Die Geschichte des goldenen Saffianschuhs – Kapitel 2
Antonina Domańska
Die Geschichte des goldenen Saffianschuhs
Original: Historia żółtej ciżemki
Eine Erzählung aus der Zeit der Herrschaft von Kasimir IV. Andreas
Mit 11 Illustrationen
Kapitel 2: Der seltsame Pilger
Bei den Bienen zu Mittag. – Wawrzeks Verzweiflung. – Dem Klang der Glocken nach. – Ein Bad im Wald. – Die Erscheinung. – Was Wawrzek unter dem Kirchenfenster erblickte. – »Fasst ihn! Haltet ihn!« – Die Augen des Pilgers.
Wawrzek erwachte durchfroren und sehr hungrig. Er blickte aus der Höhe nach allen Seiten; es war still. Die wilden Bären und Wölfe waren wohl in ihre Höhlen zurückgekehrt und würden erst in der Nacht wieder auf Jagd und Wanderschaft gehen.
Von Ast zu Ast hüpfend und am Stamm hinabgleitend, erreichte er den starken untersten Ast und sprang auf die Erde. Er blickte sich erneut um und lauschte – nichts.
Heute werde ich mich nicht mehr wie ein Dummer im Kreis drehen, dachte er, durch die Erfahrung des Vortags klug geworden. Ich gehe einfach schnurgeradeaus und drehe mich nicht ein einziges Mal um. Irgendwo komme ich schließlich an. Wenn ich Leute treffe, bringen sie mich vielleicht zu meinem Vater. Vater kennt schließlich jeder. Aber jetzt muss ich erst einmal etwas zu essen finden; der Magen dreht sich mir schon vor Hunger um wie Hobelspäne … und die Nebel …«
Er riss ein paar Blätter eines sauren Krauts ab, das man Sauerklee nennt, kaute und schluckte sie herunter.
»Gut ist das nach den Nudeln zu knabbern, wenn man als Hirtenjunge umsonst auf der Weide liegt; aber gegen den Hunger reicht es nicht … Ich muss weiter, vom Herumstehen werde ich auch nicht satt.«
Und er ging los, wohin die Augen ihn trugen, ohne nach rechts oder links zu blicken – immer geradeaus, wie er es sich vorgenommen hatte. Der Hunger quälte ihn sehr. Die Stunden vergingen, und wo er auch hinsah: nur Moos, Farne, Wacholder und oben alte, dicke Baumstümpfe … Eine solche Angst überkam ihn, wie es wohl weitergehen sollte! Die Beine waren so schwer – wollte er schlafen oder was war das?
»Ich gehe wenigstens in die Sonne, um mich zu wärmen; da ist eine kleine Lichtung … Bäume stehen dort keine; ich lege mich ins Gras, schlafe ein wenig, vielleicht lässt der Hunger nach.«
Der Anblick des kleinen grünen Tals, nur ein paar Schritte entfernt und von der Sonne beschienen, gab ihm wieder Mut. Er lief dorthin.
»Himmel … rotes Gras! Nein … das sind Beeren!«
Er warf sich zitternd vor Hunger auf die Erde und aß, aß und konnte sich gar nicht sattessen.
»Wenn ich doch Jaśka hierher schicken könnte, der ist doch so verrückt nach Walderdbeeren! Aber ich habe mich ordentlich vollgestopft; mir wird schon ganz klar vor den Augen.«
Er holte seine hölzerne Eidechse aus dem Gewand, betrachtete sie liebevoll, seufzte und nickte mit dem Kopf.
»Siehst du, du Dumme, das ist alles deine Schuld! Ohne dich müsste ich nicht so in der Einöde büßen! Du liegst da schön wie eine Königin, und ich armer Tropf muss mich so abstrampeln! Der liebe Herrgott weiß allein, wo ich noch lande. Na, geh schlafen, es ist Zeit für mich.«
Und er wanderte weiter. Er verließ sich jedoch zu sehr auf die Walderdbeeren; nicht einmal zwei Stunden vergingen, da war der Hunger wieder da. Wenn es doch nur Hoffnung gäbe, aus diesem verwunschenen Wald herauszukommen! Die Riesenbäume verwebten sich oben mit ihren Ästen zu einem grünen Dach; Kälte, Dämmerung, der Himmel und die Sonne waren nicht zu sehen, düstere, taube Stille … Das Kuckucken des Kuckucks drang nur schwach herüber; offenbar waren alle Vögel aus dieser Dunkelheit zur Sonne geflohen.
