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Felsenherz der Trapper – Teil 02.6

Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 2
Das Geheimnis der Llano Estacado
6. Kapitel
Ein Retter in der Not

Je näher Felsenherz dem Lager kam, desto mehr wich seine Erregung einer kalten Entschlossenheit. Er unterschätzte die Gefahr nicht. Das Lager war zweifellos von Wachen umstellt, und seine größte Sorge war es, diesen Ring unbemerkt zu durchbrechen.

Vom Gipfel eines Hügels aus konnte er erste Details erkennen. Der Apache-Spring war ein etwa achtzig Meter breiter See, der sich über zweihundert Meter von Norden nach Süden erstreckte. Das Ostufer war bewaldet, während das Westufer felsig abfiel. Unter den Bäumen brannten etwa fünfzehn riesige Feuer – ein Zeichen dafür, dass sich die Mescalero aufgrund ihrer Überzahl absolut sicher fühlten.

Felsenherz kroch auf allen Vieren voran. Er stellte fest, dass das Westufer unbewacht war. Schließlich lag er hart am Wasser zwischen großen Steinen und überblickte das Lager. An vier schlanken Bäumen waren Gefangene festgebunden: ein Indianer, Lord Barnley, der lange Billy und – tatsächlich – Fred Hobler!

Felsenherz ließ seine Büchse im Versteck zurück, zog Jacke und Stiefel aus und glitt lautlos ins Wasser. Er schob einen kleinen Kaktusstrauch vor sich her, den er mit Grasbüscheln getarnt hatte. Sobald er den Boden unter den Füßen verlor, drückte er sich den Strauch über den Kopf. Für einen flüchtigen Beobachter sah es nun so aus, als triebe lediglich ein entwurzelter Busch auf dem See.

Mit kaum merklichen Bewegungen schwamm er auf eine Gruppe Büsche am Ostufer zu. Nach einer Stunde geduldiger Arbeit – wobei er störende Zweige lautlos mit dem Messer abschnitt – erreichte er die Rückwand des einzigen Lederzeltes im Lager. Davor brannte ein Feuer, und Stimmen drangen zu ihm durch.

Er zuckte zusammen. Das war Annas Stimme! Und die andere gehörte Wattami.

Vorsichtig schlitzte Felsenherz das Zeltleder auf und schob sich hinein. Er hörte, wie Wattami sagte: »Du wirst das Weib des Häuptlings der Mescalero werden. Ich habe gesprochen!«

»Niemals!«, rief Anna verzweifelt. »Lieber sterbe ich!«

»Morgen wirst du zusehen, wie Hobler als Erster gemartert wird«, entgegnete der Häuptling kühl. »Geh nun in dein Zelt und ruh dich aus.«

Felsenherz warf sich zur Seite, als der Vorhang zurückgeschlagen wurde. Doch beim Eintreten berührte seine Hand den Saum ihres Rocks. Anna sah die Gestalt am Boden und schrie vor Schreck auf. Wattami, sofort misstrauisch, drängte sie beiseite und riss den Vorhang hoch.

Felsenherz schnellte empor. Alles hing von der Kraft seiner Faust ab. Ein gewaltiger Stoß traf Wattami mitten in die Herzgrube, sodass der Häuptling rücklings ins Feuer stürzte. »Mir nach! Anna, ich bin’s!«, flüsterte Felsenherz. Er packte ihre Hand und zerrte sie durch den Schlitz im Zelt, während draußen bereits das Geschrei der herbeistürmenden Apachen losbrach.

»Hier, durch das Loch! Schnell!«, keuchte er. Doch es war zu spät. Das Zelt wurde von den Angreifern beiseite gerissen, und das lodernde Feuer beleuchtete die Fliehenden. Ein riesiger Apache schwang bereits seinen Tomahawk. Anna warf sich in Todesangst schützend vor ihren Bruder. Felsenherz hörte einen dumpfen Aufprall. Anna glitt zu Boden. Im nächsten Moment stürzten sich sieben Krieger auf ihn, rissen ihn nieder und pressten ihm die Arme auf den Rücken.

