Lilien über weißen Wegen: Die Eroberung Kanadas
Lilien über weißen Wegen: Die Eroberung Kanadas
Die Irokesenkriege, in der Geschichtsschreibung auch als Biberkriege oder Franzosen- und Irokesenkriege bekannt, bezeichnen eine gewaltsame Epoche im 17. Jahrhundert. Im Zentrum dieser Konflikte stand der Haudenosaunee-Bund – ein Zusammenschluss der Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga und Seneca (auch Fünf Nationen genannt). Sie kämpften gegen zahlreiche benachbarte First Nations sowie gegen französische Kolonialtruppen um die Vorherrschaft im Pelzhandel.
Ihren Ursprung nahmen diese Auseinandersetzungen im erbitterten Wettbewerb um Ressourcen. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts entwickelte sich eine tiefe wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen den Haudenosaunee und den europäischen Mächten. Während der Bund mit britischen und niederländischen Kaufleuten handelte und Felle gegen Eisenwerkzeuge, Musketen und Textilien tauschte, suchten ihre traditionellen Feinde – darunter die Huron-Wendat und Algonquin – den Schulterschluss mit französischen Händlern. Dieser Konkurrenzkampf heizte die ohnehin bestehenden Spannungen zwischen den indigenen Völkern massiv an.
Mitte des 17. Jahrhunderts waren die Biberbestände im Stammesgebiet der Haudenosaunee nahezu erschöpft. Um den lukrativen Handel aufrechtzuerhalten, begann der Bund eine großangelegte Expansionspolitik. Dank der Bewaffnung durch niederländische Händler am Hudson River konnten sie ihre militärische Überlegenheit gezielt ausspielen:
Bereits 1628 wurden die Mohikaner nach Osten abgedrängt, gefolgt von systematischen Überfällen auf die Algonquin im Ottawa-Tal während der 1630er Jahre. In den frühen 1640er Jahren weiteten die Mohawk und Oneida ihre Angriffe auf Siedlungen in Neufrankreich und das gesamte St.-Lorenz-Tal aus. Die Franzosen reagierten darauf mit dem Bau befestigter Stützpunkte bis nach Montréal. Zwar versuchten sie, ihre eigenen Verbündeten ebenfalls zu bewaffnen, doch schränkten jesuitische Einflüsse den Waffenverkauf oft auf christliche Konvertiten ein, was die Verteidigungsfähigkeit der Wendat und Algonquin schwächte.
Die Folgen dieser Kriege waren für die Region verheerend. Vor allem die Seneca verfolgten die Strategie, benachbarte Völker wie die Wendat zu zerstreuen, um ungehinderten Zugang zu den Jagdgründen im Norden zu erhalten. Nach Jahren der Nadelstichtaktik gipfelte der Konflikt 1649 in einem massiven Angriff auf ihre Hauptdörfer. Die Überlebenden flohen entweder nach Québec oder suchten Schutz bei den Neutralen. Auch sie konnten dem Druck nicht standhalten; die Petun wurden im Winter 1649 besiegt, die Neutralen folgten 1651.
In der Folge stießen die Haudenosaunee weit nach Osten bis Tadoussac und in den Norden zum Lac Mistassini vor, was zur dauerhaften Vertreibung zahlreicher Gemeinschaften führte.
Trotz ihrer Siege war die Kraft des Bundes Ende des 17. Jahrhunderts aufgezehrt. Lange Konflikte mit den Susquehannock und Erie sowie ständige Fronten im Ohio-Tal belasteten die Ressourcen. Ein Wendepunkt trat 1667 ein: Nachdem das französische Carignan-Salières-Regiment Mohawk-Dörfer und deren Vorräte niedergebrannt hatte, sahen sich die Haudenosaunee zu einem umfassenden Friedensschluss gezwungen.