»Da riecht doch was …«, zog er tief die Luft durch die Nase. »Tatsächlich, es riecht nach Honig, nach Wachs … Ein Bienenstock muss ganz in der Nähe sein. Ich muss nach mürben, hohlen Bäumen Ausschau halten.«
Er hob den Kopf und spähte aufmerksam. »Hoffentlich nur nicht zu hoch. Oho … da summen die Bienen … meine hübschen Kleinen, zeigt mir den Weg! … Da ist er! Ach, schade, dass mein Vater mich nicht sieht, er würde mich loben. Der Mensch hat eben alles zur Hand: ein Taschenmesser, Zunder und einen Schlagstein; aber die Leute sagen immer, ich sei ein Nichtsnutz.«
Er schlug Feuer, entfachte ein Stück Zunder und steckte es in eine Spalte des morschen Baumes, direkt an die Öffnung der Bienenhöhle. Er selbst sprang schnell zur Seite, denn die wütenden Bienen hätten sich sonst auf ihn gestürzt und ihn totgestochen. Hinter einer knorrigen Ulme versteckt, wartete er geduldig und lugte ab und zu mit einem Auge hervor. Der bittere, beißende Rauch des glimmenden Zunders breitete sich wie eine weiße Wolke um den Bienenstock aus, drang durch die Ritzen ins Innere und ließ hunderte Bienen mit lautem Summen in die Luft steigen. Sie verharrten einige Sekunden auf der Stelle, wie um zu beratschlagen, was angesichts dieser schrecklichen Katastrophe zu tun sei, und flogen dann als dichtes Knäuel nach oben davon.
Mancher Erwachsene, der die Zusammenhänge nicht verstand, hätte die günstige Gelegenheit genutzt und dreist den Honig aus dem verlassenen Bienenstock geholt. Wawrzek hatte jedoch seinem Vater so oft bei der Arbeit zugesehen, dass er sich selbst wie ein alter, erfahrener Imker verhielt. Er wusste, dass bei der Bewachung des geliebten Stocks und der reichen Speisekammer immer einige Dutzend der zähesten Bienen zurückbleiben; diese sterben, entweder durch den Rauch erstickt oder verlassen den Bau erst viel später als ihre Artgenossen. Er blieb also hinter den Bäumen stehen und wartete. Der Zunder hörte nicht auf zu qualmen.
»Na, habt ihr vielleicht genug? Mir brennt es selbst in der Nase, also sind sie wohl geflohen oder gestorben.« (Im Volksglauben hat die Biene, weil sie Wachs für das Licht in der Kirche liefert, den Vorrang vor anderen Tieren: Sie verendet nicht wie sie, sondern stirbt wie ein Mensch.)
Wawrzek kroch aus seinem Versteck, näherte sich langsam seinem Ziel und blickte sich immer wieder nach allen Seiten um, ob nicht doch noch ein Nachzügler auftauchte. Er kletterte auf einen trockenen Ast und blickte in das Innere der Höhlung.
»Das ist ja eine volle Kammer! Hei, hei … bestimmt schwärmen sie hier schon seit undenklichen Zeiten, und niemand weiß davon. Es reut mich nicht einmal, dass ich mir dafür mein schönes Gewand schmutzig gemacht habe.«
Eilig schnitzte er einen abgebrochenen Zweig in Form eines Spatels, legte ein Klettenblatt auf seine linke Handfläche, hebelte eine dicke Schicht von ganz oben ab und zog eine wunderschöne, weiße Wabe heraus, von der goldener, dicker Honig tropfte.
»Und jetzt mach schnell, dass du fortkommst, sonst holen sie dich noch!«, erschreckte er sich lachend selbst, packte den Zunder ein und rannte im Laufschritt einige Dutzend Schritte weiter. Er setzte sich unter eine Eiche und aß gierig, wobei er das ausgesaugte Wachs ausspuckte.
»Wahrlich, ein Stück Brot dazu, Mutter … es ist gar nicht so einfach, nur Süßes zu schlucken«, murmelte er halb im Scherz; aber beim Gedanken an die gute Mutter, die ihn stets wusch, kämmte, kleidete, sich an ihm erfreute, ihm zu essen gab und ihn vor jedem Unheil beschützte, wurde ihm der süße Honig bitter im Mund, und die Augen füllten sich mit Tränen.
»Ich armer Tropf, ganz allein! Niemand kümmert sich um mich in dieser schrecklichen Einöde! Ich bin gar nichts wert. Wenn mich die Wölfe zerfleischen oder der Bär erdrückt, fliegt nicht einmal ein Vögelchen nach Poręba, um Bescheid zu geben, dass es den kleinen Wawrzek nicht mehr gibt. Oh Gott, Gott … erbarmt euch meiner, ihr heiligen Engel, und führt mich auf einen guten Weg!«
Er leckte das mit Honig bestrichene Blatt sauber, wischte sich die Hände mit Moos und Erde trocken und ging wieder geradeaus weiter. Die Sonne neigte sich dem Untergang zu, aber im uralten Wald herrschte morgens, mittags und abends dieselbe Dämmerung. Wawrzek war schon sehr müde; müde vom langen Weg, vom Weinen und von der Sehnsucht nach der Mutter. Eine Taubheit überkam ihn; er ging wie im Traum, und nur manchmal durchzuckte ihn ein Schauer … Dieser Urwald nahm kein Ende, er würde wohl so lange weitergehen, bis er starb.
