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Nick Carter – Band 20 – Ein Kindesraub – Kapitel 3

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein Kindesraub
Ein Detektivroman
Kapitel 3

Nick Carter als Geometer

In dem staatlichen Geometer und Vermessungsbeamten, welcher tags darauf in einem flotten Buggy (Einspänner), auf welchem all seine Instrumente sorglich verstaut lagen, zum von Dave Groble gepachteten Farmbesitz unterwegs war, hätte kein Mensch den berühmten Detektiv wiederzuerkennen vermocht.

Dieser wusste, dass die beiden abgrenzenden Staaten eine gemischte Kommission zur genauen Feststellung der Staatsgrenzen ernannt hatten; dieser musste überall Zutritt gewährt werden. Darum war Nick Carter auf den Einfall gekommen, sich als Beamter dieser Behörde aufzuspielen. Auf solche Weise konnte er unverfänglich den Verdächtigen und dessen gesamte Umgebung sondieren, ohne dadurch den geringsten Argwohn hervorzurufen.

Mit dem Gedanken, dem Entführer Klein-Dorrit womöglich wieder auf gewaltsame Weise abzujagen, konnte sich Nick Carter in seiner Rechtlichkeit nur schwer befreunden.

Gewiss, er war entschlossen, seinem väterlichen Freunde getreu zur Seite zu stehen und im Notfall auch zu drastischen Maßregeln zu greifen.

Zuvor wollte er indessen doch zusehen, ob nicht ein anderer, gesetzlicher Ausweg blieb.

Malepartus, so hatte Dave Groble das von ihm gepachtete Gut umgetauft, stellte einen kostspieligen Besitz dar und zu dessen Unterhaltung bedurfte es großer Geldsummen.

An solchem hatte es Dave Groble aber immer gemangelt, wenigstens nach Versicherung seines Schwiegervaters, und er musste Mittel und Wege in letzter Zeit gefunden haben, um sich in den Besitz reichlicher Mittel zu setzen; sonst hätte er nie und nimmer an eine Pacht des Gutes und an die Unterhaltung einer Art persönlicher Leibgarde denken können.

Unauffällig hatte sich der Detektiv den Weg nach Malepartus beschreiben lassen und munter kutschierte er seinem Ziel zu.

Als die staubige Landstraße sich schließlich in schattiges Waldgehölz verlor, gewahrte er einen sich endlos ins Weite dehnenden Stacheldrahtzaun und bald darauf kam er an ein eisernes Gittertor, auf welchem ein Schild mit der Aufschrift Malepartus befestigt war.

Kaum hatte der Detektiv indessen Anstalten gemacht, durch den Torweg zu fahren, als aus Büschen nahebei zwei ungeschlacht dreinschauende Kerle hervorsprangen und dem Gaul des vermeintlichen Geometers in die Zügel fielen.

»Hier ist verbotener Weg!«, riefen sie grob, indem sie das Tier zur Umkehr zwangen und es samt dem Wagen mit dem heftig protestierenden Detektiv darin wieder der Landstraße zuwendeten. »In Malepartus hat niemand etwas zu suchen!«

»So? Na, das wäre noch schöner!«, ereiferte sich Nick, getreu seiner Rolle als Vermessungsbeamter. »Ich erscheine hier im Namen des Staates New York und bin beauftragt, innerhalb des Grundstücks die Staatsgrenze genau zu vermessen. Darum kam ich hierher und wer mich an der Ausübung meiner Dienstpflicht verhindert, macht sich eines Vergehens schuldig!«

»Sieh mal an!«, höhnte der eine. »Ein Prozessvorlader ist er, doch gerade darum kommt er nicht nach Malepartus!«

»Gut, nur zugefahren«, drohte sein Gefährte. »Die Staatsgrenze verlässt das Grundstück etwa zweihundert Hards von hier und läuft dann weiter mit der Landstraße!«

»Weiß ich allein!«, erboste sich der Detektiv. »Doch ich habe innerhalb der Farm Triangulationsarbeit zu verrichten.«

»Was für eine Sorte?«, brummte einer der Kerle mit weit offenem Mund.