Zwar gelang es dem Bund, nahezu alle rivalisierenden Gruppen zu zerschlagen oder – wie im Falle der Erie und Susquehannock – in den eigenen Verband einzugliedern, doch der erhoffte wirtschaftliche Alleingang blieb aus. Die Franzosen nutzten die Ruhepausen, um ihr Handelsnetz bis zum Mississippi auszuweiten.
Der endgültige Schlussstrich wurde 1701 mit dem Großen Frieden von Montreal gezogen. In diesem Vertrag verpflichteten sich die Haudenosaunee zur Neutralität in künftigen Konflikten zwischen Großbritannien und Frankreich – ein diplomatischer Akt, der das Ende einer fast hundertjährigen Kriegsphase markierte.
Die Autorin Kerstin Groeper greift in ihrem Werk diese Thematik auf der Grundlage einer umfassenden und tiefgreifenden Recherche auf. Dabei stieß sie auf den Namen Kondiaronk, der federführend beim Friedensschluss von 1701, einem Meilenstein zwischen den Irokesen und 35 weiteren Stämmen der Großen Seen, war.
Angaben zum Buch
Kerstin Groeper
Lilien über weißen Wegen – Die Eroberung Kanadas
Historischer Roman, Taschenbuch, Traumfänger Verlag, Hohenthann-Schönau, März 2026, 400 Seiten, 16,90 EUR, ISBN 9783948878542
Quebec um 1665: Die französische Kolonie kommt nicht zur Ruhe. Immer wieder werden die Siedlungen von den Irokesen angegriffen und der Handel mit Pelzen gefährdet. Zudem herrscht dramatischer Männerüberschuss, sodass die Zukunft von Nouvelle France gefährdet ist. König Louis der XIV entschließt sich daher zu einer dramatischen Rettungsaktion: Er schickt 1200 Soldaten des Carignan-Salières Regiments nach Kanada, um für Frieden zu sorgen – unter ihnen der junge Guillaume Renaut. Gleichzeitig sendet er 800 junge Frauen, samt von ihm finanzierter Aussteuer, auf eine Reise ins Ungewisse. Sie sollen dafür sorgen, dass die Siedlung floriert und die Einwohnerzahl steigt. Das Waisenmädchen Marie de La Mare lässt sich überreden, die gefährliche Reise anzutreten. Sie weiß nicht, auf was sie sich einlässt, denn die Irokesen haben ganz andere Pläne … mitten im Winter wird sie aus der Sicherheit des Ursulinenklosters, das ihr vorerst Unterkunft gewährt hat, entführt. Der junge Huronenkrieger Kondiaronk, inzwischen mit Guillaume befreundet, versucht zwischen den feindlichen Parteien zu vermitteln. Doch auch er hat eine Rechnung zu begleichen, denn die Irokesen sind seine Erzfeinde. Guillaume und Marie haben keine Ahnung, in welches Pulverfass sie geraten sind.
Leseprobe
Nouvelle France
Guillaume Renaut lag in seiner Hängematte und verfluchte den Tag, an dem er sich für dieses Abenteuer hatte anheuern lassen. Ihm war so schlecht von der ewigen Schaukelei, dass er selbst Wasser nicht bei sich behalten konnte. Sein Gesicht wirkte aufgedunsen und grünstichig, als er sich ein ums andere Mal über den Spucknapf beugte, um sich zu übergeben. »Na, seekrank?«, brummte ein anderer Soldat von der Hängematte daneben. Er schaukelte leicht hin und her und schien sich wohlzufühlen. Guillaume antwortete nicht. Was für eine dämliche Frage, dachte er erbost. Es war doch deutlich zu erkennen, dass er gerade im Sterben lag.
»Sie hätten uns ruhig in einem größeren Schiff übersetzen können«, gab der andere zu. »Die schaukeln nicht ganz so schlimm. Hier reichen schon kleine Wellen, damit es auf und ab geht.« Er machte mit der Hand die Bewegungen des Schiffes nach. »Auf und ab!« Dabei lachte er ein bisschen schadenfroh.
