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Die Geschichte des goldenen Saffianschuhs – Kapitel 1

Antonina Domańska
Die Geschichte des goldenen Saffianschuhs
Original: Historia żółtej ciżemki
Eine Erzählung aus der Zeit der Herrschaft von Kasimir IV. Andreas
Mit 11 Illustrationen

1489 – 1867

Ein wertvolles Juwel des alten Krakau, der Stolz Polens, ein Meisterwerk von Meister Veit Stoß und ein Denkmal seines Ruhms – der Hochaltar der Marienkirche, im Jahr 1489 von der reichen Krakauer Bürgerschaft gestiftet – verfiel zusehends.

Nahezu vier Jahrhunderte lang nahm dieses wunderbare Schnitzwerk den bedeutendsten Platz im Gotteshaus ein und trotzte beinahe vier Jahrhunderte lang dem verheerenden Zahn der Zeit, bis es schließlich doch nachgab.

So heißt es im Bericht des Kirchenrats der Marienkirche aus dem Jahr 1867:

… Von dem Moment an, als man sich des bedrohlichen Zustands des Altars bewusst wurde, begann man unverzüglich mit der Suche nach Mitteln zu seiner Rettung durch eine wohldurchdachte Restaurierung. Die Namen von Piotr Michałowski und Karol Kremer sind eng mit diesem Gedankengut verbunden. Sie waren die Ersten, die den Zustand untersuchten und Maßnahmen vorschlugen. Auch wenn sie den glücklichen Augenblick des Arbeitsbeginns nicht mehr erlebten, gebührt ihrem Andenken Ehre dafür, dass sie dazu angeregt und aufgerufen haben!

Dem Restaurierungskomitee des Hochaltars gehörten neben den ständigen Mitgliedern des Kirchenrats folgende Herren an: Prof. Czyrniański, Pr. Dunajewski, W. Eliasz, P. Filippi, Pater Grzybowski, Prof. Kuczyński, Prof. J. Kremer, H. Kieszkowski, M. Kukalski, Fürst J. Lubomirski, Prof. Łepkowski, P. Popiel, F. Paszkowski, F. Pokutyński, E. Stehlik, H. Seredyński, Pater Wilczek.

Ich zitiere weiter aus dem Bericht:

… Man schritt zum vollständigen Abbau des Altars, um sämtliche Skulpturen und Ornamente Stück für Stück herauszunehmen. Dabei wurde die über Jahrhunderte angesammelte Staubmenge aufgewirbelt; man stieß auf bedeutende Bruchstücke sowie auf einen von Spinnweben umwebten Bundschuh eines mittelalterlichen Handwerkers, der vor 400 Jahren verloren gegangen war …

Wie war er dorthin gelangt? Wer könnte der Eigentümer gewesen sein? War es ein Handwerker, der Schuhe aus Saffianleder trug? Hat er den Schuh vorsätzlich hinter den Altar geworfen? Aber warum? Konnte ein erwachsener Mann wirklich so einen kleinen Fuß haben? Oder war es vielleicht ein Junge? Oder gar ein Kind?

Seit ich diesen rätselhaften Abschnitt des Berichts gelesen und den gelben Schnabelschuh gesehen habe, ließen mich diese Gedanken nicht mehr los, und ich suchte nach Antworten …

* * *

Kapitel 1: Im Haus und im Wald

»Nie wieder werde ich …« – Was der Organist Walanty erlebte und wen er kannte. – Wie weit man auf einer hölzernen Eidechse fahren kann. – Verirrt im dichten Wald. – Das Abendlied des Wolfes.

»Ach, Väterchen, liebes … schlagt mich nicht! Verzeiht mir nur noch dieses eine Mal! Nie, nie, nie wieder werde ich es tun!«

»Jeden Tag versprichst du es, und jeden Tag kassierst du Prügel – das nimmt ja gar kein Ende!«, rief der Vater zornig, packte den Jungen am Hemdkragen und hielt Ausschau nach dem Lederriemen.

»Ach, verzeih ihm doch, wenn er es so heilig verspricht«, mischte sich die Mutter ein und schob den Graupentopf vom Feuer. »Du bist gar so streng mit dem Kind, und weiß Gott, es gibt keinen Grund dafür. Er ist noch klein, er spielt eben. Was stört es dich, dass er mit dem Taschenmesser an einer Holzleiste schnitzt? Er wird schon die Lust daran verlieren und es sein lassen – in einer Woche hat er ein neues Spielzeug.«

»Und wie oft hat er sich schon bis auf den Knochen in die Finger geschnitten und das Messer trotzdem nicht weggelegt? Man muss ihm gründlich den Buckel versohlen, vielleicht hört er dann. Wo ist der Strick?«

»Lass ihn los! Ich sag es dir im Guten; es ist Zeit fürs Mittagessen. Wawrek, schieb dem Väterchen die Bank heran.«

»Am Ende muss das Weibsbild eben doch recht behalten«, brummte Wojciech.

Alle drei setzten sich an den Tisch und aßen in Schweigen gehüllt. Nachdem er sich gestärkt hatte, wandte sich der Hausherr wieder spürbar ruhiger an seinen Sohn.

»Denk daran, was du selbst gesagt hast: ›das letzte Mal‹. Der Bengel geht stramm auf die neun Jahre zu, aber mit den Viechern kommt er nicht zurecht. Treib alle drei Kühe auf die Weide und gib gut Acht, dass dir nicht wieder eine ausbüxt. Ich habe Besseres zu tun, als wegen den Kühen durch den Wald zu rennen. Nun los, geh!«

Wawrek lief aus der Hütte, glücklich, dass die Strafe dank der Mutter an ihm vorbeigegangen war. Voller guter Vorsätze marschierte er mit den Kühen zur Wiese. Wojciechs Frau wusch das Geschirr ab und setzte sich vor den Webstuhl, von dem bereits ein beachtliches Stück grauer Leinenstoff bis zum Boden hing. Ihr größter Stolz war es, dass in der gesamten Gegend keine Bäuerin so viel Flachs säte, so viel Garn spann und so viel Leinen webte wie sie. So machte sie sich beherzt an die Arbeit und zog nur ab und zu am Strick der länglichen Wiege, die an Haken von der Decke hing. In diesem Korb schlief ihr jüngstes Kind, die dreimonatige Kondusia. Die siebenjährige Marysia war wieder einmal zur Großmutter gelaufen; die Eltern hielten sie kaum davon ab, denn Wojciechs Mutter – eine hinfällige Greisin – brauchte Pflege und Aufheiterung, und sie mochte das kleine Mädchen unendlich gern.

Wojciech setzte sich eine weiße Tuchmütze auf, rückte die Lederriemen seiner Bundschuhe zurecht, blieb einen Moment zögernd in der Tür stehen und ging schließlich nach rechts in Richtung Dorf.

