Kommissar Rosic – Band 1.10
Rodolphe Bringer
Kommissar Rosic
Band 1
Der Dolch aus Kristall
Kapitel 10: Rosics grausame Überraschung
In der Droschke, die ihn nach Hause brachte, schwamm Rosic im Glück, den wertvollen Koffer auf den Knien.
Was für eine glückliche Begegnung er doch gerade mit diesem T. D. Shap gehabt hatte! Man musste schon sagen: Diese amerikanischen Detektive waren schlaue Köpfe. Und Rosic konnte es sich ruhig eingestehen: Niemals hätte ein französischer Polizist diese Ermittlung so wunderbar geführt und dieses unentwirrbare Rätsel gelöst. Welch eine Kombinationsgabe! Welch eine Meisterschaft!
Und vor allem: Welch eine Uneigennützigkeit.
Nun würde Rosic Monsieur Chaulvet beeindrucken können, der sich – das musste man ehrlich zugeben – ein wenig über ihn lustig gemacht hatte, mit dieser Art, ihm ständig diesen kleinen stellvertretenden Bahnhofsvorsteher entgegenzuhalten.
Die Angelegenheit erschien ihm zu dieser Stunde klar wie Kloßbrühe. Wenn morgen die Zeitungen dieses Drama in allen Einzelheiten erzählen würden, wäre die Öffentlichkeit brennend interessiert. Und welch ein Ruhm würde auf ihn, Rosic, herabfallen…
Ein Punkt blieb allerdings noch zu klären: Er wollte wissen, warum dieser Joé Wistler den Mann namens Burnt hatte ermorden wollen.
Doch all das würden ihn die Papiere im Koffer lehren. Morgen Früh würde Gladys ihm das alles übersetzen.
Monsieur Rosic bewohnte eine hübsche, schmucke kleine Villa auf den Hängen von Sainte-Foy, die die Saône an der Stelle überragen, wo sie ihr Wasser in die Fluten der großen Rhône ergießt. Es war ein kleiner Bau aus roten Backsteinen mit Schieferdach, mitten im Grünen gelegen und mit einer überaus malerischen Aussicht.
Früh verwitwet und mit einem kleinen Mädchen namens Edmée alleinstehend, wäre Rosic sehr verlegen gewesen, als er seine Tochter aus dem Internat holen musste – hätte er nicht ein junges Mädchen namens Gladys entdeckt. Sie war im selben Pensionat wie das kleine Mädchen erzogen worden, einige Jahre älter als sie, und hatte sich, da sie ohne Vermögen und Eltern war, bereit erklärt, dem jungen Mädchen als Gesellschafterin zu dienen.
Doch die Gesellschafterin war rasch zu einer echten Freundin geworden – mehr noch: zu einer großen Schwester. Und in Wahrheit liebte Rosic, der ein vortrefflicher Mann war, dieses junge Mädchen, als wäre sie sein eigenes Kind.
Gladys Sweet war englischer Herkunft. Als Waise hatte sie ein x-beliebiger Vormund nach Frankreich geschickt. Später war dieser Vormund gestorben, und Gladys stand allein auf der Welt da – mit etwa zwölfhundert Franc Rente, gerade genug, um nicht zu verhungern. Sie war sehr glücklich und dankbar, in der Villa des guten Monsieur Rosic beinahe eine Familie gefunden zu haben.
Da sie bis zu ihrem achten Lebensjahr – dem Zeitpunkt ihrer Ankunft in Frankreich – Englisch gesprochen hatte, hatte sie diese Sprache nie vergessen. Sie beherrschte sie ebenso gut wie das Französische, das sie im Übrigen völlig akzentfrei sprach.
Morgen früh also – denn um die Uhrzeit seiner Ankunft zu Hause würde bereits alles schlafen – sollte Gladys ihm all diese Papiere übersetzen, die der Koffer enthielt. Dann würde ihm zweifellos nichts von diesem Geheimnis verborgen bleiben.
Wie er vermutet hatte, schlief alles, als er nach Hause kam: Edmée, Gladys und auch das Dienstmädchen. Rosic bezahlte seinen Kutscher, schloss die Tür auf und stieg so leise wie möglich in sein Schlafzimmer hinauf, um niemanden zu wecken.
Nachdem er seine Hausschuhe angezogen und eine gute Pfeife angezündet hatte, dachte Rosic daran, einmal nachzusehen, was sich in diesem besagten Koffer befand. Selbst wenn die englischen Papiere ihr Geheimnis wahrten, konnte er zumindest einen interessanten Gegenstand finden, der ihm vielleicht neue Aufschlüsse lieferte.
Im Übrigen war er neugierig zu überprüfen, ob die Angaben von T. D. Shap stimmten und ob dieser Koffer wirklich dem besagten Burnt gehörte.
Er öffnete also den Koffer, der gar nicht verschlossen war, und konnte plötzlich ein echtes Gebrüll der Überraschung nicht unterdrücken.
Im Koffer lagen anstelle der Papiere, die er am Bahnhof von Saint-Rambert gesehen hatte, nur ein Stapel Zeitungen und vier oder fünf Kieselsteine.