Felsenherz wehrte sich nicht mehr. Sein Blick war starr auf seine Schwester gerichtet. In ihrer Schläfe steckte die Streitaxt, die eigentlich ihn hätte treffen sollen. Ein gellendes Jubelgeschrei brach aus. Wattami näherte sich, gestützt auf zwei Krieger. Seine Adlerfedern und die Skalplocke waren im Feuer verbrannt. Mit blutunterlaufenen Augen starrte er Felsenherz an und hob sein Messer. »Hund von einem Bleichgesicht! Dein Skalp wird noch heute Nacht an dem Feuer trocknen, das mich entehrt hat!«

In diesem Moment erwachte Felsenherz aus seiner Betäubung. Rasende Wut trieb ihm das Blut in den Kopf. Er warf sich mit solcher Gewalt nach hinten, dass er die Wachen mit zu Boden riss. Er stand wieder auf den Beinen, bereit zum letzten Kampf – doch da geschah etwas Unvorhersehbares.

Die Mescalero stoben auseinander, als hätte sie der Blitz getroffen. Der Geisterbüffel war erschienen! Das riesige, leuchtende Tier raste mitten in das Lager und blieb dort schnaubend stehen. Panik ergriff die Indianer.

Felsenherz zögerte keine Sekunde. Er packte seine leblose Schwester, rannte zum See und schwamm mit letzter Kraft zum anderen Ufer. Er fand seine Büchse und hastete weiter in die Dunkelheit der Dünen, bis er vor Erschöpfung zusammenbrach. Er legte Anna in den Sand. Die Wunde blutete kaum noch. Verzweifelt fühlte er ihren Puls.

»Sie lebt!«, rief er heiser. »Sie lebt noch!«

»Ich werde sie tragen, Felsenherz«, erklang plötzlich die milde Stimme des Skalpierten neben ihm. »Wir tun alles, um sie zu retten. Aber lasst euch dies eine Lehre sein: Handelt niemals überstürzt. Hättet ihr auf mich gewartet, wäre es vielleicht anders gekommen.«

Eine halbe Stunde später lag Anna auf einem weichen Lager in der Felsenwohnung. Felsenherz beobachtete staunend, wie geschickt der Händler die Wunde versorgte. Der Tomahawk hatte den Schädelknochen zum Glück nur gestreift. »Sie wird wieder gesund«, erklärte der Händler. »Ein so kräftiges Mädchen stirbt nicht so leicht. Aber jetzt müssen wir an die Gefangenen denken. Der Lord, Billy und Chokariga müssen frei sein, bevor die Sonne aufgeht.«

»Chokariga?«, entfuhr es Felsenherz.

»Ja, er wollte Euch zu Hilfe eilen und ist den Apachen in die Hände gefallen. Ich konnte kurz mit ihm sprechen; mich lassen die Indianer gewähren, da ich mich nicht in ihre Händel mische. Doch wenn wir nicht handeln, sind sie verloren. Die Krieger der Comanchen werden erst gegen Mittag eintreffen – zu spät für die Gefangenen.«

Der Skalpierte sah Felsenherz fest an. »Ich habe Wattami Gold und Pulver für Eure Schwester geboten, doch er hat abgelehnt. Jetzt werde ich meine Unparteilichkeit aufgeben. Wir reiten gemeinsam hinüber. Ich werde Anna einen Schlaftrank geben, damit sie sicher ruht, während wir fort sind.«

Felsenherz nickte entschlossen. Bevor sie aufbrachen, sagte er leise: »Wüsstet Ihr, dass es der Geisterbüffel war, der mir die Flucht ermöglichte …«

»Ich weiß es«, erwiderte der Skalpierte achselzuckend. »Aber es war nur ein weißer Büffel und ein glücklicher Zufall. Vorwärts – es ist höchste Zeit!«

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