Die Sage des Billy the Kid – Kapitel 14
Walter Noble Burns
Die Sage des Billy the Kid
Kapitel 14
Eine Schönheit des alten Fort Sumner
Billy the Kid hatte in seinem Leben viele flüchtige Liebschaften, doch er liebte nur eine einzige Frau. Zumindest ist es das, woran man im Südwesten seit fast fünfzig Jahren glaubt. Seine Liebe zu ihr war der einzige reine Funke Poesie in seiner Seele. Auf seinem Weg in die Hölle schenkte sie ihm seinen einzigen Blick auf den Himmel.
Über die Identität seiner Geliebten wurde viel spekuliert. Dass sie im alten Fort Sumner lebte, gilt als sicher. Als Billy the Kid später aus Lincoln entkam, hätte er – darin ist man sich weitgehend einig – rasch nach Alt-Mexiko fliehen können, wo er vor Verfolgung sicher gewesen wäre. Das Leben und die Freiheit lockten ihn jenseits des Rio Grande. Doch die Sehnsucht in seinem jungen Herzen zog ihn zu seiner Geliebten, und so ritt er auf direktem Weg nach Fort Sumner. Für die eine Frau seiner Träume ging er das verzweifeltste Risiko seines Lebens ein. Und aus Liebe zu ihr fand er den Tod.
Mrs. Paulita Jaramillo aus Neu-Fort Sumner – in ihrer Jugend Paulita Maxwell und Tochter einer der angesehensten Familien New Mexicos – wirft ein sehr interessantes Licht auf diese alte Romanze. Sie und Billy the Kid waren befreundet, und die Freundschaft dieses herzensguten, reinen Mädchens war ein wohltuender Einfluss in seinem Leben. Die Zeit meinte es gut mit Mrs. Jaramillo. Niemand wäre so ungalant zu fragen, wie alt sie ist; doch es sei leise erwähnt, dass sie im Jahr 1881, als Billy the Kid in ihrem Elternhaus den Tod fand, ein blühendes Mädchen von achtzehn Jahren war. Strähnen von Grau zeigen sich erst jetzt in ihrem kohleraben-schwarzen Haar. Wenn sie lächelt, zeichnet sich auf ihren samtigen, olivenfarbenen Wangen noch immer der Andeutung eines Grübchens ab, und in ihren dunklen Augen liegt ein Funkeln, dem das Alter nichts anhaben konnte. Man kann sich leicht vorstellen, welch mitreißende Schönheit sie gewesen sein muss, als man sie noch die Belle des alten Fort Sumner nannte.
In Mrs. Jaramillo verbindet sich das Blut spanischer Hidalgos mit dem amerikanischer Pioniere. Lucien B. Maxwell, ihr Vater, war ein Freund und Weggefährte von Kit Carson und galt einst als der reichste Mann im Südwesten. Er stammte aus Illinois und ließ sich in New Mexico nieder, als das Land noch zu Alt-Mexiko gehörte. Er heiratete Señorita Luz Beaubien, die aus adligem Hause stammte und ihre Wurzeln bis in den französischen und spanischen Adel zurückverfolgen konnte. Sie war die Tochter von Charles Hipolyte Trotier, Sieur de Beaubien, einem Kanadier, der im Handel entlang des Santa fé Trails tätig war und sich 1823 in New Mexico niederließ. Ihre Mutter war Señorita Paula Labata, eine Nachfahrin jener Familie, die kurz nach der Eroberung Mexikos durch Hernán Cortés in die Neue Welt kam und im Gefolge der Pioniere von Oñate nach New Mexico gelangte. Somit kann Mrs. Jaramillo auf die stolzesten Familientraditionen dieser gesamten Region zurückblicken.
Zusammen mit Don Guadalupe Miranda erhielt der Sieur de Beaubien von der mexikanischen Regierung als Belohnung für seine Pionierdienste eine riesige Landkonzession im Norden New Mexicos, die spätere Maxwell-Landkonzession (Maxwell Grant). Miranda verkaufte seinen Anteil an Beaubien, und nach dessen Tod im Jahr 1864 erwarb Maxwell das gesamte Land von Beaubiens Erben. Damit wurde er zum Alleineigentümer eines Landstrichs, der größer war als drei US-Bundesstaaten von der Größe Rhode Islands zusammen und mehr als eine Million Acres umfasste. Das Land der ursprünglichen Maxwell-Konzession ist heute übersät mit Städten, Forstbetrieben, Bergwerken, Bauernhöfen und Ranches; nach einer äußerst vorsichtigen Schätzung wird sein Wert heute auf fünfzig Millionen Dollar beziffert.
In Cimarron erbaute Maxwell ein palastartiges Anwesen, wo er jahrelang im Stile eines Barons in prunkvollem Luxus lebte. Er pflegte eine verschwenderische Gastfreundschaft. Zu den Gästen, die in endloser Folge ein und aus gingen, gehörten Händler des Santa-Fé-Trails (der direkt an seiner Haustür vorbeiführte), Viehbarone, Gouverneure, Kaufleute, Offiziere sowie angesehene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und der internationalen Politik aus Europa und Amerika. Seine Keller waren reich bestückt mit Spirituosen, Champagner und kostbaren Weinen. Jeden Tag deckte man die Tafel für zwei Dutzend Gäste, die von massivem Silber aßen und ihren Wein aus Kelchen aus reinem Gold tranken.