»Strangulationsmarke«, erklärte sein belesener Genosse. »Das ist, wenn einer sich aufgehängt hat, das sieht man dann am Hals.«

»Was der Daus!«, höhnte der Erste wieder. »Sieh einer den Kerl! Er will wohl gleich mit Aufhängen im Fuchsloch beginnen?«

»Ach was, Unsinn!«, knurrte Nick nur noch gereizter, »ich muss im Grundstück drinnen mit Tangente und Sekante arbeiten – und außerdem logarithmische Berechnungen anstellen, sowie Quadrat- und Kubikwurzeln ziehen.«

»Der Kerl ist verrückt!«, knurrte endlich der eine Torwächter. »Wurzeln will er ausziehen!«

»Gewiss, er ist ein Zahndoktor!«, spöttelte der andere. »Doch den Zahn mag er sich mitsamt der Wurzel ziehen lassen – hinein ins Grundstück kommt er nicht, wenigstens nicht mit heilen Knochen!«

»Recht so, Cal!«, brummte der andere, indem er zugleich in die Hände spuckte, die Ärmel aufrollte und sich verheißungsvoll an den vermeintlichen Geometer wendete.

»Kalkuliere, die Instrumente da auf dem Wagen sind zu schade, an deinem Buckel zerschlagen zu werden!«, knurrte er dann. »Doch wenn du nun nicht machst, dass du weiterfährst, will ich dir die Staatsgrenzen auf den Rücken malen – und zwar braun und blau.«

Doch der Detektiv schaute ihn nur mit gelassenem Lächeln an.

»Mein Lieber!«, bemerkte er mit erhobener Stimme. »Ich will diese Worte nicht gehört haben, ich bin Beamter und wer sich an mir vergreift, macht mit der Zebra-Uniform der Sträflinge Bekanntschaft, doch ich habe keine Lust, mich mit Ihnen herumzustreiten. Ich habe Befehl, Messungen in diesem Grundstück vorzunehmen. Keiner von Ihnen ist der Besitzer, nicht wahr?«

»Es gibt keinen Besitzer, hier ist nur ein Mann, der die Farm gepachtet hat.«

»Das ist gehüpft wie gesprungen!«, wehrte der angebliche Wegvermesser ab. »Verweigert mir der Pächter den Zutritt, so werde ich mir solchen natürlich nicht nur Gewalt erzwingen, sondern der vorgesetzten Behörde berichten und mit dieser kann sich Mr. Groble, so heißt der Pächter wohl, alsdann auseinandersetzen. Doch bestimmt verlange ich, dass der Pächter selbst von meiner Anwesenheit in Kenntnis gesetzt wird.«

Die beiden Burschen berieten sich flüsternd miteinander.

»Also gut«, brummte Cal endlich, »ich will es dem Herrn sagen … wie heißen Sie, Mann?«

»Ich bin kein Mann, sondern ein Gentleman und Staatsgeometer!«, entgegnete Nick mit unerschütterlichem Ernst. »Im Übrigen heiße ich Mr. Horace J. Cranford.«

»So warten Sie hier, ich will es dem Herrn melden!«, knurrte Cal.

Er wollte sich zum Gehen wenden, wurde aber durch eine tiefe Bassstimme zurückgehalten, die hinter einem der dichten Büsche hervorkam.

»Es ist schon recht, Boys, lasst den Gentleman reinfahren!«

»Hallo«, rief Cal in hellem Erstaunen, »ich wusste gar nicht, dass Sie so nahe bei der Hand waren!«

»Also los!«, wandte er sich nach dem vermeintlichen Geometer. »Herein kutschiert, denn dort steht der Herr und was der sagt, das gilt!«

Nicks Blicke fielen auf einen hünenhaften, kräftig und muskulös gebauten Mann, der von Kopf bis zu Füßen in Hirschleder gekleidet war, eine Büchse über dem Rücken trug und mit seinem kurzen, dichten Vollbart umrahmten Gesicht einen biederen, gewinnenden Eindruck gemacht haben würde, hätte in den tiefliegenden Augen nicht etwas Unstetes, Lauerndes gelegen, das den Menschenkenner sofort veranlasste, auf seiner Hut zu sein. Nick beglückwünschte sich innerlich darüber, dass es ihm gelungen war, sich unverdächtig bis an den Vater der kleinen Dorrit heranzupirschen; er hatte sich diesen ähnlich vorgestellt.