Guillaume beugte sich erneut über den Spucknapf.
»Hör auf«, krächzte er mühsam. Allein der Gedanke an irgendeine Bewegung löste bei ihm Krämpfe aus. Es fühlte sich an, als würde ein Gespenst mit knöchernen Fingern seine Gedärme umklammern und zusammenquetschen.
Er war das Meer gewohnt, aber auf diese Wellen und vor allen Dingen auf die lange Zeit war er nicht vorbereitet gewesen. Es war ein Unterschied, ob er morgens auslief, die Netze auswarf und abends wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Auf einer solchen Reise hörten die Bewegung und das Rollen des Schiffes nie auf.
Ungerührt stopfte sich der Soldat einen Priem Kautabak in den Mund. »Ein bisschen Kautabak hilft«, meinte er altklug. »Möchtest du was?« Gönnerhaft schnitt er Guillaume ein Stück davon ab.
Guillaume erinnerte sich daran, dass sein Kamerad Pierre hieß und zuletzt gegen die Türken gekämpft hatte. Er besaß einen drahtigen Körper, O-Beine und ein von Falten zerfurchtes Gesicht – manche Furchen waren Narben, andere einfach nur der Sonne geschuldet. Er war ein erfahrener Veteran und kannte sich aus – vielleicht auch mit der Seekrankheit? »Merci«, flüsterte er und nahm den Priem in den Mund.
Das Nikotin hatte anscheinend eine beruhigende Wirkung auf seinen Magen, denn die Krämpfe ließen nach einer Weile nach. Er murmelte ein Gebet und bat darum, dass er die Überfahrt überlebte. Erschöpft ließ sich Guillaume in die Matte sinken und versuchte, ruhig zu atmen. Einfach weiteratmen, dachte er verzweifelt. Einatmen und ausatmen. Er verfolgte mit seinem Blick die Schatten, die eine Lampe an die Decke warf, und konzentrierte sich darauf, irgendetwas zu erkennen. Ein Drache, und dort sah es aus wie ein Wal. Es war ein Spiel, das ihn ablenkte.
»Besser?«, erkundigte sich Pierre.
Guillaume nickte ansatzweise. Er misstraute dem Frieden noch. Die holländische Fleute, auf der sie nach Nouvelle France gebracht wurden, war wirklich nicht besonders groß. Warum wurden sie nicht auf einer Fregatte – einem richtigen Kriegsschiff – transportiert?
Die LE JOYEUX SIMEON war keinesfalls repräsentativ. Sie besaß noch nicht einmal Kanonen, sondern war ein reines Handelsschiff. Dabei wurden mit ihr die ersten vier Kompanien mit insgesamt 200 Mann unter dem Befehl von Jacques de Chambly sowie Froment, La Tour und Petit befördert. Jedem Offizier waren 50 Soldaten zugeteilt worden. Sie hatten den Auftrag, die Siedler von Quebec gegen die Irokesen zu schützen. Guillaume hatte sich in La Rochelle anheuern lassen, weil er sich in Nouvelle France – oder besser gesagt Kanada – eine bessere Zukunft erhoffte. Er würde ein bisschen gegen die dortigen Ureinwohner kämpfen und bekäme dann sein eigenes Land, um sich anzusiedeln. Das war mehr, als er sich als Sohn eines Fischers in Frankreich erhoffen konnte.
Doch diese Zukunftspläne verblassten unter der beschwerlichen Überfahrt. Es war eine Schnapsidee gewesen! Wahrscheinlich würde das Schiff sinken, und die Fische würden seine Knochen abnagen.
Er warf einen Blick zu den anderen Männern im Raum. Einige saßen unbeeindruckt an einem Tisch und spielten Karten – unter der einzigen Funzel, die etwas Licht unter Deck brachte und diese seltsamen Schatten herbeizauberte. Andere hingen genauso verzweifelt in ihren Hängematten und kämpften mit dem Unwohlsein. Zwei Männer waren an Fieber erkrankt und faselten wirres Zeug, und der Rest waren Matrosen, die gerade keinen Dienst hatten. Es roch nach Schweiß und Erbrochenem, was auch nicht gerade half, dass er sich besser fühlte. Es war dampfig und feucht – mit einem penetranten Salzgeruch in der stickigen Luft. Sie hockten hier zusammengepfercht wie Sardinen in einer Tonne.
