Das Geheimnis zweier Ozeane – Erster Teil – Kapitel 4
Grigori B. Adamow
Das Geheimnis zweier Ozeane
Ein wissenschaftlich-phantastischer Roman
Originaltitel: Тайна двух океанов
Erster Teil
Ein außergewöhnliches Schiff
Kapitel 4
Der Untergang der DIOGENES
Trotz des orkanartigen Sturms von ungeheurer Gewalt, der aus den eisigen Regionen der Baffin-Bay und Grönlands herangekommen war, versammelten sich auf das erste Notsignal der DIOGENES hin binnen weniger Stunden Dutzende von Schiffen. Die DIOGENES, ein erstklassiges Passagierschiff, das den Liniendienst zwischen Cherbourg und New York versah, sollte nicht ungehört versinken. Riesige, bis zu dreizehn Meter hohe Wellenberge wurden durch strömendes Öl geglättet und von unterseeischen pneumatischen Wellenbrechern gebrochen. Dampf-, Diesel- und Elektroboote sowie flinke Gleitboote kreuzten unermüdlich hin und her, um die Menschen von dem Todgeweihten zu evakuieren.
Die ersten Geretteten wurden an Bord der MARIE-ANTOINETTE gebracht, die als Erste am Unglücksort eingetroffen war und die Rettungsarbeiten koordiniert hatte. Unter diesen Verletzten befand sich auch der sowjetische Staatsbürger Iwan Fjodorowitsch Bunjak. Er war von einem riesigen Eisblock schwer getroffen worden, der sich vom Eisberg gelöst hatte. Bunjak befand sich auf dem Heimweg in seine Heimat, nachdem er sechs Jahre lang als sowjetischer Konsul in Québec gewirkt hatte. Im Augenblick der Kollision hatte er mit seinem Sohn an der Reling des oberen, fünfzehnten Decks gestanden. Aus fünfundzwanzig Metern Höhe hatte er im rhythmischen Schaukeln des Riesendampfers besonnen dem ohnmächtigen Wüten der Elemente zugesehen.
Der Eisberg war völlig unvorhergesehen aus dem Dunst der Morgendämmerung aufgetaucht. In solch niederen Breitengraden waren Eisberge noch nie gesichtet worden; nur die anhaltende, siebentägige Gewalt des Orkans konnte erklären, warum sich dieser eisige Koloss auf der Route der DIOGENES befand. In jener schicksalhaften Nacht war zu allem Unglück die Infrarotkamera an der Backbordseite ausgefallen, sodass sie nicht rechtzeitig vor der herannahenden Eismasse hatte warnen können. Der Sturm war so heftig und die Masse des Eisbergs so gewaltig gewesen, dass der Aufprall die DIOGENES mit mörderischer Wucht traf. Die gesamte Backbordseite des Dampfers wurde zerfetzt und eingedrückt, die wasserdichten Schotts wurden wie Papier zerknüllt und die oberen Decks unter tonnenschweren Eismassen begraben.
Den bewusstlosen Bunjak übergab die Besatzung einem Rettungsboot der MARIE-ANTOINETTE; niemand bemerkte das Fehlen des Jungen, seines Sohnes. Der Eisberg, der so viel Unheil angerichtet hatte, zog majestätisch von dannen. Er wiegte sich leicht auf den gigantischen Wellen, die ihn wild umtosten, und niemand kam auf den Gedanken nachzusehen, was sich in seinen zahlreichen Klüften, Spalten, Höhlen und Grotten abspielte.
Als die Rettung der Passagiere und der Besatzung abgeschlossen war, wurden die Verletzten, auch die Bewusstlosen, identifiziert. Ein über Funk zwischen allen Rettungsschiffen durchgeführter Appell ergab, dass drei Personen fehlten – darunter der vierzehnjährige Pawel Bunjak, Sohn des sowjetischen Staatsangehörigen Iwan Bunjak. Man kam zu dem Schluss, dass alle drei beim Aufprall ins Meer gestürzt und ertrunken seien. Dennoch suchten einige schnelle Motorboote fünfzehn Minuten lang die nähere Umgebung der langsam sinkenden DIOGENES ab, kehrten jedoch ergebnislos zurück.
