Felsenherz der Trapper – Teil 02.1
Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 2
Das Geheimnis der Llano Estacado
1.Kapitel
Der lange Billy und der kleine Jimmy
Am Rande einer kleinen Prärie, nahe der Einmündung des Rio Mazapil in den Canadian, bot sich an einem glutheißen Sommertag ein kriegerisches Bild. Auf der flachen Spitze eines mächtigen, würfelähnlichen Felsblocks lagen drei Weiße. Sie hatten flache Steine als Brustwehr vor sich aufgeschichtet und beobachteten mit gespannter Aufmerksamkeit die Umgebung. Zwei von ihnen trugen die typische Tracht nordamerikanischer Pelzjäger. Ihre verwitterten, von der Sonne tief gebräunten Gesichter waren bärtig; sie unterschieden sich vor allem durch ihre Statur. Der eine war fast ein Riese und dabei dürr wie eine Hopfenstange. Er antwortete nun auf die Frage des dritten Mannes, dessen Sportkostüm und Ausrüstung eher für eine Sonntagsjagd in der Zivilisation geeignet schienen als für einen Ritt durch die gefährlichsten Teile des Wilden Westens.
»Mylord, ich glaube gern, dass Ihnen Mund und Kehle trocken sind wie eine gedörrte Büffellende!«, sagte der lange Billy. »Aber den Durst werden wir uns wohl noch eine Weile verkneifen müssen – falls wir überhaupt jemals dazu kommen, wieder etwas Ordentliches zu trinken. Wir liegen hier seit anderthalb Tagen fest, und da drüben stecken die verdammten roten Spitzbuben im Ufergebüsch und im hohen Gras.«
Er hielt kurz inne und spähte über die Steine. »Ich sagte Ihnen schon: Es sind Apachen, und nicht wenige! Die Halunken wissen genau, wie unbarmherzig die Sonne uns röstet und dass wir bald vor Hunger und Durst kein Glied mehr rühren können. Wir stecken in einer üblen Klemme, Mylord. Offen gestanden gebe ich für unser Leben keinen Pfifferling mehr. Mir wird selbst schon schwarz vor Augen. Der Fels hier ist so heiß wie die Wärmflasche meiner seligen Großmutter. Dass wir das Wasser so nah riechen können, steigert die Qualen nur noch! Es ist eine verflixte Lage. Wie denkst du darüber, Jimmy?«
»Ich denke, dass du recht hast, Billy«, antwortete der kleine Jimmy. »Meine Kopfhaut juckt bereits. Ich fühle förmlich schon das Skalpmesser, das mir meine spärlichen Haare samt der Haut abzieht …«
Lord Robert Barnley ließ ihn nicht ausreden. Er war ein noch junger, stattlicher Mann mit hellblondem Schnurrbart und einem schmalen, energischen Gesicht.
»Zum Teufel, dann wollen wir der Sache ein Ende machen und durchbrechen!«, rief er mit heiserer, matter Stimme. »Unsere Pferde stehen doch noch dort in der breiten Spalte des Felsblocks, und …«
Der kleine Jimmy gluckste trocken. »Hehe – durchbrechen! Mylord, das kann nur ein waschechtes Greenhorn vorschlagen. Passen Sie auf, ich zeige Ihnen, was uns blühen würde.«
Er hängte seinen löchrigen Filzhut auf den eisernen Ladestock seiner Doppelbüchse und hob ihn vorsichtig über die Brustwehr. Sofort knallten vier Schüsse aus den kaum zwanzig Meter entfernten Uferbüschen. Der Hut drehte sich wie ein Kreisel auf dem Stab. Billy und sein unzertrennlicher kleiner Gefährte stießen ein Hohngelächter aus, das dem Lord angesichts ihrer verzweifelten Lage höchst unangebracht erschien.
