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Hagen – Im Tal der Nibelungen

Hagen – Im Tal der Nibelungen
Ein deutsches Fantasy-Großprojekt im Kino? Da schrillten bei Genre-Fans reflexartig die Alarmglocken. Zu oft endete der Versuch, internationales Niveau zu erreichen, in sterilem CGI-Murks oder unfreiwillig komischer Ritterspiel-Romantik. Doch mit Hagen – Im Tal der Nibelungen wagen die Regisseure Cyrill Boss und Philipp Stennert etwas, das Seltenheitswert hat: Sie nehmen Wolfgang Hohlbeins Roman-Klassiker und bürsten den uralten Nibelungen-Mythos radikal gegen den Strich.

Das Ergebnis? Ein spektakulärer, mutiger und visuell berauschender Ritt, der am Ende vor allem an seiner eigenen Verwertungsstrategie stolpert.

Der größte Triumph des Films liegt in seiner Psychologie. Vorbei sind die Zeiten, in denen das Nibelungenlied brav in Gut gegen Böse unterteilt wurde.

Hagen von Tronje (Gijs Naber) ist kein finsterer Meuchelmörder aus dem Hinterhalt, sondern ein stoischer Pragmatiker. Getrieben von eiskalter Staatsräson und einer tief vergrabenen, unerfüllbaren Liebe zu Kriemhild, bekommen seine späteren Grausamkeiten eine tragische, fast logische Unausweichlichkeit.

Jannis Niewöhner spielt den strahlenden Helden Siegfried von Xanten wie einen arroganten, unbedarften Popstars der Antike. Seine Unverwundbarkeit ist hier kein Segen, sondern ein emotionales Defizit: Wer keinen Schmerz kennt, der empfindet eben auch keine Empathie für die Sterblichen um ihn herum.

Diese radikale Entzauberung des Mythos sorgt allerdings für thematische Reibung. Wenn die Welt so real, dreckig und politisch gezeichnet wird, wirken die verbleibenden Fantasy-Elemente – wie das Rheingold oder Brünhilds Walküren-Vibe – plötzlich wie Fremdkörper. Hier hätten die Macher Mut zur Lücke beweisen müssen: Entweder voller magischer Realismus oder ein konsequenter Verzicht auf das Übernatürliche zugunsten eines reinen Historiendramas.

Optisch setzt der Film neue Maßstäbe für das deutsche Kino. Kameramann Philip Peschlow schickt uns direkt in die Völkerwanderungszeit. Worms ist keine strahlende Märchenburg, sondern ein von Schlamm, Dreck und Verfall bedrohtes Machtzentrum. Alles wirkt haptisch, geerdet und angenehm düster – eine Wohltat im Vergleich zum sonst so sterilen Hollywood-Einheitsbrei.

Allerdings lässt sich das Budget-Gefälle zu Giganten wie Game of Thrones oder The Northman nicht komplett kaschieren. Wo das Geld für epische Massenszenen fehlte, flüchtet die Regie oft in die Naheinstellung. Das ist kein handwerkliches Versagen, sondern clevere Ressourceneinteilung. Wo diese Reduktion aufs Kammerspiel jedoch fehlschlägt – etwa bei einem spürbar am Computer generierten Drachen –, leidet die Immersion.

Die gravierendste Schwachstelle des Films liegt allerdings nicht auf der Leinwand, sondern auf dem Papier der Produzenten. Das Projekt wurde hybrid konzipiert: als zweieinhalbstündiger Kinofilm und als sechsteilige Eventserie. Und genau dieses doppelte Fundament wird im Kinosaal zum Stolperstein.

Man merkt der Kinofassung in jeder Minute an, dass sie das Destillat eines viel größeren Epos ist. Es fehlt schlicht die Zeit zum Atmen. Wichtige Nebenfiguren verblassen, das Tempo im Mittelteil peitscht viel zu gehetzt voran, und emotionale Brüche – wie die abrupte Entwicklung zwischen Kriemhild und Hagen – wirken eher behauptet als dramaturgisch sauber erarbeitet.

Hat Hagen – Im Tal der Nibelungen enttäuscht? Keineswegs. Der Film ist im besten Sinne ambitioniert gescheitert und gleichzeitig ein riesiger Erfolg. Er beweist, dass Deutschland das Genre der Dark Fantasy handwerklich und darstellerisch meisterhaft bespielen kann.

Wer bereit ist, über das gehetzte Pacing und die strukturellen Unebenheiten hinwegzusehen, bekommt ein packendes Drama über Schuld, Loyalität und den Untergang einer Epoche. Die vollständige narrative Kraft dieses Meilensteins wird sich aber vermutlich erst entfalten, wenn die Serienfassung das Interesse daran geweckt hat.

(wb)

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