»So ist es wohl am besten«, sprach er leise vor sich hin. »Zum Pfarrer selbst gehe ich nicht; wie könnte ich es wagen, Seiner Hochwürden wegen diesem Nichtsnutz zur Last zu fallen. Ich frage den Organisten Walanty um Rat oder den Piotr. Der Organist und der Küster sind gelehrte Leute, sie können aus jedem Buch lesen. Die wissen eher als ich, welche Arznei gegen Wawreks Krankheit hilft. Aber wo soll man sie suchen? Walantys Weib ist ein wahrer Hausteufel; der Alte flieht aus dem Haus, wann immer er kann. Bestimmt ist er zu Piotr entwischt, und die beiden genehmigen sich einen Met.«

Wojciech hatte richtig vermutet: Der Organist und der Küster saßen im Garten auf einer Bank unter einem ausladenden Apfelbaum; ein Tonkrug mit Met und Zinnbecher standen vor ihnen.

»Gelobt sei Jesus Christus … Seid gegrüßt, Gevattern!«, sagte der Bauer, als er auf sie trat.

»In Ewigkeit, Amen«, antworteten beide wie aus einem Mund, und der Hausherr fügte hinzu: »Setzt Euch zu uns, Wojciech! Jaguś … noch einen Becher! Wie steht es bei Euch, alle gesund?«

»Gott sei Dank, wir halten uns so recht und schlecht«, antwortete der Gast und nahm auf dem Schemel Platz, den ihm die Tochter des Hausherrn brachte.

Gleich nach der Begrüßung über Geschäfte zu sprechen, galt im Dorf als große Unfeinheit und Unart; so verstand man Höflichkeit schon vor Jahrhunderten. Deshalb erwähnte Wojciech mit keinem Wort, weswegen er gekommen war. Im Gegenteil: Er entschuldigte sich bei seinen Freunden, dass er sie beim Gespräch gestört hatte.

»Worüber habt Ihr denn geplaudert?«, fragte er Piotr.

»Wir haben an alte Zeiten gedacht«, antwortete der Küster. »Oder vielmehr: Walanty erzählt und ich höre zu. Der Mann kann fast alles aus dem Gedächtnis und man wird seiner nie überdrüssig – besonders, wenn man es von einem Augenzeugen hört.«

»Worüber denn genau?«

»Piotr sagt die Wahrheit; wir haben über die Schlacht bei Varna gesprochen.«

»Ach, du meine Güte … unterbrecht Euch nicht! Ich würde zu gern hören, wie das damals war. Bei uns im Dorf wissen die Leute kaum etwas von der Welt, um ehrlich zu sein; sie fragen nicht einmal danach. Und was unser Dorf angeht, so leben wir hier wie hinter einer Mauer. Unermesslicher Wald im Westen und Norden, der Fluss umfließt uns im Halbkreis; in harter Arbeit vergeht ein Jahr nach dem anderen, der Mensch wird geboren, lebt und stirbt, ohne von irgendetwas zu wissen. Es ist schon ein Segen Gottes, wenn er den Namen des barmherzigsten Königs kennt. Ach, erzählt, erzählt … mein Herz klopft schon wie wild vor Neugier!«

»Nun, Ihr könnt Euch an jene Zeit kaum erinnern«, sagte der Organist, »vielleicht wart Ihr damals noch gar nicht auf der Welt.«

»Und wie lange mag das her sein?«, fragte Wojciech.

»Wartet, wir rechnen das gleich aus. Der gnädige König Władysław war zwanzig Jahre alt, als er in jener schrecklichen Schlacht fiel. Ich rechne es mir zur großen Ehre an, dass wir im selben Jahr geboren wurden; deshalb fällt mir das Zählen leichter. Heute haben wir also … heute haben wir das Jahr des Herrn … Piotr?«

»Tausendvierhundertneunundsiebzig.«

»Ganz genau so ist es! Mir ist nämlich im Fünfundfünfzigsten die Fünfzig voll geworden. Somit wird es am zehnten November genau fünfunddreißig Jahre her sein.«

»Da sagt Ihr die Wahrheit, dass ich da noch nicht auf der Welt war. Ich mache erst nach der Roggenernte die vierunddreißig voll. Aber was tut das zur Sache? Erzählt von Anfang an! Für Piotr ist das zwar einerlei, da er es schon kennt, für mich aber nicht.«

»So hört denn zu: Als der gnädige Herr sich auf jenen Feldzug rüstete, freuten sich alle Völker und Monarchen, dass die Macht der Türken durch das Schwert des polnischen Königs zu Staub zermalmt werden würde. Das ungarische Heer unter der Führung von … wie hieß er gleich … aha, Hunyadi, dem Woiwoden von Siebenbürgen. Die Ungarn, die Siebenbürger und die unseren – und über allen unser junger König Władysław als Feldherr. Doch der gnädige Herr sorgte sich grämlich darüber, dass er so wenig Volk hatte: nur zwanzigtausend Mann. Von den Türken aber hieß es, sie hätten hunderttausend zusammengezogen – also fünfmal so viele wie wir.«

Walanty nahm einen Schluck Met und erzählte weiter.

»Mich reihte man unter die Trossknechte ein, um zu dienen. Aber ich bat einen der Dienstälteren um Gnade, und er erlaubte mir, bei Beginn der Schlacht zu den Bogenschützen zu stoßen.«

»Und verstandet Ihr Euch denn auf die Armbrust?«

»Es gab dort erfahrene Männer, die es mir lehrten«, antwortete der Organist, »und zwar gar nicht schlecht. In mehreren Treffen beförderte manch einer die Heideköpfe dem Teufel zur Ergötzung in die Hölle – ein halbes Schock, wenn nicht noch mehr. Da rückt also ein Riesenschwarm von Leuten an, alle bewaffnet und ausgebildet, und so blutdürstig nach türkischer Art wie sonst niemand. Unterwegs ergaben sich manche Burgen aus schierer Angst kampflos, und wir marschierten nur immer weiter und weiter voran. Am dritten Tag des Monats Oktober setzten wir über die Donau. Da kam plötzlich das viertausend Mann starke Heer von Dracula angeritten, dem Woiwoden der Walachei. Er riet unserem gnädigen Herrn eindringlich von diesem Türkenfeldzug ab; er soll sogar geweint haben. Schließlich ließ er seinen eigenen Sohn mit diesen viertausend Mann beim König zurück und kehrte selbst nach Hause.

