Der Gefangene der Stadtvogtei – Kapitel 8
Der Gefangene der Stadtvogtei
Eine Berliner Kriminalgeschichte
von Jodocus Donatus Hubertus Temme
G. Behrend (Falkenbergische Verlagsbuchhandlung), Berlin, 1861
Kapitel 8
Ein junger Pole
Der Polizeirat saß an seinem Schreibtisch im Büro, vor sich einen Stapel Unterlagen. Er las in alten Aufzeichnungen und fertigte neue an. Von Zeit zu Zeit blickte er auf und schaute nach der Uhr, die über seinem Arbeitstisch hing. Er schien jemanden zu erwarten.
Da trat sein Gendarm Schmidt ein: eine lange, hagere, aber dennoch kräftige Gestalt mit einem blassen, mageren und melancholischen, aber ruhigen und aufmerksamen Gesicht. Er genoss das Vertrauen jedes ehrlichen Menschen und war der Schrecken eines jeden Diebes, der er erblickte. Als Westfale stammte er aus einer der unermesslichen, grauen und melancholischen Heiden Westfalens – daher wohl sein ehrlicher, schwermütiger Ausdruck. Der Polizeirat kannte dieses Gesicht wie kein anderer.
»Sie bringen etwas Neues, Schmidt?«
»So mancherlei, Herr Polizeirat.«
»Lassen Sie hören.«
»Der lange Wilhelm verkehrt noch immer in dem Keller am Dönhoffplatz.«
»Mit wem?«
»Carl Schütze, der Hofrat, ist zweimal mit ihm dort gewesen.«
»Also richtig!«
»Ferner war mit den beiden August Braun da, genannt der grüne August.«
»Auch der? Der verwegenste unter den Berliner Dieben?«
»Ja, Herr Polizeirat, das ist er.«
»Der Hofrat, der grüne August und der lange Wilhelm zusammen – Schmidt, hätten wir da nicht die Mörder des Ochsenhändlers?«
»Ich glaube es auch, Herr Polizeirat. Sie sind gestern Abend alle drei zusammen in dem Keller gewesen.«
»Gestern Abend?«
»Oder gestern Nacht. Punkt ein Uhr haben sie sich entfernt.«
»Gegen zwei Uhr wurde der Mord verübt.«
»Sie sind einer nach dem anderen weggegangen – heimlich, als ob sich keiner um den anderen kümmern würde. Aber in weniger als einer Minute war der Letzte dem Ersten gefolgt.«
»Wir haben die Mörder, Schmidt!«
»Ich weiß noch mehr, Herr Polizeirat.«
»Heraus damit! Schnell!«
»Die blonde Ida Spörrer ist die Geliebte des langen Wilhelm.«
»Ich weiß.«
»Sie ist ebenfalls dort gewesen.«
»Gestern Abend?«
»Gestern Abend, und auch Henriette Parrach, genannt die braune Jette.«
»Sie ist eine Freundin der blonden Ida.«
»Aber eine eifersüchtige – und die Eifersucht sieht scharf, Herr Polizeirat.«
»Nun?«
»Sie hat etwas bemerkt. Besonders der lange Wilhelm konnte seine Unruhe nicht verbergen; er ist eben noch ein junger Mensch. Die braune Jette hat die blonde Ida aufgehetzt und anschließend gelauscht. Ida wollte den langen Wilhelm nicht gehen lassen. Er erklärte ihr, dass es viel zu verdienen gäbe, und musste ihr schließlich einen Ausflug nach Tegel sowie ein neues Kleid versprechen.«
»Sie sucht ihr Glück wohl in neuen Kleidern«, frotzelte der Polizeirat.
Trocken fuhr der Gendarm fort: »Daraufhin durfte er gehen. Die beiden anderen sind ihm gefolgt, und die blonde Ida war sehr vergnügt.«
Der Gendarm machte eine Pause, als hätte er – zumindest vorläufig – genug berichtet.
»Von wem haben Sie Ihre Informationen?«, fragte ihn der Polizeirat.
