Archiv

Das Geheimnis zweier Ozeane – Erster Teil – Kapitel 8

Grigori B. Adamow
Das Geheimnis zweier Ozeane
Ein wissenschaftlich-phantastischer Roman
Originaltitel: Тайна двух океанов
Erster Teil
Ein außergewöhnliches Schiff
Kapitel 8
Marats Projekt

Zoi erinnert sich noch genau an seine graue, freudlose Kindheit in einer halb verfallenen, spärlich gedeckten Hütte in einer Randstraße von Jilin. Die Stadt war der getreue Begleiter seiner Kindheitsjahre. Die Erinnerungen an die Demütigung, an die ewige Unterwürfigkeit seines Vaters – eines Schusters – gegenüber dem Geldverleiher und Besitzer des Nachbarladens, gegenüber dem Polizisten an der Straßenecke, jedem japanischen Soldaten und jedem Auto, das sich selten in diese Außenbezirke verirrte, weckten in Zois Seele bis heute Scham, Bitterkeit und Zorn. Der arme Koreaner war ein Nichts, Staub unter jedem festen Stiefel mit quadratischer Soldatenspitze oder feinem Lackleder.

Mit zwölf Jahren kam Zoi zu seinem kinderlosen Onkel in eine Reiskolchose am Hanka-See nahe Wladiwostok. Der Onkel adoptierte ihn und schickte ihn zur Schule. Das erste Jahr verbrachte Zoi in der Kolchose wie in einem Traum. Er hatte ständig Angst, dieser Traum könnte enden, das Glück wie Rauch verfliegen und er würde wieder das Hämmern des väterlichen Schusterhammers in der dunklen, feuchten Hütte, die Klagen der Mutter über die teuren Sojabohnen und das hungrige Weinen der jüngeren Kinder hören.

In der Kolchosschule wurde Zoi schnell zu einem der besten Schüler. Später schickte ihn sein Ziehvater nach Wladiwostok, damit er noch mehr lernte und als Agronom in die Kolchose zurückkehrte. Doch es kam anders: Zoi begeistert sich für Chemie und das Meer. Und nun sitzt er – als Chemiker einer wissenschaftlichen Unterwasser-Expedition und Sekretär der Komsomol-Zelle auf dem U-Boot – im Roten Winkel der PIONIER und spielt Dame mit dem rotwangigen, rundgesichtigen Matwejew, einem Komsomolzen und Taucher.

Matwejews Lage ist schlecht: Ein Stein ist bereits blockiert, die anderen sind weit entfernt und kaum noch zu retten. Matwejew ist tief über das Brett gebeugt in Gedanken versunken. Zoi denkt ebenfalls nach, aber über etwas völlig anderes. Seine schwarzen, leicht schräg stehenden Augen in dem dunkelgelben, langen und glattrasierten Gesicht lassen den Blick langsam über alle im Raum Versammelten schweifen. Zoi sieht fröhliche Gesichter und hört die kühne Stimme Marats, der sich wie immer hitzig mit dem Ozeanografen Schelawin streitet. Und ringsum erklingt von Zeit zu Zeit ruhiges, unbeschwertes Lachen.

In solchen Momenten überkommt Zoi oft ein seltsames und zugleich beunruhigendes Gefühl. Er wird dann unruhig, jede Sehne in ihm spannt sich an, und es kommt ihm vor, als hätte er etwas übersehen, etwas versäumt, als müsse er noch irgendetwas überprüfen, kontrollieren oder festmachen. Dann möchte er allen – seinen Freunden, Kameraden und allen Umstehenden – unaufhörlich ins Gedächtnis rufen, dass man nicht unbedacht, sorglos und selbstgewiss sein darf, als gäbe es keine Gefahren mehr, als gäbe es jenseits der Grenze keine Polizisten und Geldverleiher mehr.

Und in solchen Minuten verspürt er mit besonderer, unwiderstehlicher Kraft den Wunsch, seiner neuen Heimat ein Geschenk zu machen; ihr etwas zu bringen, das sie noch mächtiger und uneinnehmbarer machen und ihn selbst wenigstens ein bisschen beruhigen würde.

