Kommissar Rosic – Band 1.08
Rodolphe Bringer
Kommissar Rosic
Band 1
Der Dolch aus Kristall
Kapitel 8: Der elfte Fahrgast
»Nun gut, fassen wir die Lage zusammen«, forderte Monsieur Chaulvet. »Im Zug B-14 wurde ein Mann ermordet. Am Bahnhof, während der blutbefleckte Waggon auf dem Abstellgleis stand, hat der Mörder die Leiche enthauptet und ist in den Zug 234 gesprungen, der daneben stand. Den Kopf hat er in die Isère geworfen. Nun versichert uns aber der Schaffner – und daran gibt es keinen Zweifel –, dass dieser ermordete Fahrgast sich im Moment der Abfahrt gar nicht im Zug befand.«
Der Schlafwagenschaffner nickte zustimmend.
»Andererseits ist aus eben diesem B-14 ein Mann an der Passage du Robinet herausgesprungen, das heißt eine knappe halbe Stunde, bevor der Zug in den Bahnhof von Valence einlief, wo das Verbrechen entdeckt wurde. Da die Leiche, die wir vorliegen haben, bei der Abfahrt in Marseille nicht im Zug war, muss man wohl davon ausgehen, dass der Fahrgast, der aus dem Zug gesprungen ist, einer der beiden war, die sich normalerweise darin befanden.«
»Ja«, sagte daraufhin der Schaffner, »aber die Beschreibung, die Sie von ihm geben, zumindest seine Kleidung, passt ganz und gar nicht zu einem meiner Fahrgäste.«
Rosic zuckte die Achseln.
»Diskutieren wir nicht gegen die Offensichtlichkeit. Dieser Fahrgast ist aus dem Zug gesprungen, also befand er sich auch darin. Wollte man annehmen, dass auch dieser bei der Abfahrt nicht dabei war, hieße das, dass sich zwölf Fahrgäste in Ihrem Zug befunden hätten; aber es waren doch, nicht wahr, nur zehn?«
»Ja.«
»Folglich kann dieser Fahrgast nur ein Komplize sein. Die Sache scheint mir klar.«
In Wahrheit erschien sie Monsieur Chaulvet keineswegs so klar. Er hielt den Kopf in den Händen, verlor sich in dieser ganzen Angelegenheit und begann zu verzweifeln, jemals die Wahrheit herauszufinden.
Es hatte ihm so einfach geschienen: Und nun trat diese quälende Komplikation ein; der Schaffner erkannte das Opfer nicht, und andererseits gab es einen Komplizen, der aus dem Zug sprang. Denn an Rosics Behauptung war nicht zu zweifeln, und man musste wohl einräumen, dass der grünlich gekleidete Mann, der Rosic so unglücklicherweise entwischt war, zwangsläufig eine Rolle in diesem Abenteuer gespielt haben musste.
Und er schloss: »Diese Angelegenheit ist quälend …«
Doch Rosic erwiderte: »Es wäre wohl ratsam, Monsieur Staatsanwalt, Befehle zu erteilen, damit uns der Mann im grünlichen Anzug nicht entkommt.«
»Aber …«
»Da er in Valence ist, wo er gerade die Jacke seines Opfers gestohlen hat.«
Der Staatsanwalt streckte bereits die Hand nach seiner Tischglocke aus, als sich plötzlich die Tür barsch öffnete und Monsieur Guillenot, der stellvertretende Bahnhofsvorsteher, erschien – ganz rot vom Laufen und sichtlich außer Atem.
»Es gibt Neuigkeiten!«, rief er, ohne vor lauter Aufregung überhaupt zu grüßen.
»Was denn?«, fragten Monsieur Chaulvet und Rosic wie aus einem Mund.
»Man hat mir gerade aus Saint-Rambert-d’Albon telefoniert, dass ein Mann, der auf der gleisabgewandten Seite aus dem Zug 234 stieg, von einem Postzug überfahren wurde, der den Bahnhof ohne Halt durchfährt.«
Rosic und Monsieur Chaulvet sahen Guillenot an. Welche Bedeutung konnte diese kleine alltägliche Meldung schon haben?
Doch Monsieur Guillenot erklärte: »Wenn ein Mann an einem großen Bahnhof auf der falschen Gleisseite aus einem Zug steigt, dann hat er kein reines Gewissen … dann will er nicht bemerkt werden. Nun wissen Sie aber, dass sich der Mörder aus dem B-14 genau im Zug 234 befand, und zwar ohne Fahrkarte. Er hat also versucht, am ersten großen Bahnhof zu verschwinden, wo er dies tun konnte, ohne zu sehr aufzufallen. Es ist nur ein Gefühl, aber mir scheint, dass dieser Fahrgast, der in Saint-Rambert gerade überfahren wurde, unser Mann sein muss!«
»Tatsächlich«, pflichtete Monsieur Chaulvet bei, »Sie gäben einen hervorragenden Polizisten ab, denn alles spricht dafür, dass Sie auch hier wieder voll ins Schwarze getroffen haben.«
»Auf nach Saint-Rambert«, unterbrach Monsieur Rosic, dem dieses Lob für den stellvertretenden Bahnhofsvorsteher äußerst missfiel.