Unter dem schwermütigen Abschiedsgeheul der Sirenen ihrer zahlreichen Schwesterschiffe versank die DIOGENES mit erloschenen Kesseln langsam in den dunklen Tiefen des Ozeans. Die Schiffe trennten sich und brachten die Geretteten in verschiedene Häfen der europäischen Küste.
* * *
Der Ozean beruhigte sich. Lange, flache Dünungswellen bäumten sich auf und rollten träge in die Ferne. Nach dem wütenden Orkan erwachte das Leben, das sich in den Tiefen verborgen gehalten hatte, an der Oberfläche zu neuem Aufbegehren. Immer häufiger schnellten Schwärme fliegender Fische aus den ultramarinen Fluten empor. Mit ihren ausgebreiteten Flossen, lang und spitz wie die Flügel von Schwalben, schossen sie mit einem trockenen Rascheln über die Wellen hinweg, um sogleich wieder im reinsten Azurblau des Meeres unterzutauchen.
Ihnen nach jagten, wie Artilleriegeschosse, grün-rote Bonitos und prachtvolle Goldmakrelen – bald emailleblau, bald purpurn, doch allesamt mit goldgelben Schwänzen. Riesige, zwei bis drei Meter lange Thune zeigten im Jagdfieber von Zeit zu Zeit ihre gierig geöffneten, runden Mäuler oder ihre mächtigen, schwarzblauen Rücken über der Wasseroberfläche. Die Jagd entbrannte aufs Neue. Die Schwärme der fliegenden Fische stiegen unaufhörlich empor und fielen wieder herab.
Doch weder Jäger noch Gejagte ließen sich von den Gegenständen beirren, die hier und da zwischen den Wellen trieben – Dinge, die für diese Breiten seltsam und fremdartig waren: hölzerne Bänke, leichte Korbsessel, Lattenkisten mit Kohl und Apfelsinen, Schiffsplanken, ein japanisches Lackregal, eine weiße, halb verglaste Tür, Seegrasmatratzen, ein Rettungsring und Strohhalme. Es waren die stummen Zeugen einer Katastrophe, die traurigen, verwaisten Begleiter des Menschen.
Da war eine Goldmakrele, weit über einen Meter lang, die nach einem missglückten Sprung über einen Käfig mit toten Hühnern mit lautem Klatschen zurück ins Wasser fiel, doch blitzartig die Verfolgung ihrer Beute wieder aufnahm. Sie beschleunigte immer mehr, glitt wie ein Rennboot über die Oberfläche, und als der fliegende Fisch, die Kräfte verlierend, im hundert Meter weiten Bogen seines Fluges herabsank, schnellte die Goldmakrele mit einem einzigen Schwanzschlag aus der Welle empor. Sie flog mehrere Meter in die Höhe, schnitt dem fliegenden Fisch den Weg ab, und im Bruchteil einer Sekunde verschwand das Opfer in ihrem riesigen, runden Schlund.
Die Sonne warf bereits ihre letzten Strahlen auf die runden Wellenkämme, als sich eine Schule spitzschnäuziger Delphine zu den Goldmakrelen, Bonitos und Thunen gesellte. Das grausame Spiel um Leben und Tod entflammte mit neuer Intensität.
Dieses von Bewegung und Farben überquellende Bild fesselte jedoch keineswegs die Aufmerksamkeit der drei Männer, die den gesamten Raum um sich herum bis zum fernen Horizont forschend absuchten. Sie standen auf einer ovalen, ebenen Plattform, die mit einem leichten Geländer umzäunt war, auf dem Gipfel eines kleinen Hügels aus gewelltem, blaugrün gestrichenem Metall. Am vorderen Ende der Plattform, fast unmittelbar am Geländer, fiel der Hügel steil ins Wasser ab. Hinter der Plattform senkte sich der Hügel auf einer Länge von zwanzig bis dreißig Metern flach zum Wasser hinab, dem Rücken eines riesigen Wals gleichend, und verlor sich sogleich im klaren, transparenten Blau. Auf diesem Rücken saß, wie eine in den Nacken geschobene Mütze, ein oben abgerundeter Buckel aus demselben Wellblech. Die ablaufende Welle entblößte manchmal noch für einige Meter den flachen Rücken des Hügels und gab den Blick darauf frei, dass er sich auch unter Wasser noch weiter fortsetzte.