Doch heute, als er mit Matwejew beim Damespiel saß, spürte er plötzlich, wie ihm freudig und heiß das Blut in die Wangen stieg bei dem Gedanken, dass er auf eine wunderbare Idee gestoßen war – dass sein geheimer, fast unerreichbarer Traum von einem Geschenk langsam, wenn auch noch vage, reale Formen annahm.

Wenn es nur gelänge, diese Idee praktisch auszuarbeiten …, dachte Zoi in freudiger Erregung. Das Meer … Der riesige, unermessliche Weltozean. Wie gewaltig er war! Wie unerschöpflich die Schätze waren, die er in sich barg! Man musste nur verstehen, sie ihm zu entlocken.

Die helle Stimme des Kommissars riss Zoi aus seinen Gedanken.

»Matwejew! Zoi! Macht Schluss!«

»Gib auf, Matwejew, die Partie ist ohnehin verloren. Es ist Zeit für den Unterricht.«

Zoi war so vertieft gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie sich im Roten Winkel der Ozeanografische Zirkel unter der Leitung von Schelawin versammelt hatte. Zum Unterricht waren die Mechaniker Romejko und Kosyrew erschienen, der Raumpfleger Schtscherbina, der Koch Belogolowy, der Taucher Krutizki, der Präparator Koroljow und Marat Bronstein – alle mit Heften und Stiften bewaffnet. Auch Matwejew gehörte zu diesem Zirkel. Deshalb beeilte er sich, warf einen letzten Blick auf das Brett und gab die Partie in offensichtlich aussichtsloser Lage an Zoi ab. Er verschwand kurz aus dem Raum, kehrte rasch mit einem dicken Heft zurück und setzte sich an den großen, mit einer roten Decke bespannten Tisch, um den die anderen Mitglieder bereits saßen. Auch Zoi trat an den Tisch. Da kein Platz mehr frei war, quetschte er sich zu Pawlik in denselben Sessel.

Von Pawliks bandagiertem Kopf ging ein feiner, kaum wahrnehmbarer Geruch nach Jod und einer weiteren Medizin aus, und Zoi empfand Mitleid mit dem Jungen. Er legte den Arm um seine Schultern, drückte ihn warm an sich, und so saßen sie tief im weichen Sessel und lauschten aufmerksam Schelawin.

Mit heiserer, erkälteter Tenorstimme sprach der Ozeanograf von den Meeresströmungen, von mächtigen Flüssen – teils warm, teils kalt –, die sich durch die unermesslichen Gewässer der Ozeane und Meere ziehen. Nun erzählte er davon, wie die Strömungen das Klima, die Natur und das gesamte Leben im Fernen Osten beeinflussen. Die kalten Strömungen, die ununterbrochen von der Beringstraße bis nach Korea an den Küsten von Kamtschatka und der Region Primorje entlangfließen, machen das Klima dieser Gebiete der Sowjetunion rau, und das Wasser an den sowjetischen Küsten des Beringmeers, des Ochotskischen und des Japanischen Meers friert im Winter für lange Zeit zu. Gleichzeitig ist das Klima in Westeuropa, das auf demselben Breitengrad liegt, mild; im Winter gibt es kaum Frost oder Schnee. Das Meer an den Küsten Norwegens, der Britischen Inseln, Hollands und Frankreichs bleibt stets eisfrei.

»Und warum?«, fragte Schelawin mit dünner Stimme, blickte durch seine Brille in die Runde und fuhr sich mit den Fingern durch seinen spärlichen, zerzausten Bart.

»Der Golfstrom!«, antwortete Marat wie aus der Pistole geschossen.

Ehrlich gesagt hatte Schelawin diese Frage nur aus Gewohnheit gestellt – weniger an die anderen als an sich selbst, um das Vergnügen zu verlängern und seiner Erzählung etwas Geheimnisvolles zu verleihen. Marat hatte ihm den Effekt verdorben, was den Ozeanografen ein wenig verärgerte.