»Von der braunen Jette.«
»Von ihr persönlich?«
»Nein, Herr Polizeirat. Von meinem Spitzel …«
»Ah, ich verstehe. Sie haben also auch Ihre Informanten.«
»Ja, Herr Polizeirat. Die Polizei muss sich oft in schmutzige Angelegenheiten einmischen, von denen ein ehrbarer Gendarm und aufrichtiger Westfale, der die Feldzüge mitgemacht und sich das Eiserne Kreuz verdient hat, die Finger lässt. Für solche Fälle halte ich mir meinen Spitzel – auch wenn ich dafür auf manches verzichten muss. Er ist ein ansehnlicher Kerl, den die Frauen mögen. Von ihm stammen die Auskünfte der braunen Jette.«
»Das sind nützliche Informationen. Sie reichen aus, um alle drei Burschen sowie die blonde Ida festzunehmen. Es tut mir leid um sie, ihre doppelte Freude und das Versprechen, das ich ihr gegeben hatte; es bezog sich jedoch nur auf den Diebstahl in der Auguststraße. Sie müssen allerdings gleichzeitig verhaftet werden, damit uns keiner entwischt.«
»Dazu wäre jetzt die Gelegenheit, Herr Polizeirat.«
»Jetzt? Jetzt gleich?«
»Sie sind wieder alle im Keller am Dönhoffplatz.«
»Verhaften wir sie auf der Stelle, Schmidt! Wir gehen am Polizeipräsidium vorbei und nehmen Verstärkung mit.«
»Ja, Herr Polizeirat, aber ich habe vorher noch etwas.«
»Was gibt es?«
»Es sind ihrer vier gewesen, die den Mord in der Chausseestraße verübt haben.«
»Richtig, vier.«
»Wir müssen auch den vierten erwischen.«
»Wüssten Sie denn auch etwas über ihn?«
»Die braune Jette ist den dreien gefolgt, nachdem sie den Keller verlassen hatte. Auf dem Dönhoffplatz hat sie vier Personen beisammen gesehen, die eifrig, aber leise miteinander sprachen. Das Mädchen hat sich nicht herangewagt, weshalb sie nichts verstanden hat. Sie drückte sich jedoch in eine Ecke. Als die Männer schließlich fortgingen, kam der vierte dicht an ihr vorbei. Dabei erkannte sie einen bildschönen jungen Mann mit einem schwarzen, krausen Bart, der ihr beinahe wie ein vornehmer Herr vorkam. Er gehört unzweifelhaft zu der Bande und ist an dem Mord beteiligt.«
»Der aristokratische Fuß! Wir kriegen auch ihn!«, rief der Polizeirat. Weiter fiel ihm nichts auf.
Der Polizeirat wusste also doch nicht alles, was sich in Berlin zutrug. Kannte er etwa nicht einmal sämtliche Geheimnisse der Stadtvogtei? Er war indes – oder gerade deshalb – nachdenklich geworden.
Ein aristokratischer Fuß? Ein schwarzer, krauser Bart? Ein vornehmes Auftreten? Wer könnte dieser Mann sein? Er sann vergeblich darüber nach. Sein langer Gendarm Schmidt sollte ihm jedoch auch in dieser Sache Licht ins Dunkel bringen – und eine Überraschung obendrein.
Die braune Jette war in den Keller zurückgekehrt und hatte sich wieder an die blonde Ida herangemacht. Die braune Jette ist neugierig, weshalb sie auch gerne klatscht. Sie musste einfach herausfinden, wer dieser hübsche, vornehme junge Mann war. Also spendierte sie der blonden Ida einen Grog, machte sie eifersüchtig und entlockte ihr so alles, was die andere wusste.
»Deinen langen Wilhelm wirst du auch nicht mehr lange für dich haben.«
»Ach ja? Hat er dir das etwa selbst gesagt?«
»Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.«
»Wo denn?«
»In einer merkwürdigen Gesellschaft – erst gestern noch.«
»So? Und wo war das?«
»Es schien sogar eine feine Gesellschaft zu sein; zumindest vornehmer als die Kreise, in denen wir uns bewegen. Es waren Damen mit großen Schals dabei.«
»Damen?«
»Nun ja, es lassen sich viele Damen nennen, zu denen ich lieber nicht gehören möchte. Aber schön waren sie.«
»Hör mal, braune Jette, du willst mich doch nur eifersüchtig machen. Du lügst!«
»Ich lüge? Willst du einen Beweis?«
»Na?«
»Ein großer, hübscher Mann war dabei, mit einem schwarzen, krausen Bart – sehr elegant, er spielte den Gastgeber. Hör mir gut zu, blonde Ida: Wenn der lange Wilhelm mein Freund wäre, würde ich ihn keinen Tag länger in der Gesellschaft dieses Mannes lassen.«
Die blonde Ida wurde unruhig.