Als Besitzer gewaltiger Schaf- und Rinderherden verkaufte dieser Feudalherr der alten Pioniergrenze sein riesiges Anwesen schließlich für die geschätzte Summe von 750 000 Dollar an Jerome B. Chaffee, David H. Moffat und Wilson Waddington. Er erlebte noch, wie die Käufer das Land für 1 350 000 Dollar an ein englisches Syndikat weiterverkauften – fast das Doppelte dessen, was sie ihm gezahlt hatten. Maxwell gründete die First National Bank of Santa Fé, die er 1871 an Stephen B. Elkins, Thomas Catron und andere verkaufte. Er verlor eine Viertelmillion Dollar durch ein Investment in eine Gesellschaft zum Bau der Texas Pacific Railway. Auch andere Investitionen erwiesen sich als unglücklich. Großzügig, unbedacht und schillernd zog sich dieser großartige alte Pionier schließlich nach Fort Sumner zurück, wo er 1875 vergleichsweise arm starb.
Mrs. Jaramillo verbrachte ihre Kindheit in luxuriösem Wohlstand auf dem Anwesen ihres Vaters in Cimarron. Ihre Mutter starb 1881. Die anderen Kinder der Maxwells waren Pedro, Odila, Amilia, Virginia und Sophia. Pedro, in ganz New Mexico als Pete Maxwell bekannt, lebte bis zu seinem Tod in Fort Sumner und war in seinen späten Jahren der reichste Schafzüchter im Pecos-Tal. Amilia und Odila wurden nacheinander die Ehefrauen von Don Manuel Abreu. Virginia heiratete Captain Alexander Chase von der US-Armee; sie ist zusammen mit ihrem Ehemann im Presidio von San Francisco begraben. Sophia heiratete Telesfor Jaramillo, einen Bruder von José Jaramillo, den Paulita Maxwell im Januar 1882 ehelichte. Von all diesen Kindern leben (im Jahr 1924) nur noch Mrs. Paulita Jaramillo und Mrs. Odila Abreu.
Dort, wo die alte Pappelallee – einst der Stolz des alten Fort Sumner – vier Meilen nördlich endet, liegt heute das neue Fort Sumner an der Belen-Ausklinkung der Santa-Fé-Eisenbahn. Man darf das alte Fort Sumner nicht mit dem neuen Fort Sumner verwechseln. Obwohl sie geografisch nur vier Meilen voneinander entfernt liegen, trennen sie Welten. Das eine gehört der Vergangenheit an, das andere der Gegenwart; das eine ist Poesie, das andere Prosa. Dem neuen Fort Sumner fehlt es an Tradition, Romantik und Charme. Es wirkt wie im Tiefschlaf, doch sein Schlummer ist weder idyllisch wie der von Lincoln noch von Geistern heimgesucht wie der von White Oaks. Es strahlt die Trostlosigkeit des Stillstands aus. Die rohe, unfertige Stadt breitet sich über die Sandhügel am Pecos-Fluss in sonnenverbrannter Hässlichkeit aus. Hier prallt die Straße der Träume, die aus der Vergangenheit führt und vom Schatten romantischer Bäume gesäumt wird, frontal auf die eiserne Realität eines modernen Transportsystems.
Man trifft Mrs. Paulita Jaramillo in ihrem kleinen Häuschen am Rande der Stadt an. Wenn das Wetter schön ist, sitzt sie vielleicht in einem Schaukelstuhl auf ihrer Veranda, arbeitet an einer Stickerei oder häkelt eine Mantilla.
»Eine alte Geschichte, die mich als Geliebte von Billy the Kid bezeichnet«, sagt Mrs. Jaramillo mit einem nachsichtigen Lächeln, »macht seit vielen Jahren die Runde. Vielleicht ehrt sie mich, vielleicht auch nicht – das hängt davon ab, wie man dazu steht. Aber ich war nicht die Geliebte von Billy the Kid. Ich mochte ihn sehr – oh ja –, aber ich habe ihn nicht geliebt. Er war ein netter Junge, zumindest mir gegenüber; stets höflich, galant und zuvorkommend. Ich begegnete ihm oft auf Tanzveranstaltungen, und natürlich war er häufig bei uns zu Hause. Aber weder er noch ich dachten je an eine Hochzeit.
Es gab auch das Gerücht, Billy und ich hätten geplant, zusammen nach Alt-Mexiko zu fliehen, und hätten das Datum für die Nacht direkt nach seiner Erschießung angesetzt. Eine andere Geschichte besagte, wir hätten vor-gehabt, gemeinsam auf einem einzigen Pferd zu entkommen. Keine der Geschichten entsprach der Wahrheit, und die Sache mit dem einen Pferd war ein absoluter Witz. Pete Maxwell, mein Bruder, hatte mehr Pferde, als er gebrauchen konnte. Wenn Billy und ich bei Mondschein zum Rio Grande hätten aufbrechen wollen, können Sie sicher sein, dass wir eigene Pferde gehabt hätten. Ich hatte es nicht nötig, mich an der Taille eines Mannes festzuhalten, um nicht vom Pferd zu fallen. Ich bestimmt nicht! Ich bin im Sattel großgeworden und war stolz auf meine Reitkünste.
