Dämonische Reisen in alle Welt – Kapitel X, Teil 4
Johann Konrad Friederich
Dämonische Reisen in alle Welt
Nach einem französischen Manuskript bearbeitet, 1847.
Kapitel X, Teil 4
Kaum Platz genommen, erhob sich Herzog Michel von seinem Sitz und begann: »Meine Herren Lords! Es muss Ihnen bereits bekannt sein, auf welche scheußliche Weise abermals ein Soldat des englischen Heeres, ein Husar vom 7. Regiment, sein Leben verlor und zu Tode gepeitscht wurde. Ich trage nun darauf an, für den Augenblick alles andere ruhen lassend, dass ein Gesetz in Vorschlag gebracht werde, welches ein für alle Mal die Peitschenstrafe bei unserem Heer aufhebt. Ist es nicht eine Schande für Großbritannien, dass dessen Krieger noch immer durch die siebenschwänzige Katze in Zucht und Ordnung gehalten werden sollen – nicht müssen; denn der englische Soldat besitzt ebenso viel Ehrgeiz und steht auf derselben Stufe der Bildung wie der französische und deutsche, und wenn er hie und da mehr Rohheit zeigt, so ist es gerade diese rohe Behandlung, welche sie erzeugt. Fast in allen deutschen Staaten ist das Stockregiment abgeschafft, und wir, die wir uns das freie England nennen, an die Spitze der zivilisierten Nationen stellen wollen, wir lassen unsere Kinder, unsere Vaterlandsverteidiger täglich blutig peitschen; der Fall in Hounslow ist seit einem halben Jahr der fünfte, wo ein Bestrafter infolge solcher Exekutionen das Leben unter den entsetzlichsten Schmerzen verliert! Entehrend und beschimpfend für ganz England ist ein solches Verfahren; wir tadeln die russische Knute, machen uns über die österreichischen Korporalstöcke lustig und treiben es zehnmal ärger, ärger als die Türken, deren Bastonaden zwanzigmal menschlicher sind. Ich trage also darauf an, dass ein für alle Mal die Peitschenstrafe abgeschafft werde.«
Nun erhob sich der Teufel-Erzbischof und sprach: »In meinem besonderen Interesse wäre es freilich, dass die siebenschwänzige Katze in ihren Rechten bliebe, jedoch bin ich aus Achtung vor dem edlen Herzog, der soeben sprach, ganz dessen Meinung und stimme ihm bei.«
Aber nun ließ sich der greise Wellington vernehmen und sagte: »Meine Herren, lassen Sie sich durch eine unzeitige Philanthropie nicht irremachen, ohne die Peitsche würde bald das englische Heer von der Höhe seines Glanzes herabsinken und aller Zucht und Ordnung verlustig gehen. Ohne die Furcht vor der Peitsche ist bei dem englischen Soldaten an keinen Gehorsam mehr zu denken, alle Subordination würde sich auflösen, durch die Peitsche sind wir geworden, was wir sind, die Herren der Welt, die Helden zur See und zu Land. Mit der Peitsche haben wir alle die großen Siege in Indien, Amerika, Spanien, Frankreich, bei Waterloo etc. erfochten, und ohne …«
»Um Vergebung«, fiel hier Michel ein, »den Sieg bei Waterloo haben wir nur mithilfe der nicht gepeitschten Preußen erfochten, denn wir waren bereits gepeitscht.«
»Wie mag ein Engländer so etwas sagen!«, eiferte Wellington.
»Die Wahrheit muss man sich unter keinen Umständen zu sagen scheuen.«
»Hört, hört!«, erscholl es nun von vielen Seiten, und es erhob sich ein gewaltiger Lärm und Tumult unter den Herren Peers. Aber der Teufel in Erzbischofsgestalt unterstützte kräftig den Herzog Michel, und als der Spektakel so überhandnahm, dass man sein eigenes Wort nicht mehr hörte, gab Michel dem Asmodi einen Wink, worauf dieser das ganze Oberhaus durch einen Krückenschlag stumm machte.