Zunächst glaubte Rosic, das Opfer einer Halluzination zu sein. Er rieb sich die Augen. Das war doch nicht möglich.
Er nahm den Koffer, schüttelte den Inhalt auf den Tisch und musste sich der grausamen Gewissheit beugen: Da lagen nur fünf Kieselsteine – vermutlich vom Bahndamm aufgelesen, denn sie waren schwarz von Teer und Schmierfett – und ein großer Stapel grob zusammengebundener Zeitungen.
Rosic musste sich setzen, so sehr raubte ihm die Bestürzung die Kraft in Armen und Beinen.
Zuerst begriff er gar nichts. Hatte er sich im Koffer geirrt? Aber nein. Dann hatte man ihm den echten gestohlen. Wer nur? Er hatte ihn doch nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen!
Und ein schrecklicher Verdacht stieg in ihm auf. Was, wenn es der amerikanische Detektiv gewesen war? Aber dann … dann war dieser T. D. Shap gar nicht T. D. Shap.
Aber zu welchem Zeitpunkt hätte der amerikanische Detektiv ihm den Koffer stehlen sollen?
Lass sehen. Der Mann war in den Waggon gestiegen, hatte sich neben ihn gesetzt, den Koffer zwischen sich; und er erinnerte sich: Als der Mann im Abteil aufgetaucht war, hatte er die Hände frei, er hatte keinen Koffer bei sich … und der Koffer mit den Dokumenten war nicht bewegt worden.
Von Saint-Rambert bis Lyon hatte sich Rosic ebenso wenig gerührt wie der Detektiv. Sie hatten sich unterhalten, ohne ihren Platz zu wechseln, bis der Zug ankam. Nicht eine Sekunde hatte Rosic den Waggon verlassen, und die ganze Fahrt über hatte er den Arm auf dem Koffer abgestützt.
Also doch!.
Das Vertauschen musste schon vorher stattgefunden haben, und es war töricht von ihm, diesen T. D. Shap zu beschuldigen.
Aber vorher war der Koffer doch im Tresor des Büros des Überwachungskommissars verwahrt gewesen. Er hatte ihn erst im Moment der Abreise wieder abgeholt. Er sah den Überwachungskommissar noch vor sich, wie er seinen Tresor öffnete, ihm den Koffer übergab und – ja, genau – in diesem Moment hatte er ihn geöffnet! Er hatte die Papiere gesehen, in ihren Mappen, mit einem Lederriemen zusammengebunden. Und er hatte den Koffer genommen, war in sein Abteil gestiegen und hatte ihn nicht mehr losgelassen.
Nein … Es war doch im Zug gewesen. Es war wirklich dieser Detektiv.
Aber wie? Zu welchem Zeitpunkt?
Den Kopf in den Händen und dem Wahnsinn nahe, dachte Rosic nach.
Plötzlich stieß er einen Schrei aus. Er erinnerte sich! Bei der Ankunft am Bahnhof von Lyon war Rosic aufgestanden, und T. D. Shap hatte in einer ganz natürlichen Bewegung den Koffer genommen, um diesen für ihn zu halten. Für die Zeit des Aussteigens aus dem Waggon … Wie lange? Einen Bruchteil einer Sekunde! Er hatte sich umgedreht, und T. D. Shap hatte ihm den Koffer gereicht.
War es möglich, dass der Detektiv in dieser kurzen Zeitspanne den Koffer ausgetauscht hatte? Woher hätte er den anderen nehmen sollen? Er war doch mit leeren Händen ins Abteil gekommen.
Und dennoch war es eine Tatsache: Der Koffer war vertauscht worden, und rein praktisch hatte nur eine einzige Person diesen Tausch vollziehen können – und das war dieser Detektiv.
»Lass sehen … lass sehen …«, sagte Rosic laut zu sich selbst. »Ruhig bleiben … Nachdenken!«
Warum hätte dieser Detektiv ihm den Koffer stehlen sollen? Dann müsste man annehmen, dass dieser T. D. Shap gar nicht T. D. Shap war. Wer war er also?
Wer hatte ein Interesse daran, diesen Koffer zu besitzen?
Nun, natürlich derjenige, dem er wirklich gehörte – das heißt W. R. Burnt!
Wenn dieser Shap niemand anderes als Burnt war?
Meines Erachtens … Er war es!
Rosic schlug sich mit beiden Händen an den Kopf und schrie: »Idiot … was für ein Idiot ich bin! Wie habe ich das nicht erraten können? Wer konnte alle Einzelheiten dieser Affäre so gut kennen, wenn nicht Burnt selbst? Und ich Dummkopf bewunderte noch die überlegene Kombinationsgabe dieses famosen Detektivs. Tolle Leistung! Er hat mich reingelegt. Er hat mich zum Narren gehalten. Ah! Er muss im Moment köstlich lachen!«
Doch tief in seinem Inneren konnte Rosic nicht umhin, die Art und Weise dieses Burnt zu bewundern. Verdammt gewieft, dieser Gentleman! Wie er im Krankenhaus von Valence sein Sakko wieder an sich gebracht hatte.
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