Ich war damals noch jung, verstand von nichts etwas und mir brannte auch nicht der Kopf darüber, wohin man uns führte. Ich trottete wie ein Hammel hinter den anderen her und hielt es für eine Gnade, dass man mich armen Schlucker von Trossknecht manchmal unter die Soldatenschar ließ. Bei einer kleinen Burg habe ich dann so unerschrocken gekämpft und dreingeschlagen, dass mich der Rittmeister bemerkte und mich zur Belohnung für den Dienst beim gnädigen Herrn bestimmte.«

»O Jesus … da konntet Ihr ihn also aus nächster Nähe sehen?«

»Und wie! Versteht sich von selbst, dass ich mich an diesem wundervollen Antlitz gar nicht sattschauen konnte … Wann immer ich daran denke, sehe ich ihn wie lebendig vor mir.«

»Ach, Walanty, erzählt doch: Wie sah er aus?«

»Er war von hohem Wuchs. Wenn er im Feld bei den anderen Feldherren im Rat stand, wehten die weißen Federn an seinem Helm schon von Weitem einen halben Kopf höher als die der anderen. Er hatte eine leicht bräunliche Haut, schwarzes Haar, ein längliches Gesicht und Augen … mit nichts zu vergleichen – wahrhaft königlich! Noch bevor die Lippen ein Wort sprachen, befahlen schon die Augen. Wenn er dich ansah, durchfuhr dich abwechselnd Feuer und Eis. Und manchmal wieder, wenn die Sterne dir gnädig waren und er sich dir mild zuwandte, war es, als riefe eine Stimme im Inneren: Auf die Knie! Wie oft wollte ich dem geliebten König zu Füßen fallen und seine Sohlen küssen … nur wagte ich es nicht. Vor seinem Zelt wie ein Hund zu liegen und den Schlaf des Herrn zu bewachen, das war die schönste Ehre, und so mancher hat mich um dieses Glück beneidet.«

Er schwieg kurz und schloss die Augen, als suche er in der Seele nach dem Faden jener traurigen Erinnerungen.

»Nun, so zogen wir immer weiter, dahin wie ein Sturm, der unterwegs die Bäume bricht und mit den Wurzeln rodet. Bis wir schließlich vor Varna standen.«

»Ist das eine Festung oder eine königliche Hauptstadt?«

»Eine kleine Stadt am Meer … am sogenannten Schwarzen Meer. Erst dort erfuhren wir, welche unzählbaren Scharen von Heiden der Sultan Murad gegen uns zusammengezogen hatte. Gleich nach Sonnenaufgang begann man, die Fähnlein nach königlicher Anordnung aufzustellen. Ich stand vor dem Zelteingang und lauschte, wann er in die Hände klatschen würde – was bedeutete, dass er meine Dienste brauchte. Auf das Zeichen hin trat ich ein, blieb an der Schwelle stehen und verneigte mich tief bis zur Erde. ›Ausrüstung reichen!‹, befahl er mir kurz. Ich schnallte ihm alles gewissenhaft an. Heute würde ich das wohl kaum noch schaffen, so kunstvoll verarbeitet waren all die Schnallen und Haken. Als ich ihm den Helm reichte und er ihn mir abnahm, entglitt er seinen Händen und rollte klirrend über den Boden. Ein Kälteband überkam mich, und der König bekreuzigte sich dreimal. Wir traten ins Freie; der Knappe führte das Pferd heran, doch das Aufsetzerross bäumte sich auf, warf den Kopf hin und her und keilte mit den Hinterläufen aus – drei Mann mussten es festhalten, bis er aufsitzen konnte. Wieder schnürte es mir das Herz wie mit einem eisernen Reifen zusammen.«

»Dass der gnädige Herr aber auch nicht auf diese Warnungen des Himmels gehört hat!«

»So war er eben. Wie es scheint, hatte er die Sturheit von seinem Großvater Olgierd geerbt; der, so erzählt man sich, besaß einen eisernen Willen. Glaubt Ihr, das war schon alles? Eine Zigeunerwahrsagerin drang von irgendwoher ins Lager ein und beschwor den König bei allem, was heilig ist, er möge nicht ins Feld ziehen. Er aber deutete es sich so, dass die Türken die Wahrsagerin geschickt hätten, um den Mut im Heer zu schwächen. Vielleicht war ihm selbst nicht ganz wohl ums Herz, doch er lachte bloß und jagte das Weibsbild fort. So rückten sie aus dem Lager aus, der Fähnrich mit der königlichen Standarte voran. Da kam plötzlich ein starker Windstoß auf, wickelte die Fahne um den Schaft, riss sie mit Macht empor und zerfetzte sie sogleich in drei Stücke.«

»Ein Zeichen Gottes!«, seufzte der Küster.

»Die edelsten Ritter, die das sahen, flehten den gnädigen Herrn an, er möge seine kostbare Person nicht in Gefahr bringen und sein Leben zum Wohle des Vaterlandes schonen. Er zog zornig die Augenbrauen zusammen, und da verstummten alle. So begann die große Schlacht, ein schreckliches Gemetzel. Die Türken stellten ihre Truppen im Halbkreis auf, in Form eines Halbmonds – denn diesen verehren sie sehr. Bedenkt, dass ich mittendrin im Getümmel war, im dichtesten Gedränge, und während des Kampfes mit den Türken nur auf eines achtete: dass meine Pfeile ihr Ziel nicht verfehlten. Dieses Getöse, das Geschrei, das Stöhnen, das Krachen der Lanzen auf den Rüstungen, das Hufgeklapper und Hieven der Pferde, diese furchtbare Verwirrung – schon bei der bloßen Erinnerung daran schwindelt es einem und das Denken steht still. Ich kann es Euch gar nicht beschreiben, und selbst wenn ich es könnte, möchte ich nicht darüber sprechen.«

»Und der gnädige König?«, fragte Wojciech, ins Stocken geraten.

»Den König habe ich in diesem Ameisenhaufen von Menschen gar nicht gesehen. Wenn Tausende über Tausende wie wütende Hunde aufeinander losgehen, fragt niemand mehr nach seinem zugewiesenen Platz. Auf die Befehlshaber hört keiner mehr, man verliert jeden Verstand; nur der rote Blutrausch steht einem vor Augen, und jedem geht es nur um die eigene Haut, ums bloße Überleben – um sonst nichts. So erging es auch mir. Vier oder fünf schielende Tataren mit krummen Säbeln umringten mich. Durch Gottes Fügung konnte ich mich mit dem Rücken an einen Trosswagen lehnen. Ich riss einem gefallenen Ritter den Säbel aus den starren Händen und schlug in grenzenloser Todesangst – denn ich sah das sichere Ende vor Augen – mit beiden Händen nach rechts, nach links und nach vorne. Ich drosch blindlings um mich und spürte nur jedes Mal, wie das Eisen für einen Augenblick in etwas steckenblieb … Bis mir auf einmal schwarz vor den Augen wurde, die Beine mir den Dienst versagten und ich wie ein Klotz auf die heidnischen Leiber stürzte, die ich zur Ehre Gottes und zum Heil meiner Seele erschlagen hatte.«