Der Hügel wiegte sich in der abnehmenden, gleichmäßigen Dünung, tauchte bald auf den Wellenkämmen auf, bald verschwand er in den Tälern dazwischen. Die Männer standen auf der Plattform, als spürten sie das Rollen des Schiffes gar nicht.
Zwei dieser Männer, gekleidet in blendend weiße Röcke mit Goldknöpfen, goldenen Winkeln auf den Ärmeln und Marineemblemen an den Mützen, musterten unablässig den Horizont und die Kämme der fernen Wellen. Dabei blickten sie durch seltsame Instrumente, die gleichermaßen an Ferngläser wie an Fernrohre erinnerten.
Der Dritte, ein breitschultriger Riese, stand mit leicht gebeugtem Rücken hinter seinen Vorgesetzten – in der Haltung eines Bären, der sich um Disziplin und Ehrerbietung bemüht. Er trug eine schneeweiße Matrosenbluse und eine randlose Tellermütze. Sein langer Schnurrbart, dessen Spitzen über der Lippe vom Tabakrauch verfärbt waren, hing in hellen, blonden Windungen bis unter das Kinn herab. Die kleinen Augen in seinem breiten, glatt rasierten Gesicht mit der Stumpfnase blickten mit einem leicht spöttischen, gutmütigen Schalk. Auch er ließ die Oberfläche des Ozeans nicht eine Sekunde aus den Augen und musterte sie mit scharfem, aufmerksamem Blick, ohne dem Schauspiel der Raubfische und ihrer Opfer Beachtung zu schenken.
Die Sonne war nun gänzlich verschwunden. Rasch, fast zusehends, verdichtete sich die Dämmerung, als zöge sich von unten, aus dem Ozean selbst, ein gigantischer, immer schwererer und tiefer blauender Vorhang empor.
Die Goldmakrelen, Bonitos und Delphine hatten ihre Sprünge eingestellt; die Jagd unter der Wasseroberfläche ging indessen wohl weiter. Schwärme fliegender Fische schnellten nach wie vor empor, breiteten mit einem leisen Knistern ihre Flossen aus, sanken wieder herab und erhoben sich, kaum dass sie den Kamm einer Welle berührt hatten, aufs Neue über das Wasser. Der eine oder andere von ihnen prallte in der rasch hereinbrechenden Dunkelheit mit einem harten, klatschenden Geräusch gegen das seltsame Schiff, schlug auf der Plattform oder gegen die kannelierten Bordwände auf und stürzte – Blut und silbrige Schuppen auf dem Metall zurücklassend – wieder zurück ins Meer.
Der große Mann im weißen Rock setzte schließlich sein sonderbares Fernglas ab und winkte abwehrend.
»Nichts zu sehen, Lord«, sagte er in reinstem Russisch, während er die Glieder des Fernrohrs in den Zwischenraum der Fernglasröhren zusammenschob. »Der Junge ist offenbar tatsächlich umgekommen. Wir verlieren hier nur kostbare Zeit.«
Trotz der dichten Dämmerung war sein goldbraun gebräuntes Gesicht noch gut zu erkennen: die helle, spitze Schifferkrause und die glattrasierte Oberlippe. Seine leicht geschwungene Hakennase wirkte durch den fehlenden Schnurrbart so gekrümmt wie der Schnabel eines Raubvogels. Die grauen, ungezwinkerten Augen, die stets von dünnen, bläulich schattierten Lidern halb verdeckt wurden, verstärkten diese Ähnlichkeit nur noch.
Der kleine, untersetzte Mann mit dem großen Kopf und dem prächtigen schwarzen Bart, um den ihn jeder altassyrische König beneidet hätte, blickte den Sprecher an.