Es stimmt zwar, dass Billy the Kid nach seiner Flucht aus Lincoln nach Fort Sumner kam, um eine Frau zu sehen, in die er verliebt war. Aber ich war es nicht. Pat Garrett hätte wissen müssen, wer sie war, denn er war über Verschwägerung – und das gar nicht mal so weitläufig – mit ihr verbunden. In der Nacht, in der Kid getötet wurde, fragte Garrett meinen Bruder Pete Maxwell, warum Kid überhaupt in Fort Sumner sei. Pete schüttelte nur den Kopf und sagte, er wisse es nicht. Aber er wollte Garrett lediglich eine peinliche Situation ersparen. Er wusste es – und ich wusste es auch. Ich stand damals direkt neben Petes Stuhl und hätte Garretts Frage beantwortet, wenn Pete mir nicht mit einem Blick bedeutet hätte, den Mund zu halten.
Aber selbst wenn ich Kid geliebt hätte und er mich: Ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht gezögert hätte, ihn zu heiraten, ihm ans Ende der Welt durch Gefahren, Armut und Not zu folgen – ganz gleich, was er getan hatte oder was die Leute über mich denken mochten. So sind spanische Mädchen eben, wenn sie lieben.«
Mit bemerkenswerter Offenheit verrät Mrs. Jaramillo den Namen der Frau, die – wie sie beteuert – jene Geliebte war, deren Anziehungskraft Billy the Kid in den Tod lockte. Ihre Antwort auf das Rätsel, das den Südwesten seit fast einem halben Jahrhundert beschäftigt, besitzt selbst heute noch eine gewisse pikante Note. Doch es ist wohl barmherzig und weise, diesen alten Klatsch nicht aus der Asche der Vergangenheit hervorzukramen. Die Frau, die Mrs. Jaramillo nennt, ist bereits seit vielen Jahren tot.
»Billy the Kid, das kann ich Ihnen sagen, hat viele Frauen fasziniert«, fährt Mrs. Jaramillo fort. »Sein Ruf als Herzensbrecher war genauso legendär wie der als Revolverheld. Wie ein Seemann hatte er in jedem Hafen eine Geliebte. In jeder Placeta am Pecos war irgendeine kleine Señorita stolz darauf, als seine Querida zu gelten. Mindestens drei Mädchen in Fort Sumner waren ganz vernarrt in ihn. Eine ist heute eine geachtete Matrone in Las Vegas. Eine andere, die schon vor langer Zeit starb, hatte eine Tochter, die acht Jahre alt wurde und deren verblüffende Ähnlichkeit mit dem berühmten Gesetzlosen das Herz ihrer Mutter mit Stolz erfüllte. Die dritte war seine Geliebte, als er getötet wurde.
Fort Sumner war ein fröhlicher kleiner Ort. Der wöchentliche Tanz war ein Ereignis, und hübsche Mädchen aus Santa Rosa, Puerto de Luna, Anton Chico sowie von fünfzig Meilen entfernten Ranches reisten an, um dabei zu sein. Billy the Kid machte bei diesen Anlässen eine ausgesprochen galante Figur. Er war zwar nicht klassisch schön, besaß aber ein gewisses junges, gewinnendes Aussehen. Er war stets gut gelaunt, lächelte viel, verhielt sich äußerst höflich und tanzte hervorragend. Die kleinen mexikanischen Schönheiten machten ihm hinter ihren Fächern schöne Augen, boten all ihre Reize auf, um ihn zu erobern, und bildeten sich viel auf seine Aufmerksamkeit ein.
Wir hatten eine ganze Reihe hübscher Mädchen in Fort Sumner. Abrana Garcia, Nasaria Yerbe und Celsa Gutierrez besaßen jene spanische Schönheit, die man mit Kastagnetten, Holzgitter-Balkonen und alten, vom Duft des Oleanders erfüllten Innenhöfen verbindet. Sie tanzten auch sehr anmutig, und mit diesen dreien tanzte Billy the Kid wohl am häufigsten. Manuela Bowdre, die Frau von Charlie Bowdre, war ein dunkles, strahlendes, schlankes Wesen voller Lebensfreude. Das arme Mädchen – es brach ihr das Herz, als Charlie Bowdre von Pat Garrett und seinen Kopfgeldjägern getötet wurde. Aber die Zeit heilt alle Wunden, und Manuela heiratete später Lafe Holcomb, einen Cowboy. Als ich das letzte Mal von ihr hörte, lebte sie drüben in den Capitan Mountains. Juanita Martinez, Garretts erste Frau, und Apolinaria Gutierrez, seine zweite, waren mitreißende junge Frauen. Sie besaßen den Charme von Fröhlichkeit und Unbeschwertheit und waren auf unseren Tanzfesten stets von Anbetern umringt. Juanita war die Schwester von Don Juan José Martinez, der heute noch im neuen Fort Sumner lebt. Jeder mochte sie, und alle trauerten um sie, als ein hartes Schicksal ihr Brautkleid nur drei Wochen nach der Hochzeit in ein Totenhemd verwandelte. Garrett hatte in seiner zweiten Ehe mehr Glück. Kurz nach der Hochzeit mit Apolinaria Gutierrez zog er nach Roswell, und ich sah ihn und seine Frau kaum noch, aber soviel ich weiß, waren die beiden sehr glücklich miteinander.
