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Zehn Geschichten aus Meister Hämmerlings Leben und Denkwürdigkeiten – Teil 5.2

Zehn Geschichten aus Meister Hämmerlings Leben und Denkwürdigkeiten

Memoiren eines Scharfrichters aus den Zeiten des Mittelalters
Herausgegeben von Wilhelm von Chézy

Benzs Ausfahrt 2. Teil

Nie hatten die Mauern der Abdeckerei einen so trübseligen Bewohner umschlossen wie den jungen Nürnberger. Vor Unlust und Heimweh vergingen ihm Essen, Trinken und Schlafen. Bald wandelte er wie ein hohläugiges Gespenst umher. Er mied die Gesellschaft seiner neuen Gefährten und schien sich nur in der Einsamkeit wohlzufühlen. Nach vielen vergeblichen Aufmunterungsversuchen überließen die anderen ihn schließlich gern seiner Abgeschiedenheit, da sie meinten, dass mit dem mürrischen Burschen nichts anzufangen sei.

Als er eines Abends nach Feierabend im kleinen Garten hinter dem Haus seinen Gedanken nachhing, trat die Frau seines Meisters in ihrer Kammer vor den Spiegel aus hell geschliffenem Stahl. Sie kämmte und lockte ihr Haar sorgfältig, wusch sich das Gesicht sowie die Hände mit frischem Quellwasser und zog ihr sonntägliches Gewand an. In die eine Hand nahm sie einen Krug mit altem Wein, in die andere einen Zinnteller, auf den sie neben einen silbernen Trinkbecher ein Messer und ein gelbes Butterbrötchen legte. So ging sie hinaus in die Laube, wo der junge Geselle von seiner unerreichbaren Heimat und dem verlorenen Glück träumte.

Verwundert sah er die Meisterin an, die wie aus dem Boden gewachsen vor ihm stand. Sie kredenzte ihm den Wein, bot ihm das Gebäck an und sprach ihm gut zu, er möge doch sein Leid vergessen. Doch das war vergebliche Mühe, denn Veit verschmähte den Trank ebenso wie Gretes tröstende Worte. Auf all ihre Reden entgegnete er nur das Eine: Er wünsche sich nichts außer dem Tod. Schließlich ging sie und ließ ihn, wie er es begehrte, allein.

Zürnend suchte sie ihr Lager auf und brütete Rachepläne aus. Dennoch erwachte sie am nächsten Morgen versöhnt, nur um am Abend erneut den vergeblichen Versuch zu wagen. So ging es viele Tage hintereinander fort, ohne dass der störrische Veit seinen Trotz ablegte oder Grete von ihren Bemühungen abließ.

Wie es jedoch meistens geschieht, dass Widerstand das Begehren der Frauen nur noch mehr anstachelt, so erging es auch Grete. Am Ende sah sie sich so weit getrieben, dass sie ihr verlangen – das sie sich anfangs kaum selbst einzugestehen wagte – der alten Blutrude offenbarte, um die finsteren Künste der Hexe in Anspruch zu nehmen. Die Blutrude hatte auf dem Wasen allerhand zu tun und war schon lange mit der Meisterin vertraut. Grete hatte der Distelwirtin einst geholfen, die Zauberwurzel Alraune zu beschaffen, die unter dem Galgen wächst, sowie andere unheimliche Dinge, vor denen eine fromme Christenseele berechtigte Scheu hegt. Die Trude pflegte sich mindestens einmal wöchentlich an der Hintertür einzufinden, durch die Grete hinausschlüpfte, um sich mit ihr zu treffen.

Als die junge Frau ihr nun ihr Leid klagte, grinste die Alte höhnisch. Sie beschloss für sich, die Gelegenheit zu nutzen, um sich am Meister Hämmerling zu rächen. Grete versprach sie jedoch Hilfe in ihrer Not und mischte ihr ein Pulver an. Dieses sollte sie dem spröden Knaben in die Suppe oder ins Mus rühren. Schon am folgenden Sonntag bot sich dazu die Gelegenheit, die auch sogleich genutzt wurde.

