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Das verlassene Haus

Beulah Poynter
Das verlassene Haus

I

Der strömende Regen, der seit einer Stunde unaufhörlich niederging, peitschte uns ins Gesicht. Der Wind pfiff durch die Bäume um uns herum und rüttelte so heftig an unserem kleinen Wagen, dass an ein Weiterkommen kaum noch zu denken war. Ein gleißender Blitz, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donnerkrachen, ließ mich auf meinem Sitz zusammenzucken und die Hände über den Ohren zusammenschlagen.

»Das war’s wohl!«, rief mein Bruder, der vergeblich versucht hatte, das Auto sicher durch den Sturm zu steuern. »Da liegt ein Baum mitten auf der Straße!«

Er hielt an und richtete den Suchscheinwerfer auf das dunkle Hindernis. Es war ein riesiger Baum, der offenbar vom Blitz getroffen worden war und die gesamte Fahrbahn blockierte.

»Was um alles in der Welt sollen wir bloß tun?«, schluchzte ich hysterisch. »Wir können unmöglich bei diesem Unwetter im Auto bleiben – und wir sind meilenweit von der nächsten Menschenseele entfernt!«

Wir waren eine steile Steigung hinaufgefahren. Die schluchtartigen Abgründe zu beiden Seiten und die tiefschwarze Nacht hinter mir jagten mir Angst ein.

»Ich wünschte, wir hätten diese verrückte Autofahrt niemals angetreten«, jammerte ich. »New York ist mir gut genug. Alan, was sollen wir nur tun?«

»Ich schau nach«, antwortete er. »Zieh die Handbremse an! Der Hügel ist ziemlich steil und die Straße glatt. Wenn der Wagen ins Rutschen kommt, war’s das.«

Er sprach zwar in einem scherzhaften Ton, aber ich merkte ihm seine Sorge an. Er stieg aus, ging zu dem gewaltigen, gefällten Baum hinüber und begutachtete ihn.

»Es hat keinen Zweck, Nell«, rief er mir entgegen und versuchte, den heulenden Wind zu übertönen. »Ich kriege ihn keinen Millimeter bewegt.«

Im kurzen Schein eines zweiten Blitzes erkannte ich etwa dreißig Meter entfernt zu unserer Rechten die schemenhaften Umrisse eines zweistöckigen Hauses.

»Alan, da oben steht ein Haus! Weiter oben auf dem Hügel!«, rief ich aufgeregt.

»Du hast recht, da ist tatsächlich eins. Entweder steht es leer oder die Bewohner schlafen schon längst. Ich fahre den Wagen an den Straßenrand, und dann rennen wir hinüber.«

Er setzte sich wieder ans Steuer, manövrierte den Wagen mit wenigen geschickten Lenkbewegungen an einen sicheren Ort und klemmte einen Stein unter ein Rad, damit das Auto nicht den Hang hinabrollen konnte.

»Stell deinen Kragen hoch! Der Regen fühlt sich draußen wie Eiswasser an. Das Haus ist wahrscheinlich weiter weg, als es aussieht.«

Er nahm meine Hand und half mir heraus. Ich trat tief in den Matsch und verlor beinahe das Gleichgewicht. Mit einem leisen Aufschrei klammerte ich mich an ihn, um nicht zu stürzen. Dann rannten wir los.

Es ging ununterbrochen steil bergan – viel steiler und beschwerlicher, als ich gedacht hatte. Und wie Alan gesagt hatte, prasselte der Regen wie Eiswasser auf meinen Nacken und meine Schultern. Ich zitterte am ganzen Körper, als wir schließlich die Veranda vor dem Gebäude erreichten.

Das Haus besaß weder einen Zaun noch schützende Bäume. Es stand isoliert auf einer Art Kuppe am Hang. Nirgendwo war Licht zu sehen. Alan holte seine Taschenlampe hervor. Ihr Schein führte uns zur Eingangstür, die trostlos an einer einzelnen Angel hin und her schwang und dabei ein schauriges Ächzen von sich gab, das selbst den Wind übertönte. Wir klopften erst gar nicht an, da wir uns sicher waren, dass niemand im Haus war – andernfalls wäre die Tür in einer solchen Nacht abgeschlossen gewesen.

»Müssen wir wohl froh sein, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben!«, gluckste Alan grimmig und schob mich als Erste hinein. Er zog die Tür hinter uns zu, um den Regen auszusperren, doch sie sprang sogleich wieder auf.

Wir befanden uns in einem langen, breiten Flur, der das Haus offenbar mittig teilte. Am äußersten Ende führte eine altmodische Treppe mit Geländer nach oben. Die Dielen knarrten und gaben unter unserem Gewicht nach, als wir vorwärtsgingen. Ich bildete mir ein, eine Ratte über meinen Fuß huschen zu sehen.

Es roch muffig und feucht, als sei das Gebäude seit Jahren unbewohnt. Es gab keinerlei Möbel, keine Vorhänge an den Fenstern, und die meisten Scheiben fehlten. Doch selbst im spärlichen Licht von Alans Taschenlampe ließ sich noch etwas von der einstigen Eleganz erahnen. Wahrscheinlich hatten früher gewaltige Scheithölzer in den mächtigen Backsteinkaminen der beiden Räume gebrannt, die von dem Flur abzweigten. Die Holzverkleidungen schienen aus schwarzem Walnussholz zu sein, und die Böden waren einst zweifellos hochglanzpoliert gewesen, wenngleich sie nun abgetreten und dreckig waren. Der Putz blätterte von der Decke, und die Tapeten hingen in langen Streifen herab – einen ungemütlicheren Ort konnte man sich kaum vorstellen. Ich klammerte mich an Alans Arm, weil ich mich kaum weiter traute.

»Ich friere schrecklich«, wimmerte ich mit zähneklappernder Stimme. »Glaubst du, in der Küche gibt es einen Herd? Vielleicht finden wir etwas Papier und können ein Feuer machen.«


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