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Sagen der mittleren Werra 107

Von der Kingskutte bei Möhra

»Ich habe drei Jahre als Knecht drüben in Möhra gedient«, erzählte ein alter Hirte, »und manchen Schweißtropfen in der Kingskutte verloren; ich kenne sie wie meine Westentasche.«

Sie liegt kaum einige Büchsenschüsse weit auf der Höhe hinter Möhra, rechts am Fußpfad nach Ettenhausen. Sie ist höchstens an der tiefsten Stelle mannstief und einige dreißig Schritte lang und breit. Es bleibt eine kuriose Sache, dass die salztrockene Kingskutte an heißen Sommertagen – wenn man glaubt, im Feld müsse alles verbrennen und Quellen sowie Bäche versiegen – auf einmal voll Wasser wird. Oft sickert es ebenso schnell wieder in den Boden, wie es gekommen ist; oft steht es aber auch so lange, dass die Sommerfrucht darin abstirbt. Wahr ist es: Wenn die Kingskutte voll Wasser steht, steigt das Getreide im Preis, und sollte es auf den Dächern wachsen.

Der Wehdborn in Möhra

Vor einem der Bauernhäuser, dicht an der Gemeindeschenke zu Möhra, steht neben der Wehd – einem kleinen gemauerten Bassin – ein Pumpbrunnen, der Wehdborn genannt wird. Wenn dieser überläuft, erfolgt Teuerung.

Von der Spitzwiese bei Möhra

Seitwärts von Möhra, rechts auf dem Weg nach Röhrigshof, liegt die sogenannte Spitzwiese. Hier soll es geschehen sein, dass Dr. Luthers Vater in Streit mit einem Nachbarn aus Möhra geriet, der ihm auf tückische oder mutwillige Weise seine Pferde auf der Herbstweide jagte. Luthers Vater bearbeitete den Mann in der Hitze mit einem Zaum so sehr, dass dieser an den Folgen der Misshandlung starb.

Von der alten Kapelle am Kutter bei Möhra

Vor alten Zeiten stand unweit des Dorfes Möhra, rechts am Fußpfad nach Ruhla an einem Hügel (dem Kotter oder Kotterberge), eine Kapelle mit einer kleinen Wohnung für den Messner. Als das Häuschen des Messners bereits verschwunden und auch das Kirchlein dem Verfall nahe war, kam einer der Chorschüler von Möhra, die in Kupfersuhl gesungen hatten, während des Heimwegs auf den Einfall, an der verwaisten Kapelle ein frommes Lied zu singen. Er eilte mit seinen Kameraden zu dem Hügel, und bald erklang das Lied weit in der Runde.

Kaum aber war der letzte Ton des Gesanges verhallt, siehe da: Auf der Schwelle der Kapelle erschien eine weiße Gestalt, die den Knaben freundlich zunickte. Diese wichen anfangs erschreckt zurück, doch bald fasste derjenige, der den Gesang angeregt hatte, ein Herz, trat näher und – ehe er es sich versehen konnte – hatte ihm die Gestalt einen starken Knochen in die Hand gedrückt, den er in seiner Bestürzung in die Tasche schob. Hierauf verschwand die Erscheinung vor seinen Augen in der Kapelle. Als er sich nach seinen Kameraden umsah, hatten diese bereits Reißaus genommen.

Er eilte nun selbst Hals über Kopf nach Hause. Als er dort seine Tasche durchsuchte, fand er zu seinem und der seinen Erstaunen anstatt des Knochens eine Stange gediegenen Goldes und wurde dadurch ein reicher, glücklicher Mann.

Der Teufel in Möhra als Korndieb

Vor langen, langen Jahren geschah es zu Möhra, dass bei einem reichen Bauern der Kornhaufen auf dem fest verschlossenen Boden immer kleiner wurde, ohne dass er sich dies erklären konnte. Das ließ den Bauern nicht ruhen. Er passte auf und hörte eines Nachts ein Geräusch, als wenn jemand über ihm Frucht einsackte. Flink war er auf dem Boden und schloss die Kammer auf, prallte aber gewaltig zurück, als er den Hans (Teufel) mit einem vollen Halbmaltersack zum Bodenloch hinausfahren sah.

Am andern Morgen stand der Bauer schon beim weisen Mann in Marksuhl, und der gab ihm den Rat, jedes Mal, nachdem er Frucht gemessen, das Maß umzustürzen; dann müsse der Böse seine Nase davon lassen und könne kein Korn mehr für seine Sippschaft bei ihm einsacken. Der Bauer tat es und hatte fortan Ruhe. Seit jener Zeit stürzen die Bauern in Möhra jedes Mal, wenn sie Korn gemessen haben, das Maß um.

Kloster Allendorf und Schloss Frankenstein

Eine Viertelstunde von Salzungen, jenseits der Werra unter dem Frankenstein, lag das Zisterzienser-Nonnenkloster Allendorf, über dessen Gründung nichts Sicheres vorliegt. Es wurde 1518 durch Abt Hermann von Fulda nach der Regel des heiligen Benedictus reformiert, da die Nonnen lange Jahre ein gar liederliches Leben geführt hatten. Im Bauernkrieg 1525 wurde es überfallen und ausgeplündert – der letzte Probst und die Äbtissin (Dorothea) mit ihren Nonnen hatten in Salzungen Schutz gefunden – und dann 1528 säkularisiert. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts sah man die Ruinen des Chors der Klosterkirche. Das Schiff derselben war bereits in das früher den von Reckrode zugehörige Schlösschen umgewandelt.

In diesem wollen Dienstleute dann und wann nachts verschleierte Frauen traurig umherschleichen gesehen und ebenso in dem anliegenden Klostergarten das Wimmern kleiner Kinder vernommen haben. Von einem der verfallenen Keller sagt man, dass er unter der Werra bis zu dem im Dorf Allendorf gestandenen Wirtschaftsgebäude des Klosters, dem Schafhof, geführt habe. Ein anderer Gang soll seine Richtung hinauf zur Burg Frankenstein genommen haben. Dorthin führt noch heute vom Kloster aus der sogenannte Kutschenweg. Über den Ursprung der Burg und des verschollenen Dynastengeschlechts derer von Frankenstein schwebt gleichfalls ein Dunkel. Die Sage erzählt nur, dass König Merowäus das Besitztum einem Edlen aus Franken geschenkt habe. Das Schloss wurde durch Abt Berthous von Fulda 1266 zerstört. Später wieder aufgebaut, wurde es 1295 durch Kaiser Adolf von Nassau abermals in eine Ruine verwandelt.

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