Veit wurde nach dem Imbiss ganz sonderbar zumute. Als er an seinem gewohnten Platz im Gärtchen saß, war ihm, als müsse er aufspringen und davonlaufen. Es gelang ihm kaum noch, an die Heimat und seine Angehörigen zu denken; sein Kopf drehte sich im Kreis und seine Sinne wurden von einem Rausch umfangen. Dieser war jedoch nicht betäubend und schwer – wie etwa nach dem Zechen von Nürnberger Met –, sondern ermutigend und leicht. Einen solchen Rausch hatte er bisher erst einmal im Leben empfunden: damals im brabantischen Namur auf der Hochzeit seines Meisters, als er von dem schäumenden, perlenden Trank gekostet hatte, den die Wallonen aus der französischen Grafschaft Champagne holen, um ihr vom schweren Gerstenbier träge gewordenes Blut aufzufrischen.

Grete, die ihm das Liebespulver ins Essen gemischt hatte, wusste durch die Anweisung der Hexe genau, dass sie ihn nun nicht lange allein lassen durfte. Sie durfte keinesfalls abwarten, ob ihm inzwischen ein anderes Weib unter die Augen und vor die erregten Sinne trat. Deshalb vergaß sie diesmal alle Spielereien im Hof und eilte mit dem so oft verschmähten Wein in den Garten, sobald ihr Ehemann ihr den Rücken gekehrt hatte.

Als Veit sie erblickte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Zum ersten Mal nahm er wahr, was für eine stattliche Frau die Meisterin war. Sie mochte damals etwa sechsunddreißig Jahre alt sein, hatte ein schönes, rosiges Gesicht, blaue Augen und glänzendes, rötliches Haar. Abgesehen von ihren breiten Händen und plumpen Plattfüßen war sie überaus wohlgeformt, sodass sie herausgeputzt manch schöner Dirne den Rang ablaufen konnte. Und diesmal ließ sie den jungen Knecht tatsächlich alles vergessen, was er verloren hatte.

Er trank vom Wein, ließ sich bereitwillig trösten sowie aufmuntern, holte seine bestaubte Zither aus der Kammer und spielte sowie sang manche süße Weise. Grete ließ erst von ihm ab, als sie – lange nach Einbruch der Dunkelheit, aber für ihren bösen Willen noch viel zu früh – den heimkehrenden Alten im Hof pfeifen hörte. Da schlüpfte sie ins Haus, verwünschte den Störer ihrer heimlichen Lust und fand vor lauter Wünschen und Zukunftsplänen lange keinen Schlaf – ebenso wenig wie ihr bezauberter Mitschuldiger.

Doch es waren Gedanken ganz anderer Art, die Veit die Ruhe raubten: In seiner Seele keimte bittere Reue. Als der Morgen anbrach, war ihm, als müsse er das buhlerische Weib erwürgen, das ihn – so ahnte er – nur durch arglistige Zauberkünste so töricht gemacht haben konnte. Dennoch wirkte der Zauber so mächtig, dass der arme Veit es kaum über sich brachte, den gefährlichen Garten zu meiden und den anderen Knechten zu folgen. Von deren Seite zog es ihn immer wieder wie mit leiser, aber eindringlicher Überredung hinweg und lockte ihn zur stillen Laube. Dort hatte er einst auf Knien unter den glühenden Küssen der Verführerin seine Seele verpfändet und ewige Treue geschworen.

Grete wunderte sich sehr über das Verhalten ihres kaum gewonnenen Liebhabers. Er wich nicht mehr von der Seite ihres Mannes oder dessen Gesellen und mied sie konsequent. Dennoch hefteten sich seine Augen, wo immer er sie erblickte, an ihre Schritte und schienen wie in Sehnsucht entflammt nicht von ihr ablassen zu können. Vergebens versuchte sie, eine Antwort aus ihm herauszubekommen. Er wusste ihr stets behände wie ein glatter Aal zu entschlüpfen und wich ihr umso hartnäckiger aus, je eifriger sie ihn verfolgte. Doch wer vermöchte auf ewig den Schlingen eines listigen Weibes zu entgehen – besonders wenn im eigenen Herzen der Abscheu vor der Sünde mit der Begierde kämpft?

Ehe Veit es sich versah, stand er Auge in Auge vor derjenigen, die er zugleich fürchtete und begehrte, hasste und liebte. Als er sie so vor sich sah, entflammte er in Zorn und Lust zugleich. Unwillkürlich öffneten sich seine Arme, er schloss sie an seine Brust und gab sich ihren Liebkosungen hin, die ihn doch zugleich mit Grauen erfüllten. Nun überschüttete Grete ihn mit Vorwürfen, denen er nichts entgegenzusetzen wusste außer Beteuerungen und Schwüren der Zärtlichkeit und Treue. Als sich die Vorwürfe schließlich milderten, in Klagen und schließlich in erwidernde Schmeicheleien übergingen, kam Veit für einen Augenblick wieder zur Besinnung.