»Na, Mylord, mein feiner Zylinder hat zwei weitere Lüftungslöcher bekommen«, feixte der lange Billy. »Wenn Sie Ihren werten Körper in ein Sieb verwandeln lassen wollen, dann nur zu!«
»Halts Maul, Billy!«, unterbrach ihn Jimmy, der den Westen der Prärie im Auge behielt. »Ich will auf der Stelle einen Liter Brandy saufen, wenn ich dort nicht zehn Rothäute zu Pferde sehe – und vorn einen Weißen auf einem hochbeinigen Fuchs!«
Die Reiter hielten unvermittelt inne. »Sie werden unsere Schüsse gehört haben«, vermutete Jimmy. »Das sind Comanchen, Mylord! Nehmen Sie mal Ihr Fernrohr und lugen Sie durch die Steine. Die meisten Comanchen tragen das Haar lang, während diese Apachenhunde nur die Skalplocke stehen lassen. Wie wäre es, Billy, wenn wir ein Zeichen geben? Sonst reiten die elf da drüben womöglich gemütlich weiter.«
»Verdammt!«, brummte der lange Billy jäh. »Da sind die Apachen schon!«
Die elf Reiter waren noch etwa sechshundert Meter entfernt, als aus den Buschinseln der Prärie plötzlich dreißig bis vierzig weitere Indianer hervorgaloppierten. Im Nu bildeten sie einen Kreis und jagten auf die elf Umzingelten zu. Diese versuchten jedoch sofort, in geschlossener Formation zum Fluss durchzubrechen.
»Vorwärts – wir müssen ihnen helfen!«, rief Lord Barnley. Er vergaß Durst und Erschöpfung beim Anblick des Kampfes und wollte sich aufrichten. Doch Billy packte ihn geistesgegenwärtig und riss ihn wieder nieder.
»Da – Ihr schöner Panamahut hat nun ebenfalls zwei Luftlöcher, Mylord!«, sagte er trocken.
Barnley erblasste. Tatsächlich hatten zwei Kugeln aus den nahen Büschen seinen Strohhut vom Kopf gefegt.
»Mylord, Sie müssen noch viel lernen«, kicherte Billy. »Hätte ich Sie eine Sekunde später gepackt, würden Sie jetzt nicht mehr nach Ihrem verschollenen Bruder suchen. Tote denken nicht mehr. Und wer zwei Kugeln im Schädel hat, ist mausetot. Darauf würde ich ebenfalls einen Liter Brandy trinken – wenn ich denn einen hätte!«
Inzwischen tobte der Kampf in der Prärie. Das gellende Kriegsgeschrei der Apachen näherte sich dem Felsen. Dann tauchten zwei Reiter aus einer Senke auf: der Weiße, der bei den Comanchen gewesen war, und ein Apache auf einem Grauschimmel. Der Weiße floh. Er hatte seine Büchse bereits abgefeuert und trug nur noch sein Jagdmesser und einen Tomahawk im Gürtel. Der Apache jagte hinter ihm her, den Tomahawk bereits zum Wurf erhoben.
»Welch ein Greenhorn!«, brummte der kleine Jimmy mit seinem tiefen Bass. »Der verdammte Apache macht ihn gleich einen Kopf kürzer, und der Kerl schaut sich nicht einmal um! Scheint eine ziemliche Memme zu sein, dieser Blondbart.«
Doch plötzlich riss der Flüchtling seinen Braunen herum – genau in dem Moment, als die Streitaxt des Apachen durch die Luft wirbelte.
»Bravo!«, brüllte Billy begeistert. »Das Greenhorn bist du, alter Jimmy! Der da drüben versteht sein Handwerk!«
Der schlanke Weiße im ledernen Jagdanzug wich dem Wurf geschickt aus. Mit drei Sätzen war er neben dem Apachen. Es kam zum direkten Zusammenprall der Pferde. Ein gewaltiger Fausthieb des Weißen traf den Indianer so hart, dass dessen Messer in hohem Bogen davonflog. Ein zweiter Schlag unter das Kinn ließ den Apachen betäubt zusammenbrechen.
Mit einem schnellen Griff wuchtete der Jäger den Bewusstlosen quer über seinen Sattel. Er benutzte den Körper des Roten als Schutzschild und jagte auf den Felsen zu.
»He, Master, in den Uferbüschen stecken noch mehr von ihnen!«, warnte Billy von oben.
Der Reiter richtete den Apachen noch weiter auf, sodass er völlig gedeckt war. Unbehelligt erreichte er die Felsspalte, sprang aus dem Sattel und schob den Gefangenen nach oben zu Billy. Die Indianer in den Büschen wagten nicht zu schießen, um ihren eigenen Häuptling nicht zu treffen.
Der blonde Jäger bewies erneut, dass er erfahren war. Er nutzte ein Lasso, das Jimmy ihm zuwarf, und schwang sich blitzschnell nach oben hinter die Brustwehr, wobei er den Körper des Indianers stets als Deckung zwischen sich und die Büsche hielt.
