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Wundersame Abenteuer zweier Scholaren durch die Welt – Kapitel 2

Ralph Alexander, Serge Patrice

Wundersame Abenteuer zweier Scholaren durch die Welt

Zusammenfassung des bisherigen Geschehens

Im Jahre 1491, im Nachgang eines universitären Tumults, der mit der Ermordung des Rektors endete, wird Amaury de Preuilly-Montfort, ein Pariser Scholar, zu Unrecht inhaftiert. In den Kerkern des Grand-Châtelet erreicht ihn eine geheimnisvolle Botschaft: Seine Mutter schwebt in tödlicher Gefahr. In seiner Verzweiflung klammert er sich an die Hoffnung, die ihm ein Unbekannter bietet, der ihn im Gefängnis aufsucht und ihm die Flucht verspricht. Doch als der Moment der Freiheit greifbar scheint, enthüllt der Fremde sein wahres Gesicht. Er ist kein Retter, sondern sein Erzfeind – jener Verräter, der seine Familie ins Verderben stürzte, den Mord an seinem Vater und Bruder verantwortet und seine Mutter in eine dunkle Staatsaffäre gezogen hat. Grausam hat er Amaurys Hoffnung genährt, nur um ihn nun umso tiefer in die Abgründe der Verzweiflung zu stoßen. Die Rettung der Mutter scheint für Amaury endgültig verloren.

Erster Teil
Die verhängnisvolle Barmherzigkeit
Kapitel II
Von einem Scholaren, einer Henkerkapuze, einem Gerichtsdiener und dem, was darauf folgte …

Amaury wich zurück. Dann brach er, plötzlich und wie von Sinnen, in ein schallendes, dröhnendes Gelächter aus. Zwischen den feuchten Mauern des Kerkers wirkte dieser Lachanfall zutiefst finster und beklemmend. Tancrède de Saint-Rièze erstarrte vor Überraschung. Der Verräter war auf alles gefasst gewesen – auf Widerstand, auf Verzweiflung, auf den Tod –, doch auf dieses Lachen war er nicht vorbereitet.

Amaury schritt auf ihn zu. Tancrède erwartete ihn standhaft, die Arme vor der Brust verschränkt. Als Amaury die Hand hob, blieb Tancrède unbewegt, doch in Amaurys Zügen zeichnete sich plötzlich ein Ausdruck maßlosen Entsetzens ab. Er senkte den drohenden Arm.

Im Glauben, der Verachtung seines Gegners Herr zu werden, spottete er: »Wie unvorsichtig du bist! Du hast die Kühnheit, dich vor mir zu brüsten, doch nicht den Mut, deine Verbrechen zu gestehen oder vor mir zu erzittern, bevor du in die Tiefe dieses Grabes hinabsteigst? Du zitterst, Elender, denn du bist mir nun auf Gnade und Verderben ausgeliefert!«

Tancrède blieb ungerührt.

»Du ahnst nicht«, fuhr der Gefangene mit drohender Miene fort, »dass du diesen Ort nicht so verlassen wirst, wie du ihn betreten hast. Die Blutschuld von Saint-Rièze muss beglichen werden. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen! Tote schreien nach Gerechtigkeit, und ich dürste danach, sie zu rächen. Noch vorhin, als ich deinen Namen nicht kannte, sagte ich dir: ›Mein Leben gehört Euch.‹ Wie du wohl gelacht haben musst! Doch nun ist die Zeit des Lachens für mich gekommen, denn dein Leben gehört nun mir!«

Dieser heftige Ausbruch vermochte die kalte Gelassenheit des Saint-Rièze nicht zu erschüttern. Er entgegnete nur: »Naiv! Glaubst du, mich mit kindischen Drohungen ängstigen zu können? Bei solch einem Wahn verliert der Scholar wahrlich den Verstand.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«, stammelte Amaury unwillkürlich.

»Bin ich nicht deine einzige Hoffnung?«, entgegnete der andere. »Ich bin der Einzige, der deine Mutter retten kann, der Einzige, der dir den Weg in die Freiheit ebnen könnte.«

Der Gefangene erbleichte. Er hatte begriffen. Ein kurzer Moment der Überlegung, dann stürzte er sich mit einem markerschütternden Schrei auf Saint-Rièze. Die beiden Männer rollten über den Boden. Überrascht von diesem Angriff, leistete Saint-Rièze kaum Widerstand gegen die heftigen Schläge Amaurys, dessen Zorn ihm übermenschliche Kräfte verlieh. Der Scholar packte seinen Gegner an der Kehle, presste sie mit der einen Hand zu, während er mit der anderen wutentbrannt auf das Gesicht des Verräters einschlug, bis dieser unter seinen Hieben zusammenbrach.