»O Muttergottes vom Bildnis meiner Mutter … nimm mich armes Kind in den Himmel! Ich gehe nirgendwo mehr hin, ich lege mich hierhin, mag geschehen, was will. Ich bete nur noch ein Vaterunser vor dem Tod: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme …«
Er sprang auf die Beine.
»Hört ihr, Leute … Glocken! Glocken … Glocken … Hilfe! Die Kirche ist ganz in der Nähe! Heilige Mutter … ich werde nicht sterben, nein! Ich laufe den Glocken nach! Irgendein Dorf ist ganz nah … o Herr Jesus … o meine goldene Mutter!«
Fröhlich, gesund, stark und erholt rannte er pfeilschnell in die Richtung, aus der der Klang der Glocken drang. Das Dorf war zwar nicht sogleich zu sehen, aber die Bäume begannen sich immer mehr zu lichten; das Licht des schwindenden Tages drang durch die Sträucher. Der Junge lief und lief, bis er schließlich an eine Schlucht am Rande des Waldes gelangte.
Oben waren Wagen- und Hufspuren zu sehen, die in Richtung des von Weitem sichtbaren Dorfes führten. Unten floss ein Flüsschen, eher ein Bächlein, ganz munter dahin. Der Grund war mit weißem Kies ausgelegt, und wo ein größerer Stein herausragte, schlug das Wasser dagegen und bespritzte ihn mit Schaum.
Wawrzek glitt über Schachtelhalm und Quendel ganz nach unten, zog sein Hemd aus und sprang ins Wasser. Er platschte, tauchte unter und auf, trank gierig, legte sich der Länge nach ins seichte Wasser, suchte dann wieder eine tiefere Stelle und versuchte zu schwimmen; er lief nur an den Strand, um gleich wieder zurückzukehren und erneut zu platschen. Das Bad erfrischte ihn völlig und vertrieb alle dunklen Gedanken aus seinem Kopf.
»Lächerlich, wie dumm ich war … wovor hatte ich überhaupt Angst? Was ist mir denn passiert? Hat mich etwas gefressen? Und vielleicht war das gar kein Urwald, sondern nur ein ganz normaler Wald? Ich sollte wohl langsam aus dem Wasser steigen, denn wenn es dunkel wird, verlaufe ich mich sonst wieder irgendwo.«
Er blickte nach Westen, um zu sehen, was die Sonne machte, und duckte sich plötzlich bis zum Hals ins Wasser, ohne sich zu rühren oder zu atmen zu wagen.
O Jesus … da kommt wieder etwas …, dachte er und zog sich so zusammen, dass nur noch Nase und Augen über das Wasser ragten.
Am Ufer der Schlucht, vom roten Schein der untergehenden Sonne erhellt, schritt langsam ein Mann daher. Er war überdurchschnittlich groß, schien Wawrzek, der von unten heraufblickte, auf dem feurigen Hintergrund jedoch wie ein schrecklicher Riese. Er trug einen schwarzen Hut mit breiter Krempe, der anstelle eines Bandes mit weißen Muscheln umwunden war; einen dunklen, fast bis auf die Erde reichenden Mantel mit einer spitz zulaufenden Pelerine und Kapuze, der dreimal mit einem dicken, grauen Strick um die Taille gebunden war. Auf der linken Schulter, etwas nach vorne geneigt, saß eine große, weiße Muschel. Er stützte sich auf einen gekrümmten Stecken.
»Was ist das nur für einer?«, zerbrach sich der zu Tode erschrockene Junge den Kopf. »Riesig, furchterregend, auf dem Kopf ein Pilz oder so etwas … braungebrannt, finster im Gesicht wie ein Zigeuner … ein schrecklicher Bart, bestimmt ein Gespenst oder eine büßende Seele. Wer sonst sollte es sein? Oje … er steigt zum Wasser herab … oh je … wenn er mich nur nicht sieht!«
Wawrzek kroch ganz leise hinter einen großen Felsblock in der Mitte des Bächleins und beobachtete, was das Gespenst tun würde. Der schwarze Mann trat direkt ans Ufer, holte einen kleinen Zinnbecher aus dem Gewand, schöpfte Wasser aus dem Bach und trank. Er füllte das Gefäß mehrmals; er musste sehr durstig sein. Dann kniete er nieder, nahm den Hut ab, strich das lange Haar zurück, beugte sich vor und wusch sich Gesicht und Hände.