»Dennoch sollten wir uns Gewissheit verschaffen, Kapitän«, erwiderte er und schob sein optisches Gerät ebenfalls zusammen. »Zumal unser PIONIER die verlorene Zeit mühelos wieder aufholen kann. Wir haben doch nur zwei im Meer versinkende Körper gesehen. Wo ist der dritte?«
»Ich weiß es nicht, Lord, ich weiß es nicht. Vielleicht ist er auf der DIOGENES geblieben und von ihr in die Tiefe gerissen worden. Es tut mir leid um den Jungen, aber wir können nicht länger hier verweilen. Gehen wir«, schlug der Kapitän vor, wandte sich um und schritt langsam, gleichsam widerstrebend, auf die geöffnete Luke zu, die am hinteren Ende der Plattform zu sehen war.
In diesem Moment zuckte der Riese zusammen, richtete sich auf, beugte sich leicht vor und hob warnend die Hand.
Der Kapitän und der Lord blieben stehen. Der Riese lauschte wie erstarrt, als sei er zu einer Statue geworden.
Das leise Plätschern des Wassers an den kannelierten Bordwänden des Schiffes unterstrich nur noch die tiefe Stille, die über der fast schlafenden Oberfläche des Ozeans lag.
»Was ist los, Skworeschnja?«, brach der Kapitän ungeduldig das Schweigen.
»Haben Sie das denn nicht gehört?«, grollte der Riese mit erregter, tiefer Stimme. »Dort ruft ein Mensch …«
»Was?« Der Kapitän wandte sich um und ließ den Blick über die dunklen, zur Ruhe gehenden Wellen schweifen. »Sie haben sich getäuscht, Skworeschnja!«
»Ich bin mir völlig sicher, Genosse Kommandant«, entgegnete Skworeschnja und straffte sich zu seiner vollen Größe. »Ich habe einen Schrei gehört. Halt!«, unterbrach er sich selbst und stieß den Arm in dieselbe Richtung wie zuvor, während er starr über den Kopf des Kapitäns hinweg in die Dunkelheit spähte.
Aus der Ferne drang ein langgezogener, schwacher Ton herüber, dünn wie das Summen einer Mücke.
»Ein Schrei!«, flüsterte der Lord. »Ich habe einen Schrei gehört, Kapitän!«
»Ja, ja! Aber nicht dort, wohin Skworeschnja zeigt, sondern an der Steuerbordseite.«
»Nein, Genosse Kommandant, ich irre mich nicht«, widersprach Skworeschnja respektvoll. »Der Schrei kam direkt voraus, über den Bug.«
»Man müsste den Scheinwerfer einschalten …«, sagte der Lord unentschlossen.
»Auf keinen Fall!«, entgegnete der Kapitän kategorisch und trat rasch an das Geländer am vorderen Ende der Plattform.
Dort verdickten sich die oberen Streben und breiteten sich zu einer ovalen Konsole aus, die mit Knöpfen, winzigen Hebeln und kleinen Handrädern besetzt war – alle versehen mit Ziffern und Zeichen, die in der Dunkelheit farbig phosphoreszierten.
Der Kapitän drückte auf einen der Knöpfe. Aus der rechten, abfallenden Bordwand des Schiffes schnellte etwas Dunkles, Breites und Längliches hervor, das oben und unten abgerundet war. Mit einem leisen Pfeifen und Summen schoss es wie ein Torpedo in die Höhe und verschwand sogleich in der Finsternis. Im selben Moment leuchtete in der Mitte der Konsole auf dem Geländer ein kleiner, runder Bildschirm in mattem Silberlicht auf.
»Der Infrarot-Aufklärer!«, rief der Lord erfreut und verstummte, die Augen starr auf den Bildschirm gerichtet.
Auch der Kapitän blickte gebannt auf den kleinen silbernen Kreis, während er das Handrad langsam um eine Vierteldrehung nach rechts und links drehte. Auf dem hellen Hintergrund des Schirms huschten verschwommene Schatten vorbei: etwas, das einer Kiste ähnelte, dann ein flaches Gebilde mit viereckigen Flecken, etwas wie ein Sessel, eine Bank … Es bestand kein Zweifel: Alles, was die Männer hier vorhin auf der Oberfläche des Ozeans im Licht der untergehenden Sonne gesehen hatten – all die umhertreibenden Überreste und Trümmer des Schiffbruchs –, erschien nun in der Dunkelheit wieder, eines nach dem anderen, als vertraute, wenn auch verschwommene Schatten auf diesem matt-silbernen Schirm.