Ersterer fuhr fort: »Es ist hier nicht die Rede davon, ob England mit der Peitsche und durch dieselbe seine Siege errungen oder dieser seine Niederlagen zu verdanken hat, und ich will dem edlen Herzog durchaus nicht die Überzeugung rauben, dass er seine Siege und Würden der Peitsche verdankt, sondern es ist hier die Rede von der Unmenschlichkeit, der Grausamkeit einer so tyrannischen, die Menschheit, besonders Großbritannien und seine Heere entehrenden Strafe. Und dass man auch ohne Peitsche und Prügel siegen und Heldentaten vollbringen kann, haben Franzosen, Preußen und andere deutsche Truppen zur Genüge bewiesen. Kein Stand lässt sich leichter und besser durch das Ehrgefühl leiten als der Soldatenstand, man muss es nur in demselben zu erwecken verstehen, aber dies wollen die alten Gamaschen- und Zopfhelden nun einmal nicht fassen und begreifen. Es scheint mir auch, dass die große Mehrheit der hier versammelten ehrenwerten Herren keinen rechten Begriff von einer solchen Strafe und Behandlung hat, da sie dieselbe nie mit eigenen Augen gesehen hat; es wird deshalb wohl das Beste sein, ihnen ein solches Schauspiel vor die Augen zu führen, damit sie die Sache besser zu beurteilen imstande sind.«
In diesem Augenblick brachten zwei Konstabler einen in die Offiziersuniform des 7. Husarenregiments gekleideten Menschen, der auf ein Haar dem Obersten dieses Regiments glich; einige Unteroffiziere, ebenfalls in der Uniform dieses Regiments, die mit ihm gekommen waren, richteten mitten in dem Sitzungssaal Ihrer Lordschaften einen Pfahl auf und befestigten denselben; zu gleicher Zeit war das ebenfalls sitzende Haus der Gemeinen durch den Einführer mit dem schwarzen Stabe eingeladen worden, sich vor den Schranken des Oberhauses einzufinden, wohin es sich auch verfügte.
Jetzt wurde der durch die Konstabler eingeführte Gefangene von den Unteroffizieren bis auf die Hüfte entkleidet, mit Händen und Füßen an den Pfahl gebunden, sodass er sich nicht mehr rühren konnte, und, die siebenschwänzige Katze in der Hand, stellten sich die Exekutoren in Bereitschaft, ihr Henkershandwerk zu beginnen.
Der Herzog Generalissimus, der alte Wellington, der bis dahin in seinem blauen Überrock, den Kopf auf der Brust liegend, bewegungslos dagesessen hatte, richtete nun mühsam sein greises Haupt empor und sprach: »Verdammt, wer hat sich unterfangen, dem Oberhaus und sämtlichen geehrten Lordschaften einen so heillosen Spuk vorzuführen?«, und sich zu den Unteroffizieren wendend, befahl er diesen sogleich samt dem angeblichen Delinquenten abzutreten, die mitgebrachten Apparate fortzuschaffen, und setzte hinzu: »Ich werde unmittelbar nach beendigter Sitzung ein Kriegsgericht berufen, welches dieses namenlose Vergehen auf das Strengste untersuchen und bestrafen soll …«
»Der edle Herzog wird verzeihen«, fiel ihm hier der Teufel-Erzbischof ins Wort, »aber er ist für heute seiner Würde als Generalissimus suspendiert und zu einer durchaus passiven Rolle gleich allen anderen anwesenden Parlamentsgliedern verurteilt.«
Wellington machte zwar noch große Augen, konnte aber keinen Laut mehr hervorbringen, ließ den Kopf wieder auf die Brust fallen und blieb stumm und unbeweglich samt dem ganzen Ober- und Unterhaus.
Jetzt schwangen die Unteroffiziere ihre Peitschen, schon nach ein paar Hieben rieselte das Blut von des Delinquenten Rücken und bald spritzte es im ganzen Saal so umher, dass auch keiner der edlen Peers und ehrenwerten Parlamentsglieder von demselben verschont blieb und ihre Kleider bald so mit Blut bedeckt waren, als kämen die Herren verwundet aus der blutigsten Schlacht. Indessen hieben die Exekutoren aus Leibeskräften darauf los und lösten einander bei dieser Arbeit ab, wenn einer ermüdet schien.
Bald sah man das Fleisch des Gepeitschten in Fetzen und die Haut in Riemen herabhängen, sodass sogar die Knochen sichtbar wurden, und das Blut floss in Strömen aus den Wunden des Delinquenten und bildete einen blutigen Bach, der so anschwoll, dass er die Füße der untersten Peers benetzte, bis der Delinquent nach dem einhundertvierzigsten Hieb endlich leblos zusammenstürzte.