Sie vermuten wahrscheinlich, dass unsere Tänze in Fort Sumner keine sonderlich vornehmen Gesellschaftsereignisse waren. Nun, vielleicht nicht; aber sie machten riesigen Spaß. Die Mädchen waren nicht reich und trugen keine teuren, aufwendigen Roben. Doch in ihren einfachen, meist selbstgenähten Kleidern – vielleicht mit einer roten Rose im schwarzen Haar oder einem Blumenstrauß an der Taille – sahen sie so bezaubernd aus, dass jedes Männerherz höherschlug. Auch in den feinen Nuancen und der Diplomatie der Koketterie waren sie keineswegs ungeübt. Sie verstanden es, ihre dunklen Augen gekonnt einzusetzen, und beherrschten die altmodische spanische Kunst – die im Südwesten inzwischen ausgestorben ist –, Fächer sprechen zu lassen, wenn die Zunge schwieg. Ich wage zu behaupten, dass man auf modernen Bällen kaum feuriger oder anmutiger tanzende Frauen finden würde als unsere Mädchen aus Fort Sumner. Bei uns spielte kein hinter Palmenwedeln verstecktes Orchester, aber wir hatten hervorragende Musik – meist sechs Instrumente: Geigen, Gitarren, Klarinetten und manchmal eine Tambe, eine indianische Trommel.
Es mag Sie überraschen, dass es auf unseren Festen äußerst sittsam zuging. Alt und Jung nahm daran teil. Wir Mädchen in Fort Sumner kannten zwar keine Anstandsdamen im klassischen Sinne, aber da unsere Mütter und Großmütter dem fröhlichen Treiben zusahen, waren wir bestens beaufsichtigt. Es gab weder Trunkenheit noch Randaliererei. Unsere Männer hätten so etwas nicht eine Sekunde lang geduldet. Sie trugen zwar keine Fracks, hielten aber die alten Verhaltenskodex-Traditionen des Wilden Westens in Ehren. Sie sind wahrscheinlich erstaunt, dass ein Gesetzloser und Desperado wie Billy the Kid auf unseren Festen ein geschätzter Kavalier war. Aber nach dem damaligen Kodex galt jeder Mann, der einer Frau gegenüber höflich war, als Gentleman; da wurde nicht lange nachgefragt. Und weil es im Land kaum Gesetz gab, war ein Outlaw, der diesem einfachen Standard entsprach, bei den gesellschaftlichen Anlässen in Fort Sumner ebenso willkommen wie jeder andere.
Sie sind natürlich neugierig zu erfahren, wie diese schöne und gebildete Tochter aus dem Hause Maxwell dem berüchtigtsten Mörder des Südwestens begegnete.
»Ich habe noch ein glasklares Bild vor Augen, wie ich Billy the Kid zum ersten Mal sah«, erzählt Mrs. Jaramillo. »Er war achtzehn Jahre alt, ich war fünfzehn und gerade auf Ferienbesuch aus der Klosterschule St. Mary in Trinidad. Es war der erste Besuch Kids in Fort Sumner. Er war zusammen mit einigen seiner Männer aus Lincoln herübergeritten, darunter auch José Chavez y Chavez. Dieser Chavez y Chavez war ein übler Burschen; er saß später eine lange Haftstrafe im Zuchthaus ab, wurde erst vor Kurzem entlassen und lebt heute in der Nähe von Las Vegas. Telesfor Jaramillo, der spätere Mann meiner Schwester, war betrunken und traf Chavez auf der Straße hinter unserem Haus. Chavez wollte Telesfor die Hand geben und sagte: ›Wir beide sind doch Cousins.‹ Das mag sogar gestimmt haben, ich weiß es nicht; aber Telesfor, betrunken wie er war, wies die Verwandtschaft weit von sich. Er richtete sich auf und weigerte sich, ihm die Hand zu geben. ›Kein Dieb ist mein Cousin‹, sagte er. Das machte Chavez wütend, und er zog seine Waffe. ›Dafür bringe ich dich um!‹, schrie er.
»Meine Mutter sah das Ganze, lief hinaus, packte Telesfor am Arm und versuchte, ihn wegzuziehen. ›Erschießen Sie ihn nicht!‹, rief sie Chavez zu. ›Er ist betrunken. Warten Sie, bis er nüchtern ist, und regeln Sie es dann!‹ Doch Chavez ließ sich nicht beruhigen. ›Mir egal, ob er betrunken oder nüchtern ist‹, meinte er. ›Beleidigen lässt er mich nicht!‹
In diesem Moment sahen wir einen jungen Mann schnell über die Straße auf uns zukommen, und jemand in der kleinen Menschenmenge, die sich angesammelt hatte, sagte: ›Da kommt Billy the Kid.‹ Ich bekam schreckliche Angst, als ich diesen Namen hörte. Ich hatte so viele Geschichten über Billy the Kid und seine skrupellosen Taten im Lincoln-County-Rinderkrieg gehört und dachte mir nur: Jetzt werden wir alle ermordet.
Kid hatte ein hartes, kurzes Lächeln auf den Lippen, als er auf uns zukam; ich war überrascht, wie jugendlich und überhaupt nicht gefährlich er aussah.