Er hielt die Meisterin mit starker Hand von sich fern und sprach voller Zorn: »Wie hast du mich nur so arglistig betört, dass ich nicht mehr von dir lassen kann und mein Leben lang dein Knecht sein muss? Heb dich hinweg von mir, Versucherin, und lass mich einsam in Schmerz und Scham vergehen! Es ist der Sünde und des Unrechts mehr als genug, dass ich um deinetwillen derjenigen vergesse, die ich für immer zu lieben gedachte. Dass ich bis zu meinem Tod kein anderes Weib mehr begehren will und darf als dich allein – nimmermehr aber sollst du mich dazu verleiten, das Heil meiner Seele und die Ruhe meines Gewissens so schmählich aufs Spiel zu setzen! Ich werde nicht den Mann betrügen, der mein Brotherr und Lehrmeister geworden ist, wenn auch ganz gegen meinen Willen. Darum geh von dannen und lass ab von mir!«

Damit stieß er sie von sich und wandte ihr den Rücken zu.

Grete war der Verzweiflung nahe. Sie raufte sich das Haar und wütete gegen sich selbst, da sie dem Urheber ihres bitteren Leids nicht zürnen konnte. In seinem Trotz erschien er ihr nur noch reizender und verlockender. Um ihn zu gewinnen, war sie bereit, alles zu wagen, und schwor sich selbst teuer ein, selbst das Schwerste auf sich zu nehmen.

Sie hatte nicht vergeblich geschworen, und der böse Feind bemächtigte sich durch den heillosen Rat und die Hilfe der Blutrude bald ganz ihrer vom Guten abgewandten Seele. Die alte Hexe hatte kaum vernommen, was Veit getan und gesagt hatte, als sie Grete einredete, sie müsse Benz aus dem Weg räumen; dann würde sich ihr Geliebter ihr ganz und gar hingeben. Die Verblendete horchte begierig auf die verderblichen Ratschläge und wiegte ihr Gewissen in Schlaf, gelockt von der Aussicht, den spröden Geliebten endlich zu besitzen. Sie nahm von der Zauberin ein zweites Pulver entgegen. Dieses wollte sie jedoch nicht Veit geben, sondern jenem Mann, dem sie vor Gott und dem Priester die Treue gelobt hatte.

Veit hielt sich mehr denn je in der Nähe seines Meisters auf. Ihm war wohlbewusst, dass er nirgends sicherer vor den Nachstellungen der Frau sein konnte als direkt unter den Augen ihres Mannes. So kam es, dass der Henker den aufmerksamen Knecht nach und nach liebgewann. So mürrisch und finster der alte Benz von Gemüt auch war, so rührte ihn doch die Anhänglichkeit des Unglücklichen, da er den wahren Grund dafür nicht ahnte. Veit wiederum berührte die Freundschaft des rauen Meisters so sehr, dass ihm das Geheimnis auf der Zunge brannte und er es kaum noch zurückhalten konnte. Schließlich fasste er den Entschluss, es zu offenbaren – koste es, was es wolle. Zudem rechnete er damit, dass der Meister ihn nach dieser Entdeckung aus dem Haus jagen würde, was ihm gerade recht gewesen wäre. So wartete er nur noch auf eine passende Gelegenheit.

Die Gegebenheit fand sich bald, als der Henker eines Morgens zu ihm sagte: »Komm herein zu mir, Nürnberger! Die Frau hat mir ein braunes Mus aus feinem Grieß zubereitet. Das magst du an meiner statt essen, denn ich habe keinen Hunger und würde die Schüssel kaum anrühren.«

Veit ließ die anderen Knechte zur Morgensuppe in die Küche gehen, folgte der Einladung des Meisters und langte tüchtig zu, da er bei der Arbeit sehr hungrig geworden war. Während des Essens fing er beherzt an zu erzählen. Benz ließ vor Verwunderung den Löffel im Mus stecken, noch ehe er einen Bissen genommen hatte, und hörte der Geschichte mit weit aufgerissenen Augen zu.