»Herrje, Maria … hat man Euch verwundet?«

»Darin zeigte sich eben die größte Barmherzigkeit an mir: Dass ich nur vor Erschöpfung und Hunger für einen Moment das Bewusstsein verlor. Ich hatte schließlich seit Sonnenaufgang ehrlich gearbeitet, ohne auch nur Zeit für einen Bissen Brot zu haben. Wenn ich mir das heute alles ins Gedächtnis rufe, sehe ich in diesem Geschehen nichts anderes als den wundertätigen Schutz meines heiligen Patrons. Dass ich, ein zwanzigjähriger Bursche, der zum ersten Mal im Leben ein schreckliches Schwert in den Händen hielt, mit fünf Tataren fertig wurde – das hat wohl keine irdische, sondern himmlische Macht bewirkt! Und weil ich blutüberströmt auf einem Haufen von Leichen lag, rührten mich die anderen Hundesöhne nicht mehr an, und ich konnte mich gehörig ausruhen. Das ist alles, was meine eigenen Augen gesehen und meine Hände getan haben. Was sonst noch geschah, habe ich erst später von anderen erfahren. Aber eben dieses andere liegt mir schwer auf dem Herzen wie ein Grabstein.«

»Ach, Walanty, sagt doch noch ein paar Worte!«

»Was soll ich sagen? Obwohl die Ritter den König flehentlich baten, seine heilige Person zu schonen, hörte er nicht auf die Warnungen, sondern drängte in die Schlacht wie ins Tanzvergnügen. Wo das dichteste Getümmel war, wo die Rossschweifstandarte des Paschas im Wind wehte, da preschte der gnädige Herr mit dem Pferd hinein und hinterließ eine Spur aus Leichen. Die Türken merkten schnell, was vor sich ging; sobald einer den Helm mit den weißen Federn und den Fuchs sah, warf er sich flach auf die Erde, wenn er nicht mehr zur Seite ausweichen konnte. Und König Władysław wütete wie ein Besessener, richtete ein Blutbad an und wurde selbst nicht von einem einzigen Pfeil gestreift. Keine türkische Truppe konnte ihm standhalten, alles floh in wilder Panik. Die tapfersten Truppen Amuraths waren die Janitscharen; die galt es zu schlagen und zu zerstreuen. Der König befahl seinen Einheiten, ihm zu folgen, doch Woiwode Hunyadi packte ihn am Arm, hielt ihm die Übermacht des Feindes vor Augen und sagte ihm den sicheren Tod voraus. Der König aber antwortete ihm nur: ›Lieber sterben als weichen!‹ Und er sprengte voran, ohne darauf zu achten, dass er fast alleine dastand, weil Hunyadi mit den seinen Reißaus nahm. So geriet der König mitten unter die Janitscharen des asiatischen Paschas, der sich dort versteckt hatte, schlug um sich und drängte mit dem Pferd in das unübersehbare Dickicht der Heiden – gewiss, dass sein Heer ihm dicht auf den Fersen war. Die Janitscharen aber fassten wieder Mut; als sie sahen, wie unvorsichtig der König vorgeprescht war, umringten sie ihn, stachen sein Pferd unter ihm ab, stürzten sich wie die Wölfe auf ihn und hieben ihm den Kopf ab. Der Pascha ließ das Haupt auf eine hohe Stange stecken und triumphierend ins Zelt des Sultans tragen. Das Häuflein unserer Getreuen, das beim König geblieben war, kam im tapferen Kampf um. Es fielen die zwei Brüder Tarnowski, die zwei Zawiszas und andere Ritter. So endete die Schlacht bei Varna.«

»Oh, habt Dank, Walanty, habt Dank! Möge der liebe Gott es Euch mit guter Gesundheit vergelten, dass Ihr einen Unwissenden erleuchtet habt. Und wie erging es Euch danach?«

»Nun, ich hatte meinem heiligen Patron zum Dank für seine Gnade und die wundervolle Rettung vor diesen Hundesöhnen gelobt, Gott bis zu meinem Tode im geistlichen Stand zu dienen. Aber der liebe Gott hatte mich offenbar nicht zum Priester bestimmt. Als ich in Krakau an die Pfarrschule bei der Marienkirche kam, lernte ich zwar gründlich Lesen und Schreiben, aber das Lateinische war mir wie ein Brocken Stein im Magen. Weder sprechen noch verstehen konnte ich es – kurzum, es ging einfach nicht in meinen Kopf. Mein Gewissen plagte mich unablässig und Angst erfüllte mein Herz, weil ich mein Versprechen gegenüber dem heiligen Valentin nicht hielt; ich befürchtete, im Jenseits als Wortbrüchiger ewig in der Hölle zu brennen. Als ich es vor Qual nicht mehr aushielt, vertraute ich mich dem Bakkalaureus an. Der schlug die Hände über dem Kopf zusammen und meinte, dass mich der liebe Gott als Sünder ohne Zweifel mit der Hölle bestrafen werde. Doch zu meinem großen Glück kam seinem Schutzengel ein guter Einfall: ›Geh doch, Waluś‹, sagte er, »quer über den Markt in die Jüdische Straße. Weißt du, wo das ist?‹

›Haltet Ihr mich für einen Narren, Euer Wohlgeboren?‹, antwortete ich. ›Zehn Monate sind vergangen, seit ich hergekommen bin; den Weg nach Krakau habe ich nicht verfehlt, und da sollte ich die Jüdische Straße nicht kennen? Das hölzerne St.-Anna-Kirchlein steht dort auf dem Hügel, und gleich daneben ist ein furchtbarer Schuttplatz … Meint Euer Wohlgeboren diese Straße?‹

›Den Schuttplatz hast du bemerkt, du Schlauberger, aber weißt du auch, wo das Collegium Maius liegt?‹

›Was für ein Kollegium?‹, fragte ich.

›Sieh mal an, was für ein Tölpel!‹, meinte er. ›Die Akademie, die von König Jagiello gegründet und von Königin Hedwig ausgestattet wurde.‹

›Ach so, wo die Akademie ist, weiß ich wohl; aber Ihr habt es vorhin anders ausgedrückt‹, sagte ich.

›Mit Recht erwartet dich die Hölle!‹, sprach er. ›Keine zwei Worte Latein kannst du behalten, aber das heilige Priesteramt gelobst du dem allerhöchsten Gott! Geh also hin zum Gebäude der Akademie und frage nach dem Professor, dem hochwürdigen Pater Johannes von Kenty.‹«

»Wie bitte?«, rief Wojciech und unterbrach den Organisten. »Sprecht Ihr von jenem Johannes von Kenty, den das ganze Volk als Heiligen rühmt? Dessen Grab durch Wunder bekannt ist?«

»Ganz recht! Seine selige Person durfte ich durch Gottes Gnade mit eigenen Augen sehen und seinen liebevollen Worten lauschen.«

»Was für ein Glückspilz Ihr doch seid! Ihr habt den gnädigen Herrn gekannt, habt der königlichen Person gedient, habt in der Schlacht bei Varna Tataren niedergemacht und zu alledem noch einen großen Heiligen leibhaftig gesehen!«

»So hört doch, wie es weiterging. Der Bakkalaureus belehrte mich also, wie ich mich vor dem hochwürdigen Professor tief verneigen, ihm die ganze Begebenheit bei Varna sowie mein Gelübde wahrheitsgemäß und ohne Umschweife erzählen und ihn um Rat bitten sollte.

