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Wahrheit im Fadenkreuz: Eine Kritik zu Under Fire (1983)

Wahrheit im Fadenkreuz: Eine Kritik zu Under Fire (1983)

Nicaragua, 1979: Russell Price ist ein erfolgreicher, amerikanischer Kriegsfotograf und möchte als neutraler Beobachter über den tobenden Bürgerkrieg berichten. Doch schon nach kurzer Zeit muss er seine naive Objektivität aufgeben und wird gezwungen eine moralische Entscheidung zu treffen, mit der er zwischen die Fronten gerät. Mit einem gestellten Foto verhindert Price eine große Waffenlieferung der USA an die nicaraguanische Regierung und schlägt sich somit auf die Seite der Sandinisten. Inmitten der Revolution beginnt er ein Verhältnis mit der Reporterin Claire Stryder, die mit seinem besten Freund und Kollegen Alex Grazier verheiratet ist. Vor der zermürbenden Kulisse des Bürgerkriegs entwickelt sich zwischen den Journalisten eine komplizierte Dreiecksbeziehung. Gleichzeitig wird Price immer weiter in den Konflikt verwickelt und gerät schließlich selbst in Lebensgefahr …

Roger Spottiswoodes Under Fire ist nicht einfach nur ein Kriegsfilm; es ist ein brennendes Plädoyer über die moralische Grauzone des Journalismus und die gefährliche Macht der Bilder.

Im Zentrum steht der Fotojournalist Russell Price, ein Mann, der den Krieg durch den Sucher seiner Nikon betrachtet. Er ist ein Profi, der sich rühmt, keine Partei zu ergreifen – für ihn zählen nur das perfekte Licht und der richtige Moment. Zusammen mit dem charismatischen Star-Reporter Alex Grazier und der fähigen Radio-Journalistin Claire  deckt er den Sturz des Somoza-Diktators durch die sandinistischen Rebellen ab.

Doch die Neutralität beginnt zu bröckeln, als die Rebellen Price bitten, ein Foto des getöteten Anführers Rafael zu fälschen, um den Widerstand am Leben zu erhalten. Hier stellt der Film die alles entscheidende Frage: Darf ein Journalist lügen, um einer gerechten Sache zu dienen?

Nick Nolte liefert eine seiner besten Leistungen ab. Sein Russell Price ist kein strahlender Held, sondern ein verschwitzter, moralisch erschöpfter Handwerker, dessen stechender Blick die Schrecken des Krieges widerspiegelt. Die Chemie zwischen ihm und Joanna Cassidy ist greifbar und verleiht der politischen Schwere eine menschliche Note. Gene Hackman, obwohl in einer kleineren Rolle, dominiert jede Szene als zynischer, aber letztlich tragischer Nachrichten-Veteran.

Ein besonderes Highlight ist Ed Harris als Oates, ein eiskalter Söldner, der die Seiten wechselt, wie es ihm gerade passt. Er fungiert als dunkles Spiegelbild zu den Journalisten – ein Mann, der im Gegensatz zu Price genau weiß, dass es in diesem Konflikt keine Unschuldigen gibt.

Spottiswoode fängt die klaustrophobische Enge der Straßenkämpfe in Managua meisterhaft ein. Die Kameraarbeit von John Alcott verzichtet auf effekthascherische Action und setzt stattdessen auf eine fast dokumentarische Unmittelbarkeit. Unterstützt wird dies durch den legendären Soundtrack von Jerry Goldsmith. Die Kombination aus panflöten-artigen Synthesizern und orchestralen Klängen verleiht dem Film eine fast mythische, melancholische Tiefe, die noch lange nach dem Abspann nachhallt.

Under Fire ist weit mehr als ein Relikt des Kalten Krieges. In Zeiten von Fake News und KI-generierten Propagandabildern wirkt die Thematik des Films erschreckend prophetisch. Er zeigt uns, dass das erste Opfer des Krieges nicht immer nur die Wahrheit ist, sondern oft auch das Gewissen derer, die sie dokumentieren sollen.

Fazit:
Ein intelligenter, visuell berauschender Polit-Thriller, der den Zuschauer nicht mit einfachen Antworten entlässt. Ein absolutes Muss für Fans des anspruchsvollen 80er-Jahre-Kinos.

Angaben zum Film

Stab
Regie: Roger Spottiswoode, Drehbuch: Clayton Frohman, Ron Shelton, Produktion: Jonathan T. Taplin, Musik: Jerry Goldsmith, Kamera: John Alcott, Schnitt: Mark Conte, John Bloom

Besetzung
Nick Nolte: Russell Price, Gene Hackman: Alex Grazier, Joanna Cassidy: Claire, Ed Harris: Oates, Jean-Louis Trintignant: Marcel Jazy, Alma Martinez: Isela, Richard Masur: Hub Kittle, Holly Palance: Journalistin, Hamilton Camp: Regis Seydor

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