»Erstens«, sagte er, »sagen Sie nicht Golfstrom, Marat. Das ist falsch. Es ist ein englisches Wort und wird Golfstream ausgesprochen. So. Und zweitens wiederholen Sie einfach ein altes Märchen, als sei er der wahre Urheber des milden Klimas in Westeuropa. Auch das ist falsch. Die Wissenschaft der Ozeanografie bezeichnet als Golfstrom jene mächtige warme Strömung, die schießend aus dem Golf von Mexiko durch die enge Florida-Straße hervortritt und sich – nachdem sie sich bei den Bahamas mit dem Antillenstrom vereinigt hat – an den Küsten Nordamerikas entlang bis zum Kap Race und zur Neufundlandbank bewegt. Er fließt wie in einer Rinne aus kälterem Wasser, wie ein echter Ozeanfluss von tiefblauer Farbe, der sich leicht von seinen – wenn man so sagen darf – blauen Ufern unterscheidet. Doch dieser Fluss besitzt eine Breite von sechsundsiebzig Kilometern an der engsten Stelle in der Florida-Straße bis hin zu sechshundertvierzig Kilometern an der Neufundlandbank. Seine durchschnittliche Tiefe erreicht dreihundertzweiundzwanzig Meter! Können Sie sich einen solchen Fluss vorstellen?«

»Das ist mal ein Fluss!«, stimmte Matwejew zu.

»Und wissen Sie, erlauben Sie mir die Frage, wie viel warmes Wasser – bis zu siebenundzwanzig Grad Celsius an der Oberfläche! – dieser Fluss mit sich führt?«, rief Schelawin aus.

Seine wässrigen, sonst stets leicht zugekniffenen Augen öffneten sich nun weit und funkelten in reinem blauem Feuer; seine Hand mit dem ausgestreckten, mageren Finger hob sich hoch. Doch ehe er das Interesse seines Publikums auch nur ein wenig genießen konnte, bemerkte er eine verdächtige Bewegung des unruhigen Marat und überschüttete die Zuhörer sogleich in hastigem Stakkato mit Zahlen:

»Einundneunzig Milliarden Tonnen Wasser pro Stunde! Wie? Was sagen Sie dazu, wenn ich fragen darf? Das kann man sich kaum vorstellen! Vergleichen Sie diese Wassermenge einmal … nun, sagen wir mit der Wolga. Der größte Fluss Europas, der fast unsere gesamte Union durchquert, bringt jede Stunde im Durchschnitt dreißig Millionen Tonnen Wasser ins Kaspische Meer – das ist mehr als dreitausendmal weniger als der Golfstrom! Verstehen Sie? Selbst alle Flüsse der Erde zusammen führen stündlich zweiundzwanzigmal weniger Wasser als dieser eine Golfstrom! Und diese ungeheure Wassermasse, erwärmt unter der heißen, äquatorialen Sonne des Atlantiks, trägt eine unvorstellbare Menge an Wärme nach Norden. Was sagen Sie dazu?«

»Die all-europäische Heizung, Iwan Stepanowitsch!«, rief der begeisterte Marat aus.

Schelawin lächelte milde, blickte Marat gutmütig an und fuhr fort: »Sie haben vollkommen recht, Marat. Wir haben eine solche Heizung, aber es ist dennoch nicht der Golfstrom. Hinter der Neufundlandbank begeht der Golfstrom das, was die Amerikaner ein Verbrechen nennen: Er verlässt die Küste Nordamerikas, breitet sich immer weiter fächerförmig aus und biegt scharf nach Osten auf Europa zu ab. Kurz darauf geht der Golfstrom in den breiten, langsamen Nordatlantikstrom über. Bevor er die Küsten Europas erreicht, teilt er sich in zwei mächtige Arme. Einer davon zweigt mitten im Ozean ab und zieht unter dem Namen Kanarenstrom nach Süden, zu den Küsten der Iberischen Halbinsel und Nordafrikas. Dort biegt diese Strömung nach Westen ab und verschmilzt mit jener nordäquatorialen Strömung, die unter dem ständigen Einfluss der Passatwinde gewaltige Mengen warmen Wassers in die Karibik und von dort in den Golf von Mexiko treibt, wo der Golfstrom seinen Anfang nimmt. So schließt sich hier ein Kreis, in dessen Innerem – der Sargassosee – wir uns gerade befinden. Der Hauptarm des Nordatlantikstroms jedoch zieht nach Nordosten, zu den westlichen und nordwestlichen Küsten Europas. Hier gibt er, nachdem er unterwegs viel von der durch den Golfstrom erhaltenen Wärme verloren hat, den Großteil der verbliebenen Wärme an Europa ab. Genau dieser Arm des Nordatlantikstroms ist jene europäische Heizung, von der Sie sprachen, Marat.«

»Mit welcher Temperatur erreicht er denn Europa?«, fragte Matwejew und blickte von seinem Heft auf, in dem er fleißig Notizen gemacht hatte.