»Sagst du auch wirklich die Wahrheit?«
»Ganz gewiss. Ich habe sie selbst gesehen, im Tiergarten, hinter den Zelten – es war spät am Abend.«
»Wilhelm war gestern tatsächlich nicht bei mir …«
»Siehst du? Lass ihn nicht mehr mit diesem Kerl herumhängen.«
»Kann ich es ihm denn verbieten?«
»Warum denn nicht?«
»Dieser Typ …« Sie brach auf einmal abrupt ab.
»Du kennst ihn?«, fragte die braune Jette.
»Ich habe ihn noch nie gesehen.«
»Aber Wilhelm hat dir von ihm erzählt?«
»O ja.«
»Und was ist er für einer?«
»Ein schlechter, abscheulicher Mensch!«, platzte es auf einmal aus der blonden Ida heraus. »Er hat eine kranke, arme Frau unglücklich gemacht und will nun auch noch Wilhelm ins Verderben stürzen. Ich erzähle dir alles!«
Und nun, Herr Polizeirat, geben Sie Acht. Sie berichtet der braunen Jette Folgendes, was der lange Wilhelm ihr anvertraut hat:
Der hübsche junge Mann wird nur der schwarze Nachtrabe genannt. Einen anderen Namen kennt keiner von ihnen, und sie wissen auch nicht, woher er stammt. Er treibt sich seit etwa acht oder neun Wochen unter ihnen herum. Sie vermuten, dass er aus Polen gekommen ist; er ist so verwegen und gewandt wie keiner aus der Bande, weshalb sie ihm blind gehorchen. Dass er aus Polen stammt oder zumindest von dort kam, dafür spricht noch ein besonderer Umstand, der ausgerechnet den Zorn der blonden Ida erregt hatte: Vor einigen Tagen steckte er in großer Verlegenheit und vertraute sich schließlich dem langen Wilhelm an, damit dieser ihm helfe. Er habe eine Geliebte in Posen gehabt, sei ihrer jedoch überdrüssig geworden und habe sie verlassen. Unglücklicherweise erfahr das Mädchen, dass er sich hier aufhalte – ein gemeinsamer Bekannter hatte ihn verraten. Über diesen erhielt er nun auch einen Brief von ihr, in dem sie ankündigte, ihm nachzureisen und ihn hier aufzusuchen.
Der Polizeirat unterbrach den Gendarmen: »Josepha Wagner?«, rief er.
»Ja, Herr Polizeirat, es ist die Polin, die Sie im Roten Adler untergebracht haben. Das Weitere werden Sie sich jetzt sicher denken können.«
»Weiter, erzählen Sie weiter!«
»Sie hat ihm die genaue Stunde geschrieben, wann sie hier eintreffen werde – und zwar genau heute mit dem täglichen Stellwagen aus Frankfurt an der Oder. Sie hatte ihn gebeten, sie dort in Empfang zu nehmen. Er konnte jedoch nicht – und wollte vermutlich auch nicht –, weshalb der lange Wilhelm seine Freundin, die blonde Ida, vorschicken musste. Das Mädchen stamme jedoch aus ehrlichem Hause; sie wisse nichts von seinen hiesigen Machenschaften und dürfe auch unter keinen Umständen etwas davon erfahren. Ida hat sie schließlich in die schmale Gasse geführt.«
»Genug, genug!«, unterbrach der Polizeirat. »Das Weitere weiß ich bereits. Ich verstehe nun alles – auch, warum die Polin mir gegenüber nicht reinen Wein einschenken wollte. Als sie erfuhr, wohin man sie gebracht hatte, wurde ihr klar, was ihr Geliebter hier trieb, und sie wollte ihn keinesfalls verraten. Dass er jedoch am Mord in der Chausseestraße beteiligt war und die anderen ebenfalls dabei waren – einschließlich des langen Wilhelm –, steht nun außer Zweifel. Deshalb wollte auch die blonde Ida nichts verraten, und sie wird es auch weiterhin nicht tun: Was den Polen trifft, trifft schließlich auch ihren Wilhelm.«
Daraufhin verfiel er erneut in Nachdenklichkeit.