»Was für eine geniale Erfindung!«, rief der Lord begeistert, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden. »Ich kann mich einfach nicht an diesen wunderbaren Aufklärer gewöhnen. Und da ist auch der Eisberg!«
»Ja«, erwiderte der Kapitän, »aber das Meer um ihn herum ist verlassen, und auf dem Bildschirm sind keine Trümmer mehr zu sehen. Woher kam dann dieser Schrei?«
»Vielleicht haben wir die Trümmer unter dem Aufklärer nicht genau genug untersucht?«, vermutete der Lord.
»Durchaus möglich«, stimmte der Kapitän zu. »Wir werden diesen Sektor engmaschiger abzusuchen haben und das Geschoss dichter über dem Wasser halten.«
Zehn Minuten später kehrte der Infrarot-Aufklärer zurück, nachdem er ein dichtes Netz enger werdender Zickzacklinien knapp über der Wasseroberfläche beschrieben hatte. Er überflog die Plattform des Schiffes und schoss, sich wieder entfernend, auf demselben Weg über den Eisberg hinweg. Alles war vergeblich. Nirgends ließ sich auch nur die geringste Spur eines Menschen entdecken.
»Was hat das nur zu bedeuten?«, fragte der Lord voller Bestürzung. »Sollte der Junge uns seinen letzten Verzweiflungsschrei geschickt haben, um danach den Halt zu verlieren und in die Tiefe zu sinken? Wie schrecklich!«
Plötzlich drang aus der nächtlichen Finsternis erneut ein ferner, dünner Schrei herüber. Diesmal klang er mit einer neuen, von nackter Verzweiflung erfüllten Kraft. Für einen Atemzug erstarrten die drei Männer auf der Plattform zu Stein. Dann rief Skworeschnja aus: »Er ist auf dem Eis! Er ist auf dem Eisberg, Genosse Kommandant!«
»Aber der Eisberg ist, nach dem Kurs des Aufklärers zu urteilen, mehr als drei Kilometer weit entfernt, Skworeschnja. Aus einer solchen Distanz würden wir keinen Schrei hören«, wandte der Kapitän ein.
»Ich weiß es nicht. Ich kann es mir nicht erklären, aber er ist dort, nur dort! Wo sonst sollte er sein?«, sagte Skworeschnja mit sich überschlagender Stimme.
»Gut«, beschloss der Kapitän, »ich lenke das Geschoss zum Eisberg.«
Im Zentrum des Bildschirms erschien wieder der Koloss aus Eis. Der gewaltige Eisberg erhob sich majestätisch aus dem Wasser, seine zahllosen Facetten glänzten in mattem Schein. Er war zerfurcht von Grotten und Klüften, bekrönt von skurrilen Spitzen, Säulen und Türmchen. Gehorsam den Bewegungen des kleinen Handrads in den Händen des Kapitäns folgend, drehte sich der riesige Eisberg auf dem Bildschirm langsam von einer Seite zur anderen. Der Schirm zeigte bald eine Spalte, bald einen Vorsprung, bald eine dunkle Senke, deren Kanten und Flächen matt schimmerten. Einige dieser Flächen waren dicht übersät mit dunklen und grauen Punkten; kaum näherte sich ihnen das Auge des Beobachters, begannen sie sich zu regen, verwandelten sich in Vögel, die bisweilen aufgeschreckt aufflogen, um sich sogleich wieder an Ort und Stelle niederzulassen.
»Unser Aufklärer hat diese Möwen, Fregattvögel und Eissturmvögel aufgescheucht«, bemerkte der Lord. »Vielleicht bemerkt der Junge ihn und schöpft neuen Mut. Da! Da ist er!«, rief er plötzlich aus und beugte sich tief über den Bildschirm.
Der Kapitän riss das kleine Handrad in die entgegengesetzte Richtung. Der Eisberg auf dem Schirm machte einen abrupten Sprung, neigte sich zur Seite, verschwand, tauchte wieder auf und stand schließlich felsenfest. Auf einem seiner Felsplateaus, fast unmittelbar über dem Abgrund und vor dem breiten, einer Orchestermuschel ähnlichen Eingang zu einer Grotte, war ein kleiner, länglicher, dunkler Fleck zu sehen. Dieser Fleck wuchs zusehends vor ihren Augen, vergrößerte sich und verwandelte sich binnen weniger Sekunden in die kleine Gestalt eines Menschen, der ausgestreckt auf dem Eis lag.