»Von acht Grad über Null im Februar bis zu dreizehn bis fünfzehn Grad im August.«

»Das ist alles?«, staunte Matwejew. »In so einem Wasser kann man ja nicht mal baden, geschweige denn ganz Europa heizen. Schöne Heizung, die selbst im Winter nur acht Grad hat! Wie kann das sein, Iwan Stepanowitsch?«

»Zweifle nicht voreilig«, sagte Krutizki zu Matwejew, sein ruhiger, besonnener Taucherkamerad. »Es wird schon seine Erklärung dafür geben.«

»Wie bitte?!«, fuhr Schelawin auf Matwejew los. »Ist Ihnen das etwa zu wenig, wenn ich fragen darf? Haben Sie etwa die spezifische Wärmekapazität von Wasser und Luft vergessen? Wie? Vergessen? Sie sind doch Taucher! Sie müssten die physikalischen Eigenschaften des Wassers doch kennen!«

»Na und – Wärmekapazität?«, verteidigte sich Matwejew. »Ich weiß, dass die Wärmekapazität von Wasser gleich eins ist.«

»Und was bedeutet das?«, drängte Schelawin.

»Das bedeutet, dass man eine Grammkalorie braucht, um die Temperatur von einem Gramm Wasser um ein Grad Celsius zu erhöhen.«

»Richtig. Kein Einwand. Und wie hoch ist die Wärmekapazität von Luft?«

»Von Luft?«, zögerte Matwejew. »Luft? Mmm … Ich sage ganz ehrlich: Fünf Jahre nach dem Schulabschluss vergisst man so eine Kleinigkeit schon mal. Und uns Taucher betrifft das ja auch gar nicht«, redete er sich unter dem Lachen aller heraus. »Wir Taucher müssen so viel wie möglich über das Wasser wissen, in das wir hineintauchen. Die Details über die Luft sollen sich gefälligst die Luftfahrer merken.«

»Nein, mein Lieber, so läuft das nicht«, schaltete sich der Raumpfleger Schtscherbina ein und klopfte auf sein Heft. »Man muss über die Luft und die ganze Welt alles wissen, was man nur wissen kann. Erzählen Sie ruhig weiter, Iwan Stepanowitsch!«, wandte er sich an Schelawin.

»Nicht gut, gar nicht gut, Genosse Matwejew!«, schüttelte der Kommissar tadelnd sein ergrautes Haupt. »Morgen wollen Sie vielleicht an die Technische Hochschule. Dann müssen Sie den ganzen alten Stoff wiederholen. Fahren Sie fort, Iwan Stepanowitsch!«

»Nun also«, begann Schelawin, »die Wärmekapazität von Luft beträgt null Komma zweihundertsiebenunddreißig Tausendstel der Wärmekapazität von Wasser. Fast fünfmal weniger! Zieht man nun noch das spezifische Gewicht von Meerwasser und trockener Luft in Betracht, gelangt man zu einem einfachen, aber enorm wichtigen Schluss: Ein Kubikmeter Wasser erwärmt beim Abkühlen um ein Grad ganze 3134 Kubikmeter Luft, die mit diesem Wasser in Berührung kommen! Kühlt sich nur eine zweihundert Meter dicke Wasserschicht auf dem gesamten norwegischen Teil des Nordatlantikstroms um ein einziges Grad ab, wird so viel Wärme frei, dass man damit eine vier Kilometer dicke Luftschicht über ganz Europa um zehn Grad erwärmen könnte! Hören Sie? Um zehn Grad! Über ganz Europa! Wissenschaftler haben errechnet, dass über jeden laufenden Zentimeter der europäischen Küste im Laufe eines Jahres viertausend Milliarden Kalorien vom Ozean auf den Kontinent strömen! Bedenken Sie – über jeden Zentimeter! Die beste Steinkohle hat einen Heizwert von 8000 Kalorien. Das bedeutet, dass über jeden Zentimeter pro Jahr eine Wärmemenge zieht, die in 500 000 Tonnen bester Kohle steckt! Wie viel Kohle müsste man wohl verbrennen, um die Wärme zu erzeugen, die jährlich über die gesamte Küste Europas auf das Festland strömt? Wie? Erlauben Sie mir die Frage! Ist Ihnen jetzt klar, warum der Nordatlantikstrom als Heizung für Europa dienen kann?«