Unterdessen richtete Grete langsam und bedächtig die Morgensuppe an. Sie aß mit den Knechten und Mägden, lachte, plauderte und scherzte. Schließlich fragte sie wie beiläufig nach Veit: Warum er denn nicht nach Hause gekommen und wo er abgeblieben sei?

»Freilich ist er heimgekommen!«, lautete die Antwort. »Er isst gerade mit dem Meister das Grießmus, das die Frau zubereitet hat.«

Die Meisterin wurde totbleich. Sie sprach kein Wort, sondern schnellte von der Bank auf, eilte zur Stube und trat genau in dem Moment in die Tür, als Veit mit einem Schrei zu Boden sank. Dort wand er sich stöhnend und ächzend vor bitteren Schmerzen, während Benz sich – ohne auf ihn zu achten – wie ein Rasender auf die Hinzugekommene warf.

Das herbeigelockte Gesinde sah den Sterbenden auf dem Estrich liegen und den Meister, der das Weib erbärmlich mit seinem Ledergürtel schlug. Dabei nannte er sie mit allen hässlichen Namen eine Buhlerin sowie Ehebrecherin. Sie wiederum schalt ihn einen Mörder, der den armen Knaben aus blinder, törichter Eifersucht vergiftet habe. Darüber wurde der zornige Mann nur noch grimmiger, sodass sie seinen Händen wohl nicht lebendig entronnen wäre, hätten die Knechte die beiden nicht auseinandergedrängt.

Kaum fühlte Grete sich jedoch frei, lief sie mit fliegenden Haaren und flatterndem Gewand in die Stadt. Das Volk drängte ihr scharenweise nach, bis sie zeternd und schreiend das Rathaus erreichte. Dort wiederholte sie mit lauter Stimme ihre Anklage, wies die Striemen auf ihren Armen sowie in ihrem Gesicht vor und rief den Schutz des Gerichts an. Daraufhin verging keine Stunde, bis auch schon der Scharfrichter in Ketten lag.

Veit war unterdessen gestorben. Die herbeigerufenen Ärzte, Meister und Bader erklärten unter Eid, dass ihn ein schnelles Gift hingerafft habe.

Nun steckte der Meister in arger Bedrängnis: Vom eigenen Weib betrogen und verraten, hatte ihm das böse Schicksal zu allem Überfluss eine furchtbare Mordklage aufgebürdet. Die Umstände zeugten mit entsetzlicher Wahrscheinlichkeit gegen ihn und stempelten ihn zum Mörder des Vergifteten. Als er den wahren Sachverhalt klar und ausführlich schilderte, lachte der Richter nur fälschlich in sich hinein und versetzte: »Du hast den Gesellen an die Schüssel gelockt, von der du nach deinem eigenen Geständnis nicht gegessen hast. Statt dem Vergifteten beizustehen, als noch Zeit gewesen wäre, hast du es vorgezogen, dein Weib zu schlagen und zu würgen. Gesteh deine Missetat nun lieber gütlich, damit der Richter dich strafe, Gott dir aber verzeihe – wo nicht, so weißt du, was deiner harrt!«

Vergebens berief sich der Scharfrichter auf sein langes, rechtschaffenes Leben, seine treuen Dienste und seinen guten Leumund. Die Herren vom Rat verhängten die Folterung über ihn und ließen ihn an die Pforte der Folterkammer führen, um ihn – wie es gewöhnlich mit armen Sündern geschieht – durch den Anblick der Marterwerkzeuge zu erschrecken. Nun lernte Meister Benz erst richtig begreifen, wie all denjenigen zuteilgeworden war, die er selbst schon zu diesem Anblick geführt hatte. Mit Grauen dachte er daran, wie manche unter ihnen vielleicht genau wie er unschuldig in falschen Verdacht geraten waren.

Vor der Folter selbst erschrak er jedoch nicht. Er berief sich auf seine Rechte sowie Freiheiten, lehnte die Gerichtsbarkeit der Herren ab und verlangte die Versendung der Akten zum Spruch, damit das Schöffengericht über ihn richte.

