Der Kurier und der Detektiv – Kapitel 28
Allan Pinkerton
Der Kurier und der Detektiv
Originaltitel: The Expressman and the Detective
Chicago: W. B. Keen, Cooke & Co., 113 and 115 State Street. 1875
Kapitel 28
Die Zeit verging, und am dritten Tag nach dem Ausflug nach Philadelphia war Madame Imbert bei Mrs. Maroney, die ununterbrochen davon sprach, das Geld herauszugeben. Sie spielte auf Cox’ Haltung in dieser Frage an. Er hatte erklärt, dass er White das Geld niemals geben würde; er kenne den Mann nicht und würde niemandem vierzigtausend Dollar anvertrauen. Er betonte, dass er das Geld nun in seinen Händen habe und es auch behalten werde. Sie bestand darauf, dass man ihr die Angelegenheit überlassen sollte, um sie nach ihren eigenen Vorstellungen zu regeln. Mrs. Cox war – genau wie ihr Ehemann – fest dazu entschlossen, dass White das Geld nicht bekommen sollte. Alles sprach gegen die Chance, dass White an das Geld gelangen würde.
Zu dieser Zeit saßen sie in einem abgelegenen Teil des Gartens. Mrs. Maroney blickte sich um, vergewisserte sich, dass niemand in der Nähe war, und sagte dann: »Madame Imbert, Sie sind es gewohnt, sich um Angelegenheiten wie die meine zu kümmern. Wollen Sie das Geld nicht nehmen, es als Ihres ausgeben und mit mir in den Westen reisen? Dort könnten Sie Ihren Freund ausfindig machen, und er wäre sicher bereit, das Geld gegen zwei- oder dreitausend Dollar umzutauschen – nicht wahr? Ich möchte von hier weg; meine Schwester ist gegen mich, und Josh behandelt mich, als wäre er mir ebenbürtig oder gar überlegen.
Madame Imbert erkannte, dass sie sehr klug handeln musste. Mit Mrs. Maroney musste behutsam umgegangen werden. Sie wollte, dass diese das Geld White übergab, denn wenn sie das Geld selbst an sich nähme, müsste sie als Zeugin in dem Fall aussagen. Das wollte sie vermeiden. Sollte es ihr jedoch nicht gelingen, Mrs. Maroney dazu zu bewegen, das Geld an White auszuhändigen, würde sie es als letztes Mittel selbst in Besitz nehmen. Daher antwortete sie: »Nein, ich möchte es ungern nehmen; ich habe selbst genug, worum ich mich kümmern muss. Wenn mein armer Mann nur aus dem Gefängnis wäre, würde er es Ihnen im Handumdrehen umtauschen. Ich möchte derzeit nicht noch mehr Geld bei mir tragen; es käme mich teuer zu stehen, wenn man mich mit dem Geld an mir erwischen würde.«
»Die Gefahr ist gering«, sagte Mrs. Maroney. »Ich habe es den ganzen Weg von Montgomery hierher getragen und hatte kaum Unannehmlichkeiten dadurch. Sie müssen mir helfen.«
»Mrs. Maroney, an Ihrer Stelle würde ich genau das tun, was mein Mann möchte.«
»Ja, ja«, meinte sie, »aber wer kennt schon White? Ich habe ihn noch nie gesehen.«
»Lassen wir das Thema für den Moment ruhen. Ich werde alles tun, um Ihnen zu helfen. Ich habe meinem Freund gestern Abend geschrieben, und er wird eine Antwort schicken, die an Sie zu meinen Händen adressiert ist.«
Mrs. Maroney war sehr erfreut und ging in bester Stimmung nach Hause. Am folgenden Tag erhielt sie einen Brief von Maroney; er hatte White gesehen, und dieser würde in ein oder zwei Tagen in Jenkintown sein. Er schrieb, dass White etwas dagegen habe, Geschäfte mit Frauen zu machen, und dass er nie wiederkommen würde, wenn er das Geld nicht gleich bei seinem ersten Besuch erhielte. Er schloss mit der Bitte an sie, alles bereitwillig zu übergeben, und erinnerte sie daran, dass es zum Wohle beider sei. Dieser Brief traf am Abend ein, und nachdem Mrs. Maroney ihn gelesen hatte, erklärte sie Madame Imbert, dass sie sich entschlossen habe, das Geld niemals herauszugeben.