Regelmäßig kam es zwischen den Männern zum Streit, meist wegen völlig nichtiger Dinge. Er wollte sich da eigentlich heraushalten, aber die ständigen Anfeindungen eines jungen Soldaten namens Jacques gingen ihm inzwischen auf die Nerven. Er hatte keine Ahnung, warum dieser sich ihn als Opfer ausgesucht hatte, aber allmählich hatte er ebenfalls eine Antipathie gegen den Mann entwickelt. Der Soldat kam aus Paris und schien sich für etwas Besseres zu halten. Jedenfalls ließ er keine Gelegenheit aus, sich über Guillaume lustig zu machen. Fischfresser! war noch einer der nettesten Schimpfnamen, die er für ihn erfand. Ja, er war ein Fischfresser! Und er wäre froh, wenn es hier öfter mal frischen Fisch anstatt dieses eingelegten Fraßes geben würde. Allein der Gedanke an Fisch drehte ihn erneut den Magen um. O mein Gott! Mühsam krabbelte er aus der schaukelnden Hängematte und versuchte, das Gleichgewicht zu finden.
»Wo willst du denn hin?«, fragte Pierre.
»Frische Luft schnappen«, murmelte Guillaume. »Und ich bringe die Näpfe nach oben.«
»Gute Idee«, fand Pierre.
Guillaume griff zwei Töpfe am Henkel und balancierte sie über die steile Stiege nach oben. Kurz befürchtete er, dass Jacques wieder eine seiner dummen Bemerkungen machen würde, aber er war nirgends zu sehen. Erleichtert atmete er die salzige Luft ein und trat an die Reling, um die Näpfe zu leeren. Über ihm flatterten die Segel des Dreimasters in der frischen Brise. Er kontrollierte die Windrichtung und kippte die breiige Ladung über Bord.
Das war doch schon besser! Mit einem Seil ließ er einen Eimer die Bordwand hinunter, füllte ihn mit Meerwasser und spülte die Näpfe damit sauber. Ein Matrose kam an ihm vorbei und nickte freundlich. »Danke! Ich schlafe nicht gern bei diesem Gestank.«
Guillaume lachte auf. »Ich auch nicht. Ich sterbe aber auch nicht gern an der Seekrankheit.«
»Das wird schon, Jungchen«, munterte der Seemann ihn auf. »Man gewöhnt sich an alles.«
»Ich bin das Meer gewohnt«, erklärte Guillaume mit einem entschuldigenden Lächeln. »Ich bin oft mit meinem Vater zum Fischfang raus, aber das hier …« Er machte eine kleine Handbewegung. »Diese Wellen haben es schon in sich.«
Der Matrose beugte sich vor. »Das Geheimnis ist: Einfach in Bewegung bleiben und nicht darüber nachdenken.«
»Bien« Guillaume nickte halbwegs dankbar. Er hatte es versucht, aber es hatte nicht wirklich geholfen.
»Wann kommen wir denn endlich an?«, erkundigte er sich.
»In ein paar Wochen …«, meinte der Matrose. »Wenn der Wind weiter so günstig steht. Wir kommen echt gut voran. Die JOYEUX ist ein schnelles Schiff!« Es klang stolz.
»Ach so?«, ächzte Guillaume entsetzt. Wochen? Aber er behielt den Gedanken für sich.