Die Herren wollten davon zunächst nichts wissen und beriefen sich auf die eigenen Privilegien der Stadt. Doch der fremde Scharfrichter, den sie zur Aushilfe bestellt hatten, zog mit seinem Knecht die hochgestreiften Hemdsärmel wieder bis zum Handgelenk herunter, nahm sein Wams auf, um es anzuziehen, und erklärte mit fester Stimme: Er müsse zwar – wenn ein rechtmäßiges Urteil es verlange – allenfalls auch den eigenen Sohn martern. Nimmermehr werde er jedoch gegen Kaiser und Reich rein nach Willkür und ohne rechtlosen Spruch Hand an einen Zunftbruder legen. Da fügten sich die Richter und beschlossen – wenn auch widerwillig –, die Akten zur Entscheidung zu versenden. So geschah es.

Meister Benz lag nun lange Tage auf dem Kerkerstroh und bedachte in bitterer Reue, wie er um des ihm angetrauten Weibes willen den Sohn aus erster Ehe vernachlässigt hatte. Er legte ein Gelübde ab: Sollte er frei werden, würde er das Kind seiner seligen Frau wieder in alle Rechte einsetzen. Sollte er jedoch sterben müssen, wollte er wenigstens nach Kräften dafür sorgen, dass seinem kleinen Berthold ein tüchtiger Vormund bestellt und das Erbe gesichert werde.

Unterdessen hatte Herr Ruprecht, der Zehntgraf, erfahren, wie und weshalb der Scharfrichter in den Turm geworfen worden war. Er ritt deshalb in die Stadt und sprach zum Bürgermeister mit heuchlerischer Sanftmut: »Mich drückt ein schweres, heimliches Siechtum. Weder der Herr Arzt noch der Bader, weder die weise Frau noch der Hufschmied wissen mir zu helfen. So begehre ich denn, mit dem erfahrenen Scharfrichter zu sprechen, ob er das Gebrechen nicht bannen kann.«

Nun sah der edle Herr gar nicht wie ein Kranker aus, sondern war von mannhafter und stattlicher Gestalt.

Er war zwar so anzuschauen, doch trotz der weißen Haare und des ergrauenden Bartes war er noch so rüstig und straff wie ein dreißigjähriger Reitersmann. Dennoch glaubte ihm der Bürgermeister aufs Wort und willigte ein. So trat Herr Ruprecht in den Kerker, schloss die Tür sorgfältig hinter sich zu und setzte sich dem Gefangenen gegenüber, der ihn voller Erstaunen anstarrte.

»Du wunderst dich, mein Benz«, hob der Graf an, »was mich wohl zu dir führt. So wisse denn: Wir beide sind schwer krank, und einer soll des anderen Arzt sein.«

»Ich bin nur unglücklich«, sagte der Meister, »doch nicht krank. Die schmale Gefängniskost und der klare Trank aus dem Brunnen lassen mein Zipperlein nimmermehr aufkommen.«

Ruprecht lachte derb und von ganzem Herzen. Er meinte, die Kur sei schlimmer als das Übel, und fuhr fort: »Unglück ist das schlimmste Siechtum, vergebliches Begehren ärger als alle Schmerzen. So wisse denn: Du begehrst die Befreiung, ich das Geld. Ich habe die Macht, dich zu befreien, du aber besitzt die blanken Kronen und die hundert Ehrenbreitstein-Taler des alten Geizhalses – wollen wir einen Tausch machen?«

Benz dachte bei sich, es sei immerhin besser, wenn der Schatz aus der Distel in die Hände des Grafen käme und er dadurch Haut und Haar rettete, als dass die Herren vom Rat ihn als einem hingerichteten Übeltäter abnehmen würden. Deshalb lächelte er beifällig, sagte dem Grafen, dass die Eisentruhe unter den Riegeln in der Wasenmeisterei liege, und versprach, für seine Rettung den gesamten Schatz hinzugeben.

»Du bist mir seit langen Jahren als ein ehrlicher Mann bekannt«, sprach Ruprecht und erhob sich. »Dein Wort bedarf bei mir keiner weiteren Bürgschaft. Ich verspreche dir bei meiner adeligen Ehre, dich zu befreien – sei es mit List oder mit Gewalt.«

Damit ging er von dannen und ließ den Gefangenen voll Hoffnung und Zuversicht allein. Den kümmerte es von nun an nicht mehr, dass das Schöffengericht schrieb:

Da Ihr besagten Giftmörder auf frischer Tat ergriffen habt, so mögt Ihr ihn wohl als einen boshaften Leugner mit der
scharfen Frage vom ersten bis zum dritten Grade foltern.