›Lassen Sie diesen Mann nicht meinen Freund töten!‹, flehte meine Mutter ihn an.
Kid tippe an seinen Sombrero. ›Haben Sie keine Angst, Señora‹, sagte er, ›ich bringe das in Ordnung.‹
Er sagte etwas auf Spanisch zu Chavez, woraufhin dieser seinen Sixshooter sofort wieder in den Halfter steckte. Kid nahm ihn am Arm, und sie gingen gemeinsam davon.
Telesfor schwankte unterdessen unsicher hin und her, und wir brachten ihn ins Haus. Er war nur knapp dem Tod entronnen, was ihm wegen seines Rausches gar nicht bewusst war. Aber Mutter und ich waren uns immer einig: Wäre Billy the Kid an jenem Tag nicht gewesen, hätte Telesfor gar nicht mehr lange genug gelebt, um mein Schwager zu werden.«
Don Manuel Abreu, der auf einer Ranch mit Blick auf das historische Areal des alten Fort Sumner lebt, erzählt eine pikante kleine Anekdote über Mrs. Jaramillo:
»Nicht lange nach dem Tod von Billy the Kid«, berichtet Don Manuel, »saßen Pete Maxwell, Paulita und ich eines Abends im Wohnzimmer des Maxwell-Hauses im alten Fort Sumner. Es wurde bereits spät. Die Stadt und das Haus waren mäuschenstill. Plötzlich hörten wir ein seltsames Geräusch, wie leise, schleichende Schritte. Uns fuhr allen ein Schreck durch die Glieder. Kid war schließlich im angrenzenden Schlafzimmer erschossen worden. Das Geräusch hatte etwas Gespenstisches. Es hörte auf. Dann begann es von Neuem – genau so, als würde jemand leise auf Strumpfsocken umherschleichen.«
›Was ist das?‹, fragte Paulita mit unterdrückter Aufregung.
›Kann es sein‹, fragte ich, ›dass Kid von den Toten zurückgekehrt ist?‹
›Seit seinem Tod höre ich jede Nacht merkwürdige Geräusche in dem alten Haus‹, bemerkte Pete.
›Pah!‹, machte Paulita und zuckte mit den Schultern.
›Aber Paulita‹, bohrte ich nach, ›man sagt doch, dass die Geister von Ermordeten oft an den Ort ihrer Tat zurückkehren, um dort zu spuken.‹
›Unsinn!‹, erwiderte sie. ›Für Leute, die an Gespenster glauben, habe ich keine Geduld.‹
›Hast du in letzter Zeit nachts denn gar nichts gehört?‹, fragte Pete.
›Nichts.‹
›Hör mal!‹ Das Geräusch schleichender Schritte setzte erneut ein.
›Der Geist von Billy the Kid‹, raunte Pete und bekreuzigte sich.
›Ich habe keine Angst‹, sagte Paulita. ›Ich gehe nachsehen, was das ist.‹
›Geh lieber nicht‹, riet ich ihr.
Sie riss die Tür auf und trat beherzt auf die Veranda. Schon im nächsten Moment kam sie lachend zurück.«
›Der Geist von Billy the Kid, was?‹, rief sie uns spöttisch zu. ›Es war nichts weiter als ein verirrter Eselhase, der über die Veranda hoppelte.‹
Paulitas Entdeckung löste die beklemmend unheimliche Stimmung sofort auf.
›Nun, Paulita‹, sagte Pete schließlich, ›du hast also keine Angst vor Gespenstern?‹
›Nicht die Bohne.‹
›Und du glaubst nicht, dass Kid als Geist zurückkehren kann?‹
›Natürlich nicht.‹
›Trotzdem hättest du Angst, nachts an seinem Grab vorbeizugehen.‹
›Hätte ich nicht.‹
›Oh doch, hättest du!‹
›Ich sage dir, ich hätte keine Angst.‹
Pete zog schweigend ein paar Züge aus seiner Pfeife.
›Du spuckst große Töne, kleine Schwester‹, meinte er. ›Ich wette mit dir, dass du dich nicht traust, jetzt gleich zu seinem Grab zu gehen. Es ist nicht weit. Was sagst du? Gehst du?‹
›Sei nicht albern, Pedro. Warum sollte ich so etwas Verrücktes tun?‹
›Du behauptest doch, so mutig zu sein. Dann beweise deinen Mut!‹
Paulita schüttelte den Kopf.
›Das wäre völlig töricht von mir.‹
Pete sah mich lächelnd an.
›Sie hat Schiss, Manuel‹, stichelte er. ›Sie traut sich einfach nicht.‹
›Nun‹, antwortete ich, ›ich verübele es ihr nicht. Ich würde selbst nicht gehen.‹
›Für so eine schwachsinnige Aktion gibt es überhaupt keinen Grund‹, beharrte Paulita.
›Weißt du was?‹ Pete zog seine Taschenuhr heraus und blickte darauf. ›Es ist kurz vor Mitternacht. Ich gebe dir zehn Dollar, wenn du genau jetzt zu Billy the Kids Grab gehst.‹
›Du machst doch nur Witze‹, erwiderte Paulita. ›Du würdest mir das Geld gar nicht geben.‹
›Hier‹, sagte Pete, ›ich hinterlege es bei Manuel.‹ Er zog eine Rolle Geld aus der Tasche und reichte mir einen Zehn-Dollar-Schein. Ich schwenkte ihn beiläufig in der Luft.