»Er ist es, Genossen, er ist es!«, sagte der Lord mit bebender Stimme.
»Gebe ein Zehntel Kraft voraus«, ertönte die feste, präzise Stimme des Kapitäns. »Das Gleitboot rufen! Bereitmachen zum Fieren!«
»Zu Befehl: Gleitboot rufen, bereitmachen zum Fieren!«
Skworeschnja wandte sich zu der nächstgelegenen, dicken Strebe des Geländers und drückte auf einen Knopf. Am oberen Ende der Strebe klappte ein Deckel auf; Skworeschnja zog an einem Kabel ein kleines Mikrofon aus der Öffnung. Mit gedämpfter Stimme gab er jemandem eine Anweisung durch, steckte das Mikrofon wieder an seinen Platz und schloss den Deckel.
Unterdessen berührte der Kapitän einen der Knöpfe auf der vorderen Konsole und schob den äußersten Hebel auf der Skala um einige Teilstriche nach rechts.
Der metallene Hügel erzitterte und setzte sich in Bewegung, wobei er immer mehr an Fahrt gewann. Das Wasser umströmte mit leisem Plätschern seinen breiten, runden Bug, glitt an den zahlreichen Längsrillen seiner Flanken entlang und schloss sich hinter ihm wieder.
Ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden, auf dem das Bild des Eisbergs mit der menschlichen Gestalt wie eingefroren stand, drehte der Kapitän leicht an dem weiß aufleuchtenden Steuerrad. Das Schiff änderte gehorsam seinen Kurs um einige Grad nach Süden.
Aus der Luke traten zwei Männer in Matrosenblusen und Tellermützen. Hinter ihnen kamen zwei Kisten zum Vorschein: die eine etwas größer, länglich und flach, die andere kleiner, fast würfelförmig. Die Männer stellten sich regungslos zu beiden Seiten der Luke auf, jeder mit seiner Kiste zu Füßen. Aus einem Spalt, der sich neben der Luke öffnete, glitt eine flexible Metallleiter hinab. Sie schmiegte sich dicht an die Außenhaut des Schiffes und stoppte, sobald ihre unterste Sprosse ins Wasser eintauchte.
In diesem Moment kam eine leichte Brise auf, und ein unerwartetes Licht begann sich jäh über die Oberfläche des Ozeans zu ergießen. Es flammte mal hier, mal dort auf, stieg mal aus den Tiefen empor oder sank wieder hinab – als grünlich-blaue, bläulich-grüne, leuchtende Nebelstrukturen, die aus Myriaden winziger, zarter Funken bestanden. Sie schillerten in rötlichen Nuancen, verschmolzen zu großen Flecken, ergriffen immer mehr Raum und entflammten auf den feinen Kanten der vom Wind gekräuselten Wellen wie eine Masse glühender Kugeln.
Und plötzlich erglühte die gesamte Oberfläche des Ozeans, als wäre sie mit einer Schicht weißglühender Eisenspäne bedeckt. Im nächsten Augenblick verwandelte sie sich in geschmolzenes, flüssiges Silber, in dem kleine Sterne, Kugeln und Ovale aus blutroten Rubinen, grünen Smaragden und blauen Saphiren entbrannten. Es wurde taghell, doch alles wirkte dabei seltsam, neu und unerkennbar: Das Licht strömte von überall her, von allen Seiten, und es gab keine Schatten mehr.
»Pyrosomen!«, rief der Lord voller Entzücken. »Pyrosoma atlanticum! Die leuchtstärksten aller Meereskreaturen. Was für ein prachtvolles Schauspiel!«
Der metallene Hügel jagte vorwärts und pflügte durch die Wellen, wobei er zu beiden Seiten Gischt aus kaltem Feuer aufwirbelte. Plötzlich, direkt am Fuße des Rumpfes, schnellte aus diesem flüssigen Brand ein langer, geschmeidiger Leib empor. Es wirkte, als sei er gänzlich in silberblau gewobenen Brokat gehüllt, beschrieb einen eleganten Bogen, tauchte unter und verschwand. Dem ersten folgte sogleich ein zweiter, dann ein dritter, ein vierter – und binnen einer Minute hatte eine ganze Schule von Delphinen das Schiff in einem stürmischen, fantastischen Tanz umringt, dem sie mühelos folgten.