»Sehen Sie, meine Herren«, hob nun Michel an, »dies ist die bei unserem Heer eingeführte und von dem ehrenwerten Generalissimus und anderen Peers und Gemeinen verteidigte Strafe. Sollte man es für möglich halten, dass Menschen gegen Menschen so zu verfahren und zu wüten imstande sein können! Wer steht denn den Herren dafür, dass sie im Fall einer Metempsychose nicht ebenfalls in die Verhältnisse solcher armen Teufel kommen und gepeitscht werden? Und sie sollten Gott danken, dass sie die Vorsehung nicht auf Erden an die Stelle dieser armen Leute gesetzt hat, wie sie es leicht hätte tun können. Ich will hoffen, dass die Herren jetzt ein Einsehen bekommen haben und sich beeilen werden, diese für England so infamierende als barbarische Strafe bei dem Heer auf das Schleunigste abzuschaffen. Es ist traurig, dass man erst zu solchen drastischen Mitteln schreiten muss, die Menschen für die Leiden ihrer Brüder empfänglich zu machen und für die Abhilfe solcher Barbareien zu stimmen, wozu Menschlichkeit und Vernunft schon allein hinreichend sein sollten, sie zu vermögen. Aber so sind wir, wenn nur wir uns behaglich finden, unserem Leib und unseren Gelüsten frönen können, was kümmern uns die Leiden unserer Brüder, wir zucken die Achseln beim Anhören derselben und sprechen: Das ist einmal der Welt Lauf! Doch für jetzt Gott befohlen, man merke sich die Lektion.«
Michel und Asmodi erhoben sich nun von ihren Sitzen, Letzterer schlug mit seiner Krücke auf den Boden, dem ganzen Haus war Sprache und Bewegung wiedergegeben und das blutige Schauspiel samt der letzten Spur desselben verschwunden. Die Herren rieben sich die Augen, rissen dieselben gewaltig auf und jeder glaubte, einen grässlichen Traum geträumt zu haben. Es kam wieder zur Beratung über die Corn Bill, welche nun auch von dem Oberhaus angenommen wurde.
Michel und Asmodi aber flogen über den Kanal nach Frankreich und ließen sich in einem Gehölz von Sainte-Adresse in der Nähe von Le Havre nieder, um dem Regattafest beizuwohnen, das gerade an diesem Tag stattfinden sollte und von dem Asmodi Michel viele Unterhaltung versprach. Das herrlichste Wetter begünstigte die vorhabenden Wettfahrten der Franzosen und Engländer.
Beide begaben sich in das vor den Toren von Le Havre dicht an dem Ufer des Meeres liegende Bad-Hotel Frascati, eine der schönsten und großartigsten Anstalten dieser Art in Europa, in welcher die Badegäste alle nur zu wünschende Bequemlichkeit mit allen möglichen Annehmlichkeiten verbunden finden. Für mehr als dreihundert Fremde sind hier die wohnlichsten Gemächer zu allen Preisen, mit den unvergleichlichsten Aussichten auf die Reede von Le Havre, die offene See und die romantischen Höhen von Ingouville, daher ist dieser Ort auch der Sammelplatz der Pariser und Londoner fashionable Welt, zu der sich dann auch noch viele russische Familien sowie Deutsche, Spanier, Amerikaner etc. einfinden. Das ganze Gebäude bildet ein großes Viereck, welches einen schön angelegten Garten und einen geräumigen Vorhof, in welchem sich die Badezimmer jeder Gattung sowie die Stallungen und Remisen befinden, umschließt; an der Nordseite des Gartens befinden sich die prachtvollen Speise-, Ball-, Konzert- und Reunionssäle nebst den Lese- und Billardzimmern und die große Restauration, in welcher die leckersten Gaumen durch die köstlichsten Erzeugnisse aller Weltteile sowie die, welche die einfachste Kost lieben, Befriedigung finden. Von hier aus werden die herrlichsten Spazierfahrten zu Land und zu Wasser, die romantischsten Landpartien in die pittoreske und geschichtlich merkwürdige Normandie und nach ihren altertümlichen Schlössern, Ruinen und Parks bis in die Gegend von Rouen gemacht, wozu man in Frascati selbst alle Gelegenheit, sei es in eleganten Barken und Gondeln oder in bequemen Wagen, findet; in 12 bis 14 Stunden fährt man auch von hier über Southampton nach London.
Als Michel und Asmodi in den Garten von Frascati traten, fiel ihnen gleich beim Eintreten eine Gruppe, aus einem halben Dutzend Herren und Damen bestehend, auf, die in einem sehr eifrigen Gespräche begriffen schienen und fast alle etwas Ausgezeichnetes in ihrem Wesen und ihren Figuren hatten.
»Wer sind diese?«, fragte Michel seinen Begleiter.