»Mr. Horace J. Cranford«, stellte Nick sich von Neuem vor. »Vermessungsbeamter der …«

»All right«, unterbrach ihn Groble mit kurzem Auflachen, »ich habe bereits gehört, was Sie meinen Leuten sagten. Bringen Sie Ihr Fuhrwerk im Stall unter oder besser noch, ich begleite Sie!«, setzte er hinzu, »denn meine Leute sind scharf gedrillt und Sie möchten unterwegs wieder aufgehalten werden.«

Damit schwang er sich auch schon neben Nick auf den Kutschbock, steckte sich die dargebotene Zigarre an, nahm Zügel und Peitsche an sich und kutschierte den schattigen Parkweg entlang.

»Das ist ein schöner Platz, den Sie da gepachtet haben«, begann Nick unterwegs eine Unterhaltung einzuleiten.

»Bin zufrieden!« brummte der andere mit mächtigem Bass.

»Aber es ist schwer, hineinzukommen«, fuhr Nick scherzend vor. »Unsereiner muss an viele Tore pochen, doch so hartnäckig wurde mir der Eintritt noch nie zuvor verwehrt, als von Ihren Leuten.«

»Natürlich, die Leute sind wie die Jagdhunde«, meinte David Groble unter hartem Auflachen. »Wäre ich nicht zufällig vorüber gekommen, und hätte den Wortwechsel gehört, dann hätten Sie mit den beiden verhandeln können, bis Ostern und Pfingsten zusammenfallen!«

»Well, Sie werden Ihre Gründe haben, Fremde so streng von Ihrem Grund und Boden fernzuhalten«, warf Nick achselzuckend ein. »Für mich wäre die Sache insofern peinlich gewesen, als ich in der Weiterarbeit unterbrochen worden wäre. Gerade auf Ihrer Farm ist die Staatsgrenze zweifelhaft und besonders ist ungewiss, wie sie die öffentliche Landstraße wieder erreicht. Es wäre ein ärgerlicher Aufenthalt geworden!« »Natürlich«, stimmte Groble, mit der Peitsche knallend, ein. »Aber man kann nicht vorsichtig genug sein. Ich habe da so einen ärgerlichen Prozess, das Recht liegt sonnenklar auf meiner Seite. Doch Sie wissen, wer hier in Amerika den größten Geldsack hat, kriegt die geschicktesten Rechtsverdreher auf seine Seite und die können einen martern und zwicken, dass einem die Geduld vergeht. Zum Glück muss einem eine gerichtliche Vorladung hier zu Lande persönlich durch einen Beamten zugestellt werden. Nun, der Mann muss alt werden, bekommt er mich zu sehen!«, setzte er unter lautem Auflachen hinzu. »Ich habe da eine Anzahl tüchtiger Jungs in meinen Diensten, Kerle, die den Teufel wieder in die Hölle jagen, geschweige mit so einem lumpigen Prozessvorlader fertig werden. Wer nichts auf dem Grundstück zu suchen hat und auf Anruf nicht stehen bleibt, bekommt mehr Kugeln in den Leib, als er verdauen kann!« »Well, ich meine, durch den dichten Wald ringsum sollte sich ein Vorlader doch bis ans Haus heranpirschen können«, bemerkte der Detektiv lächelnd.

»Ich wollte es keinem zu versuchen raten!«, vermaß sich der Kutschierende. »Er hätte eine Bleiladung im Magen, ehe er nur wüsste, wie es eigentlich zuging!«

»Da werde ich mich mit meiner Arbeit aber höllisch in Acht nehmen müssen«, brummte Nick bedenklich. »Sie würden gut daran tun, Ihre Leute darauf aufmerksam zu machen, dass die Natur meiner Berufsarbeit es erheischt, dass ich mich ungehindert bewege.«

»Nur keine Bange, ich will es den Boys schon sagen«, beruhigte David Groble. »Ich bin durchaus kein Eisenfresser, Mister. Gott bewahre, leben und leben lassen; nur auf die Hühneraugen lasse ich mir nicht treten und von meinem Recht lasse ich mir auch kein Partikelchen rauben. Das ist es, darum habe ich mir die Jungs angeschafft und wer sich gegen meinen Willen hier einschleicht, der soll erfahren, dass ich Herr hier bin!«

Nick hatte längst erkannt, dass David Groble eine äußerst mitteilsame Natur, dabei prahlerisch und großsprecherisch veranlagt war. Darum begnügte er sich mit kurzen, trockenen Zwischenbemerkungen in der richtigen Voraussetzung, dass sein Begleiter ganz von selbst von dem, was ihm auf dem Herzen lag, zu plaudern beginnen würde. Darin sollte er sich auch nicht enttäuscht sehen.

