Sagen der mittleren Werra 108
Von Barchfeld ging einmal eine Frau nach Kloster Allendorf zum Begräbnis einer Nonne, die zu ihrer Freundschaft gehörte. Der Tag war heiß, und da die Frau wusste, dass sie bei dem Leichenbegängnis lange zu stehen hätte, setzte sie sich erst ein wenig an der Quelle hinter der Klostermühle am Fuße des Frankensteins nieder. Kaum aber hatte sie sich gesetzt, so schoss dicht neben ihr eine prächtige Tulpe (Tulipan) aus dem Boden.
Die Frau war ganz überrascht, griff aber doch zu, brach die Blume ab und hielt nun ganz erschrocken statt der Tulpe einen mächtigen Schlüssel in ihrer Hand. Sie blickte sich darauf scheu nach allen Seiten um und gewahrte nun auch eine verschlossene Tür hinter ihrem Rücken. Unentschlossen blieb sie einen Augenblick stehen, dann aber fasste sie sich ein Herz, steckte den Schlüssel ins Schloss, und die Tür sprang auf. Die Neugier trieb sie bald in das Innere. Hier sah sie einen großen Kessel voll blinkender Geldstücke. Vorsichtig nahm sie einige Hände voll in ihre Schürze; da kam es ihr vor, als ob ihr der Kessel durch eine unsichtbare Hand entgegengeschoben würde, und nun fing es an ihr zu gruseln. Sie eilte daher rasch ins Freie, und als sie sich umsah, war die Tür verschwunden. Ihr Schleier aber, den sie beim Eintreten daran gehängt hatte, hing nun auf einem wilden Weiterlesen
Sagen der mittleren Werra 107
»Ich habe drei Jahre als Knecht drüben in Möhra gedient«, erzählte ein alter Hirte, »und manchen Schweißtropfen in der Kingskutte verloren; ich kenne sie wie meine Westentasche.«
Sie liegt kaum einige Büchsenschüsse weit auf der Höhe hinter Möhra, rechts am Fußpfad nach Ettenhausen. Sie ist höchstens an der tiefsten Stelle mannstief und einige dreißig Schritte lang und breit. Es bleibt eine kuriose Sache, dass die salztrockene Kingskutte an heißen Sommertagen – wenn man glaubt, im Feld müsse alles verbrennen und Quellen sowie Bäche versiegen – auf einmal voll Wasser wird. Oft sickert es ebenso schnell wieder in den Boden, wie es gekommen ist; oft steht es aber auch so lange, dass die Sommerfrucht darin abstirbt. Wahr ist es: Wenn die Kingskutte voll Wasser steht, steigt das Getreide im Preis, und sollte es auf den Dächern wachsen.
Der Wehdborn in Möhra
Vor einem der Bauernhäuser, dicht an der Gemeindeschenke zu Möhra, steht neben der Wehd – einem kleinen gemauerten Bassin Weiterlesen
Sagen der mittleren Werra 106
Möhra im Dreißigjährigen Krieg
Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges soll die Pest in Möhra und der Umgebung so arg gehaust haben, dass der Ort, der vor dem Krieg weit größer gewesen war als jetzt, fast ganz verwaist war und die Felder nicht bebaut werden konnten. Damals kam auch ein Haufen fremden Kriegsvolks ins Dorf; dieser konnte hier nicht einmal einen Boten nach dem nahen Werratal auftreiben.
Nach langem Suchen fanden sie endlich in der Nähe einen jungen Menschen, der auf der Wiese beschäftigt war. Sie zwangen ihn, ihnen den Weg an die Werra zu zeigen. Der Bursche gedachte bald zurückzukehren und hing seine Sense einstweilen an den erstbesten Weidenbaum am Wege, als er mit dem Kriegsvolk von dannen zog.
Das Kriegsvolk aber steckte ihn unter das Regiment und nahm ihn mit weit hinaus ins Reich. Nach sieben Jahren erst gelang es ihm auszureißen. Als er in die Nähe seiner Heimat kam und den Platz sah, wo er dem Haufen in die Hände gefallen war, gedachte er auch seiner Sense – und siehe, sie hing noch an demselben Ast, an dem er sie vor sieben Jahren aufgehängt hatte.
Vom wütenden Heer zu Möhra
Sagen der mittleren Werra 105
Im Jahr 1688 am 12. des Monats Juni pflügte Hans Peter Luck von Möhra auf dem Acker seines Vaters, der links am Weg nach Etterwinden an dem sogenannten Seeb gelegen war, als er dort unvermutet eine starke Quelle zu Tage gehen sah. Der erstaunte Bauer rief den in der Nähe weidenden Schäfer herbei, erweiterte mit dessen Hilfe die Öffnung des Sprudels und gewahrte nun, wie derselbe in der Tiefe aus einem kellerähnlichen Gewölbe hervorquoll. Das Wasser war molkig, hatte einen seltsamen Geschmack und färbte die Erde umher mit einem gelblichen Schlamm. Die aufgefundene Quelle wurde bald näher bekannt, und man entdeckte in ihr ein so vortreffliches Heilmittel gegen allerlei Leibesübel, dass von Nah und Fern viele dorthin eilten und für ihre Gepressten Genesung suchten und fanden. Die Feldbirnbäume in der Nähe hingen bald voll von Krücken, welche die geheilten Lahmen aus Dankbarkeit hier zurückgelassen hatten.
Als die Gemeinde solches Wunder sah, erwachte in ihr der Eigennutz, und sie gedachte die Quelle zu ihrem Vorteil auszubeuten. Sie beschloss ein Häuschen über den segensreichen Born zu setzen und einen Opferstock daneben zu errichten, um das so gewonnene Geld dann unter sich zu verteilen, und führte das auch aus. Darüber aber zürnten die gütigen Berggeister, die solchen Weiterlesen
Sagen und alte Geschichten der Mark Brandenburg 69

Die Gänse von Putlitz
Uralt ist das Geschlecht der Edlen Herrn geheten de Gense in der Priegnitz. Bald nennen sie sich von Wittenberge, bald von Perleberg, wo auch eine Gänseburg war, bis schließlich die Bezeichnung von Putlitz alle anderen überwog, und dieser Name verblieb. Lange haben sie eine hervorragende Stellung in der Geschichte der Priegnitz eingenommen, und ihr Länderbesitz war groß, größer zeitweise als der der Grafen von Ruppin. Auch in der altmärkischen Wische auf dem linken Elbufer besaßen sie Güter, denn dort liegt ebenfalls mitten im Sumpf ein Burgwall, die Gansenburg genannt.
Weiterlesen
Neueste Kommentare