»Der in dem ägyptisch-militärischen Kostüm ist Soliman Pascha, der berühmte französische Renegat, ehemals Kapitän in Napoleons Heer, der dicht neben ihm Stehende mit der ausdrucksvollen Physiognomie ist Horace Vernet, der dritte, kleine, wuselige Mann mit dem großen Strohhut, unter dem seine Augen so quecksilbrig hervorblitzen und der die Hände so à la Napoleon auf den Rücken legt, nun, ich sollte meinen, den müsstest Du doch noch kennen, ich stellte Dir ihn ja schon einmal in der großen Oper zu Paris vor.«
»Ist es nicht Thiers?«
»Ganz recht, und die drei von ihm unzertrennlichen Damen in den höchst eleganten und geschmackvollen Anzügen sind seine Gattin, deren Schwester und Mutter, Madame Dosne. Die Gruppe unterhält sich von den Wahlumtrieben, die jetzt in allen Köpfen Frankreichs spuken; Thiers hofft und ist fest überzeugt, bei dieser Gelegenheit das bestehende Ministerium zu stürzen. Sieh nur, wie der kleine Napoleonsaffe mit beiden Händen und Füßen zappelt.«
Asmodi machte nun Michel mit noch anderen merkwürdigen, in Frascati weilenden Fremden bekannt und zeigte ihm auch die durch ihre außerordentliche Schönheit berühmte Nordamerikanerin Miss Mary Harries, Alphonse Karr und andere Notabilitäten. Endlich hörte man einen Kanonenschuss fallen, dann einen zweiten und dritten; dies war das Zeichen, dass die Regatten beginnen würden. Jedermann eilte nun, um sich an die Ufer der See zu begeben und bequeme Sitze zu erlangen; ein Teil der Gäste bestieg den Kiosk, der über der Meerfassade von Frascati erbaut ist und von wo aus man eine herrliche Aussicht über die Reede von Le Havre, die Küsten und die drei Stunden breite Mündung der Seine hat, während sich die anderen nach den Estraden begaben, die man eigens zu diesem Schauspiel für die Zuschauer an dem Ufer errichtet hatte.
Hier sah man einige hundert Schiffe mit Flaggen und Wimpeln in allen Farben einen weiten Halbkreis auf der See bilden, welche mit zahllosen Ruderbarken, die in beständiger Bewegung waren, bedeckt war. Französische, englische und amerikanische Schiffe machten die große Mehrzahl der einer schwimmenden Stadt ähnlichen Flotte aus. Auf der linken Seite hielten sämtliche zum Wettrennen bestimmte Fahrzeuge, ungefähr ein halbes Hundert an der Zahl, begierig, die ausgesetzten Preise zu verdienen, von denen die Stadt Le Havre nebst dem Prinzen Joinville die höchsten spendete; außerdem hatten der König, die Gesellschaft der Regatten, die Direktion des Bad-Hotels von Frascati und einige Privatleute noch verschiedene Preise ausgesetzt. – Das schönste Wetter, der heiterste Himmel und eine fast spiegelglatte See begünstigten das seltene Fest. Die ersten Reihen der Estraden waren mit einem französischen, englischen, spanischen, deutschen und amerikanischen Damenflor besetzt, wie man ihn wohl schwerlich so vereint zum zweiten Mal antreffen möchte. Die reichsten Toiletten und die freundlichsten, blühenden Gesichter der hier versammelten, dem Meer und den Schiffen gegenüber amphitheatralisch thronenden Schönen gewährten mindestens einen ebenso erheiternden Anblick als die so belebte See selbst; das Fest schien Poseidon unter seinen besonderen Schutz genommen zu haben.
Nun ließ sich abermals der Kanonendonner vernehmen und eine rauschende Militärmusik ertönte von den erhöhten Balkonen der Estraden herab. Nun lichteten die bedeckten Segelschiffe ihre Anker und flogen mit all ihren aufgezogenen vollen Segeln davon. Die Engländer trugen bei dieser Wettfahrt die ersten Preise davon. Abermals donnern die Kanonen und pfeilschnell rennen die vielbeinigen Insekten gleichenden Ruderschiffe vorüber; hier sind es die flinken und rührigen französischen Seeleute, welche den Sieg und die ersten Preise erlangen; aber bei der dritten Wettfahrt, der der unbedeckten Segelschiffe, haben abermals die Engländer die Oberhand, und bei der Wettfahrt der Walfangfahrer errang FORGET ME NOT, ein Amerikaner aus New York, einen der ersten Preise. Noch einmal kommen die Ruderer daran, abermals siegen die Franzosen und werden nun mit tausendstimmigen Vivats von ihren Landsleuten empfangen. Unterdessen schlägt mitten in der Reede angesichts sämtlicher Zuschauer eine ziemlich große Barke um und ihre sämtliche Bemannung verschwindet in den Fluten. Ein Schrei des Entsetzens ertönt aus allen weiblichen Kehlen, man ruft nach Hilfe, fasst sich krampfhaft bei den Händen, aber siehe da, all die Verschwundenen kommen einer nach dem anderen wieder zum Vorschein, patschen lustig um das umgekehrte Schiff herum, und es gelingt sogar ihren Anstrengungen, dasselbe gleich Wasservögeln umschwimmend wieder in seine rechte Lage zu bringen. Es war das Rettungsboot, bestimmt, bei irgendeinem unvorhergesehenen Unglück den Schiffbrüchigen zu Hilfe zu eilen; die Mannschaft war mit Schwimmgürteln um den Leib versehen, welche das völlige Untergehen unmöglich machen, und wiederholte noch drei- bis viermal dasselbe Manöver zur Belustigung der sich nun nicht mehr ängstigenden Zuschauer.