Sie waren vielleicht eine Minute lang schweigend nebeneinander dahingefahren, als Groble unvermittelt wieder sagte: »Die Sache ist nämlich nicht ohne, Mister. Die Bande will mir mein einziges Kind abnehmen.«

»So?«, äußerte Nick Carter, einen überraschten Ton annehmend. »Hol’s der Teufel!« »Mich packt die Wut, denke ich nur daran!«, grollte David Groble. »Sehen Sie den Rasenplatz dort, und die Blumengärten? Hören Sie den Wasserfall, wie er zu uns herüberdonnert und dort jene steile Felsspitze? Ich sage Ihnen, von dort haben Sie die entzückendste Rundsicht weit und breit, und die Leute pilgerten immer hier her; und mir tut es leid genug, dass ich sie von der Farm halten muss. Doch ich kann mir nicht anders helfen, denn man könnte meine Gastfreundschaft missbrauchen. Unter den Leuten möchte sich ein Sheriff oder ein Vorladungszusteller befinden. Da schloss ich das Grundstück lieber und nun darf keine Katze mehr herein!«

»Aha, Ihre Türwächter hielten mich wahrscheinlich für einen Sheriffbeamten oder Prozessvorlader!«, fiel Nick lachend ein.«

»Gewiss. Der Spektakel kann alle Tage losgehen und darum müssen wir höllisch aufpassen!«, bestätigte Groble.

»Wirklich im Ernst, man will Ihren Jungen, Ihr eigenes Fleisch und Blut, Ihnen gewaltsam abnehmen?«, wendete Nick ungläubig ein.

»Der Junge ist ein Mädchen!«, brummte Groble. »Im Übrigen ist es so. Die Kleine ist fünf Jahre alt, und war immer bei der verdammten Schwefelbande – ich habe mir mein Kind erst vor wenigen Tagen geholt!«

»Ah so! nun verstehe ich!«, meinte der angebliche Geometer. »Sie befürchten, dass der Vormund der Kleinen oder deren Mutter die Wiederherausgabe des Mädchens vor Gericht durchsetzen möchte, und aus diesem Grund suchen Sie jedem Prozess auszuweichen. Well, Mr. Groble, ich kann nur sagen, Sie haben meine volle Sympathie. Wäre ich Vater und mein Kind sollte mir gewaltsam ferngehalten werden, so würde ich nicht anders handeln! Das Gesetz muss Sie unterstützen!«

»Es sollte es wenigstens!«, knurrte Groble, die ausgerauchte Zigarre fortschleudernd. »Doch wer kann voraus sagen, wie so eine Geschichte schließlich ausgeht! Was aber geschehen würde, sollte man mir ein Kind wieder abzujagen suchen, das weiß ich freilich – Gold klingt, Sie verstehen?«

Nick Carter verstand zwar nicht, doch er lachte beifällig. »Sie Glücklicher, Sie mögen die Taschen schön voll Geld haben!«, versetzte er unter einem Seufzer.

»Es geht an«, bestätigte David Groble protzig. »War aber nicht immer so. Die Gevatterschaft von meiner Kleinen dagegen schwamm immer im Reichtum wie ein Fisch im Wasser. Ich meine die Verwandten meiner Frau. Sie selbst ist tot. Doch ihr Vater hatte die Kleine. Ein ganz gewöhnlicher Bauer, er heißt Sherman und wohnt in New York. Vielleicht kennen Sie ihn?«

»Habe nicht das Vergnügen. Ich bin aus dem oberen Staat und komme selten genug nach New York!«

»Well, Sie haben nichts verabsäumt«, knurrte Groble unter grimmigem Auflachen. »Der Alte ist so ziemlich der schäbigste Filz, den man sich denken kann.«

