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Das Gespensterbuch – Zwölfte Geschichte – Teil 3

Das Gespensterbuch
Herausgegeben von Felix Schloemp
Mit einem Vorwort von Gustav Meyrink
München 1913

Nikolaus Gogol
Wij, der Fürst der Dämonen – Teil 3

Der Hauptmann war schon alt. Er hatte einen grauen Schnurrbart und saß, den Kopf auf beide Hände gestützt, mit einem Ausdruck dumpfer Trauer am Tisch. Er mochte fünfzig Jahre alt sein; aber der tiefe Gram in seinen Zügen und die bleiche, schlechte Farbe bewiesen, dass sein Herz ganz plötzlich gebrochen und vernichtet, und dass all seine frühere Fröhlichkeit und das laute sorglose Leben für immer zerstört war. Als Choma mit dem alten Kosaken in das Zimmer trat, nahm der Hauptmann die eine Hand vom Gesicht und nickte unmerklich mit dem Kopfe; Choma und der Kosak verbeugten sich tief vor ihm und blieben ehrfurchtsvoll an der Tür stehen.

»Wer bist du und wo kommst du her, mein Lieber. Was ist dein Beruf?«, fragte der Hauptmann nicht eben freundlich, aber auch nicht schroff.

»Ich bin ein Seminarist und heiße Choma Brut, der Philosoph.«

»Und wer war dein Vater?«

»Ich weiß es nicht, gnädiger Herr.«

»Und deine Mutter?«

»Meine Mutter habe ich auch nicht gekannt. Es ist natürlich selbstverständlich, dass ich eine Mutter gehabt habe, aber wer sie war, woher sie stammte und wo sie gelebt hat, das weiß ich bei Gott nicht, gnädiger Herr?«

Der Alte schwieg und schien einen Augenblick in Grübeleien versunken.

»Wie hast du denn meine Tochter kennen gelernt?«

»Ich habe sie gar nicht kennen gelernt, gnädiger Herr, bei Gott, ich habe sie nie kennen gelernt. Solange ich auf der Welt bin, habe ich noch nie mit einem Fräulein zu tun gehabt. Gott bewahre mich davor, um nichts Unschicklicheres zu sagen.«

»Warum hat sie denn aber gerade dich und keinen anderen dazu bestimmt, an ihrem Sarge zu beten?«

Der Philosoph zuckte die Achseln. »Mein Gott, wie soll ich das erklären? Es ist ja bekannt, dass die vornehmen Herrschaften manchmal auf Dinge kommen, die auch der gelehrteste Mensch nicht zu erklären vermag. ›Wenn der Herr will – muss der Knecht springen,‹ sagt das Sprichwort.«

»Lügst du auch nicht, Herr Philosoph?«

»So wahr ich hier stehe, der Blitz soll mich treffen, wenn ich lüge!«

»Wenn sie nur einen Augenblick länger gelebt hätte«, sagte der Hauptmann traurig, »dann hätte ich gewiss alles erfahren. ›Lasse niemand für mich beten, Vater, schicke gleich in das Kiewer Seminar und lasse den Seminaristen Choma Brut kommen. Er soll drei Nächte lang für meine sündige Seele beten. Er weiß alles …‹ was er aber wissen sollte, das bekam ich nicht mehr zu hören. Nur dies konnte mein Liebling noch sagen, dann starb sie. Du bist sicherlich durch deinen reinen Lebenswandel und durch deine Gottesfurcht berühmt, mein Lieber, und sie hat vielleicht von dir gehört.«

»Wer? Ich?«, fragte der Seminarist und trat vor Erstaunen einen Schritt zurück. »Ich, wegen meines gottesfürchtigen Lebens berühmt?« Er sah dem Hauptmann gerade in die Augen. »Gott segne Sie! Herr, was sagen Sie da! Ich … ich … ich schäme mich fast, davon zu reden … aber ich bin am Abend vor Gründonnerstag noch zur Bäckerin gegangen.«

»Nun, nun … sie wird schon ihren Grund gehabt haben, als sie diese Bestimmung traf! Du musst gleich heute beginnen.«

»Euer Gnaden, gestatten Sie mir, darauf zu erwidern … natürlich, jeder Mensch, der die Heilige Schrift kennt, kann ja – je nach den Verhältnissen … aber hier wäre ein Diakonus oder wenigstens ein Vorsänger mehr am Platz. Das sind doch verständige Leute, die da wissen, wie alles gemacht werden muss … ich dagegen … ich habe ja nicht einmal die Stimme, die dazu nötig ist, ich bin … weiß der Teufel, was ich bin! Ich sehe ja auch nach nichts aus!«

»Mach, was du willst, aber ich will alles tun, was mein Liebling bestimmt hat, und nichts soll mich gereuen. Wenn du von heute an die üblichen drei Nächte bei ihr wachen und beten willst, sollst du reichlich belohnt werden. Wenn du dich dagegen weigerst – ich möchte selbst dem Teufel nicht raten, mich zu reizen!«

Der Hauptmann sprach die letzten Worte mit solch einer Energie aus, dass der Philosoph ihren Sinn vollkommen begriff.

»Folge mir«, sagte der Hauptmann.

Sie traten in den Flur. Der Hauptmann öffnete die Tür des gegenüberliegenden Zimmers. Der Philosoph blieb einen Augenblick im Flur stehen, um sich die Nase zu putzen, und trat dann mit einem unwillkürlichen Schauder über die Schwelle.

Der ganze Boden war mit rotem chinesischem Tuch bedeckt. In der Ecke, unter den Heiligenbildern war die Tote auf einem hohen Tisch aufgebahrt. Sie lag auf einer blausamtenen Decke, die mit goldenen Franzen und Quasten geschmückt war. Am Kopf- und Fußende standen hohe, mit Schneeballblüten umwundene Wachskerzen, die ein mattes Licht verbreiteten, das in der Helle des Tages verblich. Vor der Leiche saß der untröstliche Vater; er hatte der Tür den Rücken zugekehrt und verdeckte das Antlitz der Entschlafenen, so dass Choma es nicht sehen konnte. Der Philosoph war aufs höchste erstaunt über die Worte, die er bei seinem Eintritt ins Zimmer vernahm.

»Ich weine nicht deshalb, liebes Töchterlein, weil du mir zum Kummer und Herzeleid, in der Blüte der Jahre die Erde verlässt, ohne das Alter erreicht zu haben, das dem Menschen vergönnt ist; ich klage darüber, dass ich nicht weiß, welcher grimme Feind deinen Tod verursacht hat. Wüsste ich, wer es gewagt hat, dich zu beleidigen, oder nur ein böses Wort über dich zu sagen – bei Gott, wenn er ein alter Mann ist wie ich, er sollte seine Kinder nicht wiedersehen; – und wenn er noch jung ist, sollte er nie wieder zu Vater und Mutter zurückkehren. Seine Leiche sollte den Vögeln und wilden Tieren der Steppe zum Fraße dienen! Weh mir, du Blume des Feldes, meine kleine Wachtel, du Licht meiner Augen – ich muss den Rest meiner Tage freudlos und traurig verbringen und mit dem Saum meines Rockes die kargen Tränen trocknen, die aus meinen alten Augen tropfen, während meine Feinde sich des Lebens freuen und sich in der Stille über den schwachen Greis lustig machen werden!«

Er schwieg, ein heftiger Schmerz erschütterte ihn und machte sich in einem Tränenstrom Luft.

Der Philosoph war tief gerührt von diesem namenlosen Kummer. Er hustete ein wenig, stieß einen dumpfen krächzenden Ton aus und räusperte sich.

Der Hauptmann wandte sich um und wies ihm einen Platz am kleinen Lesepult zu Häupten der Toten an. Auf dem Pult lagen mehrere Bücher.

Ich will die drei Nächte schon irgendwie hinbringen und mein Pensum absolvieren, dachte der Philosoph, dafür wird mir der Herr auch beide Taschen mit neuen glänzenden Goldstücken anfüllen.

Er ging näher, räusperte sich noch einmal und begann zu lesen, ohne sich umzusehen, denn er hatte nicht den Mut, der Toten ins Gesicht zu blicken. Eine tiefe Stille umfing ihn: er merkte, dass der Hauptmann hinausgegangen war. Langsam wandte er den Kopf um, um die Tote anzusehen und …

Ein Zittern lief durch seine Glieder: vor ihm lag das schönste Mädchen, das je auf Erden gelebt hatte. Wohl nie noch war in der Form der Gesichtszüge strenge Schönheit so mit Harmonie vereinigt gewesen wie hier. Sie lag da wie eine Lebende; die herrliche, zarte, schnee- und silberweiße Stirn schien auf eine intensive Gedankenarbeit hinzudeuten, die feinen edlen Brauen, die wie ein nächtliches Dunkel die sonnige Helle des Tages durchbrachen – schwangen sich stolz über die geschlossenen Augen; lange Wimpern senkten sich wie eine Schar spitzer Pfeile auf die vom Feuer geheimer Wünsche glühenden Wangen; die rubinroten Lippen schienen zu einem seligen Lächeln und zu Ausbrüchen des Glücks und der Freude bereit … Und doch glaubte er in diesen Zügen etwas Schauerliches zu entdecken, das sich tief in seine Seele bohrte. Choma fühlte einen quälenden Schmerz in seinem Herzen; es war, wie wenn mitten im Wirbel ausgelassener Fröhlichkeit und einer sich im wilden Taumel drehenden Menge jemand einen Choral angestimmt hätte. Die Rubinlippen leuchteten so rot wie Herzblut, plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht etwas furchtbar Vertrautes zu erkennen; mit völlig veränderter Stimme schrie er auf: »Es ist die Hexe …«, erblasste, wandte die Augen ab und begann von Neuem die Gebete herunterzulesen. Es war dieselbe Hexe, die er getötet hatte.

Als die Sonne herabzusinken begann, wurde die Verstorbene in die Kirche getragen. Der Philosoph stützte den schwarzen Sarg mit seiner Schulter und Eiseskälte durchrieselte ihn. Der Hauptmann ging selbst voran und hielt die rechte Seite des engen Totengehäuses mit der Hand fest. Die verwitterte hölzerne Kirche mit ihren drei kegelförmigen Kuppeln stand trübselig und moosbewachsen am Ende des Dorfes: man spürte, dass hier lange kein Gottesdienst gehalten worden war. Fast vor jedem Heiligenbilde brannten Kerzen. Der Sarg wurde in der Mitte der Kirche, gegenüber dem Altare hingestellt. Der alte Hauptmann küsste die Tote noch einmal, warf sich nieder, berührte den Boden mit der Stirn und verließ mit den Trägern die Kirche, nachdem er den Befehl gegeben hatte, dem Philosophen gut zu essen zu geben und ihn abends wieder in die Kirche zu führen. Als sie in die Küche traten, legten alle, die den Sarg getragen hatten, einer nach dem andern die Hand an den Ofen, was die Kleinrussen stets zu tun pflegen, wenn sie eine Leiche gesehen haben. Der Hunger, welchen der Philosoph um diese Zeit zu spüren begann, ließ ihn auf einige Augenblicke die Tote vollständig vergessen. Allmählich versammelten sich hier das ganze Gesinde, denn die Küche des Hauptmanns war eine Art Klub- oder Versammlungsort, und hier strömte alles zusammen, was im Hofe lebte, selbst die Hunde, die schweifwedelnd vor der Tür erschienen, um sich einen Knochen und andere Abfälle zu holen. Jeder, der irgendeinen Auftrag erhalten hatte, oder irgendwohin geschickt worden war, kam immer erst in die Küche, um sich einen Augenblick auf die Bank zu legen, auszuruhen und eine Pfeife zu rauchen. Alle Junggesellen, die im Hause lebten und in eleganten Kosakenröcken umherliefen, lagen fast den ganzen Tag lang auf dem Ofen, oder auf und unter den Bänken – mit einem Wort, überall, wo sich ein bequemes Ruheplätzchen fand. Außerdem hatte immer jemand etwas in der Küche vergessen: seine Mütze, die Peitsche, die für die fremden Hunde bestimmt war, oder etwas Ähnliches. Aber die zahlreichste Gesellschaft fand sich doch erst zum Abendbrot zusammen, dann kamen auch der Pferdehirt, der seine Pferde in die Hürden getrieben, und der Viehhirt, der die Kühe zur Tränke geführt hatte, und alle die, die am Tage nicht zu sehen gewesen waren. Beim Abendbrot wurde auch die schweigsamste Zunge redselig. Hier wurde gewöhnlich alles besprochen: wer sich neue Hosen genäht hatte, was sich im Innern der Erde befindet, und wer einen Wolf gesehen hatte. Hier kamen auch die Witzbolde zu ihrem Recht, an denen unter den Kleinrussen ja kein Mangel ist.

Der Philosoph setzte sich im Freien, mit vielen andern in einem großen Kreis, dicht an der Rückenschwelle nieder. Bald erschien eine Frau mit einem roten Kopftuch an der Tür; sie trug eine Schüssel mit heißen Klößen in den Händen und stellte sie in die Mitte vor die Hungrigen hin, die sich zum Abendessen anschickten. Jeder holte seinen Holzlöffel, und in Ermangelung eines Besseren, ein hölzernes Stäbchen aus der Tasche. Als die Kinnbacken sich langsamer zu bewegen anfingen und der Wolfshunger der ganzen Gesellschaft ein wenig gestillt war, begannen mehrere von den Anwesenden, sich zu unterhalten. Das Gespräch wandte sich natürlich der Verstorbenen zu.

»Ist es wahr«, fragte ein junger Schafhirt, der an seinem Pfeifenriemen so viel Knöpfe und Messingplatten angebracht hatte, dass er dem Kramladen einer kleinen Händlerin glich, »ist es wahr, dass das Fräulein – ohne dass ich ihr deswegen etwas Böses nachsagen wollte, – es mit dem Gottseibeiuns zu tun gehabt hat?«

»Wer? Unser Fräulein?«, fragte Dorosch, der unserem Philosophen schon von früher bekannt war, »ja, das war eine richtige Hexe. Ich will jeden Schwur darauf ablegen – dass sie eine Hexe war.«

»Hör auf, Dorosch, hör auf«, sagte der andere, der schon während der Fahrt eine große Neigung gezeigt hatte, alle Gegensätze zu mildern, »das geht uns nichts an, Gott mit ihr! Wozu sollen wir darüber sprechen.« Aber Dorosch hatte gar keine Lust zu schweigen; er war erst eben mit dem Kellermeister in einer wichtigen Angelegenheit in den Keller gegangen, war, nachdem er sich ein paarmal über zwei oder drei Fässer gebeugt hatte, sehr aufgeräumt von dort zurückgekehrt und redete nun in einem fort.

»Was willst du? Dass ich schweigen soll?«, fragte er, »ja, sie ist doch aber auf mir selbst herumgeritten! Bei Gott, sie ist auf mir herumgeritten!«

»Onkelchen«, rief der junge Schafhirt mit den vielen Knöpfen, »gibt es ein Zeichen, an dem man eine Hexe erkennen kann?«

»Nein«, antwortete Dorosch, »die kann kein Mensch erkennen; du kannst den ganzen Psalter durchlesen und erkennst sie doch nicht!«

»Sag das nicht, Dorosch, man kann sie wohl erkennen«, fiel ihm der Moralist von gestern ins Wort, »Gott hat nicht umsonst einem jeden sein besonderes Abzeichen gegeben: die Gelehrten sagen, dass die Hexen hinten ein kleines Schwänzchen haben.«

»Wenn sie alt wird, ist jedes Weib eine Hexe«, sagte der alte Kosak kaltblütig.

»Oh, oh, ihr seid mir die Rechten«, rief die Alte, die eben frische Klöße in die Schüssel schüttete, »ihr seid mir rechte Wildschweine!«

Der alte Kosak, der Jawtuch hieß, aber den Spitznamen Kowtun erhalten hatte, schmunzelte vergnügt, als er sah, dass die Alte sich von seinen Worten getroffen fühlte, der Viehhirt aber brach in ein so wüstes Gelächter aus, als hätten zwei Ochsen sich gegenübergestellt und zu gleicher Zeit losgebrüllt.

Das begonnene Gespräch hatte die Neugierde und den dringenden Wunsch des Philosophen geweckt. Genaueres über die Tochter des Hauptmanns zu erfahren, und er fragte daher, um wieder auf das alte Thema zurückzukommen, seinen Nachbar:

»Ich möchte doch wissen, warum halten alle, die hier beim Abendbrot sitzen, die Tochter des Herrn für eine Hexe? Hat sie denn jemandem etwas Böses zugefügt? Oder ihn gar behext?«

»Es ist alles schon dagewesen«, sagte einer der Zunächstsitzenden, der ein ganz glattes Gesicht hatte, das so eben war wie eine Schaufel.

»Wer erinnert sich nicht noch des Jägers Mikita, oder des …«

»Und was ist mit dem Jäger Mikita geschehen?«, fragte der Philosoph.

»Halt! Ich will die Geschichte vom Jäger Mikita erzählen«, rief Dorosch.

»Nein, ich will die Geschichte vom Mikita erzählen!«, schrie der Pferdehirt, »es war doch mein Gevatter!«

»Nein, ich will die Geschichte vom Jäger Mikita erzählen«, sagte Spirid.

»Lasst ihn erzählen, lasst Spirid erzählen!«, riefen alle.

Spirid begann. »Du hast Mikita nicht gekannt, Herr Philosoph. Ja, das war ein seltener Mensch. Jeden Hund kannte er wie seinen leiblichen Vater. Der jetzige Hundeaufseher, Mikolo, der Dritte dort in der Reihe, reicht lange nicht an ihn heran, obgleich er seine Sache auch gut versteht, aber gegen Mikita ist er nichts wie Schund und Dreck.«

»Du erzählst ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet«, warf Dorosch ein und nickte zufrieden mit dem Kopfe.

Spirid fuhr fort. »Noch ehe du dir den Tabak aus der Nase wischst, hat der den Hasen gesehen. Es kam vor, dass er den Hunden zurief: ›Auf, Räuber auf!‹ und schneller saß er selbst schon auf dem Gaul und sauste mit Windeseile davon. Es war unmöglich, vorauszusagen, ob er – die Hunde, oder die Hunde – ihn überholen würden. Der goss euch ein Viertel Branntwein hinunter, wie wenn nichts passiert wäre. Ein herrlicher Jäger! Aber plötzlich fing er an, sich in einem fort nach dem Fräulein umzusehen. War er in sie verschossen oder hatte sie ihn schon behext, kurz der Mann war verloren und ein richtiger Weiberknecht geworden. Weiß der Teufel, was aus dem geworden war. Pfui – man schämt sich, es auszusprechen.«

»Ausgezeichnet«, sagte Dorosch.

»Das Fräulein brauchte ihn nur anzusehen und die Zügel glitten ihm aus den Händen. Den Räuber nannte er Brauner, er stotterte fortwährend und trieb weiß Gott was für einen Unsinn. Einmal kam das Fräulein in den Stall, wo er die Pferde putzte. ›Erlaube mal, Mikita,‹ sagte sie, ›dass ich meinen Fuß auf dich setze.‹ Und der Esel – freut sich noch und sagt: ›Nicht bloß deinen Fuß, setz dich ganz auf mich.‹ Das Fräulein hob den Fuß in die Höhe, und wie er ihr nacktes, volles, weißes Bein sieht, da hat mich der Zauber völlig betäubt, sagte er. Der Esel bückte sich, fasste ihre nackten Beine mit seinen Händen und begann zu galoppieren wie ein Pferd, immer die Felder entlang und immer weiter; wohin sie eigentlich geritten waren, das wusste er nie zu sagen. Jedenfalls kam er halbtot zurück und wurde von da ab dürr und mager wie ein Kienspan; als man einmal in den Pferdestall kam, lag an der Stelle, wo er sonst zu schlafen pflegte, nur ein Haufen Asche und ein leerer Eimer; er war verbrannt, ganz von selbst verbrannt. Und war doch ein Jäger gewesen, wie man auf der ganzen Welt keinen zweiten findet!«

Als Spirid seine Erzählung beendet hatte, begann man sich allerseits der Vorzüge des früheren Jägers zu erinnern.

»Hast du auch nichts von dem Scheptschicha gehört«, wandte sich Dorosch an Choma.

»Nein.«

»He! Sieh an! Man scheint euch in der Bursa nicht viel Gescheites beizubringen. Na, pass mal auf. Wir haben im Dorf einen Kosaken, Scheptun, einen feinen Kosaken sage ich dir. Er liebt es zwar, hin und wieder was zu stibitzen und einen ohne Grund anzulügen – aber er ist doch ein feiner Kosak. Seine Hütte liegt nicht weit von hier. Einst setzten sich also Scheptun und seine Frau zum Abendbrot, es war so um dieselbe Zeit wie jetzt; nach dem Abendessen legten sie sich nieder, und weil das Wetter schön war, legte sich die Frau auf den Hof, während sich Scheptun in der Hütte auf einer Bank ausstreckte, oder nein: die Frau lag in der Hütte auf der Bank und Scheptun auf dem Hof …«

»Die Frau legte sich auch nicht auf die Bank, sondern auf den Boden«, rief eine Alte dazwischen, die auf der Schwelle stand und, den Kopf in die Hand gestützt, zuhörte.

Dorosch sah sie an, schlug die Augen nieder, sah sie dann noch einmal an und sagte nach einer Weile: »Wenn ich dir öffentlich deinen Unterrock aufstreife, wird dir das sicher nicht angenehm sein.«

Die Warnung verfehlte ihre Wirkung nicht; die Alte schwieg und hütete sich, ihn noch einmal zu unterbrechen.

Dorosch fuhr fort. »In der Wiege, welche mitten in der Hütte hing, lag ein einjähriges Kind, ich weiß es nicht mehr, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war. Die Frau des Scheptun lag eine Weile da, da hört sie plötzlich, wie der Hund vor der Hütte scharrt und heult und heult, – es war um davonzulaufen. Die Frau erschrickt – die Weiber sind ja so ein dummes Volk, steckt ihnen abends jemand die Zunge durch die Türspalte, so verlieren sie den Kopf vor lauter Angst – sie denkt aber doch: ich werde dem verdammten Hund eins auf die Schnauze geben, dann wird er wohl mit seinem Geheul aufhören. Sie nimmt also die Ofenzange und will die Tür öffnen, kaum aber hat sie sie ein wenig aufgetan, da springt der Hund zwischen ihren Beinen hindurch und stürzt auf die Wiege des Kindes los. Jetzt sah die Frau erst, dass es gar kein Hund war, sondern das Fräulein – ja wenn es noch das Fräulein gewesen wäre, wie sie es sonst gesehen hatte – das wäre noch nicht so schlimm gewesen; aber die Sache war eben die und der Umstand der: sie war ganz dunkelblau, und ihre Augen glühten wie feurige Kohlen. Sie ergriff das Kind, biss ihm die Gurgel entzwei und fing an, ihm das Blut auszusaugen. Die Frau schrie bloß: Ach und weh, und stürzte aus der Hütte. Als sie sah, dass die Tür im Flur verschlossen war, kroch sie auf den Dachboden: da sitzt nun das dumme Weib und zittert, aber plötzlich sieht sie, wie das Fräulein ihr auf den Boden nachklettert – und hier wirft sich das Fräulein über das dumme Weib und fängt an sie zu beißen. Am nächsten Morgen holt Scheptun seine Frau ganz blau und zerbissen vom Boden herunter – und am folgenden Tage starb das dumme Weib. Was es nicht für Dinge und Vorfälle gibt! Ja, ja, wenn sie auch von vornehmer Herkunft ist – eine Hexe bleibt sie doch!«

Nach dieser Erzählung blickte sich Dorosch zufrieden im Kreise um und bohrte seine Finger tief in die Pfeife, um sie von neuem zu stopfen. Das Hexenthema war unerschöpflich, ein jeder brannte darauf, etwas zu erzählen. Zu dem einen war die Hexe in Gestalt eines Heuschobers bis dicht an die Tür gekommen; einem andern hatte sie die Mütze oder die Pfeife gestohlen; vielen Mädchen im Dorfe hatte sie die Zöpfe abgeschnitten und andern das Blut eimerweise ausgesogen.

Endlich merkte die ganze Gesellschaft, dass sie sich erheblich verplaudert hatte, denn es war auf dem Hofe stockfinster geworden. Alle suchten ihr Lager auf, das sich teils in der Küche, teils auf dem Speicher oder im Hofe befand. »Nun, Herr Choma! Für uns ist es jetzt Zeit, zu der Toren zu gehen«, sagte der alte Kosake, indem er sich an den Philosophen wandte; sie gingen also zu viert – Spirid und Dorosch kamen auch mit – zur Kirche und wehrten mit ihren Peitschen die Hunde ab, die in Massen auf der Dorfstraße herumlungerten, bellten und sich wütend in die Peitschengriffe verbissen.

Je mehr sie sich der erleuchteten Kirche näherten, um so lebhafter war die Angst, die der Philosoph im geheimen in seinem Herzen aufsteigen fühlte, obschon er sich durch einen tüchtigen Krug Schnaps gestärkt hatte. Die Geschichten und Abenteuer, die er soeben gehört hatte, hatten seine Fantasie noch mehr erregt. Die Dunkelheit, die in der Nähe des Staketenzaunes und unter den Bäumen herrschte, erhellte sich ein wenig, die Strecke wurde freier. Endlich traten sie in die alte Umfriedung vor der Kirche ein: da gab es keinen Baum, nur ödes Feld, und dahinter lagen in nächtliches Dunkel gehüllte Wiesen. Die drei Kosaken stiegen mit Choma die steilen Stufen der Treppe bis zum Flur hinauf und betraten die Kirche. Hier wünschten sie dem Philosophen eine glückliche Vollendung seiner Aufgabe und gingen fort, nachdem sie auf Befehl ihres Herrn die Tür hinter ihm geschlossen hatten.

Der Philosoph war allein. Erst gähnte er ein paarmal, dann streckte er sich, blies in beide Hände und sah sich endlich in der Kirche um. In der Mitte stand der schwarze Sarg. Vor den dunklen Heiligenbildern brannten Kerzen, aber das Licht erleuchtete nur den Altar und warf einen schwachen Schimmer bis in die Mitte der Kirche. Der hohe altertümliche Altar machte einen recht gebrechlichen Eindruck; das durchbrochene und vergoldete Schnitzwerk hatte nur noch an ganz vereinzelten Stellen seinen Glanz bewahrt, die Vergoldung war stellenweise abgebröckelt oder nachgedunkelt. Die Gesichter der Heiligen waren ganz schwarz und blickten sehr düster und ernst aus den Rahmen. Der Philosoph sah sich noch einmal um. »Nun«, sagte er, »wovor hätte ich mich hier zu fürchten? Kein Mensch kann herein, und gegen Tote und Gespenster aus der andern Welt habe ich meine Gebete; wenn ich die hersage, wird kein Geist es wagen, mich auch nur mit einem Finger zu berühren. Ach was«, fügte er resigniert hinzu, »also fangen wir an zu lesen.« Als er in die Nähe des Chors kam, erblickte er einige Bündel Kerzen. Das ist ausgezeichnet, dachte der Philosoph, ich werde die ganze Kirche taghell erleuchten! Schade nur, dass man hier im Gotteshause keine Pfeife rauchen darf!

Und er fing an, jedes Gesims, jedes Lesepult und jedes Heiligenbild mit Kerzen zu versehen; er sparte nicht mit ihnen, und bald war die ganze Kirche von Licht erfüllt. Nur oben schien die Dunkelheit noch größer geworden zu sein, und die düsteren Heiligen schauten noch finsterer aus ihren altmodischen, geschnitzten Rahmen, deren Vergoldung hier und da aufblitzte. Er näherte sich dem Sarge und blickte verstohlen der Toten ins Antlitz – ein leichtes Frösteln durchlief seine Glieder. Er musste die Augen schließen vor dieser dämonisch strahlenden Schönheit.

Er wandte sich ab und wollte gehen; aber infolge einer seltsamen Neugierde, die den Menschen besonders in Augenblicken der Angst zu quälen pflegt, konnte er es nicht unterlassen, im Fortgehen noch einen Blick auf die Tote zu werfen, und als derselbe Schauder ihn durchrieselte, sie noch einmal anzusehen. Und in der Tat, die grausame Schönheit der Verstorbenen erschien ihm schrecklich. Vielleicht hätte sie diese lähmende Furcht nicht hervorgerufen, wenn sie weniger schön gewesen wäre. In den Zügen war nichts Schlaffes, Trübes, Erstarrtes; es war dem Philosophen, als wenn ihn die Tote trotz ihrer geschlossenen Augen ansähe. Es schien ihm, als ob eine Träne zwischen den Wimpern des rechten Auges hervorquelle, und als sie über die Wange rollte, sah er deutlich, dass es ein Blutstropfen war.

Er trat schnell zum Chor, schlug das Buch auf und begann, um sich Mut zu machen, so laut als möglich zu lesen. Seine Stimme schlug gegen die längst verstummten, tauben Holzwände, aber sein voller Bass fand in der Totenstille kein Echo und erschien dem Leser rau und fremd. Wovor soll ich mich fürchten, dachte er sich, sie wird doch nicht aus dem Sarge aufstehen! Sie wird doch Angst vor dem Wort Gottes haben! Sie soll ruhig liegen bleiben! Was wäre ich für ein Kosak, wenn ich Furcht hätte? Sicher, ich habe ein wenig zu viel getrunken, daher ist es mir so unheimlich. Ich will jetzt eine Prise nehmen. Hm, ein feiner Tabak! Ein herrlicher Tabak! Allein, während er die Seiten umblätterte, schielte er immer wieder nach dem Sarge, und ein unabweisbares Gefühl flüsterte ihm ins Ohr: »Jetzt wird sie gleich aufstehen. Da – jetzt erhebt sie sich. Jetzt sieht sie hierher!«

Aber nichts störte die Totenstille, der Sarg stand unbeweglich da, und die Kerzen strömten ein ganzes Meer von Licht aus. Wie schrecklich ist doch eine hellerleuchtete Kirche – nachts, wenn sie einen Leichnam beherbergt, und keine Menschenseele in ihr ist!

Er erhob seine Stimme und begann in den verschiedensten Tonarten zu singen, um den Rest von Angst in seiner Seele zu betäuben. Aber immer wieder wanderten seine Augen zum Sarge, wie wenn sie unwillkürlich fragen wollten: »und was wird geschehen, wenn sie sich plötzlich erhebt und aus dem Sarge steigt?«

Allein der Sarg rührte sich nicht. Wenn auch nur das kleinste Geräusch zu hören gewesen wäre! Wenn nur ein lebendes Wesen einen Laut von sich gegeben hätte! Aber nicht einmal ein Heimchen machte sich im Winkel bemerkbar. Nur dann und wann hörte man das schwache Knistern einer entfernten Kerze, oder den leicht aufklopfenden Ton eines zu Boden fallenden Wachströpfchens.

»Wie wenn sie aufstünde!«

Sie erhob den Kopf …

Er schaute wild um sich und rieb sich die Augen. Wahrhaftig, sie lag nicht mehr, sie saß aufrecht im Sarge. Er wandte den Blick ab, aber im nächsten Moment sah er wieder mit Schrecken nach dem Sarge. Sie war aufgestanden – und ging mit geschlossenen Augen durch die Kirche … immer wieder breitete sie die Arme aus, als wolle sie jemanden umschlingen!

Jetzt kam sie direkt auf ihn zu. In seiner Todesangst beschrieb er einen Kreis um sich und betete aus Leibeskräften. Er sagte alle Beschwörungen her, die ihn ein Mönch gelehrt, welcher sein ganzes Leben lang mit Hexen und bösen Geistern zu tun gehabt hatte.

Dicht vor dem Kreise blieb sie stehen. Man sah, sie hatte nicht die Macht, ihn zu überschreiten und wurde ganz blau wie ein Mensch, der schon vor mehreren Tagen gestorben ist. Choma hatte nicht den Mut, sie anzusehen, sie war zu schrecklich. Ihre Zähne schlugen aufeinander, und sie öffnete ihre toten Augen, aber sie vermochte nichts zu sehen. Voller Wut – die sich deutlich in ihrem verzerrten Gesicht widerspiegelte – wandte sie sich nach der anderen Seite, und umschlang mit ihren ausgebreiteten Armen jeden Pfeiler, und betastete jede Ecke: sie wollte Choma fangen. Endlich blieb sie stehen, drohte mit dem Finger und legte sich wieder in ihren Sarg.

Der Philosoph konnte nicht gleich wieder zu sich kommen und blickte voller Furcht auf die enge Behausung der Hexe. Da aber riss sich der Sarg plötzlich mit einem Rucke los und begann mit furchtbarem Pfeifen durch die Kirche zu fliegen, wobei er die Luft nach allen Richtungen kreuzte. Der Philosoph sah ihn einen Augenblick dicht über seinem Kopf, aber er bemerkte wohl, dass er den von ihm beschriebenen Kreis nicht zu berühren vermochte, und verstärkte seine Beschwörungen. Der Sarg stürzte mitten in der Kirche wieder herab und blieb unbeweglich liegen. Wieder erhob sich der Leichnam, der jetzt ganz blau und grün aussah. Da ertönte der ferne Ruf eines Hahnes; der Leichnam sank in den Sarg zurück, und der Deckel fiel krachend zu.

Dem Philosophen klopfte das Herz zum Zerspringen. Er war ganz in Schweiß gebadet, aber durch den Hahnenschrei ermutigt, fing er an, schneller zu lesen, bis er sein Pensum Seite für Seite vollendet hatte. Beim ersten Morgenrot lösten ihn der Vorsänger und der alte Jawtuch, der damals das Amt eines Kirchenvorstehers bekleidete, ab.

Nachdem der Philosoph sein fernes Lager erreicht hatte, konnte er noch lange nicht einschlafen. Endlich aber siegte die Müdigkeit, und er schlummerte bis zum Mittag. Als er erwachte, glaubte er das ganze nächtliche Abenteuer geträumt zu haben. Man gab ihm einen Quart Schnaps zur Stärkung. Beim Essen ermunterte er sich vollkommen, flocht ein paar Bemerkungen in die Unterhaltung ein und aß beinahe allein ein ziemlich ausgewachsenes Ferkel auf. Aber ein unerklärliches Gefühl hielt ihn ab, von den Ereignissen in der Kirche zu sprechen, und er antwortete auf alle neugierigen Fragen: »Ja, es gab dort mancherlei Wunderbares.« Der Philosoph gehörte zu den Menschen, welche sehr leutselig werden, wenn man ihnen gut zu essen gibt. Er lag, mit der Pfeife zwischen den Zähnen, auf der Bank, sah alle mit freundlichen Blicken an und spuckte unaufhörlich aus.

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