»Vollkommen klar!«, schaltete sich Marat lebhaft ein. »Riesige Massen kalter Winterluft kühlen bei Berührung mit der wärmeren Wasseroberfläche das Wasser ab, erwärmen sich dabei selbst, werden leicht und steigen nach oben, wodurch sie Platz für neue kalte Luftströmungen vom Festland machen. Sie selbst ziehen weiter oben zum Festland und bringen die Wärme des Nordatlantikstroms mit. Deshalb ist das Klima in Westeuropa viel milder als an unseren ostasiatischen Küsten, an denen keine warmen, sondern kalte Strömungen vorbeifließen. Es zeigt sich also: Wenn der Nordatlantikstrom so etwas wie die Heizung Europas ist, verwandeln die Strömungen des Ochotskischen Meeres den sowjetischen Fernen Osten in einen Eisschrank. Und ich frage mich, Iwan Stepanowitsch … Können wir denn nicht …«

»Warten Sie, warten Sie!«, unterbrach ihn Schelawin lachend. »Heute muss ich Sie ununterbrochen korrigieren, Marat. Wenn Sie sagen, der Nordatlantikstrom sei die Heizung Europas, ist das nicht ganz richtig. Die Wärme dieser Strömung breitet sich nämlich noch weiter als Europa aus – bis nach Asien.«

»Oho!«, war es von verschiedenen Seiten zu hören. »Sie fließt dorthin wahrscheinlich unter der Erde?«

»Bitte empören Sie sich nicht. Ich kann nichts dafür. Diese Wärme gelangt nicht unter der Erde dorthin, sondern unter dem Wasser.«

Alle lachten.

»Das ist keineswegs ein Scherz, Genossen«, fuhr Schelawin fort, wobei er eine ernste Miene wahrte, seine Augen jedoch schmunzelten. »Nahe der Nordspitze Europas zieht der mächtigste Teil des Nordatlantikstroms am westlichen Ufer von Spitzbergen vorbei nach Norden und reicht in einer Tiefe von zweihundert bis sechshundert Metern bis zum Nordpol – wie es seinerzeit die heroische Papanin-Gruppe bewiesen hat. Ein anderer, bedeutend schwächerer Arm des warmen Atlantikstroms fließt an der Nordspitze Europas, dem Nordkap, und an unserem Murmansk vorbei – dessen Hafen deswegen niemals zufriert – und taucht ebenfalls unter das kalte Wasser des Nordpolarmeers. Einen großen Zweig schickt er in die Barentssee, einen anderen an der Nordspitze von Nowaja Semlja vorbei – teils wieder in die Barentssee, teils in die Karasee. Und selbst in den fernsten östlichen Teilen des Nordpolarmeers, sogar in der Tschuktschensee, haben sowjetische Seeleute, Polarforscher und Wissenschaftler in der Tiefe Strömungen des zwar nur noch lauwarmen, aber zweifellos atlantischen Wassers entdeckt.«

»Verzeihen Sie, Iwan Stepanowitsch!«, mischte sich Marat erneut ein. »Was soll das heißen? Wir leiten doch Flüsse in neue Betten um. Und ich frage mich, warum wir nicht auch gegen die kalten Strömungen kämpfen können, die unseren Fernen Osten einfrieren lassen! Ist das denn eine unlösbare Aufgabe? Dann würden unsere Küsten dort aufblühen! Was meinen Sie, Iwan Stepanowitsch?«

Marat wurde rot und blickte unverwandt auf ein Stück Papier, auf das er mit dem Stift verschlungene Figuren zeichnete.

Alle lächelten und legten ihre Hefte zur Seite. Matwejew zwinkerte Krutizki zu: Jetzt kommt gleich die Schau.

»Warum unmöglich?«, sagte Schelawin treuherzig. »Wenn es eine gute, gesunde Idee gäbe, irgendein interessantes Projekt, könnten wir es wahrscheinlich auch umsetzen.«

Matwejew hielt es nicht mehr aus und lachte los.