›Was er dir befiehlt‹, meinte er, ›das tue; er ist ein gottesfürchtiger Mann von großer Weisheit und wird diesen Knoten gewiss lösen und dein Gewissen beruhigen.‹«

»Ach, spült Euch erst einmal die Kehle aus, Walanty«, sagte Piotr und füllte die Becher bis zum Rand. »Auf Eure Gesundheit!«

»Und auf Eure!«

Sie stießen alle drei an, und der Organist beendete seine Erzählung.

»Und alles fügte sich genau so, wie es mir jener vorausgesagt hatte. Ach, du meine Güte … mit Recht bewohnt er nach seinem Tod die himmlischen Paläste, wo er doch zu Lebzeiten in einer engen, dunklen Kammer wie ein Gefangener hauste! Ich trat also in jenes Collegium Maius ein und fragte nach Professor Johannes von Kenty. Man zeigte mir die Tür unten im Flur; zwei winzige Stübchen, eines zum Beten und das andere zum Wohnen. Ich versuchte einzutreten, doch die Klinke war verschlossen, niemand war da. Er saß oben im Saal, vertieft in die Bücher der Weisheit. Der Pförtner ließ mich nach einigen Fragen eintreten; er hatte nämlich den strengen Befehl, jeden Hilfesuchenden oder Bittsteller unverzüglich vor Seiner Hochwürden zu führen. Da trat ich ein, lobte den Herrn Jesus und blieb leise an der Schwelle stehen. Er rief mich zu sich, hörte mir gütig zu, dachte ein Weilchen nach und linderte all meine große Pein.«

»Auf welche Weise?«, fragte Wojciech neugierig.

»Nun, er schob mir ein aufgeschlagenes Buch hin und befahl mir, ein paar Zeilen laut vorzulesen; danach gab er mir Feder, Papier und ein Tintenfass, und ich musste das gesamte Vaterunser aus dem Gedächtnis aufschreiben. Er lobte mich, dass ich nicht vergebens zur Schule ginge, und sagte dann Folgendes: ›Es ist nicht deine Schuld, dass du keinen Kopf für die lateinische Sprache hast; das ist eine schwere Wissenschaft, die nicht jedem Erstbesten zugänglich ist. Dass aber der Weg zum Sakrament der Priesterweihe nur durch das lateinische Tor führt, ist ein deutliches Zeichen des Himmels, dass dich der Herr Jesus selbst von deinem Gelübde entbindet. Wenn du ihm aber dennoch für die Rettung deines Lebens dienen willst, stehen dir dazu viele andere Wege offen.‹

Ich will nicht weiter ausführen, was er noch mit mir sprach; fünfunddreißig Jahre sind seither vergangen, da ist mir so manches aus dem Gedächtnis geschwunden. Jedenfalls brachte er mich zu einem in ganz Krakau berühmten Musiker, der in der Kathedrale beim Hochamt auf der Empore spielte, und befahl ihm, mich das Orgelspiel zu lehren. Den Lehrer bezahlte er aus eigener Tasche.«

»Oje … da seid Ihr ja vom Regen in die Traufe gekommen!«, rief Wojciech aus.

»Ein Kinderspiel im Vergleich zum Latein!«, entgegnete der Organist. »Nach knapp drei Jahren hatte ich mich mit allen Pedalen und Tasten vertraut gemacht, gelernt, Noten zu lesen, und meine Finger, die steif wie Stöcke waren, klapperten schief über die Tasten. Doch Gott sei Dank gehört dieses Elend schon der Vergangenheit an, und nun bin ich seit achtundzwanzig Jahren Organist in Poręba. Nur in einer Sache hat sich der heilige Professor getäuscht.«

»In welcher denn?«

»Dass man das Gelübde zumindest zur Hälfte erfüllen und bis zum Tod ehelos bleiben sollte … Tja, da hat sich der Mensch vor der Hölle gedrückt, da muss er wohl mit dem Fegefeuer vorliebnehmen. Habt Ihr noch einen Tropfen Met, Gevatter? Auf Eure Gesundheit!«

»Auf die Eure!«

»Auf die Eure!«

Wojciech räusperte sich, kratzte sich am Kopf und seufzte.

»Gottes Wille … es gibt eben kein Eckchen, wo nicht ein kleines Kreuz zu tragen wäre …«

»Das gilt doch wohl kaum für Euch? Ihr habt eine gesunde, fleißige und ruhige Frau, schönes Vieh und liebe Kinder.«

»Eben drum …«

»Was ist denn los?«

»Plage mit dem Bengel …«

»Mit Wawrek?«

»Ja, genau.«

»Ist ihm etwa was zugestoßen?«, fragte Piotr.

»Passiert ist ihm eigentlich nichts … aber so wie Walanty zu Johannes von Kenty gegangen ist, so komme ich zu Euch beiden, um Rat zu suchen.«

»Oho, zieht mich da nicht mit hinein! Es sei denn, es geht um Kondusia«, meinte der Organist lachend. »Sie ist schließlich mein Patentind, mit Wawrek habe ich nichts zu schaffen.«

»Och … man weiß doch: Zwei Köpfe wissen mehr als einer. Hört mir beide zu und sagt mir, was Ihr davon haltet.«

»Wir hören aufmerksam zu. Auf Euer Wohl, Gevatter!«

»Nun, um ehrlich zu sein und nicht zu lügen: Ich habe große Sorge, denn irgendwer hat mir den Jungen verhext.«

»Aber wo denkt Ihr hin … das kann doch gar nicht sein! Wer sollte das denn gewesen sein?«

»Auf zehn Meilen im Umkreis findet man doch keine einzige Hexe mehr«, meinte Piotr bedächtig nachdenkend. »Die Letzte hat der Schulze von Zaborówek vor etwa einem Jahr unter Wasser tauchen lassen, und dann haben die Leute des Starosten sie irgendwohin aufs Schloss vor Gericht gebracht. Seitdem hat man von so etwas nichts mehr gehört.«

»Bildet Ihr Euch das nicht nur ein? Was für Anzeichen gibt es denn für dieses Verhexen?«, fragte Walanty.

