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Die Bezwinger des Erdinneren – 1.03

Grigori B. Adamow
Die Bezwinger des Erdinneren
Aus dem Russischen
Erster Teil
Das außergewöhnliche Projekt
Kapitel 3
Der letzte Kampf um das Projekt

Malewskaja trat an den langen weißen Tisch. Er war vollgestellt mit zahlreichen Glasbehältern, die Gesteinsproben enthielten – zerkleinert und zu Pulver zermahlen.

In jedem Glas war die Probe von einer dünnen, harten Kruste überzogen. Malewskaja setzte ein kleines Dynamometer spezieller Bauart darauf an und prüfte die Druckfestigkeit der Kruste. Die Messwerte trug sie in ein Heft ein.

Die Stille im Raum wurde durch das gleichmäßige, dumpfe Motorengeräusch unterstrichen, das irgendwo unter dem Boden hervordrang, sowie durch das Klappen ferner Türen. Es war schwer vorstellbar, dass dieser Raum nur eine von zahlreichen Zellen eines riesigen Forschungsinstituts war; dass ringsum – unten, oben, nebenan – Hunderte von Menschen in Büros, Laboren und Werkstätten ihren Geist und ihren Willen anspannten, arbeiteten, kombinierten und Tausende von Stoffen, Phänomenen und Gesetzmäßigkeiten erforschten.

Malewskaja arbeitete konzentriert. Von Zeit zu Zeit hielt sie inne, hob beunruhigt den Kopf und horchte. Dann wandte sie sich wieder dem Dynamometer und dem Heft zu.

In der fernsten Ecke des Labors schrillte das Telefon. Malewskaja lief eilig zum Apparat.

»Hallo … Malewskaja hier … Bist du das, Ilja? … Nein, er ist noch nicht zurück. Ja. Ich warte selbst schon sehnsüchtig … Kein Anruf bisher. Gut. Auf Wiederhören.«

Schritte waren vor der Tür zu hören. Malewskaja richtete sich auf und erstarrte in Erwartung. Bruskow trat ein. Seine Ohren schimmerten rosa, und sein kahlrasierter Kopf glänzte wie eine Elfenbeinkugel.

»Hallo, Nina! Gibt es Neuigkeiten?«

»Nein.«

»Seltsam! Es ist schon zwei Uhr … eigentlich müsste es doch langsam …«

»Wann hat die Sitzung begonnen?«

»Um acht Uhr morgens.«

Bruskow setzte sich in einen weißen Flechtsessel am Schreibtisch, stützte den Ellbogen auf die Platte und verdeckte mit der Hand die Augen.

»Was gibt es Neues, Michail?«

»Bisher läuft alles bestens. Das Schema des Temperaturgefälles funktioniert hervorragend.«

Bruskow öffnete die Augen und fuhr lebhaft fort: »Bravo, Nikita! Seine Idee, flüssigen Wasserstoff einzusetzen, ist grandios! Ich habe mir den Kopf darüber zermartert, wie man in der Tiefe einen Temperaturunterschied zwischen den zwei Lötstellen des Thermoelements erzeugen könnte. Ich hatte schon alle Hoffnung verloren, war wütend auf Nikita, der mich in dieses verdammte Problem hineingezogen hatte, und verfluchte mich selbst, dass ich der Versuchung der Freundschaft und dem Zauber des Rätsels nachgegeben hatte. Und da deutete er bloß ganz beiläufig an, man könnte vielleicht konzentrierte Kälte von der Erdoberfläche zu einer der Lötstellen leiten … Diese Idee hat mich überwältigt. Ich wäre vor Begeisterung fast verrückt geworden. Er ist ein Genie! Er ist …«

»Ich streite es ja gar nicht ab, ich streite es nicht ab …«, erwiderte Malewskaja mit einem Lächeln, während sie das Dynamometer auf die Kruste einer neuen Probe setzte. »Wenn ich anderer Meinung wäre, würdest du mich nicht hier in seinem Labor sehen.«

»Nicht nur dich. Und Ilja? Und Dutzende andere? Wie merkwürdig, Nina! Die Tatsache, dass im Inneren der Erde unerschöpfliche Energiereserven existieren, ist doch schon lange bekannt. Aber die Idee einer praktischen Nutzung wurde immer wie eine Phantasterei behandelt. Doch dann hat sich Nikita der Sache angenommen – und mir, dir, Zeitlin und vielen anderen sind die Augen aufgegangen. Und diese Phantasterei wird jetzt so real, so greifbar …«

»Du vergisst noch einen sehr wichtigen, meiner Meinung nach sogar entscheidenden Umstand, Michail.«