»Ja!«, bestätigte der Matrose. »Und sie kann im flachen Wasser fahren. Das ist ein Vorteil, wenn es endlich den St.-Lorenz-Strom flussaufwärts geht. Da müssen wir nicht alles umladen.«
»Hmhm«, murmelte Guillaume. Er hatte sich noch keine Sekunde Gedanken um das Ende der Reise gemacht. St.- Lorenz-Strom. Nouvelle France, Kanada. Quebec. Er hatte keine Ahnung, was auf ihn zukam. Er wollte einfach nur von diesem schaukelnden Gefängnis herunter.
Unter Deck verteilte er die Näpfe an seine Kameraden und setzte sich zu Pierre. »In ein paar Wochen sind wir da«, erzählte er deprimiert.
Pierre nickte und schob den Priem in die andere Mundseite. »Dann wird es ernst.«
»Hast du schon mal was von den Indien gehört?«, fragte Guillaume.
Pierre zuckte die Schultern. »Nicht viel. Sie werden auch nicht schlimmer sein als die Türken. Krieg ist Krieg.« Er seufzte. Dann grinste er breit. »Und wir haben diese neuen Waffen!«
Er meinte das neuartige Steinschlossgewehr, das die schweren Musketen ergänzte, die noch eine Lunte brauchten. Diese Waffen waren zuverlässiger, weil die Ladung mithilfe eines Feuersteins entzündet wurde.
König Louis XIV. hatte eingewilligt, eine gut ausgerüstete Truppe in die neuen Gebiete zu schicken, um endgültig den Frieden zu gewährleisten. Die Irokesen machten den Siedlern zu schaffen und verhinderten, dass sich die Kolonie wirtschaftlich entwickeln konnte. Der König hatte ebenfalls angewiesen, das Regiment neu auszurüsten – und gleich noch einheitliche Uniformen herstellen lassen. Außerdem hoffte man, dass sich ein Teil der Truppe nach dem Feldzug vielleicht in Kanada, dem Gebiet entlang des St.-Lorenz-Stroms, ansiedeln und so die Bevölkerungszahl erhöhen würde. Mit nur knapp 3000 Franzosen konnte man schlecht den Kontinent besiedeln. Die Lage war so prekär, dass sich die Siedler kaum aus ihren Häusern oder Dörfern hinaustrauten. Auch Missionare verschwanden auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen der Wälder, und so wurde der Auftrag der Kirche, die Heiden zu christianisieren, gefährdet.
Guillaume lächelte ebenfalls. »Ich weiß, ich habe eine von denen. Die schießen ganz gut.«
»Oha. Dann scheinst du dich ja nicht ungeschickt angestellt zu haben.« Pierre zwinkerte ihm vergnügt zu.
»Non. Der Ausbilder war ganz begeistert. Ich habe ein gutes Auge und eine ruhige Hand.«
Pierre grinste wieder, und sein Gesicht legte sich in noch mehr Falten. »Na, warte mal ab, wenn du einem Angreifer gegenüberstehst.«
»Na ja, entweder der oder ich«, stellte Guillaume fest. Er schob sich eine Strähne seiner schwarzen Haare nach hinten und zwinkerte mit seinen blauen Augen zu Pierre zurück. Er besaß noch den schlanken Körper der Jugend und auch deren Unbedarftheit – wenn er nicht gerade im Sterben lag.