»Ich verbrenne es eher, als dass ich es White gebe«, sprach sie.
Madame Imbert war über dieses Geständnis erstaunt, gelangte jedoch nach reiflicher Überlegung zu der Überzeugung, dass es sich nur um Prahlerei handelte und nicht die geringste Befürchtung bestand, dass sie eine solche Drohung wahr machen würde. Sie fand Mrs. Maroney in einem zu unvernünftigen Gemütszustand vor, um an diesem Tag etwas bei ihr zu erreichen, und kehrte daher zu Stemples zurück.
Der nächste Tag wurde für alle Beteiligten ausgesprochen stürmisch. Frühmorgens ließ Mrs. Maroney nach Madame Imbert schicken, die sich sogleich bei den Coxes zu ihr gesellte. Mrs. Maroney empfing sie an der Tür.
»Oh, Madame Imbert, ich bin so froh, dass Sie gekommen sind! Josh hat sich äußerst eigenmächtig aufgeführt. Ich glaube fast, er hat recht mit seinem Protest, dass er das Geld nicht hergeben will.«
Madame Imbert appellierte an Mrs. Maroneys Pflichtgefühl. Sie malte das Glück einer Ehefrau in den schillerndsten Farben aus, die nur auf die Interessen ihres Mannes bedacht ist und Opfer für ihn bringt. Sie zeichnete ein rührendes Bild von Maroneys Leiden im Gefängnis und versuchte ihr die Überzeugung einzuschärfen, dass er das Geld aller Wahrscheinlichkeit nach nur an sich genommen hatte, um sie in eine Lage zu versetzen, in der sie sich jeden Luxus leisten konnte. Was wusste Cox schon von Leiden oder von den Schritten, die ihr Ehemann unternehmen musste, um seine Freilassung zu erwirken? Als Maroney die vierzigtausend Dollar an sich nahm, musste er sie sofort auf dem Alabama River verschiffen, und nun konnte man sehen, wie klug er damit gehandelt hatte. Er hatte bei jedem seiner bisherigen Schritte eine vollendete Durchsetzungskraft bewiesen – war es da überhaupt wahrscheinlich, dass er sein Geschick verloren hatte?
»Er liebt Sie«, sprach sie, »und würde alles für Sie tun. Ihre Pflicht als Ehefrau ist klar und einfach: Tun Sie das, was Ihr Mann von Ihnen verlangt.«
Madame Imberts Argumentation war unanfechtbar, doch für Mrs. Maroney war sie eine bittere Pille. Ohne ein Wort zu sagen, führte sie den Weg ins Haus an, wo sie auf Cox trafen, der gerade aus dem Keller heraufkam. Sie hatte sowohl Josh als auch dessen Frau mitgeteilt, dass sie Madame Imbert ins Vertrauen gezogen hatte, und beide hielten dies für eine kluge Entscheidung.
»Josh, hast du das Geld weggebracht?«, verlangte sie zu wissen.
»Nein!«, antwortete er in recht mürrischem Ton. Dann wandte er sich an Madame Imbert und sagte: »Sie müssen in dieser Sache doch derselben Meinung sein wie ich! Ich halte es für reinen Unsinn, das Geld White zu überlassen. Niemand kennt diesen angeblichen Buchhausierer, und ich werde einem solchen Mann kein Geld aushändigen. Er soll zu mir kommen, dann werde ich mit ihm reden.«
Josh stolzierte im Raum herum wie ein Zweimetermann. »Ich werde es im Handumdrehen aus ihm herausholen. Ich werde ihm zeigen, dass er mir kein X für ein U vormachen kann, wie er es offenbar bei Nat getan hat. Verdammt soll ich sein, wenn ich das verstehe!«
Cox wurde in seiner Meinung von seiner Frau tatkräftig unterstützt. Mrs. Maroney hatte dem nur wenig entgegenzusetzen.