»Nun, allzu lieb haben Sie Ihren Schwiegervater auch nicht!«, meinte Nick lachend. »Lieb haben? Hat sich was! Ich hasse ihn. Darum habe ich ihm auch die Kleine abgejagt. Der alte Sünder hängt mit einer Affenliebe an dem Ding«, begehrte Groble wieder auf, während es tückisch in seinen Augen aufblitzte. »Vorläufig weiß er nicht, wo ich stecke. Doch er hat Geld genug, um es herauszubekommen und dann wird er mir mit Klagen zusetzen! Der Narr, mein Kind ist in meiner Gewalt und wer im Besitz ist, der hat neunmal von zehnmal Recht! Ich werde mir keinen Zollbreit abkämpfen lassen, er soll sich hüten, der scheinheilige Schleicher!«

»Well, ich kann Ihnen nicht Unrecht geben«, versetzte Nick bedächtig.

»Kunststück, das kann kein Mensch!«, äußerte Groble. »Doch hier führt der Weg zur Rechten, falls Sie zuerst einmal die Farm übersehen wollen. Die Staatsgrenze selbst führt durchs Haus.«

»Am besten ist es wohl, ich stelle erst mein Pferd ein und orientiere mich alsdann auf Schusters Rappen!«, scherzte der Detektiv.

»Tun Sie ganz, als ob Sie zuhause wären. Ich bin ein umgänglicher Mensch, wie gesagt. Natürlich sind Sie mein Tischgast, keine Widerrede! Die große Glocke ruft zum Essen, Sie werden das Läuten schon hören.«

»Schönen Dank auch, ich werde mich pünktlich einfinden!«

Als Nick Carter vor dem Stall anfuhr, saß ein Mann vor diesem rauchend auf einer Bank.

»Jere!«, rief Nicks Begleiter ihm schon von Weitem zu, »der Herr hier ist ein Staatsgeometer und er hat einen Tag oder zwei hier auf der Farm die Staatsgrenzen abzumessen. Sage den Boys, dass er all right ist. Sie sollen ihn ungeschoren lassen und ihm behilflich sein, falls er es brauchen sollte.«

Nickend trat Jere an das Fuhrwerk heran. »Soll ich das Tier in den Stall führen und abreiben?«, erbot er sich.

»Soll mir angenehm sein.«

»All right! Ich werde den Gaul schon besorgen!«

Nick und Groble stiegen ab und der Detektiv nahm seine Vermessungsinstrumente aus dem Buggy.

»Ich will nun einmal zunächst den Grenzstein unten am Fahrweg feststellen und mich von dort aus zum Wohnhaus durcharbeiten, wenn es Ihnen so recht ist Mr. Groble«, meinte Nick.

»Ganz wie Sie wollen«, entgegnete dieser. »Vergessen Sie nur die Mittagsglocke nicht, denn ich warte nicht gern!«

»Ums Himmelswillen nicht!«, scherzte der Detektiv. »Das richtige Einhalten der Mahlzeiten erscheint mir wichtiger als selbst die dringlichsten Staatsgeschäfte!« »Hallo!«, rief Groble dem Detektiv nach, als dieser sich entfernen wollte. »Brauchen Sie keine Hilfe?«

»Nicht jetzt, danke schön! Vielleicht später dann wäre es mir lieb, hielte jemand die Flagge für mich. Es erleichtert das Vermessen.«

»Das dachte ich mir. Grenzvermesser arbeiten überhaupt in der Regel zu zweit, nicht?« »Gewiss«, entgegnete Nick unter verständnisinnigem Schmunzeln, »wir haben in der Regel einen jungen Menschen mit uns, für den der Staat bezahlt. Doch behilft man sich allein, so spart zwar nicht der Staat, aber unsereiner!«

»Hahaha!« lachte Groble. »Für den Staat bleibt die Rechnung dieselbe, ob sich ein Junge dabei befindet oder nicht das gefällt mir! Klug muss der Mensch sein! Ich glaube, wir könnten zusammen gute Freunde werden!«

»Leben und leben lassen!«, meinte Nick schmunzelnd. »Das heißt, das leben lassen ist nicht so notwendig, als selbst zu leben!«

»Sie sind all right!«, frotzelte Groble von Neuem. »Machen Sie, dass Sie bald fertig werden, und dann halten Sie einen Feiertag. Ich kann Sie zu dem besten Forellenbach, den Sie je erblickt haben, führen. Auf diese Weise können Sie dem Staat ein paar Tage anrechnen, und fette Forellen fangen, was?«

