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Der Welt-Detektiv – Band 13 – 5. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 13
Die unsichtbare Geheimpost
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin

5. Kapitel
Ein tückischer Anschlag

Jäh erinnerte sich Sherlock Holmes an den Drohbrief. Wie schloss er doch gleich? Aha, ja: Sollten Sie bis sechs Uhr Gut Buckin nicht verlassen haben, werden Sie um sechs Uhr eine Minute ein toter Mann sein. Das rote Triangel.

Der Weltdetektiv lachte spöttisch auf. Das Gut zu verlassen, hieße, dem Mörder einen Freibrief auszustellen. Aber immerhin: Es war eine Kühnheit ohnegleichen, dass es der Unbekannte überhaupt wagte, sich noch hier irgendwo in der Nähe aufzuhalten – selbst dann, wenn er unter dem Personal Helfer besaß. Ihn, den erfahrenen Kriminalisten, schreckte der Drohbrief nicht. Er besaß eine ganze Kollektion solcher und ähnlicher Schreiben.

So brachte ihn auch dieses nicht einen Augenblick aus dem Konzept. Wenn das rote Triangel annahm, ihn mit solchen Scherzen aus dem Hause treiben zu können, so sollte er sich verrechnet haben! Als er den ersten Stock erreichte, schaute er zur Uhr. Es war genau eine Minute nach sechs.

»Bitte, Herr Triangel!«, knurrte er voll grimmigen Humors. »Entweder Sie sind ein arger Prahler, der Ereignisse verspricht, die er nicht halten kann, oder aber Ihre Uhr geht falsch!«

Er hatte kaum ausgesprochen, als ein Schuss krachte. Haarscharf pfiff die Kugel an seinem Kopf vorüber und klatschte neben ihm in die Wand. Mit einem Fluch sprang Sherlock Holmes hinter einen Schrank. Um keine Sekunde zu früh, denn ein wahrer Kugelregen ergoss sich über den halbdunklen Flur. Sherlock Holmes zählte sieben Schüsse. Dann war es still. Der tückische Schütze, der irgendwo im Hinterhalt lauerte, hatte die Kammern seines Brownings leergeschossen. Sherlock Holmes dachte nicht daran, ihn von neuem laden zu lassen.

Mit einem mächtigen Satz sprang er hinter dem Schrank hervor und rannte auf die Stelle zu, von der man das rasende Feuer auf ihn eröffnet hatte. Aber er griff ins Leere. Er fand den Lichtschalter und betätigte ihn. Eine grelle Lichtfülle ergoss sich über den Flur und tauchte alles in ein Meer von Helligkeit. Umsonst, von einem Menschen war nichts zu sehen. Dafür entdeckte er etwas anderes: Ein Blatt Papier, das mit einem Dolch an die Wand genagelt war. Von dem blendenden Weiß des Bogens hob sich düster und drohend ein blutrotes Dreieck ab.

Sherlock Holmes stieß einen ellenlangen Fluch aus. Plötzlich stand Jonny Buston neben ihm. Der brave Gehilfe hatte das Schießen gehört und war Hals über Kopf, nichts Gutes ahnend und mit der schussfertigen Pistole in der Faust, vom Hof heraufgekommen.

»Das rote Triangel?«, schrie er. »All right!«, meinte Sherlock Holmes und wies auf das Dreieck. Dann stampfte er wütend mit dem Fuß auf. »Jonny, wir müssen den Kerl fassen! Er kann nicht weit sein. Lauf hinunter. Man soll das ganze Haus umstellen. Und wer auch nur eine Maus hinauslässt, der soll sich auf meine Fäuste gefasst machen!«

Jonny stürzte hinunter. Der Weltdetektiv riss Tür für Tür auf. Dabei ging er so vorsichtig zu Werke, dass ihn keine neue Kugel treffen konnte. Aber nichts geschah. Der Schütze schien die Kunst zu verstehen, sich unsichtbar zu machen. Bei der sechsten Tür stieß Sherlock Holmes auf Widerstand. Sie war von innen verschlossen.

»Aufgemacht!«, rief er. »Ich zähle bis drei!« Laut und klar erschollen seine Kommandos. Als bei drei nach wie vor drinnen alles still blieb, warf er sich gegen die Tür. Beim dritten Anprall barst sie auseinander. Er hatte sich auf eine bleierne Begrüßung gefasst gemacht, sah sich jedoch wiederum getäuscht. Kein Schuss empfing ihn. Und doch befand sich jemand im Zimmer: Miss Evelyne Condell. Bleich und mit geschlossenen Augen lag sie auf dem Teppich. Ohnmächtig, wie es den Anschein hatte.

Des Weltdetektivs Augen flammten. Niemand befand sich im ersten Stockwerk; nur sie. Nur sie! Sie und niemand anderes konnte also die sieben Schüsse auf ihn abgegeben haben, als er die Treppe heraufkam!

»Stehen Sie auf, Miss Condell!«, sagte er scharf. Sie regte sich nicht. Er trat langsam näher. Sein Blick glitt von der wie leblos daliegenden Gestalt durch das Zimmer. Es war einfach eingerichtet, aber mit Blumen freundlich geschmückt. Vor dem Kamin lag ein ausgestopfter Eisbär mit hässlichen Glasaugen. Das Fenster stand weit offen. Man konnte weit in den Park hinaussehen. Ganz fern blinkte ein Zipfel des Sees im Schein der untergehenden Sonne. Der Weltdetektiv trat ans Fenster und schaute in den Hof hinaus. Aufgeregte Knechte und Mägde liefen umher, aber das scheinbare Durcheinander hatte doch Hand und Fuß.

Ganz deutlich gewahrte Sherlock Holmes die Posten, die rings das Haus umstellt hatten. Und da war auch Jonny – immer noch mit dem Schießeisen in der Hand und mit einer Miene, die Bände sprach! Langsam wandte er sich um.

»Lassen Sie endlich das Komödienspiel, Miss Condell!«, sagte er eisig. »Es ist Ihnen gelungen, mich zu täuschen. Begnügen Sie sich mit diesem Triumph, den nicht jeder meiner Gegner für sich in Anspruch nehmen kann. Jetzt aber wollen wir mit offenen Karten spielen.«

Die Sekretärin lag unbeweglich am Boden. Sherlock Holmes wurde ungeduldig. Er kniete neben ihr nieder, um sie unsanft zu schütteln. Dabei fiel sein Blick jedoch auf ein kleines silbernes Kettchen, das sie um den Hals trug. Er hatte dieses kleine Schmuckstück zwar schon vorhin erblickt, dabei aber nicht auf den Anhänger gesehen, der im Ausschnitt der Bluse verschwunden war. Jetzt jedoch war er hervorgeglitten und zeigte sich frei vor den starren Blicken des Weltdetektivs. Er stellte ein rot leuchtendes Dreieck dar. Das war mehr, als er erwartet hatte. Wenn es noch Zweifel an der Mitschuld dieses Weibes gegeben hätte, so waren sie jetzt mit einem Schlag gewichen.

Sie trug das Zeichen des roten Triangels! Das genügte, um sie auf der Stelle verhaften zu können. Hart packte er ihre Hand. »Zum letzten Mal, Miss Condell«, sagte er, »stehen Sie auf!« Aber ebenso schnell ließ er ihre Hand wieder fahren, denn sie war eisig kalt …

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