Der andere musste herzhaft lachen. »Stimmt. Entweder du oder er.«
»Wenn ich diese Überfahrt überlebe, dann kann mich nichts mehr schrecken. Nochmal mache ich das nicht.«
»Willst du nicht nach Frankreich zurück?«, wunderte sich Pierre. »Nach deiner Dienstzeit?«
»Non, non, ich nehme mir ein Stück Land und versuche mein Glück in Nouvelle France. Das war der einzige Grund, warum ich mich anheuern ließ.« Guillaumes Augen bekamen einen verträumten Ausdruck. »Irgendwann baue ich mir ein Haus an einem See, und dann gehe ich angeln.«
Pierre prustete los. »Dafür musst du doch Frankreich nicht verlassen.«
Guillaume warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. »Weißt du eigentlich, wie arm wir Fischer sind? Ohne den Fisch hätte es für uns oft keine Mahlzeit gegeben. Und wenn ein Netz kaputt gegangen ist, war das eine Katastrophe.«
Er wurde still, als er an sein früheres Leben zurückdachte. Er hatte sich kein eigenes Boot leisten können und war deshalb immer noch auf die Unterstützung seines Vaters angewiesen gewesen. Dann war das Boot gekentert, der Vater ertrunken, und er selbst war von einem Tag zum anderen mittellos gewesen. Die Armee war die einzige Möglichkeit gewesen, der Armut zu entfliehen. In Frankreich gab es nichts mehr, zu dem er zurückkehren wollte. »Hmh«, brummte Pierre. »Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich verstehe schon. Für dich ist Quebec deine Zukunft.«
»So ist es.« Es klang ein wenig trotzig. Guillaume war wirklich noch sehr jung, und so war es nur natürlich, dass er seinen Träumen folgte. Er steckte seine Beine aus und musterte die Schuhe, die er bekommen hatte. Es waren richtige Lederschuhe mit Schnallen und Sohlen. Sie gehörten zu der Ausrüstung, die ihm ausgehändigt worden war. Außerdem besaß er nun Unterhemden, zwei Hemden, zwei Hosen und ein braunes Wams sowie einen breiten Hut. Auch die Waffenausstattung konnte sich sehen lassen: Pulverhorn, Kugelbeutel, Messer, Pistole und sogar ein Bajonett. Er musste nur die Überfahrt überleben, dachte er mit Galgenhumor. Doch welche Risiken warteten in Quebec auf ihn? Die Indien – er hatte keine Ahnung von diesen Wilden, außer, dass sie wohl gefährlich waren und den Siedlern zusetzten.
Guillaume fühlte sich langsam besser. Selbst Nahrung konnte er nach ein paar Tagen wieder zu sich nehmen, obwohl die immer eintöniger wurde, je länger sie unterwegs waren: gepökeltes Fleisch, Hülsenfrüchte und Zwieback. Das Wasser schmeckte schal und wurde manchmal mit Rum vermischt. Zum Waschen nutzte man Salzwasser, was die Haut spröde werden ließ, sodass jeder Regen willkommen war, um sich zu waschen. Mit Reinlichkeit nahm man es ohnehin nicht so genau, aber der Kapitän ordnete gelegentlich das Waschen an, um den Gestank unter Deck zu bekämpfen. Auch einen Putzdienst gab es regelmäßig, dann hieß es Planken schrubben.
Guillaume hielt sich an die Routine und wusch auch seine Kleidung regelmäßig. Diese Routine half ihm, die Langeweile, aber auch die Seekrankheit zu überwinden. Er setzte sich zu den Kartenspielern, hörte aber wieder auf, als er herausfand, dass sie um hohe Einsätze spielten. Er hatte keine Lust, bereits auf dem Schiff sein weniges Geld zu verspielen. Jacques lachte ihn hämisch aus. »Zu feige?«
»Zu klug!«, antwortete er schlagfertig.
Jacques explodierte und drosch ohne Vorwarnung auf Guillaume ein, der nicht wusste, wie er sich verteidigen sollte. Prügeleien waren verboten! Eine Faust traf ihn am Auge, und er duckte sich weg. Eine unkontrollierte Wut stieg nun in ihm hoch, und er ging in die Offensive. Seine Fäuste droschen auf Jacques ein, der mit so einer heftigen Reaktion wohl nicht gerechnet hatte. Er platzierte einige Schläge, die Jacques ins Wanken brachten, dann traf er ihn am Kopf. Taumelnd stürzte Jacques zu Boden, doch Guillaume setzte ihm nach, hockte sich auf dessen Oberkörper und schlug weiter auf ihn ein. Blut tropfte aus der Lippe des anderen. »Hey, hör auf!«, bat dieser. »Es war doch nur Spaß!«
Veröffentlichung der Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des Verlages
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