»Iwan Stepanowitsch, quälen Sie Marat doch nicht so! Er platzt doch wahrscheinlich schon seit Langem vor Ideen und Projekten. Er wartet nur auf den Moment, sie loszuwerden. Fragen Sie ihn doch einfach. Na los, pack schon aus, Marat!«

In der kurzen Zeit der gemeinsamen Fahrt auf der PIONIER hatte die gesamte Besetzung Marats Schwachstelle kennengelernt: seine unausrottbare Leidenschaft für Erfindungen, für neue, überraschende Projekte und grandiose Ideen zur Beherrschung der Natur. Es gab kein Gebiet der Wissenschaft und Technik, mit dem er auch nur ansatzweise vertraut war, ohne dass er bei den ersten ungelösten Problemen sofort mit überwältigenden Vorschlägen reagierte. Lebhaft, wendig und ungewöhnlich wissbegierig erzählte er jedem, der zuhören wollte, mit solcher Begeisterung von seinen Projekten und Entdeckungen, dass die Besatzung des U-Boots in ihrer Freizeit lange lauschte, wenn Marat die fantastischen Folgen seiner Pläne schilderte. Auch im Unterricht der wissenschaftlichen Zirkel brachte er stets Leben in die Bude, und alle warteten in solchen Momenten auf etwas Neues, das eine heiße Debatte auslösen würde. So horchte der gesamte Zirkel auch jetzt amüsiert auf, als Marat Schelawin seine Frage stellte.

»Was möchtest du denn vorschlagen, Marat?«, unterstützte Zoi ihn.

Jetzt, da Zoi selbst eine neue, mitreißende Idee gekommen war – bei deren Gedanke ihm die Röte ins dunkelgelbe Gesicht stieg –, blickte er mit einem neuen Gefühl und Interesse auf seinen Freund und forderte ihn zur Offenheit auf.

Marat blickte zu Zoi auf und lächelte ihm zu.

»Meiner Meinung nach«, sagte er, »muss man, um unsere ostasiatischen Küsten zu erwärmen, die kalte Strömung des Ochotskischen Meeres vom Eingang der Tatarenstraße ablenken und in den Ozean leiten.«

»Die Idee ist wunderbar, aber keineswegs neu«, wandte Schelawin ein.

»Ich weiß, dass sie nicht neu ist«, unterbrach ihn Marat, der wie immer nach dem ersten Einwand entflammte. »Ich weiß, dass die Amerikaner schon lange mit dem Gedanken spielen, den Golfstrom… Verzeihung, Golfstream… diesen Verbrecher heim zu seinen Heimatküsten zu holen. Aber das sind doch verrückte Projekte! Sie nennen mich einen Märchenerzähler und Phantasten. Aber wie soll man jene Amerikaner nennen, die vorschlagen, am Anfang des Golfstroms zwischen Kuba und Florida eine gigantische Mauer zu bauen – zweihundertfünfzig Kilometer lang, vom Meeresgrund gemessen über fünfhundert Meter hoch und fünfzig Meter breit?! Diese Mauer soll dem Golfstrom den alten Ausgang aus dem Golf von Mexiko versperren. Gleichzeitig soll Florida durch einen riesigen neuen Kanal vom Festland getrennt werden. Die warmen Wassermassen würden sich dann durch den Kanal ergießen, der sie an der amerikanischen Küste entlangleitet.«

»Na ja, Marat«, merkte Matwejew an, »ein Projekt ganz nach deinem Geschmack. Weltmaßstab, könnte man sagen!«

»Ob das nach meinem Geschmack ist, wirst du gleich hören!«, schnitt Marat ihm das Wort ab. »Und hier ist noch ein Projekt der sogenannten praktischen Amerikaner: Sie schlagen vor, bei Neufundland eine Mauer zu errichten, um den kalten Labradorstrom zu stoppen, der von Grönland an der Küste Nordamerikas entlangzieht, und gleichzeitig den Golfstrom abzufangen, um ihm den Weg nach Europa zu versperren.«