Zu derselben Zeit trat Ruprechts Herold vor den versammelten Rat, um den beschuldigten Scharfrichter als Angehörigen des Reiches und Lehnsmann vor das Blutgericht des Grafen zu fordern, das im Namen des Kaisers gehegt wurde. Die Herren sahen dieses Begehren mit scheelem Blick an, erhoben großen Lärm und wollten sich noch weniger fügen als zuvor beim Verlangen des Beklagten nach einem Spruch der Hochschule. Da der Graf jedoch mit Gewalt drohte und sie überdies nur zu gut wussten, dass sie wegen der Neanderschen Händel beim kaiserlichen Hoflager gar übel angesehen waren, lieferten sie den Gefangenen schließlich in den Gewahrsam des Reiches an den Grafen aus. Dieser beraumte die Gerichtsverhandlung auf den dritten Tag an.

Eine halbe Stunde Weges unterhalb der Stadt, am rechten Ufer des Stromes, steht noch heute die uralte Eiche, unter deren Schatten sich unsere Vorfahren schon zur Richtstätte versammelten und wo der Graf im Namen des Kaisers über Leib und Leben richtete. Hier saß Ruprecht unter großem Zulauf des Volkes zu Gericht. Zu seiner Linken stand der Beklagte. Neben ihm befand sich der Verteidiger, den der Richter selbst für ihn bestellt hatte: kein anderer als Junker Ezel der Staufer, ein eidgenössischer Söldner in Diensten des Grafen, berüchtigt für seinen kühnen Mut und seine starken Fäuste.

Der Bürgermeister selbst trat im Namen der Herren vom Rat als Kläger auf, brachte Zeugen sowie Beweise vor und verlangte die Bestrafung des Mörders. Dagegen führte der Staufer sieben edelgeborene Zeugen herbei, die einen feierlichen Eid darauf ablegten, dass Meister Benz rein von einer solchen Missetat sei. Daraufhin warf Junker Ezel seinen Handschuh in den Ring und rief mit lauter Stimme jeden zum Zweikampf heraus, der etwas anderes behaupte. Obwohl der Herold dreimal in zeitlichen Abständen wiederholte, was der Schweizer gesagt hatte, fand sich niemand, um den Fehdehandschuh aufzuheben. Als sich die Sonne neigte, ohne dass ein Kämpfer für die Klägerseite erschienen war, sprach der Graf den Beklagten frei.

Dies war das letzte Mal, dass das offene Blutgericht unter der Eiche abgehalten wurde. Es war zugleich das erste Mal seit Menschengedenken, dass der Graf sein Recht nutzte, statt einer Überführung durch Beweise und Folter ein Gottesgericht auszurufen – ein Recht, das spätere kaiserliche Sprüche ausdrücklich für verjährt und verfallen erklärten.

Bei der Freisprechung des Meisters hatte es dennoch sein Bewenden: Erstens, weil die Wirren der Zeit die Berufung an das höchste Gericht um Jahre hinauszögerten; zweitens, weil der Bescheid, der das Urteil des Grafen schließlich für nichtig erklärte, erst nach dem Tod des Richters und des Freigesprochenen erging – lange nachdem Gretchens und Blutrudes Geständnisse den wahren Sachverhalt und somit die Unschuld des Scharfrichters ans Licht gebracht hatten.

Als Meister Benz daheim nach seinem erstgeborenen Sohn fragte, hieß es, der böse Bube sei in die Welt hinausgelaufen. Grete verstand es jedoch, den Alten mit listigen Reden und demütigem Flehen milde zu stimmen, sodass er ihr vergab. Die lange Haft hatte seinen harten Sinn mürbe gemacht, und der Verlust des älteren Knaben hatte den Wert des einzig verbliebenen Kindes in seinen Augen noch gesteigert.

Der kleine Benz war jedoch nicht freiwillig davongelaufen, sondern halb mit List, halb mit Gewalt entfernt worden. Ein Knecht hatte ihn auf Geheiß der Stiefmutter viele Stunden lang auf einem Karren durch den Wald gefahren. Er hatte ihn entsetzlich bedroht, falls er je zurückkehre, und ihm vorgespielt, sein Vater werde demnächst hingerichtet und er selbst auf ewig in einen Turm voller Schlangen und Molche gesperrt, wenn man ihn ergreife.

Das war die Vertreibung des kleinen Benz.

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