Ein lauter Ruf Skworeschnjas riss den Lord jedoch jäh aus diesem Anblick und holte ihn in die Wirklichkeit zurück.
»Der Mensch auf dem Eis!«
In einer Entfernung von zweihundert Metern ragte der gigantische Eisberg auf. Er erhob sich wie ein von Flammen erfasster Berg, unerträglich hell, und schillerte in allen Farben des Regenbogens – wie ein ungeheurer Diamant, erfüllt von innerem Feuer. Auf dem blendend weißen Plateau des Eisbergs, direkt unter der muschelförmigen Grotte, zeichnete sich nun in aller Deutlichkeit die reglose, dunkle Gestalt eines Menschen ab.
Hinter dem Schiff, wenige Dutzend Meter von der Plattform entfernt, begann das Wasser im selben Moment heftig zu brodeln, und das Fahrzeug kam fast augenblicklich zum Stehen.
»Gleitboot zu Wasser!«, befahl der Kapitän.
Einer der Männer an der Luke legte seine Kiste auf die Seite und löste die Verriegelung. Die Kiste entfaltete sich und verwandelte sich innerhalb einer Minute in ein kleines Gummi-Gleitboot, das von einem komplexen Skelett aus glänzenden Metallstreben, Bändern und Platten gestützt wurde. Aus der zweiten Kiste wurde unterdessen ein kleiner Elektromotor mit klappbarer Schiffsschraube gehoben und am Heck des Gleitboots montiert.
Nur einen Augenblick später glitt das Boot auf das leuchtende Wasser hinab. Mit Skworeschnja am Steuer und seinen beiden Gefährten an Bord schoss es lautlos auf den Eisberg zu, überschüttet von weißen Funken aus Feuer und Tropfen brennender Edelsteine.
Aus der Ferne drang Skworeschnjas Stimme herüber, der rief, Fragen stellte und dem Jungen Mut zusprach.
Auf dem Rückweg schien das Gleitboot wie auf feurigen Flügeln zu fliegen. Mit bereits ausgeschaltetem Motor hatte es den metallenen Schiffsrumpf noch nicht ganz berührt, da stürmte Skworeschnja auch schon die Plattform hinauf. In seinen Armen wiegte er den kleinen menschlichen Körper, dessen Kopf und Beine hilflos herabhingen.
»Der Junge! Der Junge!«, rief er mit erregter, freudiger Stimme. »Es ist noch ein ganz junger Kerl!«
»Lebt er?«, drängte der Lord an die Reling.
»Er ist bewusstlos. Zuerst hat er noch gestöhnt, dann wurde er ganz still.«
»Schnell zu mir, in die Lazarettstation!«, rief der Lord, begab sich zur Luke und verschwand in der Tiefe.
Ihm nach folgte Skworeschnja mit seiner kostbaren Last.
Danach stiegen auch die Männer hinab, die das Gleitboot und den Motor wieder in ihren Kisten verstaut hatten; die Leiter glitt zurück in ihren Spalt.
Auf der Plattform blieb der Kapitän allein zurück. Er drückte eine Taste auf der Konsole: Das Geländer öffnete sich, teilte sich an mehreren Gelenken auf, und die horizontalen Streben senkten sich. Sie schmiegten sich eng an die Pfosten und glitten gemeinsam mit ihnen ins Innere des Hügels. Der Kapitän überflog die Plattform mit einem letzten Blick, musterte den einsamen Ozean und zog sich ebenfalls durch die Luke zurück.
Sofort danach begann der sonderbare Hügel rasch zu sinken und war nach wenigen Augenblicken vollständig unter Wasser verschwunden. Eine heranrollende Welle strich wie ein riesiges Bügeleisen über die Stelle, an der sich der Hügel soeben noch erhoben hatte, als wollte sie auch die letzten Spuren seiner Existenz von der Oberfläche des Ozeans tilgen.
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