»Welchen?«

»Dass bei uns in der Union jede gesunde Idee schnell in die Tat umgesetzt wird. Nikitas Projekt eröffnet so aufregende Perspektiven, dass alles andere für uns schlagartig an Reiz verloren hat.«

»Das heißt, Sonne, Wind und Wasser sind nun endgültig aus dem Rennen?«

»Nun, wie soll man sagen?! Ich persönlich werde wohl nicht mehr zur Windkrafttechnik zurückkehren, aber die anderen … sie werden vermutlich die Ergebnisse unserer Expedition abwarten. Menschen wie Rostschin oder Viktor Semjonow werden selbst im Falle unseres Erfolges weiter nach neuen Energieformen suchen. Und wer weiß? Gibt es denn Grenzen für den menschlichen Erfindungsgeist? Vielleicht finden sie am Ende einfache und günstige Methoden, um Energie aus der Sonne und den Ozeanen zu gewinnen. Dann wäre deren Nutzung genauso zweckmäßig wie die Verwertung unserer unterirdischen Wärme.«

Sie schwiegen eine Weile. Bruskow stand auf, warf einen Blick in Malewskajas Heft und fragte:

»Womit bist du gerade beschäftigt?«

»Ich überprüfe die Wirkung verschiedener Mineralisatoren auf das Gestein. Diese Stoffe sollen die Gewölbe aus zerkleinertem Gestein verfestigen, die das Bohrgerät bei seinem Vordringen in die Erdtiefe hinter sich lässt. Ohne das würde das Gewicht der nachrückenden Gesteinssäule das Gerät am Ende zerquetschen – egal wie stark das Metall auch wäre … Aber im Moment erwische ich mich dabei, dass ich zeitweise gar nicht klar denken kann … Wie mag es Nikita wohl gehen? In der Kommission gibt es, wie ich weiß, nicht wenige Gegner seines Projekts. Und er muss diesen Kampf ganz allein durchstehen.«

»Na, ganz allein kämpft er dort nicht …«

»Wer kämpft? Wo wird gekämpft?«, ertönte Zeitlins plappernde Stimme. Er zwängte sich mühevoll durch die Tür. »Eine Unerhörtheit! Das ist doch keine Tür, das ist ein Mauseloch! Eine Mausefalle ist das!«

Er setzte sich auf einen Stuhl, spreizte breit die Beine und wischte sich den reichlich fließenden Schweiß vom Gesicht.

»Hallo, Leute! Was gibt’s Neues? Ist die Sitzung zu Ende?«

»Noch nicht, Iljuscha!«, antwortete Michail, während er Malewskaja bei der Arbeit beobachtete.

»Das ist doch eine Unverschämtheit! Die Leute so lange zu quälen! Nicht umsonst heißt es, dass man in diese Kommission leicht hineinkommt, aber nur schwer wieder heraus.«

»Dafür fliegt man von dort leicht hinaus, Iljuschenka!«

»Nicht alle, Michail, nicht alle! Es kommt darauf an, mit was für einem Gepäck man dort ankommt. Und unser Nikita … Er wird dort mit hoch erhobenem Kopf herausspazieren.«

»Das denke ich auch!«, meinte Bruskow. »Was wären wir alle wert, wenn es anders käme … Wo kommst du her, Ilja?«

»Immer noch von dort – aus dem NIMI. Wir schlagen uns schon die dritte Woche mit der beweglichen Verbindung der Segmentglieder des Geräts herum. Nikita möchte ihm eine gewisse Flexibilität verleihen, um nicht starr an die Vertikale gebunden zu sein. Auf diese Weise wird das Gerät manövrierfähig.«

»Und, wie sieht es aus?«

»Wir müssen einige Änderungen am ursprünglichen Entwurf vornehmen. Die Flexibilität der Spitze ist im Entwurf sehr gut ausgearbeitet, diesen Teil lassen wir unangetastet. Aber die Art der Kopplung und die Größe der Segmente im Hauptkörper des Geräts müssen wir etwas anpassen. Nikita hat bereits zugestimmt. Allerdings will es mit dem Modell noch nicht so recht klappen. Die Archimedische Schraube, die sich um den Körper des Geräts drehen und das vom Bohrkopf und den Messern zerkleinerte Gestein nach oben fördern soll, lässt sich ebenfalls nur schwer zum Laufen bringen. Auf dem Modell mit geringen Krümmungsradien funktioniert sie zwar schon, aber es wird wohl noch mindestens einen Monat dauern, bis wir die Aufgabe vollständig gelöst haben.«

Wieder schrillte das Telefon. Bruskow stürzte zum Apparat. Doch so seltsam es war: Der schwerfällige Zeitlin kam ihm zuvor und schnappte sich den Hörer.