Erschöpft hielt Amaury inne. Tancrède rührte sich nicht mehr. Amaury sank auf die Knie und begann zu beten.

Als er sich wieder erhob, hatte sich sein Gesicht verwandelt. Zur Genugtuung über die vollbrachte Tat gesellte sich nun ein Funke neuer Hoffnung. Ohne zu zögern, entledigte er Tancrède seiner Kapuze und streifte sie sich, getrieben von einem instinktiven Abscheu, selbst über.

In diesem Moment öffnete sich die Kerkertür. Amaury zog die Kapuze tief ins Gesicht und schritt, die Arme in den weiten Ärmeln verschränkt, auf den Ausgang zu, ganz so, wie es Tancrède getan hätte. Doch nach zwei Schritten hielt er bestürzt inne: Im Rahmen der Tür stand ein schwarz gekleideter Mann mit einer schweren Kette um den Hals und einem langen Amtsstab in der Hand. Dahinter, im düsteren Korridor, standen elf Wachen in Reih und Glied, die Hellebarden zum Gruß erhoben.

Amaurys Hoffnung verpuffte schlagartig. Sein Fluchtversuch war kläglich gescheitert, bevor er recht begonnen hatte. Schlimmer noch: Er hatte seine Lage verschlimmert. Sollte man ihn entdecken, würde diese Verkleidung als erdrückender Beweis seiner Schuld gelten. Selbst wenn er seine Unschuld bewiese, drohte ihm nun das Schafott für den Mord an einem einflussreichen Adligen.

Dennoch war der Scholar weit davon entfernt, seine Rache zu bereuen. Er hatte ohnehin keine Zeit zum Zögern. Feierlich trat der Gerichtsdiener auf ihn zu und murmelte respektvoll: »Wenn Euer Gnaden mir folgen wollen. Das Gericht ist versammelt, die Verhandlung beginnt in Kürze.«

Amaury schwieg. Ein Soldat packte den regungslosen Saint-Rièze grob an der Schulter: »Wirst du dich rühren, Flegel, oder soll der Henker nachhelfen?«

Stets hinter der schützenden Kapuze verborgen, folgte Amaury dem Mann durch ein Labyrinth feuchter, dunkler Gänge. Bei jedem Tor klopfte der Diener in einem festen Rhythmus. Ein Guckloch öffnete sich, Schlösser rasselten, die Tür gab den Weg frei. Mit jeder durchschrittenen Schwelle entwich dem Scholaren ein Seufzer der Erleichterung. Es kann nicht ewig so weitergehen, dachte er. Man wird den Schwindel bemerken, doch es ist süß, der Freiheit ein Stück näher zu sein.

Schließlich erreichten sie eine weite Vorhalle. Der Diener öffnete eine letzte Tür, trat beiseite und kündigte ihn feierlich an: »Dom Eustache!«

In dem Raum fand Amaury weitere Männer in Kapuzen vor, die sich schweigend um ihn drängten. Er ahnte, dass die Entscheidung nun fallen würde. Schroff ergriff eine der Gestalten das Wort: »Meine Brüder, die Zeit ist gekommen!«

Ein schriller Pfiff ertönte aus einer silbernen Pfeife, und die Prozession setzte sich in Bewegung. Amaury folgte mechanisch, bis sie einen weitläufigen, totenstillen Saal betraten, der von einer erdrückenden Menge gefüllt war.

Der Gerichtsdiener verkündete: »Nehmt die Hüte ab! Die Herren Richter!«

Feierlich nahmen die Richter ihre Plätze ein. Zur Rechten des Tribunals war ein Sitz frei – Amaury nahm dort Platz, ohne recht zu wissen, wie ihm geschah. Der Gerichtsschreiber verkündete den ersten Prozess des Tages.

Amaury erzitterte, als er die Worte hörte.

»Amaury de Preuilly-Montfort, Scholar und Bakkalaureus, angeklagt wegen Mordes an der Person des Herrn Rektors der Universität Paris.«

Ironie des Schicksals! Er saß nun unter der Kutte eines jener Richter, die ihn verurteilen sollten. Und ausgerechnet dieser Stuhl gehörte dem unerbittlichsten Mann des Tribunals.

