere Untersuchungen wurden nicht angestellt, da der Arzt dazu riet, die Kranke zu schonen.
Indessen stellte das graue Männchen seine Kenntnisse doch noch unter Beweis: Es teilte der Kranken mit, dass nichts ihre Krankheit heilen könne außer einer bestimmten Pflanze, die es ihr sogleich zeigte. Der Arzt besorgte am nächsten Tag ein botanisches Werk mit handkolorierten Kupferstichen; Jungfer Gertrude zeigte ihm sofort die besagte Pflanze, die, auf ihr Leiden angewandt, tatsächlich die erwünschte Wirkung erzielte. Ebenso hatte die Erscheinung ihr geraten, sie müsse an der Seite operiert werden, da das Übel genau dort seinen Sitz habe. P. nahm den Eingriff auch sogleich vor; die Kranke blieb jedoch weiterhin bettlägerig, und auch das mysteriöse Pochen dauerte an.
Ich hielt all dies von Anfang an für lächerlich und ahnte einen Betrug, wusste jedoch nicht, welcher Art dieser sein könnte. Um die angebliche Erscheinung auf die Probe zu stellen, suchte der Arzt einen hiesigen, gelehrten Theologen auf, dem sehr daran gelegen war, derlei Dingen auf die Spur zu kommen. Er bat ihn, etwas Geheimes auf einen Zettel zu schreiben und diesen zu versiegeln; der graue Mann sollte dann erraten, was darauf stand. Der Geist sagte richtig voraus, dass der Zettel hebräische Worte enthalte; den genauen Inhalt verriet er aber wahrscheinlich nur deshalb nicht, weil er selbst kein Hebräisch verstand. Ich unternahm am Ende denselben Versuch mit einem Zettel in isländischer Sprache, erhielt daraufhin jedoch gar keine Antwort.
Eines Tages waren mehrere Personen mit mir zugegen, um Zeugen der Begebenheit zu werden. Der Arzt nahm sogleich am Fußende des Bettes Platz und wich nicht mehr von der Stelle. Es pochte. Ich suchte außerhalb des Krankenzimmers überall umher und untersuchte selbst den angrenzenden Schornstein, hatte aber nicht das Glück, auch nur die kleinste Spur eines Betrugs zu entdecken. Dennoch konnte ich mich nicht davon überzeugen, dass hier übernatürliche Kräfte am Werk waren. Ohnehin erschien mir das alles so kleinlich und albern; selbst wenn ich nicht ohnehin der festen Überzeugung gewesen wäre, dass in der natürlichen Welt niemals etwas Übernatürliches für den Menschen sinnlich wahrnehmbar werden kann, hätte ich mich hier am allerwenigsten dazu entschließen können, an das Wirken von Geistern zu glauben.
Dennoch sah ich alle Anwesenden um mich herum in heiligem Erstaunen. Ich überlegte daher, wie ich sie auf ihre eigene Weise kurieren könnte – was manchmal die gewünschte Wirkung erzielt, wenn Vernunftgründe nicht mehr verfangen. Ich rief mir eine der vielen Geisterbeschwörungsformeln ins Gedächtnis, die ich einst gelesen hatte, und begann mit pathetischer Stimme, den Geist zu beschwören, sich uns zu zeigen. Es erschien natürlich nichts, aber es pochte wieder. Ich wurde ärgerlich und sprach von Kindereien und dummen Jungenstreichen. Daraufhin wurde Gertrudchen übel, sie fiel von einer Ohnmacht in die nächste und bekam sogar Zuckungen. Sowohl der Arzt als auch die anderen wiesen mich für meinen halsstarrigen Unglauben recht unhöflich zurecht.
Ich erinnerte die Anwesenden daran, dass man nicht selten einen recht unsanften, elektrischen Schlag erhalte, wenn man einen Geist angreife. Ich griff daher mehr als einmal im ganzen Zimmer genau dorthin, wo der Geist laut Aussage der Kranken angeblich stand, ohne dass mir auch nur im Geringsten etwas zuleide getan worden wäre. Aber was half es? Man wollte nun einmal an das Übernatürliche glauben, und so blieb alles beim Alten. In der Folgezeit war ich noch einige Male im Spukzimmer anwesend; da ich jedoch deutlich merkte, wie verärgert man reagierte, sobald von weiteren Untersuchungen die Rede war, ließ ich es dabei bewenden.
Unterdessen verbreitete sich das Gerücht von dem spukenden kleinen Männchen bald durch die halbe Stadt. Das Haus wurde von Müßiggängern und Neugierigen regelrecht belagert. Der Hausherr wurde schließlich sowohl der Geisterwunder als auch ihrer Bewunderer überdrüssig. Zuletzt musste er sogar eine Polizeiwache anfordern, um dem Andrang Einhalt zu gebieten.
Schließlich schlossen sich vier fähige und aufgeklärte Ärzte zusammen und statteten der wundersamen Kranken gemeinsam einen Besuch ab. Sie stellten fest, dass sie gar nicht krank war und dass die angebliche Operation an der Seite nur aus einer leichten Einritzung der Haut bestanden hatte. Als sie sich die Freiheit nahmen, etwas genauer hinzusehen, als es uns anderen zuvor erlaubt worden war, entdeckten sie schließlich die Wahrheit: Die schöne Gertrude hatte sich ein kleines Pulvergläschen auf die große Zehe gesteckt und damit heimlich am Fußbrett des Bettes das Pochen erzeugt.
Es war nun offensichtlich, dass der Wundarzt (wahrscheinlich im wahrsten Sinne des Wortes) mit ihr unter einer Decke gesteckt hatte. Sowohl die angebliche Pflanzenkenntnis des Geistes als auch die fingierte Operation an der Seite erklärten sich dadurch vollkommen. Auch konnte der Geist sehr wohl wissen, dass der erste versiegelte Zettel hebräische Worte enthielt, da Herr P. im Zimmer des Gelehrten anwesend gewesen war und mit eigenen Augen gesehen hatte, wie dieser den Zettel auf Hebräisch verfasste. Den genauen Inhalt konnte er jedoch zum einen aus Unkenntnis der Sprache, zum anderen deshalb nicht angeben, weil er das Siegel nicht beschädigen durfte. Zu meinem Zettel hingegen konnte gar nichts gesagt werden, da niemand – nicht einmal meine eigene Frau – wusste, was darauf stand.
Das Mädchen kam für einige Zeit ins Zuchthaus, und Herr P. hielt es für ratsam, die Stadt schleunigst zu verlassen. Eine genauere Untersuchung darüber, weshalb diese ganze Komödie überhaupt inszeniert worden war, wurde nicht mehr angestellt. Man war vielmehr froh, die Angelegenheit so schnell wie möglich der Vergessenheit zu übergeben. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass Gertrud ihre Krankheit nur vortäuschte, um sich ein bequemes Leben zu machen. Der Arzt wiederum begann in der Folgezeit – da sie wirklich hübsch war – eine Affäre mit ihr und gab ihr genaue Anweisungen für die zu spielende Rolle. Die Tatsache, dass er es sogar für nötig befand, ganze Nächte am Bett der schönen Kranken zu wachen, verleiht dieser Vermutung noch mehr Gewicht – zumal er ohnehin unwiderlegbar in den Betrug verwickelt war.
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