›Das Geld gehört dir, wenn du es schaffst, Paulita‹, verkündete ich.
›Ich gehe‹, sagte sie.«
›Aber‹, hakte Pete nach, ›woher weiß ich, dass du wirklich am Grab warst?‹
›Tja, da wirst du mir wohl aufs Wort glauben müssen.‹
›Bring mir etwas als Beweis mit.‹
›Was denn?‹
›Ach, ein Unkraut, eine Wildblume, einen Kieselstein – irgendetwas. Ich will einen Beweis sehen.‹
Paulita marschierte zur Tür hinaus, durch das Tor und über den alten Exerzierplatz. Pete und ich standen auf der Veranda und sahen zu, wie sie langsam im Mondlicht verschwand.«
›Die kommt in einer Minute zu Tode erschrocken zurückgerannt‹, bemerkte Pete.
›Da wäre ich mir nicht so sicher‹, erwiderte ich.
Wir warteten eine gefühlte Ewigkeit.
›Sie zieht das nie durch‹, meinte Pete. ›Sie ist zwar ein mutiges Mädchen, aber die Nerven, um Punkt Mitternacht ganz allein zu Billys Grab zu gehen, hat sie nicht. Das ist schließlich die Stunde, in der die Geister umgehen. Sie wird irgendwo einen Kiesel aufheben, um mich hereinzulegen, und ihn als Beweis verkaufen, um die zehn Dollar zu kassieren. Wirst schon sehen.‹ Pete gluckste leise.
Sie blieb so lange weg, dass uns langsam mulmig wurde. Doch schließlich hörten wir Schritte. Kurz darauf erkannten wir ihre schemenhafte Gestalt im Mondlicht auf dem Rückweg.
›Sie scheint etwas zu tragen‹, meinte Pete.
›Ja. Was mag das nur sein?‹
›Der Himmel weiß es.‹
Herzlich lachend betrat Paulita die Veranda und drückte Pete einen merkwürdigen Gegenstand in die Arme.
›Hier ist dein Beweis‹, sagte sie. ›Und jetzt gib mir meine zehn Dollar.‹
Pete trug den Gegenstand in den beleuchteten Salons, um zu sehen, was für einen Beweis sie gebracht hatte. Und was glauben Sie, was es war?«
Don Manuel Abreu schüttelte sich vor Lachen.
»Es war«, erzählte er, »das kleine Holzkreuz, das am Kopfende von Billy the Kids Grab gestanden hatte. Ein Irrtum war ausgeschlossen – sein Name war darauf aufgemalt.«
Wenn man Mrs. Jaramillo diese schwungvolle Anekdote erzählt, lächelt sie etwas verlegen.
»Ja«, gibt sie zu, »das habe ich getan. Aber«, fügt sie hastig hinzu, »ich habe am nächsten Morgen sofort einen Knecht zum Friedhof geschickt, der das Kreuz wieder aufgestellt hat.«
Mrs. Jaramillo, so stellt man fest, besitzt ein feines Talent zur Scharfsinnigkeit und Ironie. Jene uralte menschliche Eigenschaft, die man heute als Wichtigtuerei oder Aufschneiderei bezeichnet, ist das bevorzugte Ziel ihres Spotts.
»Barney Mason, der Schwager von Pat Garrett, lebte viele Jahre in Fort Sumner«, erzählt sie, »und wollte den Leuten stets weismachen, er sei viel mutiger, als er in Wahrheit war. Doch trotz seiner Großspurigkeit und seiner Attitüde als harter Kerl nahm man seinen Mut in Fort Sumner immer mit Vorsicht auf. Als Billy the Kid und seine Gefolgsleute auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs waren, tat Barney so, als sei er ein großer Freund von ihnen; er versorgte sie mit Informationen, warnte sie vor Gefahren und konnte gar nicht genug für sie tun. Doch als Pat Garrett zum Sheriff ernannt wurde und das Gesetz Kid immer enger einkreiste, änderte Barney blindlings seine Meinung. Er ließ sich von seinem Schwager als Deputy anwerben und wurde zu einem ebenso verbissenen Feind Kids, wie er zuvor sein Freund gewesen war. Das erzürnte Kid derart, dass er Barney ausrichten ließ, er werde ihn bei der nächsten Gelegenheit erschießen. Heimlich machte diese Drohung Barney eine Scheißangst, aber nach außen bewahrte er Haltung. ›Kid macht mir keine Angst‹, prahlte er. ›Dem werde ich ein oder zwei Dinge beibringen, wenn wir uns treffen.‹
Doch wann immer Kid in die Stadt ritt, ergriff Barney die Flucht. Er kam Kid nach Möglichkeit nie näher als auf eine Meile. Eines Tages, als Barney mit seiner Frau auf dem Kutschbock von Santa Rosa nach Hause fuhr, sah er Kid auf dem Pferd entgegenkommen. Die Lage war brenzlig für Barney: Das Gelände war völlig offen – kein Baum und kein Felsen weit und breit, hinter dem er sich hätte verstecken können –, und ein Desperado, der geschworen hatte, ihn zu töten, stand kurz davor, nur wenige Fuß entfernt an ihm vorbeizureiten. In dieser Notlage schaltete Barney blitzschnell. Während Kid noch weit entfernt war, riss Barney seiner Frau die schwarze Mantilla ab, warf sie sich über die Schultern und setzte sich ihren Sonnenhut auf den Kopf. Dann duckte er sich tief auf seinen Sitz, machte sich so klein wie möglich und trieb die Pferde zu einem flotten Trab an. Mit dem Gesicht unter dem Sonnenhut verborgen, fuhr er an Kid vorbei. Er war heilfroh, als er schlussendlich lebend in Fort Sumner ankam. Dort stolzierte er sofort durch die Stadt und erzählte jedem, wie er Kid auf der Straße begegnet sei, das Feuer eröffnet habe und Kid schleunigst das Weite gesucht habe. ›Ich habe euch doch gesagt, was ich mit dem Kerl mache, wenn wir uns begegnen‹, prahlte Barney.