Herr Thiers hatte sich während dieses Schauspiels auf das äußerste Ende eines kleinen, ins Meer gehenden Gerüstes gestellt, das bestimmt war, die aus den anlandenden Barken steigenden Individuen aufzunehmen; hier hatte er seine Napoleon nachäffende Stellung angenommen und sich dem ganzen Publikum zur Schau gestellt, bestieg auch einige Mal ein kleines Dampfboot, auf dem er sich in derselben Stellung vor den Zuschauern auf- und niederfahren ließ, dann wieder den Platz einnahm und allem Anschein nach vermutete, die Hauptzielscheibe aller Aufmerksamkeit zu sein. Der gute Mann irrte jedoch, die wenigsten Personen kannten ihn, und die, welche ihn kannten, ließen höchstens ein gleichgültiges »Tiens, voilà Thiers« fallen; andere, denen man ihn zeigte, sagten: »Tiens, je le croyais plus grand.« Mehr Aufsehen erregten Horace Vernet und Soliman Pascha, was Letzterer wohl seinem Kostüm mit zu verdanken haben mochte.
Michel, den es verdross, dass sich der kleine Thiers eine so große Wichtigkeit beilegte, flüsterte dem Asmodi zu, dass man dem nach dem Portefeuille und dem linken Rheinufer so heißhungrigen Männlein einen Streich spielen müsse.
Plötzlich senkte sich aus hoher Luft zum Erstaunen aller Zuschauer ein Ballon herab, in dem zwei lustige Gesellen saßen, sich gerade vor dem Exminister niederließen und ihn einluden, eine kleine Luftfahrt mit ihnen zu machen, da sie ihm zu Ehren den Ballon hätten steigen lassen. Thiers ließ sich dies nicht zweimal sagen, bestieg das Luftschiffchen und schwebte in wenig Augenblicken wohl einige tausend Meter über dem Kanal, sich gewaltig mit seinen kleinen Armen verarbeitend, als protestiere er schwindelnd gegen eine so hohe Fahrt. Schon war der Ballon so hoch, dass er nur noch einem Pünktchen ähnlich sah und die Zuschauer Mühe hatten, ihm zu folgen, als sich dieses Pünktchen zu entzünden und in ein Flämmchen zu verwandeln schien; man hörte einen Knall und einige Momente darauf purzelte eine kleine, putzige Figur, sich tausendmal in den Lüften drehend, aus demselben herab und platsch, plumpste sie in die See. Die Schiffer mit dem Rettungsboot eilten rasch herbei und fischten ein Ding auf, das sie zuerst für einen riesigen Krebs hielten, das aber bald als die Figur des Herrn Thiers erkannt wurde, den man nun ohnmächtig nach Frascati und dort bald wieder zu sich brachte. Er schwur, nachdem er wieder zur Besinnung gekommen war, nie mehr so hoch fliegen zu wollen, und versicherte auch später im Vertrauen seine Freunde, dass das lustige Seebad alle Lust nach einem Rheinbad bei ihm abgekühlt habe.
Das Fest des Tages endigte mit einem prächtigen Ball in Frascati, den der schon wieder ganz hergestellte Thiers mit seinen Damen ebenfalls verherrlichte und auf dem sich Michel eine Polka mit der liebenswürdigen Madame Thiers erbat und mit der reizenden amerikanischen Miss Harries walzte, welche, von Thiers’ Unfall sprechend, meinte: Es wäre doch schade gewesen, wenn er verunglückt wäre, wir hätten dann nicht das Ende seines interessanten Romans, des Kaiserreichs, erhalten.
Nach Mitternacht kehrte Michel nach Paris in sein Hauptquartier zurück; Asmodi war schon früher in seine glühende Unterwelt abgefahren.
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