»Wer ihn sich nur einmal ansehen würde, der merkte sogleich, dass da unlautere Dinge im Spiel sind.«

»Erzählt schon!«

»Nun, eine ungeheure Unruhe liegt in seinen Händen. Kaum steht er morgens auf, rasselt er das Gebet nur so hin – es ist eine Schande, da zuzuhören! Noch bevor er gefrühstückt hat, packt er sich irgendein Holzscheit oder ein Stückchen Ast und schnitzt mit dem Messer darauf herum …«

»Hobelt er etwa Späne? Und was hat er davon?«

»Wenn es nur Späne wären, würde ich sagen: Dummes Kind, er spielt eben. Aber genau darin sehe ich das sicherste Zeichen des Zaubers: Er macht irgendwelche Figuren, Vögelchen oder Hündchen, und er vertieft sich so sehr in diesen Unsinn, dass er von der Welt um sich herum nichts mehr mitbekommt. Nach Essen verlangt er nicht; spricht man ihn an, hört er nichts. Erst wenn man ihm mit der Faust auf den Nacken schlägt, wacht er ein wenig auf und sieht mich an, als sähe er mich zum ersten Mal im Leben.«

»Ach … was sorgt Ihr Euch völlig umsonst!«, sagte Walanty und winkte abwehrend ab. »Lasst den Bengel doch spielen, was stört es Euch?«

»Wenn Ihr wüsstet, wie sehr es stört! Jeden Tag gibt es ihretwegen irgendeinen Schaden oder Ärger. Es grenzt an ein Wunder Gottes, wenn abends alle Kühe zu Hause ankommen. So auch heute: Ich ging in den Wald, um nach meinen Bienenbeuten zu sehen, und da saß dieser Taugenichts auf dem Hügel unter den Birken – Ihr wisst schon, dort beim Gerstenfeld von Maciej. Er schnitzte mit dem Messer an einem weißen Holzklotz, dass das Holz richtig knarrte. Ich trat ganz nah an ihn heran und schaute hin: eine Kuh wie echt! Augen, Hörner, Ohren, der Schwanz ein Stück zur Seite geworfen, als würde sie Mücken abwehren. Ich sage Euch, ich war sprachlos! Aber dafür sind Krasa und Gwiazdula weit weg am Fluss herumgestreunt, und die Wiśniocha hat der Teufel geholt! Einen halben Tag bin ich im Wald herumgerannt, bis ich sie wiedergefunden habe.«

»Haut ihm den Buckel voll, dann gibt er das nächste Mal besser Acht – das ist mein Rat«, sagte Piotr.

»Ich kenne doch das elterliche Recht und spare nicht mit Prügeln. Das Einzige, was ihn davor bewahrt, ist, dass die Mutter mir manchmal die Hand zurückhält. Aber alles vergebens: Ich bleibe bei meiner Meinung, er bei seiner.«

»Nun, ich sehe darin bloß Ungehorsam und Nachlässigkeit; von irgendwelchen Zaubereien halte ich nichts«, tat Walanty seine Ansicht kund.

»Nehmt ihm das Messer weg, das ist die beste Medizin«, fügte Piotr hinzu. »Und setzt Euch nicht wegen jedem Unsinn Flausen in den Kopf, Gevatter. Er ist noch klein; kommen die Jahre, kommt der Verstand.«

»Da sagt Ihr die Wahrheit, Gott vergelte es Euch. Dennoch, wenn ich bedenke, dass ich nach acht Jahren Erziehung keinerlei Freude oder Hilfe von dem Kind habe … Nun, ich gehe nach Hause … oder lieber auf die Wiese, wer weiß, was er schon wieder angestellt hat. Gelobt sei Jesus Christus; schaut mal wieder bei uns vorbei!«

»In Ewigkeit, Amen. Wir kommen beide, ganz gewiss.«

Während der Vater sein Leid darüber klagte, dass von dem achtjährigen Jungen keine Hilfe zu erwarten war, trieb dieser kleine Übeltäter mit reumütigem Herzen die Kühe des Vaters auf die Weide. Offenbar hatte er sich ehrlich vorgenommen, sich zu bessern, denn in der Hand hielt er nur einen Stecken zum Antreiben der sturen Wiśniocha, und sein liebes Taschenmesser hatte er tief in der Brusttasche versteckt. Wenn es ihm schon verboten war, es zu benutzen, und das bloße Ansehen eine Versuchung zum Bösen darstellte, war es zumindest tröstlich, es direkt bei sich zu haben.

»Wawrek … was stehst du denn da aufgeblasen wie eine Eule? Tut dir der Bauch weh oder hat dich der Vater mit dem Stock durchgeprügelt?«

Ein blonder Kopf schob sich durch eine Lücke im Zaun, dahinter ein grobes Hemd, mit einem Band gegürtet, zwei schmutzige, sonnenverbrannte Händchen und ebenso von Mücken blutig gestochene Beine – kurzum: der einzige beste Freund von Wawrek, Jasiek, der Sohn von Mikołaj.

»Musst du wissen, du blinde Schabernack-Eule, dass bei mir kein Stock nötig ist. Ab und zu zieht mir der Vater mit dem Lederriemen eine über, und das reicht. Heute hätte ich eigentlich eine Tracht Prügel verdient, aber … es gab nichts, womit er mich schlagen konnte! Die Mutter dachte wohl, ich merke nicht, dass sie den Riemen hinter den Ofen gesteckt hat, hi, hi, hi! Komm mit mir auf die Weide, wir rollen den Hügel hinunter. Los, mach schon!«

»Ich kann nicht. Sie haben mich zum Kirchweihfest geschickt und gesagt, ich soll in der Hütte bleiben und auf Hanka aufpassen, damit sie nicht aus der Wiege fällt.«

»Aha, von hier aus hört man sie schon schreien! Da werden dir die Eltern eine feine Kinderbetreuung geben, wenn sie zurückkommen …«

»Oje, Herrje! …«

Jasiek drehte sich flink wie eine Schraube um, zwängte sich durch das dornige Gebüsch – erst sah man nur noch seine Beine … dann nur noch eine Ferse … und schon war er verschwunden.

 

Gwiazdula voran, Krasa und Wiśniocha hinterher und Wawrek ganz hinten – in schöner Ordnung und ohne Zwischenfälle gelangten alle vier auf die Wiese des Vaters. Der Junge trieb die Kühe etwas näher zum Wald hin, damit sie nicht von der Gerste des Pfarrers verlockt wurden, warf sich der Länge nach auf die Erde und blickte, auf die Ellbogen gestützt, über die blühenden Roggenfelder und zu den krummen Weiden am Flussufer.