»Tödliche Projekte für Europa«, sagte Schelawin, während er seine Brille putzte und mit den Augen blinzelte. »Ich habe auch von ihnen gehört. Wissen Sie, was das für Europa bedeuten würde? Island würde vereisen wie Grönland, das derzeit von einem bis zu zwei Kilometer dicken Eisschild bedeckt ist. Die warmen, feuchten Winde vom Atlantik würden durch nordöstliche arktische Schneestürme ersetzt. Auf den Höhen Nord- und Mitteleuropas würden die Gletscher rasant wachsen, in die Täler und Ebenen hinabgleiten, und in kurzer Zeit würde auf unserem Kontinent eine neue Eiszeit anbrechen. Auf den Britischen Inseln, in Frankreich, Spanien und Portugal gäbe es Fröste bis zu minus vierzig Grad; Konstantinopel und Rom würden im Geheul der Schneestürme versinken, und der europäische Teil unserer Union bekäme das Klima Ostsibiriens und Jakutiens. Auf der anderen Seite würde diese europäische Katastrophe in Afrika Unwetter und Sturzregenfälle auslösen, wodurch sich die Sahara in einen blühenden Garten verwandeln würde. Um New York würden Ananas, Bananen, Orangen und Weintrauben reifen; das steinige, leblose Labrador würde sich mit Wäldern und Feldern bedecken; die Inseln des Baffinlands und die Tundren Nordkanadas würden zum Leben erwachen.«

Schelawin schwieg und betrachtete die Brillengläser gegen das elektrische Licht. Seine Zuhörer schwiegen ebenfalls, wie erschlagen von diesen Bildern. Es schien seltsam, dass so gewaltige Veränderungen auf der Erde nur dadurch eintreten könnten, dass der Golfstrom seinen Weg um zwei bis drei Dutzend Grad nach Westen verlagert.

»Uff!«, stieß Romejko schließlich hervor. »Ein schlimmer Traum …«

»Zum Glück«, sagte Schelawin, »ist die Technik zu solchen Großtaten noch nicht in der Lage.«

»Noch nicht«, bemerkte Marat. »Aber in Zukunft wird ihr auch das möglich sein.«

»Marat hat recht«, schaltete sich der Kommissar ruhig ein. »Aber bis dahin, da bin ich überzeugt, wird zumindest in der kultivierten Welt überall die kommunistische Ordnung herrschen, und sie wird eine solche Barbarei nicht zulassen. Wenn die kommunistische Menschheit das Wetter steuern kann, wird sie die Wärme vernünftig und human über die gesamte Erdoberfläche verteilen.«

»Richtig, Genosse Kommissar!«, rief Marat. »Aber jetzt können und müssen wir bereits die vergleichsweise kleinen Tücken der Natur korrigieren und beseitigen.«

»Ach ja!«, lächelte Zoi. »Bei all diesen amerikanischen Schreckensszenarien haben wir Marats kleine Projekte ganz vergessen. Ich hoffe, sie verheißen uns nur Angenehmes?«

»Ich gebe die volle Garantie, dass niemand etwas dagegen haben wird. Ich übernehme es, das Projekt mit allen beteiligten Personen, Institutionen und Staaten abzustimmen. Ich schlage vor, dem kalten Strom den Ausgang aus dem Ochotskischen Meer durch die Tatarenstraße zu versperren. Ich schlage vor, diese Strömung mithilfe meiner Barriere dazu zu bringen, die Nordspitze von Sachalin zu umrunden und sich beim Eintritt in den zentralen Teil des Ochotskischen Meeres mit dem Hauptwirbel dieses Meeres zu vereinigen.«

»Was für eine Barriere willst du denn vor dem Eingang zur Tatarenstraße errichten?«, fragte Krutizki. »Wahrscheinlich auch einen Damm, der zwar nicht hunderte, aber doch dutzende Kilometer lang ist?«

»Nein!«, rief Marat. »Meiner Meinung nach können anstelle eines Damms viel besser … Algen dienen.«

»Was?! Algen?! Was für Algen?«, hagelte es von allen Seiten ratlose Fragen.