»Das war meisterhaft!«, lobte der lange Billy, als alle sicher oben waren. »Junger Mann, meine Anerkennung. Sollte ich jemals Zahnschmerzen haben, wende ich mich an Euch. Ein Fausthieb von Euch befördert einen Backenzahn schneller ans Tageslicht als jede Zange!«
Lord Barnley, noch immer blass vor Aufregung, sagte herzlich: »Master, ich gratuliere! Der Tod saß Ihnen im Nacken. Mein Name ist Lord Barnley. Wer seid Ihr, wenn ich fragen darf?«
»Ein Trapper, Mylord«, erwiderte der blonde Jäger ernst. »Man nennt mich Felsenherz. Damit Sie Bescheid wissen: Die Farm meines Onkels wurde vor vier Tagen von Mescalero-Apachen niedergebrannt. Alle wurden ermordet, bis auf meine Schwester und mich. Meine Schwester wurde von einem weißen Verbündeten der Mescalero entführt, einem Pelzjäger namens Fred Hobler …«
»Hobler? Fred Hobler?!«, zischte Billy mit verzerrtem Gesicht. »Ist dieser Kerl hier in der Nähe? Sagt mir, wo er steckt! Jimmy und ich haben mit ihm noch eine alte Rechnung offen!«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Felsenherz bedächtig. »Wahrscheinlich ist er mit meiner Schwester auf einem Flachboot den Mazapil hinuntergefahren. Die zehn Comanchen und ich wollten ihn einholen. Wir wussten nicht, dass die Mescalero hier im Norden stehen, sonst wären wir nicht so leicht in die Falle gegangen.«
Jimmy band dem gefangenen Häuptling indessen Hände und Füße zusammen. »Da hättet ihr lange suchen können, Felsenherz! Wenn dieser Hobler – der mit dem roten Vollbart, richtig? – hier vorbeigekommen wäre, hätten wir ihn gesehen. Wir sitzen hier seit anderthalb Tagen fest. Die letzte Nacht war so mondhell, dass meinen scharfen Augen nicht einmal ein Kanu entgangen wäre, geschweige denn ein Flachboot. Er muss vorher gelandet sein.«
Der lange Billy betrachtete den bemalten Häuptling genauer. »Hm, diese Visage kommt mir bekannt vor. Jimmy, ich wette einen Liter Brandy: Das ist Wattami, der Sohn von Wikuna.«
Felsenherz nickte kurz. »Wikuna ist tot. Er starb durch meine Kugel. Und am Gürtel meines Bruders Chokariga, dem Oberhäuptling der Comanchen, hängt jetzt der Skalp des Mörders meiner Braut.«
Bevor der Lord tröstende Worte finden konnte, ertönte eine Stimme aus dem Gebüsch. In gebrochenem Englisch rief der Unterhäuptling Opatoa: »Die Bleichgesichter mögen horchen! Wir haben fünf Comanchen gefangen. Gebt uns Wattami zurück, dann lassen wir sie frei. Wenn nicht, werdet ihr hören, wie die Hunde am Marterpfahl heulen!«
Billy brüllte sofort zurück: »Und Opatoa wird hören, wie Wattami wie ein Waschweib winselt, wenn wir ihm die Haut in Streifen abziehen! Denkt ihr, wir sind Kinder? Wenn ihr die Comanchen nicht mit Waffen und Pferden freigebt, ist es um Wattami geschehen!«
Nach einer langen Pause kam die Antwort: »Die Bleichgesichter sollen einen Vorsprung erhalten, so breit wie der Fluss. Die Mescalero werden sich in die Prärie zurückziehen. Sobald Wattami bei uns ist, dürfen die Comanchen zu euch reiten.«
Billy lachte schallend. »Ihr haltet uns wohl für dumm! Ihr wollt die Comanchen wieder einfangen, sobald wir den Häuptling hergegeben haben. Nein, Opatoa! Schick die fünf Comanchen mit fünf deiner Krieger bis zur Hälfte des Weges. Sobald sie bei uns sind, lassen wir Wattami frei. Und ihr zieht euch bis zur ersten Buschinsel zurück! Ich weiß, wie viele ihr seid – wagt es nicht, Krieger in den Büschen zu lassen!«
»Opatoa meint es ehrlich«, tönte es zurück. »Es soll geschehen, wie ihr vorschlagt. Doch sobald ihr den Fluss überquert habt, ist der Friede vorbei!«
Schreibe einen Kommentar