Mikołajs Hütte ist irgendwie auf einer Seite tief in die Erde eingesunken« dachte er, während er die spärlich verstreuten Anwesen betrachtete, die von dichten Obstbäumen umgeben waren. Sie muss sehr alt sein, so schwarz und übermoost wie sie ist … Unsere dagegen, die ist erst schön! Was für dicke Balken, ho, ho! Jeder einzelne wie aus einem alten Lerchenstamm. Der Vater war selbst in den Forst gefahren, hatte sie gefällt und gebaut – nur Błażej aus Zaborówek half ihm dabei. Der Vater sagte, sie wird noch stehen, wenn unsere Urenkel sterben. Was sind das eigentlich für welche, diese Urenkel? … Sollen sie doch sterben, meinetwegen noch heute, mir bringen sie nichts … Und wie schön warm es bei uns im Winter ist! Wenn so viel Schnee vom Himmel weht, dass nur noch die Strohdächer aus dem Weiß herausschauen. Morgens machen sie mit Schaufeln den Weg frei, damit sich die Tür öffnen lässt. Dann schaufeln sie bei den Fenstern den Schnee weg, weil der riesige Schnee die Häute verdeckt und in der Stube dunkle Nacht herrscht. Dann macht die Mutter Feuer an, sie kochen das Essen und wir sitzen alle herum und wärmen uns. Nur dieser Rauch beißt so schrecklich in den Augen, dass selbst dem Vater die Tränen kommen. Wenn er sich in der Stube ausbreitet, ist er in jeder Ecke, nur durch das Dach will er nicht hinaus. Er hat Angst, zu frieren! Und gegen Abend gehen nicht nur die Mutter, sondern auch der Vater keinen Schritt mehr vor die Tür, obwohl das Tor stark und der Zaun hoch ist.

›Einem hungrigen Wolf traut nur ein Narr‹, sagte der Vater. Wie groß wohl dieses Dorf auf der ganzen Welt ist? Wohl nicht sehr groß. Nur Wald und noch mehr Wald. Der Vater hatet mich mitgenommen, als sie zum Honigsammeln zu den Klotzbeuten gefahren waren. Diese Bäume hingen mir so zum Halse heraus – Bäume und Bäume, bis an den Himmel hinauf. Und weiter wird es noch größer, noch dicker, noch dichter. Hinter dem Urwald ist bestimmt schon das Ende der Welt und die Hölle; ich habe sogar selbst gehört, wie etwas furchtbar geheult hat. Das waren ganz sicher Teufel, die Hunger auf christliche Seelen hatten! Sogar die Pferde haben vor Angst geschnaubt … Wie denn auch nicht? Würden sie sich etwa nicht vor Teufeln fürchten? Der Vater hat mit der Peitsche geknallt, aber das wäre gar nicht nötig gewesen, denn sie sind von selbst wie der Wind gerannt und hätten fast den Wagen an den Steinen und Wurzeln zertrümmert. Und als wir vor der Hütte ankamen, hat der Vater der Mutter nur ein einziges Wort zugebrummt; ich habe nicht verstanden, was, aber mir haben sie befohlen, mich schleunigst vor das Kreuz zu knien und ein ganzes Gebet aufzusagen. Sie dachten, ich errate nicht, was los war! Die Teufel haben uns gejagt und wollten uns in die Hölle entführen. Aber der Vater hatte noch mehr Angst als ich. Er hat ununterbrochen gerufen: ›Jesus, Maria … rettet uns!‹ Und über den Pferden hat er ohne Ende heilige Kreuze geschlagen. Alles gut und schön, aber was drückt mich da so am Ellbogen? Nun … seht doch, Leute … irgendeine Wurzel! Haha, von wegen Wurzel, du Wundervogel! Es sieht wahrhaftig aus wie eine kleine Eidechse. O … das Schnäuzchen, hier nur die Äuglein markieren, hier wieder die Pfötchen genau so, wie es sich gehört; ein bisschen aushöhlen und fertig. Der Schwanz ist so schön lang … ein bisschen zurechtschneiden und passt schon.

Er zog das Messer aus der Brusttasche und blickte sich um.

»Der Vater schlägt mich … Aber wofür sollte er mich schlagen? Die Kühe sind doch in Ordnung, also darf ich tun, was ich will.«

Und er schabte, schnitzte, gestaltete, rundete ab und schärfte weiter; er runzelte die Stirn, steckte die Zungenspitze heraus und bewegte sie schneller oder langsamer, je nachdem, wie ihm die Arbeit besser oder schlechter gelang. Weder Gwiazdula noch Krasa waren in seinem Kopf, und erst recht nicht der Vater.

Er war fertig. Er nahm das Holzstückchen in zwei Finger, streckte den Arm aus, um es aus der Ferne zu betrachten, legte den Kopf schief und sah sein Werk mit einem zufriedenen Lächeln an.

»O du … wenn ich dich hier auf die Erde in die Sonne lege, würden deine Schwestern und Brüder zu dir gelaufen kommen. Die würden sich aber wundern: Was für ein träges Ding ist das denn, hi, hi, hi! … Um Himmels willen! Wo sind die Kühe? Hilfe … Leute … o Mutter! … Sie zertrampeln ja das Roggenfeld vom Pfarrer, sie zertrampeln es!«

Er sprang auf wie verbrüht, doch selbst in diesem Moment der Verzweiflung und des Schreckens vergaß er die wichtigsten Dinge nicht: Die Eidechse und das Messer steckte er schnell in die Brusttasche.

»O lieber Jesus … wie soll ich bloß mit ihnen fertig werden! Oje, der Vater wird mich verprügeln, er wird mich verprügeln … er schlägt mich bestimmt tot! Oje, … Kuba, Scepon, Bartek mit den Stöcken … es ist aus mit mir!«

Ohne lange zu fragen, was aus den Kühen werden würde, rollte er wie eine Kugel den Hügel hinunter direkt zum Fluss.

»Sollen sie mich ruhig jagen … Der barmherzige Herr Jesus … vielleicht kennen sie auf dieser Seite die Furt nicht, ich aber kenne sie. Der Fluss ist tief, sie werden sich fürchten.«

Er platschte ohne Nachdenken ins Wasser, die Fluten schlossen sich über seinem Kopf, doch im nächsten Augenblick tauchte ein paar Fuß weiter rechts ein heller Schopf auf, und einen Schritt weiter reichte das Wasser nur noch bis zu den Knien. Er bewegte sich langsam vorwärts und tastete vorsichtig mit dem Fuß, um nicht in eine Vertiefung zu geraten.

Die Knechte des Pfarrers, die damit beschäftigt waren, das Vieh aus dem Schaden zu treiben, bemerkten im ersten Moment gar nicht, wohin der Hirtenjunge verschwunden war.

