Nick Carter – Band 19 – Ein schauerlicher Fund – Kapitel 8
Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein schauerlicher Fund
Ein Detektivroman
Kapitel 8
Das Kartenspiel der Toten
Eine volle Stunde verging, in der der berühmte Detektiv kein einziges Wort an seinen Gefährten richtete. Dieser lehnte mit bleichem Gesicht und zitternden Gliedern an der Geheimtür, die in den unheimlichen Waggon führte. Während dieser Zeit bot Nick Carter seine gesamten geistigen Fähigkeiten auf, um jeden Zentimeter des Salonwagens akribisch zu untersuchen. Er arbeitete so methodisch, wie es seine Art war, bewahrte vollkommene Geistesgegenwart und ignorierte die stummen, grauenvollen Zeugen um ihn herum.
Nachdem er das Gesicht der Toten auf dem Bett wieder verhüllt hatte, begab er sich zum anderen Ende des Wagens. In einer Ecke nahe der Tür entdeckte er ein kleines Stück roter Kreide, das dem Reinigungspersonal entgangen war. Zudem fand er an zwei Stellen der mit Seidenplüsch bespannten Wände deutliche Fingerabdrücke.
Einige Haarnadeln, Knöpfe verschiedener Größe und eine Stecknadel lagen verstreut im Wagen. Doch diese Funde schienen keine Bedeutung zu haben; Nick nahm an, dass sie kaum dazu beitragen würden, Licht in das grauenhafte Geschehen zu bringen.
Lange verweilte er an dem Tisch, an dem vier Gestalten saßen, als wären sie mitten in einer Partie Karten begriffen. Auch hier achtete Carter sorgsam darauf, nichts zu berühren oder zu verändern. Er wollte den Tatort so belassen, wie er ihn vorgefunden hatte.
Zwei der Personen am Tisch waren Männer, die anderen beiden Frauen. Alle waren in reiferem Alter, der Detektiv schätzte sie auf vierzig bis fünfzig Jahre. Im krassen Gegensatz dazu stand die junge Frau auf dem Bett: Sie war kaum zwanzig Jahre alt, vielleicht sogar noch jünger.
Bei seiner notwendigerweise oberflächlichen Untersuchung konnte Carter die genaue Todesursache der Gruppe am Tisch noch nicht feststellen. Dennoch vermutete er, dass die Unglücklichen einem furchtbaren, blitzschnell wirkenden Gift erlegen waren. Was ihn jedoch am meisten befremdete, war der Zustand der Leichen: Sie zeigten keinerlei Spuren von Verwesung. Nun begriff er, warum er sie auf den ersten Blick für meisterhaft modellierte Wachspuppen gehalten hatte.
In ihren ungezwungenen Haltungen, die Spielkarten fest in den Händen, wirkten sie beinahe lebendig. Nick wurde den Eindruck nicht los, als müssten sich ihre Hände jeden Moment wieder regen, um das Spiel fortzusetzen. Die Frauen waren prachtvoll mit Juwelen geschmückt. Ihre verlebten, eher gewöhnlichen Züge ließen auf eine bewegte und wohl nicht immer einwandfreie Vergangenheit schließen. Dennoch mussten sie zu Lebzeiten wohlhabend und in ihrer Jugend von großer Schönheit gewesen sein. Ihre gepflegten Hände verrieten, dass sie nie harte körperliche Arbeit verrichtet hatten.
Auch ihre Kleidung war elegant und aus feinsten Stoffen mit modernen Mustern gefertigt. Die Frisuren konnten nur von einer professionellen Hand stammen. Von Kopf bis Fuß verkörperten die beiden Frauen jene vornehme Eleganz, die man nur in der gehobenen Gesellschaft findet. Ihre männlichen Begleiter schienen ebenfalls der wohlhabenden Klasse zu entstammen.
Einer von ihnen war untersetzt und breitschultrig. Selbst im Tod behielt sein Gesicht einen kühnen, verwegenen Ausdruck. Sein dunkles Haar war bereits mit Grau durchsetzt, er trug einen dichten Schnurrbart und blendend weiße Leibwäsche. Seine Finger waren mit wertvollen Brillantringen geschmückt, und eine schwere goldene Uhrkette spannte sich über seine Weste.
Sein Gegenüber wirkte völlig anders. Er war jünger, wenngleich auch er die vierzig bereits überschritten haben mochte. Sein Haar war blond, ebenso wie sein sorgfältig gepflegter, seidiger Schnurrbart. Seine Züge waren männlich und markant, wenn auch etwas gezeichnet vom Leben. In der Hand, mit der er die Karten hielt, trug er einen Diamantring von beträchtlichem Wert. Die andere Hand ruhte leicht auf dem Tisch und hielt noch immer eine halb gerauchte Zigarre – die Banderole verriet sie als eine exzellente Importware.
Carter musste sich eingestehen: Ohne das feine Netzwerk aus Drähten, das die Toten in ihrer aufrechten Position hielt, hätte er sie für lebendig gehalten. Er hätte geglaubt, sie seien mitten im Gespräch von einem plötzlichen Tod ereilt worden. Doch das war unmöglich. Ein Dritter musste die Leichen am Tisch arrangiert und sie so kunstvoll auf den Stühlen befestigt haben, dass sie selbst die ständigen Erschütterungen der langen Bahnfahrt unbeschadet überstanden hatten.