»Natürlich, wenn man nur den guten Willen dazu hat, so geht alles, sagte jener junge Farmer, als man sich darüber wunderte, wie er den eigenen alten Vater verklagen konnte!«

Lachend trennten sich die beiden Männer. Beladen mit den Vermessungsinstrumenten marschierte der Detektiv nun über den Rasenplatz zur Fahrstraße, wo er nach einigem Suchen auch den Grenzstein auffand. Er setzte über diesen den Dreifuß, richtete das Vermessungsglas nach dem auf dem Grenzstein angegebenen Winkel und schaute dann aufmerksam durch das scharfe Fernglas. Genau konnte er das stattliche Wohnhaus mit der geräumigen Piazza davor erblicken. Im Schatten der Letzteren saß Groble im Schaukelstuhl und war eben dabei, sich eine neue Zigarre anzuzünden. »Well, ich glaube, der Bursche hat hinsichtlich der Staatsgrenze recht«, flüsterte der Detektiv vor sich hin. »Mir scheint es sogar, als ginge die Grenze genau durch jenes Fenster. Ich werde gut daran tun, ihn auf dem Laufenden zu erhalten, um ihn ganz sicher zu machen. Damit begab sich der Detektiv zum Haus zurück und begann die Grundmauern unter der Piazza zu besichtigen. Müßig schaute ihm Groble etwa eine Minute lang zu.

»An einem der Steine nahe beim Pfosten werden Sie die Grenzmarke finden«, sagte er dann. »Wenigstens erklärte man mir, dass dort die Vermessungslinie sich befinde.« »Gewiss, hier ist sie schon!«, rief Nick nach kurzem Suchen. »Wollen Sie so freundlich sein, und mir die Messleine einen Augenblick halten?«

»Sicher, es dürfen sogar zwei Augenblicke sein!«

»Bewegen Sie sie nach rechts oder links, wie ich es angebe«, rief ihm Nick, getreu der von ihm angenommenen Rolle, zu. »Sobald ich Ihnen zuwinke, lassen Sie das Bleigewicht langsam zum Boden niedergleiten. Dann halten Sie die Leine fest, bis ich zurückkomme.«

»All right«, rief Groble lachend. »Ich werde dem Staat schon meine Rechnung machen!« Nick lachte ebenfalls und eilte über dem Rasen zu seinem Vermessungsapparat zurück. Er entfaltete nun die gewöhnlich bei Geometern beobachtete geschäftige Tätigkeit, rückte mit dem Apparat zur Seite, stellte ihn wiederum auf, winkte lebhaft mit den Händen, schrie Verhaltungsmaßregeln über den Rasen und veranlasste Groble schließlich dazu, das Bleigewicht niederzusenken. Es ergab sich, dass es genau an der Stelle, wo der Stein mit den Zeichen eingemauert war, am Boden lag.

»Stimmt haarscharf!« erklärte Nick. »Das wäre bereits getan, nun bleibt mir noch übrig, auch von der anderen Hausseite aus die Grenzlinie zu vermessen und diese bis in die Wälder drüben zu verfolgen.«

»Machen Sie, was Sie wollen, mir soll es recht sein!« erklärte der Pächter.

Natürlich hatte der Detektiv seine ganze Tätigkeit nur zu dem Zweck entfaltet, um Groble vollständig sicher zu machen und jeden etwaigen Argwohn bei ihm im Keim zu ersticken. Seit es ihm gelungen war, Zutritt in die Farm zu gelangen, hatte er verschiedene wichtige Entdeckungen gemacht. Einmal wusste er, dass Klein Dorrit sich wirklich in der Gewalt ihres unnatürlichen Vaters befand. Zwar hatte er die Kleine noch nicht selbst gesehen, doch er hoffte, sie ebenso zu entdecken, wie auch Annie Wilson, ihre geistesgestörte Pflegerin. Doch noch eine zweite Entdeckung hatte der Detektiv gemacht, welche ihm nicht wenig zu denken gab. Schon beim ersten Blick auf David Groble hatte er in diesem den Mann wiedererkannt, welcher ihm vor Monatsfrist in New Hamburg nächtlicherweile darum gebeten hatte, sich bei der Verfolgung eines Bankräubers anzuschließen und der dann plötzlich spurlos verschwunden war.

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