Der Präsident befahl: »Führt den Angeklagten vor!«

Amaurys Angst verdoppelte sich durch eine brennende Neugier. Schließlich öffnete sich die Seitentür, und zu seinem Entsetzen wurde der Angeklagte hereingeschleppt – es war Tancrède de Saint-Rièze, bleich und zitternd.

Eine Welle des Unmuts ging durch die Menge. Man berichtete, der Angeklagte sei ohnmächtig in der Zelle aufgefunden worden. Während ein Arzt sich um ihn kümmerte, begann die Verhandlung.

Als der Gerichtsschreiber die Anklageschrift verlas, wollte der Präsident das Verhör des Beschuldigten beginnen, doch er musste die Sitzung unterbrechen. Zur Überraschung Amaurys erwachte der falsche Angeklagte jedoch zu neuem Leben. Unter seiner Kapuze erzitterte der Scholar. Es war nicht die Angst vor der Entdeckung, die ihn peinigte, sondern das Bedauern, Tancrède zuvor nicht vollends erwürgt zu haben.

Tancrède blickte sich um. Er erkannte den Saal, in dem er selbst so oft als Richter gesessen hatte, und begriff seine neue, erbärmliche Rolle. Amaury genoss den Triumph. Er belauerte das Gesicht seines Feindes, jede Regung, jede Grimasse. Warum schwieg dieser Mann? Warum spielte er dieses grausame Spiel mit?

Tancrèdes Gesicht war durch Amaurys Schläge völlig entstellt. Aus seiner zugeschnürten Kehle drang nur ein mühsames, unheimliches Röcheln. Auf die Fragen des Präsidenten antwortete er nur mit wirren Gesten.

»Ich warne Euch!«, wetterte der Präsident. »Wenn Ihr weiter Grimassen schneidet, halten wir Euch für vom Teufel besessen und verbrennen Euch bei lebendigem Leib!«

Amaury begann zu begreifen: Einer seiner Schläge musste den Kiefer oder die Stimmbänder seines Feindes zertrümmert haben. Saint-Rièze war stumm.

Mit gedämpfter Stimme wandte sich der Präsident an Amaury: »Dom Eustache! Sollen wir den Angeklagten der Folter unterwerfen? Anselme und Flavien wünschen es, ich bin zur Milde bereit. Es liegt an Euch: Teilt Euch uns mit!«

Amaurys Herz klopfte bis zum Hals. Er überlegte nicht lange. Ohne die Stimme zu verstellen, sprach er sein Urteil: »Ja, die Folter!«

Wir wollen hier nicht die grausamen Details der damaligen gerichtlichen Befragung beschreiben. Man kennt dieses barbarische System, das Unschuldige durch unermessliche Qualen zu erlogenen Geständnissen zwang. In der Folterkammer brauchte es sechs Männer, um den vor Schmerz Rasenden zu bändigen. Man legte ihn auf die Streckbank, zog ihn aus und begann mit den spanischen Stiefeln.

»Gestehst du?«, fragte der Prokurator. Tancrède protestierte stumm.

Die Folter begann: Knochen knackten, Fleisch schien unter den Keilen zu bersten, Saint-Rièze verlor dreimal das Bewusstsein. Jedes Mal dieselbe Frage, jeder Mal dasselbe stumme Nein.

Eine noch schrecklichere Qual stand bevor: das Feuer. Man brachte ihn an ein glühendes Kohlenbecken. Als der Prokurator erneut fragte, nickte Tancrède: Er gestand.

Amaury, ganz Kind seiner Zeit, sah der Folter seines Feindes mit einer Gier zu, die er als Krönung seiner Rache empfand. Als Tancrède ein Protokoll unterzeichnen sollte, riss Amaury einem Soldaten die Fackel aus der Hand und trat an das Folterbett. Tancrède nahm die Feder und schrieb – mit seinem eigenen Namen!

In gespielter Tollpatschigkeit ließ Amaury die Fackel auf das Papier fallen. Es entflammte und fiel in ein Becken mit heißem Pech. Das Pech entzündete sich, die Flammen griffen auf den Boden über. Panik brach aus. Während Soldaten und Diener in aller Eile das Weite suchten, gelang es mit Mühe, Tancrède von der Matratze zu retten – schrecklich verbrannt und im Sterben liegend.

Amaury jedoch war verschwunden.

Fortsetzung folgt …

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