Jim Jackson – Enthauptet
Jim Jackson
Detektivgeschichten
Enthauptet
Die Aufgabe des New Yorker Sicherheitsdienstes bestand darin, die amerikanischen Milliardäre besonders zu schützen. Die Polizisten wussten, dass diese steinreichen Männer Neid erweckten und Kriminelle von den Reichtümern in ihren prunkvollen Anwesen angelockt wurden.
Jim Jackson war eine Zeit lang bei dieser Abteilung eingesetzt, die man die Milliardärsgarde nannte. Er glaubte nicht, dass den Öl-, Minen- oder Eisenbahnkönigen in ihren von Dienstboten bewachten Anwesen Gefahr drohte, sondern nachts auf der Straße, wenn sie heimkehrten.
Hatte man nicht erst kürzlich gesehen, wie ein dreister Bandit den Platz eines Chauffeurs einnahm, einen Gentleman dreißig Kilometer weit aus New York entführte und so schnell fuhr, dass ein Absprung lebensgefährlich gewesen wäre? An einem abgelegenen Ort zwang der Täter das Opfer, einen Scheck über einhunderttausend Franc zu unterschreiben, den ein Komplize sofort bei Banköffnung einlöste. Danach kam der Mann frei – mit dem verspäteten Vorsatz, nie wieder in das Auto eines Fremden zu steigen. Die Polizei suchte vergeblich nach den Tätern dieses kaltblütigen Überfalls. Da alle Ermittlungen ergebnislos blieben, musste die Akte geschlossen werden. Ähnliche Fälle gab es nicht mehr, doch Jim Jackson wusste, dass der Einfallsreichtum von Verbrechern grenzenlos ist.
Der berühmte Detektiv bangte besonders um das Leben von Jacques Tinningbeck, einem mehrfachen Millionär. Er wurde König der Börse genannt, obwohl er erst um die dreißig war. In nur fünf Jahren hatte er ein enormes Vermögen angehäuft und hätte sein Kapital verfünffachen können, wenn er sich ernsthafter um seine Geschäfte gekümmert hätte. Doch Tinningbeck fand, er sei reich genug. Er hatte nur eine Leidenschaft: Baccara. Er verbrachte seine Tage und Nächte im Klub.
Manchmal kehrte er erst um drei Uhr morgens zurück – völlig abgebrannt oder mit gewaltigen Summen im Gepäck. Abgebrannt bedeutete in seinem Fall, dass er nicht einmal mehr das Bündel Banknoten in den Taschen hatte, mit dem er Stunden zuvor angetreten war.
Jim Jackson ließ dem Börsenkönig ausrichten, wie leichtsinnig es sei, nachts allein durch New York zu gehen. Da sein Anwesen nahe am Klub lag, legte Tinningbeck den Weg meist zu Fuß zurück. Der leidenschaftliche Spieler lachte nur darüber. Er war athletisch gebaut, trug stets einen modernen Revolver bei sich und vertraute auf seine Faustkraft.
»Ich rate niemandem, mich anzugreifen«, scherzte er. »Mein Angreifer würde schnell sehen, ob das Leben im Jenseits besser ist als in New York.«
Aus Verzweiflung postierte Jackson einen hünenhaften Agenten auf dem Heimweg des Millionärs, um ihm beizustehen, falls er von Wegelagerern überfallen würde.
Auch Tinningbecks Mutter flehte ihren Sohn regelmäßig an, früher nach Hause zu kommen. Sie fand erst Schlaf, wenn sie wusste, dass er im Bett lag. Mehrmals in der Nacht sah sie nach ihm; deshalb durfte er seine Zimmertür nie abschließen. Der Millionär gehorchte zwar, wollte die spannenden Partien im Klub aber nicht aufgeben.