»Hallo … Zeitlin, ja … Ah, Andrej Iwanowitsch! … Was? Über Marejew? Nichts … Tatsächlich? Sprechen Sie, mein Lieber, ich flehe Sie an, sprechen Sie … Was hat er Ihnen berichtet?«

Malewskaja und Bruskow lauschten gierig den undeutlichen Lauten, die aus der Hörmuschel drangen.

»Einen Moment, Andrej Iwanowitsch. Hier sind Malewskaja und Bruskow … Andrej Iwanowitsch sagt, dass ihn gerade der Sekretär der Kommission angerufen hat, ein Bekannter von ihm, und ihm den Verlauf der Sitzung geschildert hat … Sprechen Sie weiter, Andrej Iwanowitsch … Ja … ja … aha … Zwei Stunden hat Nikitas Vortrag gedauert? Großartig! … Aha! … So … Mit Erfolg? So, so … Wer? Rostschin hat dagegen gesprochen? Vom Institut für Helioenergetik? Ah … So, so … Eine Stunde hat er gesprochen? Die technischen Experten stimmen zu? Bravo! … Was? Hört ihr? Noch acht Redner, das Schlusswort von Nikita und dem Kommissionsvorsitzenden, danach die Abstimmung über die Resolutionen … Der arme Nikituschka! Was für ein Drama!«

Zeitlin ließ sich in den Sessel sinken, der unter ihm ächzte. Alle schwiegen. Malewskaja versuchte mehrmals, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, ließ es aber immer wieder bleiben. Bruskow ging konzentriert im Raum auf und ab. Alle drei dachten an dasselbe. Das Warten wurde unerträglich.

Schließlich ertönte ein vorsichtiges Klopfen an der Tür.

»Herein!«, sagte Malewskaja laut.

Auf der Schwelle erschien die ruhige, korrekte Gestalt von Andrej Iwanowitsch Potapow. Er schloss die Tür sorgfältig hinter sich.

»Guten Tag, meine Freunde!«, sagte er ohne Eile. »Ist Nikita Jewsejewitsch etwa noch nicht da? Vor einer halben Stunde hat mich der Sekretär der Kommission angerufen und gesagt, dass die Sitzung endet. Da bin ich rasch hergekommen.«

»Wie? Es ist also schon vorbei! Wo steckt er denn?«

»Vielleicht weiß er gar nicht, wo wir sind?«

»Dafür habe ich gesorgt«, sagte Andrej Iwanowitsch. »Ich habe den Sekretär gebeten, Nikita Jewsejewitsch auszurichten, dass wir alle im Labor bei Nina Alexejewna auf ihn warten. Er kommt ganz bestimmt hierher. Ah, da ist er ja schon!«

Marejew trat ein, schwungvoll und glücklich. In den vergangenen sechs Monaten waren die Falten auf der Nasenwurzel und an den Nasenflügeln tiefer und schärfer geworden, sein Blick noch fester und schärfer. Sein Gesicht hatte etwas Gebieterisches, das einen dazu zwang, auf jedes seiner Worte zu hören. Doch wie eh und je verwandelte ein Lächeln dieses dunkle, magere Gesicht plötzlich und verlieh ihm eine unerwartete Wärme und Weichheit.

»So, da bin ich!«, rief er fröhlich und warf seine schwere Aktentasche in einen Sessel. »Hallo, Freunde!«

Er wurde mit freudigen Ausrufen empfangen.

»Nikituschka!«, rief Zeitlin übersprudelnd. »Und? Kann man gratulieren? Ich gratuliere! Ich gratuliere!«

»Stimmt es, Nikita? Ein Sieg?«, fragte Bruskow ungeduldig.

»Na klar, ein Sieg. Die denkbar beste, sympathischste Resolution! Aber was für ein Kampf, Genossen! Was für ein Kampf! Eine Schlacht der Titanen.«

»Nun setz dich doch, Nikita! Ruhe dich ein wenig aus«, sagte Malewskaja und schob Zeitlin und Bruskow zur Seite. »Geht doch mal zur Seite! Lasst ihn erst einmal Durchatmen!«

»Ich bin doch gar nicht müde, Nina! Ich schwöre es bei Pluto – meinem jetzigen Schutzpatron.«

»Erzähl schon, Nikita, schnell!«, drängte Bruskow. »Gab es viele Debatten?«

»Oh! Sie haben heftig und erbittert widersprochen, aber es hat ihnen nichts nützt. Das Projekt wurde genehmigt, und das bedeutet, Freunde …«

»Dass wir uns auf die Expedition vorbereiten?!«

»Ja! Jetzt hängt der Erfolg ganz allein von uns ab!«

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