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Die Gespenster – Vierter Teil – 43. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil

Dreiundvierzigste Erzählung
Die Todesahnung zu Altona

Am 14. April 1780 starb in Altona eine sechsjährige Tochter aus einer mir wohlbekannten Familie. Zur Pflege des Kindes war eine alte, abergläubische Krankenpflegerin angestellt. Da sie angeblich ein Sonntagskind war, sah sie häufig Gespenster sowie spukende Leichenwagen und erhob den Anspruch, die Todesfälle der Stadt ahnen und im Voraus wissen zu können.

Schon oft hatte sie gläubigen Seelen – meist allerdings erst im Nachhinein – beteuert, den Sarg eines Verstorbenen bereits vor dessen Tod in einer spukhaften Nachterscheinung gesehen zu haben. Genauso oft war sie deswegen jedoch auch verspottet worden. Dennoch schien sich ihre angebliche Seherkraft beim Tod des besagten Kindes auf zweifache Weise zu bewahrheiten. Zum einen sprang in der letzten Mitternacht vor dem Tod des Kindes, als die Pflegerin allein Wache hielt, von selbst das Schloss einer Schatulle zu, in der zufällig das Totenhemd aufbewahrt wurde.

»Ach, das bedeutet nichts Gutes!, sagte die alte Wahrsagerin. »Nun stirbt das Kind gewiss und bald.«

Beides traf pünktlich ein. Dies war jedoch keineswegs der überzeugendste Beweis für ihre prophetische Begabung. Schließlich hätte man auch ohne Seherkraft und ohne den Zufall, durch den der Federmechanismus des Schlosses in jener Nacht den Spuk auslöste, den nahenden Tod voraussagen können.

Weit eindeutiger und beweiskräftiger war hingegen eine zweite, wahrhaft schauderhafte Todesahnung: Eine lange, weiße Gestalt schwebte langsam die Treppe hinab. Die Pflegerin, die im Krankenzimmer direkt gegenüber der Glastür saß, erblickte die Erscheinung sofort. Erbleicht und zitternd rief sie der anwesenden Schwester der Sterbenden, die mit dem Rücken zur Glastür saß, mit ängstlicher Stimme zu: »Ach, schauen Sie sich bloß nicht um! Es geht nicht mit rechten Dingen zu!«

Die Gewarnte – ein damals 18-jähriges, unvoreingenommenes Mädchen – fragte zwar noch: »Warum denn nicht?«, blickte aber dennoch zum Stubenfenster und wandte erschrocken den Blick gleich wieder ab. Auch sie sah dieselbe weiße Gestalt, die feierlich und lautlos von der Treppe herabzuschweben schien, dann auf dem Flur herumpolterte und schließlich nach einer viertel Stunde – von beiden beobachtet – ebenso langsam wieder die Treppe hinauf stieg und verschwand.

Beide Zeuginnen verbrachten den Rest der Nacht in großer Angst. Zwar hätten sie sich gerne zur Stärkung eine Tasse Kaffee gegönnt, doch niemand wollte ihn zubereiten – die Pflegerin war dazu beim besten Willen nicht zu bewegen.

»Es mag gewesen sein, was es will«, sagte schließlich Demoiselle N., der das Poltern der Erscheinung bereits berechtigte Zweifel an deren übersinnlicher Natur eingegeben hatte, »ich gehe jetzt hinaus.«

Sie ging vor die Tür und fand auf dem Flur alles durcheinandergeworfen vor, konnte jedoch keine erklärende Spuren entdecken. Klug und unvoreingenommen, wie sie war, vereinbarte sie mit der Pflegerin, niemandem etwas von dem Vorfall zu erzählen. Damit wollte sie verhindern, dass durch das Weitertragen der ohnehin schon erstaunlichen Geschichte der Gespensterglaube genährt würde. Zudem wollte sie abwarten, ob sich die Sache nicht noch auf natürliche Weise aufklären würde – eine Umsicht, die dem Mädchen Ehre machte und sich rasch auszahlte.

Als der ersehnte Morgen anbrach, ging Demoiselle N. ins obere Stockwerk, um ihre Mutter zu wecken.

»Mein Gott, was ist denn mit dir?«, fragte diese sofort. »Du siehst ja ganz verstört und leichenblass aus!«

Die Tochter wollte anfangs schweigen, sah sich durch das nachdrückliche Fragen der Mutter jedoch gezwungen, das Versprechen zu brechen und das Geschehene zu erzählen. Nun löste sich das Rätsel schlagartig auf und jede Angst verflog. Glücklicherweise besaß die Mutter den Schlüssel zur Aufklärung: Eine der anderen Töchter, die bei der Mutter im oberen Stockwerk schlief, hatte nachts das Haus verlassen müssen, um im Hof ihre Notdurft zu verrichten – und zwar exakt in jener Viertelstunde, in der die Erscheinung gesichtet worden war. Um niemanden im Krankenzimmer zu stören, war sie leise und barfuß geschlichen. Wegen der Dunkelheit war sie auf dem Flur jedoch gegen alles gestoßen, was im Weg stand. Bei ihrer Rückkehr war die Mutter aufgewacht und hatte sie zu sich gerufen, um nach dem Befinden der Kranken zu fragen.

Wie leicht hätte die Wahrheit hier für immer verborgen bleiben können – und das angebliche Wunder hätte in den Augen der verschwiegenen Pflegerin wohl für alle Zeit als Beweis für die Existenz von Gespenstern gegolten!

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