Der Detektiv betrachtete die Toten von allen Seiten, fand jedoch kaum einen Anhaltspunkt für die spätere Untersuchung. Er versuchte sogar, die Taschen der Toten nach Hinweisen zu durchsuchen, doch soweit er sie erreichen konnte, waren sie völlig leer. Er zweifelte nicht daran, dass es sich bei den restlichen Taschen ebenso verhielt.
Bisher hatte er nicht das kleinste Stück Papier gefunden, keinen Gegenstand, der die Identität der Toten oder den Mörder hätte verraten können. Zweifellos hatte die Person, die sich die gewaltige Mühe gemacht hatte, den Waggon so prunkvoll herzurichten und die Gruppe so geschickt zu arrangieren, die gleiche Sorgfalt darauf verwendet, jede verdächtige Spur zu vernichten. Die Hingabe des Unbekannten war wahrlich staunenswert. Der Tisch, die Stühle, jeder bewegliche Gegenstand war so sicher verankert, dass nichts verrutschen konnte. Selbst die Spielkarten waren auf der Tischplatte und zwischen den starren Fingern der Toten fixiert worden.
Ganz anders verhielt es sich mit der Gestalt auf dem Messingbett. Die junge Frau musste zu Lebzeiten von betörender Schönheit gewesen sein. Ihre Glieder waren vollkommen ebenmäßig, ihr langes Haar tiefschwarz und ihr Gesicht von feinem, ovalem Schnitt. Hätte sie ihre Augen öffnen können, sie wären sicher seelenvoll und glänzend erschienen. Ihre Lippen leuchteten noch im Tod kirschrot, und ihr makelloser Teint hätte wohl den Neid jeder anderen Frau erregt. Sie war gekleidet, als wolle sie gerade zu einem glanzvollen Fest aufbrechen. Ihr Kleid musste ein Vermögen gekostet haben, ebenso wie das Geschmeide um ihren schlanken Hals und die kostbaren Ringe an ihren Fingern.
Wahrhaftig, dachte der Detektiv kopfschüttelnd, während er sich erneut umsah. Der Urheber dieses Dramas wollte um jeden Preis einen künstlerisch vollendeten Eindruck erzeugen.
Doch es war nicht der reiche Schmuck gewesen, der Carter bei der ersten Entdeckung so heftig hatte zusammenfahren lassen. Während die Todesursache der vier am Tisch ein Rätsel blieb, gab es bei der jungen Frau keinen Zweifel. Dicht über dem Herzen ragte der juwelenbesetzte Knauf eines spanischen Dolches aus ihrer Brust. Wenn die Klinge so lang war wie der Griff, musste sie den Körper komplett durchbohrt und sie förmlich auf der Matratze festgenagelt haben.
Seltsamerweise fand der Detektiv trotz gründlicher Suche keine einzige Blutspur. Er bemerkte jedoch bald, dass ihr Körper auf dieselbe Weise einbalsamiert worden war wie die anderen. Die Tote glich fast einer wunderschönen Marmorstatue. Doch auch sie bot keinen Hinweis, der das furchtbare Geheimnis dieses Mordes hätte lüften können.
Schweigend breitete Nick Carter das Leintuch wieder über die Leiche aus und wandte sich vom Bett ab. Einen Augenblick stand er versunken da und betrachtete die wenigen Gegenstände, die er gefunden hatte. Nadel für Nadel untersuchte er sie, nur um sie dann kopfschüttelnd an ihren Platz zurückzulegen.
Dann nahm er sich die Wandlampen vor. Er entfernte die Zylinder, prüfte die Dochte und untersuchte die Lampenglocken sowie die Wände und die Decke direkt darüber. Auch den Teppich unter den Lampen inspizierte er mit der Genauigkeit eines Chemikers. Mit seinem Vergrößerungsglas untersuchte er Stühle, Teppiche und jedes kleinste Detail, fest entschlossen, nicht das geringste Partikelchen zu übersehen. Er öffnete die Klappbetten, suchte das Innere ab und stellte alles wieder in den ursprünglichen Zustand zurück. Schließlich glitt er mit der Lupe an den Seitenwänden entlang und prüfte jeden Zentimeter, den eine Menschenhand berührt haben könnte.
Damit war der Detektiv am Ende seiner Arbeit angelangt. Er wandte sich wieder Jeremy Stone zu, der immer noch reglos an der offenen Geheimtür lehnte. Nick entfernte die provisorischen elektrischen Lampen samt Drähten und reichte sie seinem Gefährten hinaus. Mit einem Seufzer der Erleichterung trat er schließlich aus dem nun wieder in tiefe Dunkelheit getauchten Waggon und schloss die Geheimtür hinter sich.
Doch kaum war er vom Trittbrett auf den Boden gestiegen, erstarrte er: Unmittelbar hinter Jeremy standen fünf Männer, die ihn mit gezogenen Revolvern bedrohten.
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