Schließlich sagte er, mürbe von den Ermahnungen seiner Mutter: »Du hast recht. Dieses Nachtleben tut mir nicht gut. Ab jetzt liege ich um ein Uhr morgens im Bett.«
Erstaunlicherweise hielt der junge Mann sein Versprechen. Wenn die Mutter nachts die Tür einen Spalt öffnete, sah sie im Dämmerlicht des Nachtlichts den Kopf ihres Sohnes ruhig auf dem Kissen liegen. Beruhigt schlich sie davon und freute sich über ihren Erfolg.
Eines Nachts, als Jim Jackson auf dem Revier dem Bericht eines Agenten lauschte, stürzte eine Frau mit verstörtem Blick, zerzauster Kleidung und zitternden Händen ins Büro. Der Detektiv erkannte bestürzt Frau Tinningbeck. Ihr Zustand ließ Nichts Gutes erahnen.
»Was ist geschehen?«, fragte Jackson hastig.
»Mein Sohn … er wurde geköpft!«, schrie sie schluchzend. »Ich wollte ihn eben wecken, weil ich nicht mit ihm zu Abend gegessen hatte und etwas Dringendes besprechen wollte. Als er nicht antwortete, schüttelte ich ihn leicht. Da rollte sein Kopf vom Kissen auf den Boden! Vor Entsetzen bin ich schreiend aus dem Haus gerannt und direkt hierher gelaufen!«
Jackson musterte die unglückliche Frau und fragte sich, ob sie den Verstand verloren hatte. Ein solches Verbrechen in einem bewohnten Haus schien unmöglich.
»Haben Sie keine Hilferufe gehört? Waren Möbel beschädigt? Hatte der Körper andere Verletzungen?«, fragte er, während er greifbar nach Hut und Stock griff.
»Ich habe nur den blutleeren Kopf meines Sohnes gesehen!«, rief sie entsetzt und brach in Tränen aus.
Der Ermittler eilte mit einem Kollegen und Frau Tinningbeck zum Wagen vor der Tür, um zum Anwesen des vermeintlich Ermordeten zu fahren. Frau Tinningbeck führte die Männer bis zur Zimmertür, weigerte sich aber einzutreten.
Jackson und sein Kollege betraten das Zimmer – und brachen zwei Minuten später in schallendes Gelächter aus. Frau Tinningbeck, die vor der Tür wartete, war empört über diese Respektlosigkeit. Doch ihre Wut schlug in Sprachentsetzen um, als ihr Sohn – flankiert von den beiden Polizisten – lachend aus dem Zimmer trat.
»Du … du lebst? Das ist unmöglich! Ich werde verrückt!«, stammelte sie.
»Nein, Mutter, du bist völlig klar bei Verstand. Ich bin der Übeltäter …«
»Aber dein Kopf ist auf den Boden gerollt! Ich habe es mit eigenen Augen gesehen!«
Der junge Mann lachte noch lauter. »Meinen Kopf zeige ich dir sofort, liebe Mutter.«
Er ging zurück und holte einen verblüffend echt aussehenden Wachskopf! Frau Tinningbeck traute ihren Augen nicht.
»Was hat das zu bedeuten?«, murmelte sie.
»Verzeih mir, Mutter. Diesen Kopf habe ich aufs Kissen gelegt, wenn ich die Nacht im Klub verbracht habe. So dachtest du, ich schliefe tief und fest. Ich ahnte nicht, dass du mich wecken würdest und mein Kopf auf den Boden rollt!«
Er wandte sich an die Polizisten: »Verzeihen Sie die Aufregung, meine Herren. Sie müssen diesmal keinen Mörder suchen! Als ich heimkam und den Wachskopf auf dem Teppich sah, wusste ich, was passiert war. Aber dass man wegen dieses Streichs den berühmtesten Detektiv New Yorks holt, hätte ich nicht gedacht!«
Frau Tinningbeck war zu erleichtert, um ihrem Sohn lange böse zu sein. Sie ließ Champagner bringen und man stieß auf das Wohl des Enthaupteten an, der gelobte, nie wieder solch ein Versteckspiel zu treiben.
Für Jim Jackson war dies der amüsanteste Fall seiner Karriere, an den er sich noch lange lachend erinnerte.
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