Der Verwalter Kuba brüllte Befehle: »Du, Bartek, treibst das Vieh in unseren Stall; Seine Hochwürden wird selbst festlegen, wie viele Tage Fronarbeit er Wojciech beim Ernten abverlangt. Und dem Bengel werde ich das Fell nach allen Regeln der Kunst über die Ohren ziehen!«

»Ja, sicher doch …«, lachte Szczepan höhnisch, ein heimlicher Widersacher, der neidisch auf Kubas Macht war. »Als ob der so dringend auf diese Abreibung warten würde! Seht ihr nicht, wie schön er den Fluss durchwatet hat? Oho, da klettert er schon am anderen Ufer hoch!«

»Tausend Donnerwetter! Hinterher … schnappt ihn! Los, renn schon … was stehst du da?!«

»Ich gehe nicht; ich kenne die Furt nicht … schwimmen kann ich auch nicht …«

»Dann treib die Kühe, du Tölpel! Bartek, komm, aber rasch!«

Sie rannten im Galopp los. Kuba wurde zweimal von der Strömung von den Beinen gerissen; Bartek musste ihm die Hand reichen, und erst nach einer guten Viertelstunde krabbelten sie mühsam am anderen Ufer an Land. Der Verwalter warf einen Blick auf den Ufersand: Spuren von kleinen, nackten Füßen führten rasch in Richtung Wald. Beide stürzten in diese Richtung; ein graues Hemdchen schimmerte kurz auf … Wawrek erreichte die ersten Sträucher zuerst, und sie verloren ihn aus den Augen.

»O Mutter … sie schreien schon … sie rufen nach mir! Was ist los? … Kuba brüllt, er wird mich noch totschlagen! Nur mich nicht zuerst erwischen!«

Gelenkig, klein und flink sprang er mit seinen Beinen vom Boden ab, machte Sätze wie ein Ball – immer weiter, immer tiefer in den Wald … Die Stimmen der verfolgenden Knechte waren nur noch schwach zu hören; vermutlich hatten sie die Spur verloren. Aber auch das Kind verließen die Kräfte. Er fiel unter einem dichten Haselstrauch nieder und keuchte laut.

»Oje … es sticht mich in der Brust … selbst wenn sie mich finden, ich rühre mich nicht von der Stelle … in den Seiten tut es weh … Mutter!«

Ringsum herrschte Stille und Ruhe, kein Vögelchen war zu hören; nur manchmal huschte etwas über die Äste von Baum zu Baum: Das waren Eichhörnchen, die sich jagten.

Wawrek jammerte noch ein wenig und klagte sein Leid, doch mit jedem Augenblick wurde ihm leichter. Das Herzklopfen und das Stechen in der Brust ließen nach; er drehte sich auf die Seite, wie nachts auf dem Heu bei der Mutter, und schlief tief ein.

Er wachte erst auf, als die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne von unten her zwischen den Baumstämmen hindurchbrachen. Mückenschwärme tanzten in den dichten Lichtstreifen … Ein Sonnenstrahl traf ihn mitten in die Augen; er schreckte auf und setzte sich hin.

»Was ist denn das! Was mache ich denn im Wald? Aha, aha, stimmt ja … aber sie haben mich trotzdem nicht eingeholt! Hi, hi, hi … Da lachst du dich schief, du Dummerchen, dass dich keiner erwischt hat. Der Vater wartet da drüben mit dem Riemen auf mich. Wenn sie bloß das Hoftor unverschlossen lassen – schreckliche Welt, was da wohl noch passiert. Nun ja, nutzloses Jammern hilft nichts, und Prügel bleiben Prügel. Ich muss los, bevor die Nacht einbricht.«

Er stand auf, streckte sich und blickte nach allen Seiten.

»Aha, aus jenem Dickicht bin ich herangerannt, ich muss auf demselben Weg zurückgehen.«

Er ging etwa hundert Schritte und blieb stehen.

»Ich bin doch schnurstracks vom Fluss weggerannt, also gehe ich jetzt wieder zum Fluss – den Hügel hinab.«

Er lief rasch los, doch anstelle des erwarteten Waldrandes und des Blicks auf den Fluss fand er sich in dichtem Gebüsch wieder, das seit Langem kein Menschenfuß mehr betreten hatte.

»Nein, ich muss mich wohl ein wenig verirrt haben. Ich drehe wieder um zur Sonne hin – schließlich scheint sie genau aufs Wasser, wenn sie untergeht.«

Zur Sonne, von der Sonne weg, bergauf, bergab – so irrte der arme Junge bis zur Dämmerung umher. Um die wachsenden Ängste zu betäuben, begann er Hirtenlieder zu pfeifen … Schließlich begriff er, dass er den Weg nicht mehr finden würde; mitten im Pfeifen brach seine Puste ab und er fing bitterlich zu weinen an. Hilflos, müde und hungrig stand er da, Wald vor ihm, Wald hinter ihm … Es wurde immer dunkler … Große Vögel flog mit leisem Flügelschlag vorbei … Dort hinter dem Strauch seufzte jemand … Trockene Blätter raschelten … Etwas kam da!

Wawrek hielt den Atem an und drückte sich an den dichten Stamm einer Buche, ohne sich zu rühren. Was da ging, schnaufte und keuchte, zog seitlich vorbei – Stille.

»Oje … das war bestimmt ein Wildschwein, weil es so gegrunzt hat. O … da kommt schon wieder etwas! Muttergottes, verlass mich nicht!«

Er kletterte auf einen dicken, schräg hängenden Ast, setzte sich rittlings darauf und schaute nach unten. Obwohl es im Wald dunkel war, drang durch den Vollmond hie und da ein mattes Licht zwischen den Blättern hindurch.

Wawrek zitterte vor Kälte und Angst.

»Ich klettere lieber noch höher, ich habe solche Angst … o Jesus, da kommt es schon wieder! Wie das brummt und brummt …«

Zwischen den Sträuchern und Ästen zwängte sich ein großer Braunbär hindurch. Er war wegen irgendetwas sehr aufgebracht, denn alle paar Schritte blieb er stehen, scharrte mit den Krallen in der Erde und brummte laut.

»Vielleicht hat er Hunger … oder vielleicht ist es eine Bärenmutter, der irgendjemand die Jungen weggefressen hat? … Gott sei Dank, jetzt hört man nichts mehr. Oho, von diesem Baum steige ich bestimmt nicht herunter, auf keinen Fall … Ich bleibe für die Nacht hier oben.«

Er richtete sich bequem auf zwei dicht nebeneinander wachsenden Ästen ein, lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm, schloss die Augen und schlief – in der beruhigenden Gewissheit, dass der Bär ihm hier oben nichts anhaben konnte – fast auf der Stelle ein.

Er wachte durch ein schreckliches, artfremdes Bellen auf.

»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen.«

Er betete das ganze Vaterunser auf; das Geschrei hörte jedoch nicht auf, sondern kam immer näher … Aus der Tiefe des Walds trat ein Wolf mit sträubendem Fell hervor, setzte sich auf das Moos, wandte die Schnauze zum Mond und begann zu heulen …

»O Allerheiligste Mutter … Das waren also damals Wölfe? Und ich dachte, es wären Teufel gewesen!«

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