Madame Imbert erklärte, dass Josh ihrer Meinung nach völlig im Unrecht sei. Maroney wisse besser als sie alle, was für seine Interessen das Beste sei. Was sie selbst betreffe: Wenn ihr Mann ihr sagen würde, sie solle alles aufgeben, was sie besitze, würde sie das bereitwillig tun, da sie wisse, dass er am besten beurteilen könne, was zum Wohl beider beitrage.
Der Tag verging in ständigem Streit. Madame Imbert konnte sich kaum lange genug von Mrs. Maroney losreißen, um ihre Mahlzeiten einzunehmen. Mrs. Maroney und Josh tranken ausschließlich Cognac. Gegen Abend verkündete Josh seine Absicht, das Geld »auszugraben« und sich damit noch in der Nacht auf den Weg in den Westen zu machen. Er wolle sich verstecken, bis Maroney aus dem Gefängnis freikäme, um ihm das Geld dann zu übergeben. Josh war erhaben in der Reinheit und Nächstenliebe seiner Motive. Er wollte keinen einzigen Cent von dem Geld – keineswegs! Aber er konnte nicht tatenlos zusehen, wie sein Schwager überfeilt wurde, ohne einen Versuch zu dessen Rettung zu unternehmen. Nein, das konnte er nicht. Unter erheblichen persönlichen Unannehmlichkeiten wollte er sich freiwillig von seiner Familie trennen, sich die Aufgabe auferlegen, der Wachhund von Nats Schatz zu werden, und sich für eine Weile in der Wildnis des Westens verlieren. Madame Imbert dachte bei sich, dies sei wohl ein klarer Fall von Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn, sprach es jedoch nicht aus.
Mrs. Maroney nahm ihm jedoch den Wind aus den Segeln, indem sie sagte: »Wage es ja nicht, das Geld anzurühren, bevor ich es dir sage! Ich habe keine Eile, es wegschaffen zu lassen; der Keller hat sich bisher als sicheres Versteck erwiesen, und ich sehe keinen Grund, warum das nicht so bleiben sollte. Du darfst nicht vergessen, dass es Nat und mir gehört. Ich kann selbst darauf aufpassen, also lass einfach deine Finger davon.«
Josh sagte nichts mehr, wusch jedoch gedanklich seine Hände in Unschuld und machte sich auf den Weg zu Stemples. Er traf dort Rivers und Barclay an, erwähnte jedoch nichts von den Vorfällen, außer dass er zu Hause Ärger habe.
Am Abend erhielt Mrs. Maroney einen Brief von ihrem Mann, in dem dieser mitteilte, dass der Buchhausierer am nächsten Tag vorbeikommen werde.
Der folgende Tag sollte für mich ein folgenschwerer werden. Bis zum Mittag würde ich das Schicksal meines Vorhabens kennen. Ich hatte keine Zweifel am Ausgang, doch dann würde ich die Beweise in den Händen halten, um meinen Auftraggebern zu zeigen, dass das Vertrauen, das sie mir entgegengebracht hatten, nicht unberechtigt war; dass die Theorie, die ich aufgestellt und nach der ich gearbeitet hatte, die richtige war; und dass mein Berufsstand – der von charakterlosen Glücksrittern so weit herabgewürdigt worden war, dass der Begriff Detektiv synonym mit Gauner stand – bei ordnungsgemäßer Ausübung und ehrlicher Führung eine der nützlichsten und unentbehrlichsten Stützen für den Schutz von Leben und Eigentum der Menschen darstellte. Der Geistliche spende der Seele Trost; der Arzt sei bestrebt, die Schmerzen des Körpers zu lindern; der Detektiv hingegen reinige die Gesellschaft von ihren Makeln, mache das Verbrechen abscheulich, indem er es ans Licht zerrte, wo es sonst im Dunkeln gedeihen würde, und verbessere im Allgemeinen die Menschheit, indem er beweise, dass unrechte Taten – egal wie geschickt sie vertuscht werden – mit Sicherheit aufgedeckt und ihre Täter bestraft werden. Das wirksamste Mittel zur Verbrechensverhütung ist die Furcht vor Entdeckung.