Gegen Abend ritt Kid dann ganz gemütlich in Fort Sumner ein. Wie üblich stieg der von Panik ergriffene Barney sofort auf sein Pferd, ergriff die Flucht und versteckte sich in den Hügeln. Jeder wollte natürlich vom Kid hören, wie er Barney Masons Anschlag nur knapp entkommen war. Als Kid die Geschichten hörte, die Barney verbreitet hatte, krümmte er sich vor Lachen.
›Ich habe ihn in der Sekunde erkannt, als ich ihn sah‹, sagte er. ›Seine Mantilla und sein Sonnenhut haben mich nicht getäuscht. Ich hätte ihn auf der Stelle erschossen, wenn seine Frau nicht dabei gewesen wäre. Ich wollte ihn nicht direkt in ihren Armen tot zusammenbrechen lassen. Seine Frau war das Einzige, was ihn gerettet hat. Aber mit der Mantilla und dem hübschen rosafarbenen Sonnenhut hätte er jedenfalls eine adrette Leiche abgegeben!‹«
Das einzige Foto, das je von Billy the Kid gemacht wurde, befand sich viele Jahre lang im Besitz der Familie Maxwell.
»Es wurde 1880 von einem umherreisenden Fotografen aufgenommen, der durch Fort Sumner kam«, berichtet Mrs. Jaramillo. »Billy posierte dafür draußen auf der Straße nahe Beaver Smith’ Saloon. Ich habe das Bild nie gemocht. Ich finde nicht, dass es Billy gerecht wird. Es lässt ihn rau und ungehobelt wirken. Sein Gesichtsausdruck war in Wirklichkeit sehr jugendlich und ausgesprochen angenehm. Vielleicht hat er auf der Ranch solche Kleidung getragen, wie sie auf dem Bild zu sehen ist, aber in Fort Sumner achtete er sehr auf sein Äußeres und kleidete sich ordentlich und geschmackvoll.
Bei uns lebte eine alte Dienstbotin namens Deluvina Maxwell. Mein Vater hatte sie als Kind für fünfzig Dollar von einer umherziehenden Gruppe Navajo-Indianer abgekauft, und seitdem gehörte sie zu unserer Familie. Billy the Kid war Deluvinas großes Idol; sie betete ihn förmlich an. In ihren Augen gab es auf der ganzen Welt keinen wunderbareren Jungen. Als Billy nach seiner Festnahme bei Arroyo Tivan im Gefängnis von Fort Sumner eingesperrt war, besuchte Deluvina ihn. Es war ein kalter Wintertag, und da die kleine Zelle unbeheizt war, holte Deluvina von zu Hause einen dicken, von ihr selbst gestrickten Schal und brachte ihn ihrem Helden. Als Dank für diese Gefälligkeit schenkte Kid ihr das einzige Foto von sich, das er in der Tasche trug. Er hätte Deluvina nichts geben können, was sie mehr geschätzt hätte.
Meine Mutter bewahrte das Bild jahrelang in einer Zedernholztruhe auf, bis meine Schwester Odila es schließlich John Legg schenkte, einem Saloonbesitzer in Fort Sumner und Freund der Familie. Legg wurde später erschossen, und Charlie Foor gelangte als Verwalter seines Nachlasses in den Besitz des Fotos. Als Foors Haus niederbrannte, wurde das Original zerstört, doch erfreulicherweise waren zuvor viele Kopien davon angefertigt worden. Eine nach diesem Foto angefertigte Tuschezeichnung hängt heute im Gouverneurspalast in Santa Fé.
Deluvina lebt noch immer auf der Ranch meiner Schwester, Mrs. Abreu. Sie ist sehr alt, sehr korpulent und überaus abergläubisch. Sie gehört zu den Menschen, die nach Einbruch der Dunkelheit niemals an dem kleinen Friedhof vorbeigehen würden, auf dem Kid begraben liegt. Sie beteuert steif und fest, sie habe dort den Geist eines ermordeten schwarzen Soldaten gesehen. Aber den Geist von Billy the Kid, sagt sie, habe sie nie erblickt. ›Oh nein‹, beharrt sie, ›die Seele dieses armen Kindes ruht in Frieden.‹«
Mrs. Jaramillo ist keine große Bewunderin von Pat Garrett – und da Garrett Billy the Kid getötet hat, ist das vielleicht auch nicht weiter verwunderlich.