»Aber wer ist dieser junge, hübsche Mann mit dem schwarzen, krausen Bart und dem aristokratischen Auftreten – ganz gleich, ob Pole oder nicht –, der an der Spitze unserer gefährlichsten Verbrecher steht, seit acht Wochen hier verweilt und den dennoch niemand kennt? Den noch keiner zu Gesicht bekommen hat und von dessen bloßer Existenz wir bislang nicht einmal ahnten? Ihn müssen wir zuerst fassen, auf ihn kommt es am meisten an! Die anderen entkommen uns auf Dauer ohnehin nicht, schließlich sind sie Berliner Kinder. Und sowohl den Berliner Kammergerichtsassessor als auch den Berliner Dieb zieht es immer wieder nach Berlin zurück.«
Der Polizeirat wusste zwar vieles über Berlin, aber längst nicht alles, wie er selbst einräumte. Doch er entging nichts, und in seinem Gendarmen Schmidt besaß er eine vorzügliche Stütze.
»Herr Polizeirat«, sagte der lange, melancholische Gendarm, »wenn wir Glück haben, fassen wir sie alle vier noch in dieser Nacht. Die braune Jette wollte zumindest sicher wissen, dass die anderen drei heute Nacht wieder im Keller am Dönhoffplatz sind. Und da der Pole gestern dort war, ist anzunehmen, dass er auch heute wieder vorbeikommen wird. Mein Spitzel ist instruiert und wird mir hierher Nachricht bringen.«
»Treffen wir also die Vorbereitungen«, befahl der Polizeirat. »Beordern Sie sofort ein halbes Dutzend Männer, die sich auf dem Dönhoffplatz und in der Jerusalemer Straße verborgen halten, und kehren Sie anschließend hierher zurück.«
Der Gendarm ging, um den Befehl auszuführen.
Der Polizeirat wandte sich wieder seinen Notizen zu. Doch er schien nur mit halben Gedanken bei der Sache zu sein – der fremde, geheimnisvolle Pole beschäftigte die andere Hälfte.
Nach einer Viertelstunde kehrte der Gendarm zurück; er hatte alles erledigt.
Zehn Minuten später trat ein hübscher junger Mann in das Büro des Polizeirats: listig, gewandt, trotzig und frech, mit dem Blick der Unschuld in den Augen, doch im Gesicht mit jener Blässe, die ein früh verlebtes Verbrecherleben hinterlässt.
»Mein Informant August Wiener«, stellte der lange Gendarm ihn dem Polizeirat vor.
»Was hast du zu berichten, August Wiener?«
»Sie sind alle drei da, Herr Polizeirat.«
»Im Keller?«
»Im Keller am Dönhoffplatz. Und sie haben heute Nacht wieder etwas vor.«
»Woher weißt du das?«
»Die Dirne, die braune Jette, hat es mir hinterbracht. Der grüne August hat vor einer Viertelstunde plötzlich den Keller verlassen und ist nach wenigen Minuten zurückgekommen und hat den beiden anderen einen Wink gegeben. Der lange Wilhelm sagte der blonden Ida daraufhin, dass sie um zwei Uhr gehen müssten. Die braune Jette vermutete, dass der grüne August, als er den Keller verließ, mit dem Polen gesprochen und von ihm Befehle erhalten hat.«
»Sie würden um zwei Uhr also auch auf den Polen treffen?«, fragte der Polizeirat.
»Wahrscheinlich wird der Pole sie abholen, genau wie in der vorigen Nacht.«
»Umso besser! Treffen wir aber Sicherheitsvorkehrungen für alle Fälle. Am wichtigsten ist uns der Pole – er darf uns keinesfalls entkommen. Zunächst werden daher alle Straßen besetzt, die auf den Dönhoffplatz münden. Erscheint der Pole auf dem Platz, kann er uns nicht mehr erwischen. Kommt er nicht, werden die drei anderen jeweils einzeln und unbemerkt von drei bis vier Männern verfolgt, bis sie an irgendeinem Punkt wieder zusammentreffen. Wo sie sich schließlich sammeln, muss auch der Pole zu ihnen stoßen – und sobald er da ist, schlagen wir zu. Bemerkt einer der Verfolgten die Beschattung vorzeitig oder gesellt sich der Pole schon unterwegs zu ihnen, erfolgt die Verhaftung sofort. Danach, Schmidt, instruieren Sie Ihre Leute, die Sie bereits postiert haben. Ich hole unterdessen weitere Verstärkung herbei. Es ist jetzt bald elf Uhr; um ein Uhr muss jeder auf seinem Posten sein. Wo wirst du dich aufhalten, August Wiener?«
»In meiner Wohnung, Herr Polizeirat. Wenn man mich bei der Sache sieht, ist es für immer aus mit mir.«
»Du hast recht, Junge. Machen wir anderen uns auf den Weg!«
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