Es gibt Pfuscher in anderen Berufen ebenso wie in meinem, und die Menschen sollten die Schuld dort suchen, wo sie hingehört: bei den Pfuschern und nicht beim Berufsstand selbst.
Am Abend erhielt ich einen Brief von Madame Imbert, in dem sie mir von den Schwierigkeiten berichtete, die einer Geldübergabe an White im Wege standen. Sie war voller Hoffnung und schrieb, sie glaube, Mrs. Maroney doch noch zur Herausgabe des Geldes bewegen zu können; sollte jedoch alles andere fehlschlagen, würde sie das Geld selbst an sich nehmen. Es sei ihr von Mrs. Maroney oft angeboten worden, und Josh habe erklärt, er habe nichts dagegen, wenn sie es nähme. Sie würde Vorkehrungen treffen, dass sie das Geld erhielte, falls White es nicht bekäme. Das Geld würde am nächsten Abend in Philadelphia sein, selbst wenn sie zu Fuß damit hineinlaufen müsste.
Die Wiederbeschaffung von vierzig- oder fünfzigtausend Dollar wird heute als kleine Angelegenheit angesehen; doch im Jahre 1859, vor dem Krieg, galt dieser Betrag als absolut enorm.
Ich zeigte den Brief von Madame Imbert dem Vizepräsidenten. Er war überaus erfreut darüber, dass der Erfolg so nahe bevorstand, und willigte ein, am Morgen einen kleinen Ausflug mit mir zu machen.
White war bei mir in Philadelphia, und ich traf alle Vorbereitungen für die Arbeit des kommenden Tages. Am nächsten Morgen war ich in aller Frühe auf den Beinen. Die Sonne ging an einem wolkenlosen Himmel auf, und das Wetter versprach schön zu werden. Bis zum Mittag würde es voraussichtlich übermäßig heiß werden, doch der Morgen war frisch und balsamisch. White sollte in seiner Rolle als Buchhausierer zu Fuß nach Jenkintown gehen, um den Eindruck zu erwecken, er sei aus der Stadt herausspaziert. Shanks sollte ihn bis auf etwa zwei Meilen an Jenkintown heranfahren, wo White aussteigen und den Rest zu Fuß zurücklegen würde, während Shanks zurückfahren und beim Rising Sun, einem Wirtshaus an der Straße, auf ihn warten sollte. Der Vizepräsident und ich fuhren von Chestnut Hill hinüber, stellten unser Gespann beim Rising Sun unter und bezogen so nahe am mutmaßlichen Schauplatz des Geschehens Stellung, wie es die Vorsicht gebot.
Frühmorgens, als der Tag gerade anzubrechen begann, kam Rivers herein und berichtete über die Lage der Dinge. Er hatte das Anwesen der Coxes die ganze Nacht über beobachtet, aber abgesehen von lauten Worten hatte es keine Auffälligkeiten gegeben. Ich schickte Madame Imbert durch ihn eine Nachricht mit der Anweisung, sie ihr zu übergeben, sobald sie aufgestanden sei. Ich wies sie an, unbedingt wie angekündigt zu handeln – das Geld heute um jeden Preis zu beschaffen, wenn nötig mit Gewalt –, da ich Cox keinen weiteren Tag trauen wollte.
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