»Ich erinnere mich noch an den ersten Tag, an dem Pat Garrett einen Fuß nach Fort Sumner setzte«, erzählt Mrs. Jaramillo weiter. »Ich war ein kleines Mädchen, dessen Kleider mir bis an die Schuhspitzen reichten. Als er zu unserem Haus kam und nach Arbeit als Cowboy fragte, stand ich hinter meinem Bruder Pete Maxwell und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Er hatte die längsten Beine, die ich je gesehen hatte, sah so drollig aus und hatte eine so ulkige Art zu sprechen, dass Pete und ich uns köstlich über ihn amüsierten, nachdem er gegangen war. Später lernte ich ihn gut kennen. Nachdem er mit dem alten Beaver Smith ins Geschäft eingestiegen war, verbrachte er manchen Abend bei uns im Haus und erzählte Garn über seine Abenteuer bei der Büffeljagd im Texas Panhandle. Er war ein umgänglicher, freundlicher Mann, ein guter Geschichtenerzähler und voller trockenem Humor. Er trank gerne mal ein Glas in Geselligkeit, war ein geschickter Poker- und Monte-Spieler, und jeder mochte ihn.
Pat Garrett war einer der engsten Freunde, die Billy the Kid in Fort Sumner hatte, und er verstand sich mit jedem Mitglied aus der Bande Kids bestens. Wenn wir Pat und Billy zusammen sahen, nannten wir sie immer Dick und Doof – oder das ungleiche Paar. Pat überragte Billy bei Weitem und hätte locker für zwei von seiner Statur gereicht. Er aß, trank und spielte Karten mit Kid, ging mit ihm zum Tanzen und machte denselben mexikanischen Mädchen den Hof. Ich habe die beiden oft auf den Knien um eine Pferdedecke hocken sehen, die mitten auf der Hauptstraße ausgebreitet war, wo sie sich beim Monte-Spiel die Seele aus dem Leib zockten. Wenn Pat pleite war, lieh er sich Geld von Billy, und wenn Billy pleite war, lieh er sich welches von Pat. Manchmal veranstalteten sie freundschaftliche Schießwettbewerbe. Beide waren hervorragende Schützen. Mit dem Gewehr gaben sie sich nicht viel, aber mit dem Revolver war Billy der Bessere. Ich erinnere mich noch, wie Garrett einmal seine Pistole auf einen Eselhasen leerschoss, der über die Straße flitzte, und jedes Mal traf er daneben. Billy hingegen streckte ihn mit einem einzigen Schuss aus seinem Sixshooter nieder. Oh ja, Garrett und Kid waren wirklich ein Herz und eine Seele.
Nichts hat Fort Sumner je so überrascht wie die Entscheidung der Viehbarone, ausgerechnet Garrett zum Sheriff von Lincoln County zu ernennen. Er war unbekannt, hatte keinerlei Erfahrung als Kopfgeldjäger und keinen Ruf als Kämpfer. Soweit damals jemand wusste, bestand seine einzige Qualifikation für das Amt in seiner engen Freundschaft mit Kid und dessen Männern. Er kannte all ihre alten Pfade, ihre bevorzugten Schlupfwinkel, ihre geheimen Treffpunkte und Zufluchtsorte. Die einzige Aufgabe, die Garrett als Sheriff zufiel, war es, diese alten Freunde zu jagen und sie zu töten oder ins Zuchthaus zu bringen – und das tat er methodisch und eiskalt. Ich sage das nicht aus Bosheit; es ist schlicht eine Tatsache. Es gibt kein Gesetz, das einem Mann verbietet, sich gegen seine alten Freunde zu wenden oder sie bis in den Tod zu jagen. Aber es widersprach dem ungeschriebenen Ehrenkodex des Wilden Westens; und viele Männer hätten sich lieber selbst erschießen lassen, als so einen Auftrag anzunehmen. Man muss Garrett jedoch zugutehalten, dass er aus seinen Absichten von Anfang an keinen Hehl machte. Als er Sheriff wurde, wusste Billy the Kid genau, was das bedeutete. Von diesem Moment an herrschte Krieg auf Leben und Tod zwischen den beiden.
Ich kannte beide Männer gut, und meiner Meinung nach war Garrett ein genauso kalter und harter Charakter wie Kid. Der große Unterschied zwischen ihnen bestand darin, dass Garrett das Gesetz auf seiner Seite hatte und Kid außerhalb des Gesetzes stand. Ich möchte noch etwas hinzufügen – und es gibt viele Männer in New Mexico, die Ihnen genau dasselbe bestätigen werden –: Pat Garrett hatte Angst vor Kid. Aus freien Stücken hätte er es niemals gewagt, ihm allein unter vier Augen zu begegnen, genauso wenig wie er es gewagt hätte, sich in eine Löwengrube zu begeben. Garrett hat Kid am Ende zwar getötet, aber Kid wurde im Dunkeln erschossen und hatte nicht die geringste Chance auf Leben. Das war von Garrett keineswegs feige; er hat ihn auf die einzige Art getötet, wie Kid überhaupt getötet werden konnte. Aber hätte Kid auch nur die leiseste Ahnung von der Gefahr gehabt, in der er schwebte, wäre höchstwahrscheinlich Garrett derjenige gewesen, der ins Gras gebissen hätte.«
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