Und er verließ das Arbeitszimmer von Monsieur Chaulvet, gefolgt vom Staatsanwalt der Republik, und beide sprangen in das Auto, das vor dem Justizpalast wartete.
»Und der Schaffner?«, warf Rosic ein. »Wir werden ihn brauchen, um die Leiche zu identifizieren.«
»In der Tat.«
Der Schaffner verließ gerade mit Monsieur Guillenot den Palast; er schickte sich an, ein nahegelegenes Gasthaus aufzusuchen, um sich dort endlich hinzulegen und zu versuchen, ein paar Stunden zu schlafen, denn er war vor Müdigkeit wie gerädert. Daher machte er eine verzweifelte Bewegung, als Monsieur Chaulvet auf ihn zusprang, ihn zum Auto drängte und sagte: »Wir brauchen Sie nämlich dort drüben.«
Der Schaffner schreckte zusammen; er versuchte Widerstand zu leisten; aber wozu! Und nach einem resignierten Nicken, die Augen vor Schlaf blinzelnd, kletterte er ins Auto, wo er übrigens nicht lange auf sich warten ließ und bald wie ein Kreisel schnarchte.
Das Auto raste davon.
Rosic und Monsieur Chaulvet schwiegen beharrlich.
Doch ihre Gedanken waren dieselben, und beide gingen im Geist jeweils die mysteriösen Wendungen dieses seltsamen Dramas durch und fragten sich, ob es ihnen diesmal gelingen würde, das Geheimnis zu lüften.
Eine Stunde später durchquerte das Auto die kleine Stadt Saint-Rambert-d’Albon und hielt vor dem Bahnhof, der sich am nördlichen Ende des Ortes befindet.
Die Herren Chaulvet und Rosic stürmten in das Büro des Bahnhofsvorstehers und stellten sich vor.
»Ist die Leiche des Mannes, der vom Postzug überfahren wurde, noch hier?«
»Ja, immer noch«, antwortete der Bahnhofsvorsteher. »Sie befindet sich in einem der Schlafräume der Lokführer und wartet darauf, in den Sarg gelegt zu werden.«
»Wurde er identifiziert.«
»Das war leider unmöglich… Seine Taschen enthielten keinerlei Papiere … nur Geld … Gold in indischen Pfund und Banknoten im Wert von etwa zehntausend Franc.«
»Teufel aber auch«, sagte Monsieur Chaulve, »dieser verflixte Guillenot hat sich nicht geirrt. Das ist tatsächlich unser Mörder aus dem B-14.«
»Ein Mörder?«, rief der Bahnhofsvorsteher aus.
»Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Keine Papiere … Er hat alle vernichtet, die er bei sich gehabt haben könnte.«
»Nicht alle«, unterbrach der Bahnhofsvorsteher, »denn er hatte einen Koffer bei sich, der neben einigen Toilettenartikeln große Papierbündel enthielt, von denen man leider noch keine Kenntnis nehmen konnte, da sie alle auf Englisch verfasst sind.«
»Wir werden sie übersetzen lassen«, rief Rosic, der sich zu Monsieur Chaulvet umdrehte und hinzufügte: »Diese Papiere werden uns ganz sicher den Schlüssel zu dem Rätsel liefern.«
»Sehen wir uns erst einmal die Leiche an.«
Der Bahnhofsvorsteher führte Monsieur Chaulvet, Rosic und den vor Schlaf fast umfallenden Schaffner zu jenem Schlafraum der Lokführer, der sich am anderen Ende des Bahnsteigs befand.
Der Körper lag auf einer Pritsche ausgestreckt, ein Tuch bedeckte seinen Kopf; mit einer raschen Bewegung zog Rosic es beiseite und sagte dabei zum Schaffner: »Erkennen Sie einen Ihrer Fahrgäste wieder?«
Doch er konnte diesen Satz nicht zu Ende bringen, und im selben Moment wie Monsieur Chaulvet und der Schaffner stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Der Kopf war nur noch ein blutiger Brei, in dem es äußerst schwierig war, auch nur den geringsten Gesichtszug zu erkennen.
»Ja«, erklärte der Bahnhofsvorsteher, »beim Springen aus dem Zug 234 muss er gegen die Schiene gestolpert sein. In diesem Moment kam der Postzug mit voller Kraft vorbei und der Kopf wurde völlig zerquetscht.«
»Wie soll ich da jemanden erkennen?«, murmelte der Schaffner, der nur noch an eines dachte: schlafen zu gehen.
»Zum Glück«, sagte Rosic, »bleiben uns die Papiere. Wo ist der Koffer?«
»Beim Überwachungskommissar.«
»Gut«, sagte Rosic. »Ich werde ihn nach Lyon mitnehmen, um die Papiere dort übersetzen zu lassen.«
Schreibe einen Kommentar