»Du bist endgültig verrückt geworden, Marat«, erklärte Matwejew. »Komm, ich bringe dich zu Arsen Dawidowitsch, der gibt dir was zur Beruhigung.«

»Aus Staunen entsteht Neugier«, warf Schelawin ein, »und Neugier führt zu Erkenntnis und Wissenschaft. Wartet, Genossen, lasst Marat ausreden.«

»Na gut, rede aus, Marat!«, sagte Matwejew entschlossen. »Aber ich warne dich: Wenn du wieder deinen Unsinn verzapfst, passe ich dich in einer dunklen Ecke des Ozeans ab und … Schaut mal«, wandte er sich jammernd an die Runde, »mein halbes Heft ist schon voll von seinen Projekten und den wissenschaftlichen Widerlegungen dazu.«

»Ich bin bereit, für die Wissenschaft zu leiden!«, rief Marat unter dem Lachen aller voller Pathos aus und sprang vom Stuhl auf. »Und du hör zu, staune und schreibe es für die Nachwelt auf«, wandte er sich an Matwejew. Dann fuhr er ganz ernst fort: »Ihr müsst euch erinnern, Genossen, was uns Arsen Dawidowitsch beim letzten Gespräch über Algen erzählt hat. Danach habe ich noch einiges darüber gelesen. Er sprach von Riesenalgen, die in unglaublichen Mengen nahe Feuerland, den Falklandinseln und an beiden Küsten Südamerikas wachsen. Diese Algen erreichen oft eine Länge von zweihundertfünfzig bis dreihundert Metern und vermehren sich sehr schnell. Sie haben einen runden, glatten, schleimigen Stängel mit einer Dicke von bis zu drei Zentimetern. Sie heißen … sie heißen …« Marat blätterte in seinem Heft und fand die Stelle schnell: »Hier! Sie heißen Macrocystis pyrifera. In Massen angesammelt besitzen sie eine ungeheure Widerstandskraft gegen die mächtigen Ozeanwellen, denen oft nicht einmal die Küstenfelsen standhalten können. In diesen dichten Unterwasserwäldern lebt eine ganze Welt von Fischen, Krebsen, Würmern und Weichtieren. Nun stellt euch vor: Was wäre, wenn man in riesigen Mengen die Fortpflanzungsorgane, die Sporen dieser Algen sammeln, Frachtschiffe damit beladen, sie ins Ochotskische Meer bringen und den nördlichen Eingang der Tatarenstraße damit bebauen würde?!«

»Wie willst du diesen Staub denn säen?«, fragte Belogolowy.

Er war aus der berühmten Kolchose Iljitschs Vermächtnis auf das U-Boot gekommen, dem Gewinner des allsowjetischen Kolchos-Wettbewerbs für Ertrag und Kultur. Belogolowy war dort Chefkoch gewesen, hatte eine Urkunde für exzellente Verpflegung erhalten und war zur Weiterbildung ans Institut für Ernährung geschickt worden. Er kannte sich mit den Regeln der Bodenbearbeitung, Aussaat und Ernte bestens aus, weshalb ihn Marats Vorschlag interessierte.

»Wie willst du diese mikroskopischen Sporen im fließenden Meerwasser bei Wind und Wellen aussäen? Von hunderten Booten, Kutter und Gleitbooten aus? Da entstehen doch unzählige Fehlstellen!«

»Nicht von Booten und Kuttern aus«, folgte die postwendende Antwort, »sondern von Flugzeugen! Genauso, wie man damit Getreide sät. Hast du davon etwa noch nie gehört?«

Belogolowy war verlegen. Er hatte diese keineswegs neue Methode der Aussaat tatsächlich vergessen.

»Nun also, Genossen«, fuhr Marat fort, »die Sporen dieser Algen entwickeln sich sehr schnell. Wenn man die enge und flache Mündung der Straße mit der nötigen Dichte einsät und die Aussaat mehrmals wiederholt, werden diese mächtigen Riesenalgen in kurzer Zeit wie eine so dichte, unüberwindliche Wand emporwachsen, dass die kalte Strömung abdrehen muss. Auf diese Weise …«

»Zoi, Zoi!«, flüsterte Pawlik aufgeregt und beugte sich zu seinem Ohr. »Wie schade! Ich muss zum Verbandswechsel, ich bin schon zu spät. Was für ein Prachtkerl Marat doch ist! Du erzählst mir nachher, wie der Streit ausgeht, ja? Sonst wird Arsen Dawidowitsch böse auf mich.«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert