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Nordische Mythologie – Band 1 – Teil 1

Benjamin Thorpe
Nordische Mythologie, umfassend die wichtigsten Volksüberlieferungen und den Volksglauben Skandinaviens, Norddeutschlands und der Niederlande Zusammengestellt aus Original- und anderen Quellen. In drei Bänden
Band 1
London 1851

VORWORT

Da die nordische Literatur – insbesondere jener Zweig, der mit den frühen Zeiten und Altertümern Skandinaviens und Norddeutschlands verknüpft ist – in vielen Teilen Europas in letzter Zeit auf wachsendes Interesse stößt, schien mir der Gedanke nicht unbegründet, dass ein Werk, das umfassend, aber nicht zu umfangreich die alte Mythologie und die wichtigsten mythologischen Überlieferungen jener Länder darstellt, sowohl nützlich als auch unterhaltsam sein könnte. Dies gilt nicht nur für die Liebhaber nordischer Überlieferungen in der Heimat und für den englischen Reisenden in jenen interessanten Ländern, sondern auch für den englischen Altertumsforscher, aufgrund der engen Verbindung zwischen dem Heidentum der germanischen Völker des Kontinents und dem seiner eigenen sächsischen Vorfahren, wovon sich deutliche Spuren in den Werken unserer frühesten Chronisten und Dichter finden. Unter diesem Eindruck wurde das vorliegende Werk in Angriff genommen.

Der erste oder rein mythologische Teil sollte ursprünglich lediglich aus einer Übersetzung der Asalære von Professor N. M. Petersen aus Kopenhagen bestehen. Doch beim Vergleich der verschiedenen Mythen, wie sie in jenem Werk wiedergegeben werden, mit den Texten der beiden Eddas stellte sich heraus, dass die von Prof. Petersen gewählte Kürze – die er zweifellos für seine Zwecke als notwendig erachtete – nicht selten das Interesse an der Erzählung beeinträchtigte. Daher entschloss ich mich, zwar dem Plan der Asalære zu folgen, jedoch auf die Eddas selbst zurückzugreifen und die verschiedenen Fabeln oder Mythen ungekürzt und in ihrer vollen Ausführlichkeit darzustellen, wie sie in diesen Quellen erscheinen.

Die Interpretation dieser Mythen, die den zweiten Teil des ersten Bandes bildet, stammt mit geringfügigen Ausnahmen aus dem Werk von Prof. Petersen, wenn auch erheblich gekürzt – insbesondere was den etymologischen Teil betrifft. Wäre dieser in voller Länge wiedergegeben worden, hätte er für die Mehrheit der Leser in diesem Land wohl unweigerlich ermüdend gewirkt, zumal vieles davon notwendigerweise auf Vermutungen basiert; ein Einwand, von dem ich befürchte, dass man die hier dargebotenen Ausführungen nicht als völlig frei davon ansehen wird. Abgesehen von diesem Abzug wurden Prof. Petersens Erläuterungen, wie sie in der Asalære und in seinem neueren wertvollen Werk über dasselbe Thema enthalten sind, im Allgemeinen übernommen, da sie nach meinem Urteil der Wahrscheinlichkeit näher kommen als alle anderen mir bekannten; wenngleich sie vielleicht eine zu starke Tendenz zur mythischen Theorie aufweisen, gegen die ich bereits meine Ablehnung geäußert habe. Ein kleines, aber schätzenswertes Werk von Prof. Keyser aus Christiania (Oslo) wurde ebenfalls häufig und mit Gewinn konsultiert.

Dass viele der nordischen Mythen zutiefst rätselhaft bleiben, ist eine bedauerliche Tatsache; vermutlich waren sie für die nordischen Heiden selbst kaum weniger dunkel, da man vernünftigerweise annehmen kann, dass deren Vorfahren keinen großen Vorrat an tiefgründigem Wissen aus den Bergen Zentralasiens in ihre heutigen Siedlungsgebiete in Skandinavien mitbrachten. Ein Teil ihrer Unklarheit lässt sich jedoch vielleicht der Form zuschreiben, in der sie erhalten geblieben sind; denn selbst in Sæmunds Edda, ihrer ältesten Quelle, erscheinen sie in einem Gewand, das Anlass zu der Vermutung gibt, dass die Integrität des Mythos gelegentlich dem Aufbau und dem Schliff des Gedichts geopfert wurde. In der späteren Edda von Snorri hingegen ist ihre Verfälschung in mehreren Fällen offenkundig; einige erscheinen dort in einer Form, die fast an das Lächerliche grenzt – ein Umstand, der vielleicht zumindest teilweise dem Eifer und dem Scharfsinn der christlichen Missionare und frühen Konvertiten zuzuschreiben ist, die Spott nicht unklug als eine der wirksamsten Methoden betrachteten, um das noch in der breiten Masse des Volkes verweilende Heidentum auszurotten.

Doch den Mythen des Odin-Glaubens war eine noch größere Herabwürdigung bestimmt; ihre nächste und endgültige Degradierung war die zu einer mittelalterlichen Dichtung oder einem Kindermärchen, in welchem neuen Kleid sie kaum noch wiederzuerkennen sind. Einige Beispiele solcher Metamorphosen finden sich im Laufe dieses Werkes, und weitere sind in den Volksmärchen Skandinaviens, Deutschlands, der Niederlande und Italiens anzutreffen.

Neben diesen und anscheinend von gleicher, wenn nicht sogar höherer Altertümlichkeit, gibt es viele Überlieferungen und Aberglauben, die nicht mit dem verknüpft werden können, was wir über den Odin-Glauben wissen. Es lässt sich nicht unbegründet vermuten, dass es sich dabei um Relikte der Mythologie der Finnen und anderer Urbewohner Skandinaviens handelt, die von Odin und seinen Anhängern nach Norden oder in die Gebirgswinkel abgedrängt wurden. In ihnen und ihren Nachfahren haben wir die Riesen (Jotnar, Jætter, Jutuler usw.), die Zwerge und die Elfen zu suchen, mit denen der Aberglaube späterer Zeiten die Wälder, Hügel, Flüsse und Berghöhlen des Nordens bevölkerte.

Bisher habe ich ausschließlich von der Mythologie und den frühen Traditionen der drei nördlichen Königreiche gesprochen, und mit diesen hatte ich ursprünglich die Absicht, das Werk abzuschließen. Doch auf Anregung von jemandem, dessen Urteil ich nicht gering schätze, wurde ich dazu bewogen, meine Arbeit fortzusetzen, indem ich eine Auswahl der wichtigsten späteren Volksüberlieferungen und des Aberglaubens aus Skandinavien, Norddeutschland und den Niederlanden hinzufügte. Auf diese Weise präsentiere ich dem Leser einen Überblick über die germanische Mythologie und den Volksglauben vom Norden Norwegens bis nach Belgien, von den frühesten Zeiten bis zur Gegenwart. Vielen – sollte mein Buch, anders als seine Vorgänger, glücklicherweise in die Hände vieler fallen – wird dies vielleicht als der nicht am wenigsten interessante Teil erscheinen, da er Stoff für Vergleiche mit dem Volksglauben und den Bräuchen unseres eigenen Landes liefert, von denen sich nicht wenige in enger Übereinstimmung mit den hier aufgezeichneten finden werden.

Für den Ethnographen kann das Thema nicht gleichgültig sein, wenn selbst dem allgemeinen Leser die starke Ähnlichkeit und oft vollkommene Identität der Überlieferungen und des Aberglaubens auffallen muss, die in Ländern verbreitet sind, die weit voneinander entfernt liegen und keine bekannte Verbindung zueinander haben. Dass viele der Traditionen Englands und Schottlands ihre Gegenstücke in Skandinavien und Norddeutschland haben, lässt sich leicht durch die ursprüngliche Identität und den späteren Verkehr – als Freunde oder Feinde – zwischen den verschiedenen Nationen erklären. Wenn wir jedoch im hohen Norden auf eine Überlieferung stoßen und eine ähnliche nicht nur in Süddeutschland, sondern auch in Südfrankreich und sogar in Neapel finden: Nach welcher Theorie der Völkerwanderung sollen wir dieses Phänomen erklären? Ein Rückschluss lässt sich jedoch mit ziemlicher Sicherheit ziehen, nämlich das hohe Alter vieler dieser Legenden, von denen einige tatsächlich bis zu hebräischen und hinduistischen Quellen zurückverfolgt werden können.

Als Einleitung zu den Inhalten des dritten Bandes habe ich im Anhang am Ende dieses Bandes eine kurze Skizze der alten deutschen Mythologie beigefügt – hauptsächlich nach dem Werk von Wilhelm Müller –, sofern diese unabhängig von der skandinavischen erscheint.

Aus der großen Zahl der Überlieferungen in den an den jeweiligen Stellen angegebenen Werken habe ich vor allem jene ausgewählt, die der alten Mythologie zu entspringen schienen, oder zumindest einer alten Mythologie; denn viele der übernatürlichen Wesen, von denen wir selbst in den Überlieferungen der drei nördlichen Königreiche lesen, sind im Odin-System nicht zu finden und hatten wahrscheinlich nie einen Platz darin. Wie bereits erwähnt, waren sie wohl die Gottheiten jener früheren Völker, die – so darf man annehmen – durch Vermischung mit ihren gotischen Eroberern und eine allmähliche Rückkehr in ihre alte Heimat in nicht geringem Maße zur Bildung der großen Masse des Volkes beitrugen. Daher rührt die Einführung und Übernahme dieser fremdartigen Objekte der Verehrung oder Furcht in die spätere Bevölkerung.

Um dem allgemeinen Leser die Nutzung der Nordischen Mythologie so weit wie möglich zu erleichtern, wurden die aus den Eddas und Sagas zitierten Passagen wörtlich ins Englische übertragen. Bei den poetischen Auszügen sind die Fassungen stabreimend [alliterativ] gestaltet, in bescheidener Nachahmung der Originale.

Hinsichtlich der in dieser Mythologie gewählten Rechtschreibung ist anzumerken, dass bei den am häufigsten vorkommenden Eigennamen die altnordische Endung -r des Nominativs Maskulin (manchmal Feminin) der allgemeinen Sitte entsprechend meist weggelassen wird; zudem wird im Allgemeinen d anstelle der alten Zeichen þ und ð (th, dh) geschrieben: zum Beispiel Frey für Freyr, Odin für Óðinn, Brynhild für Brynhildr. Das schwedische (ehemals auch dänische) å und sein dänisches Äquivalent aa werden wie das a in warm oder das oa in broad ausgesprochen. Die Aussprache ähnelt ansonsten fast dem Deutschen, wobei j wie das englische y ausgesprochen wird und g vor i und e immer hart bleibt, wie in den englischen Wörtern give, get und anderen Begriffen angelsächsischen Ursprungs.

NORDISCHE MYTHOLOGIE

EINLEITUNG

Einem jeden, der auf sein vergangenes Leben zurückblickt, stellt sich dieses eher durch das verschönernde Glas der Phantasie als im getreuen Spiegel der Erinnerung dar; und dies ist umso mehr der Fall, je weiter diese Rückschau in die Vergangenheit vordringt, je mehr sie sich in dunklen Bildern ohne feste Umrisse verliert, je mehr sie sich den frühesten Erinnerungen der Kindheit nähert und im Allgemeinen, je mehr wir danach streben, jenem, was dunkel und halb ausgelöscht ist, in unserem Geist neues Leben zu verleihen. Dann dehnt sich ein einzelnes Ereignis, das in Wirklichkeit wahrscheinlich von ganz gewöhnlicher Art war, zu einem wunderbaren Geschehen aus, das Herz klopft, und eine Sehnsucht nach dem verlorenen Frieden, dem verschwundenen Glück erschafft einen Traum, einen Zustand, der, unabhängig vom Menschen, keine Existenz hat, doch seine Heimat tief in seiner Brust besitzt.

Unter den Nationen als Ganzes herrscht dasselbe Gefühl vor; auch sie zeichnen ein Bild ihrer Kindheit in glitzernden Farben; je weniger Überlieferungen sie haben, desto mehr schmücken sie diese aus; je weniger vertrauenswürdig diese Überlieferungen sind, desto mehr funkeln sie im Glanz, den die Fantasie ihnen verliehen hat, desto mehr wird der eitle Ruhm des Volkes fortfahren, sie zu pflegen, zu veredeln und von Generation zu Generation durch nachfolgende Zeitalter zu verbreiten. Der Ehrgeiz des Menschen ist zweifach: Er will nicht nur im Geist der Nachwelt leben; er will auch in längst vergangenen Zeiten gelebt haben; er blickt nicht nur vorwärts, sondern auch rückwärts; und kein Volk auf Erden ist gleichgültig gegenüber der eingebildeten Ehre, seinen Ursprung auf die Götter zurückführen zu können und von einem uralten Geschlecht regiert zu werden.

Wer sich der Aufgabe widmet, den Zustand eines Volkes in seiner frühesten Zeit zu schildern, übernimmt eine schwierige Aufgabe. Er teilt mit all seinen Vorgängern dasselbe Gefühl, durch welches das Vergangene anzieht, vielleicht gerade deshalb, weil es nicht mehr ist; die Finsternis selbst blendet, weil sie so schwarz ist: Jene, die ihn führen sollten, sind wahrscheinlich selbst blind, und von jenen, die vor ihm wanderten, haben zweifellos viele Abwege eingeschlagen.

Jede Untersuchung des inneren Zustands einer Nation muss sich notwendigerweise um drei Punkte drehen: das Land, das Volk und den Staat; doch diese drei sind so vielfältig miteinander verwoben, dass ihre Untersuchung sich in mehrere untergeordnete Abschnitte auflösen muss: Sie muss mit der Religion beginnen, als dem Element, welches alles durchdringt und selbst von allem durchdrungen wird. Wir beginnen daher unser Unternehmen mit einer höchst schwierigen Untersuchung, einem Überblick über die gesamte Mythologie des Nordens, die wir in drei Abschnitten betrachten werden: I. der mythologische Stoff, II. die verschiedenen Wege, auf denen man versucht hat, ihn zu erklären, III. ein Erklärungsversuch, der aus dem Stoff selbst abgeleitet ist und auf den ursprünglichen Quellen beruht.

Fortsetzung folgt …

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