»Heilige Maria … der hat ja gar keine Ohren … sieht das abscheulich aus!«
Die Behinderung und die Handlungen, die so gar nicht zur Würde eines übersinnlichen Wesens passten – wie Trinken und Waschen –, beruhigten Wawrzek ein wenig. Dennoch wagte er sich nicht aus seinem Versteck heraus und gab kein Lebenszeichen von sich, denn dieser seltsam gekleidete, düstere Mann flößte ihm Angst und Abscheu ein.
Nachdem der Pilger sich am Fluss ausgeruht hatte, kletterte er nach oben und ging auf dem Waldweg in Richtung des nahe gelegenen Dorfes oder Städtchens. Erst da traute sich der Junge aus dem Wasser. Er zog das Hemd über den nassen Körper, band sich den Gürtel um, schob die Eidechse, das Taschenmesser und den Zunder bis auf den Rücken, damit diese Schätze – Gott bewahre – nicht verloren gingen, und machte sich zögernd und mit verlangsamtem Schritt auf denselben Weg wie der unheimliche Mann.
»Soll er nur vorgehen, und ich hinterher; was habe ich es denn eilig? Vielleicht ist das ein Hexenmeister? Am Ende verwandelt er mich noch in einen Hund oder ein Pferd, treibt mich zur Arbeit an und quält mich. Ich bin doch nicht blöd.«
Es wurde immer dunkler. Der Engel des Herrn hatte längst geläutet, und Wawrzek saß immer noch am Graben, um dem Hexenmeister nicht zu begegnen. Erst als die Sterne am Himmel aufgingen, fasste er sich ein Herz.
»Ich gehe jetzt«, sprach er zu sich selbst. »Ich klopfe an irgendeine Tür, vielleicht hat jemand Mitleid, gibt mir etwas zu essen und lässt mich übernachten.«
Doch er zögerte und wartete zu lange. Als er die ersten Häuschen des Städtchens passierte, ertönte bereits das anhaltende Blasen eines Horns und die laute Stimme des Wächters: »Licht ausmachen! Licht ausmachen!«
Wegen der Brandgefahr gab es in den Städten und Märkten die strenge Vorschrift, dass eine Stunde nach Sonnenuntergang im Sommer und vier bis fünf Stunden im Winter (je nach Tageslänge) die Nachtwächter durch die Straßen blasen und das Löschen des Feuers in den Öfen und der Lichter in den Stuben anordnen mussten. Gleichzeitig wurden die Türen der Häuser und die Tore der Gasthöfe verschlossen. Das arme Kind befand sich also wieder in einer sehr misslichen Lage. Der Mond war noch nicht aufgegangen; die Straßen waren eng und dunkel. Das arme Geschöpf ging ohne Ziel weiter, nur um sich irgendwo an eine Mauer zu kuscheln und zu schlafen. Er näherte sich einem Anwesen mit einem breiten Dachvorsprung, der auf Holzpfosten ruhte.
»Oh, hier lässt es sich herrschaftlich schlafen, viel besser als gestern auf dem Baum.«
Kaum hatte er sich auf den Vorsprung gesetzt, hörte man hinter dem Zaun ein schreckliches Hundegebell; jemand öffnete das Fenster, und eine raue, zornige Stimme rief: »Was schleicht denn da für ein Nichtsnutz in der Nacht herum und stört ehrliche Leute beim Schlafen?!«
»Ich bin’s, Wawrzek Wojciechów …«, piepste das Kind.
»Gehst du wohl nach Hause, du elender Lump! Kaum aus den Kinderschuhen heraus und schon wie ein Dieb herumstreunen! Geh mir sofort nach Hause!«
»Ich finde doch nicht nach Hause!«
»Aber auf die Straße zu gehen hast du gewusst? Scher dich fort … sonst lasse ich den Hund von der Kette!«
Das Fenster schlug zu, der Hund bellte so wütend, als ob er heiser vor Wut wäre und den Zaun anspringen wollte.
»Ich scher mich ja schon weg; ich gehe woanders hin … nur dass mir die Beine so schrecklich wehtun.«
Er schleppte sich weiter. Er erreichte die Straßenecke …
»Ach du meine Güte … was ist das für ein riesiger Platz! Was ist das bloß? Von allen vier Seiten Straßen, Häuser drumherum – so etwas haben sie nicht einmal in Poręba. Und was stehen da für Wagen, Pferde, Leute … sie haben ausgespannt, Stroh auf die Erde gestreut und schlafen. Ich gehe zwischen sie, lege mich ganz still hin, damit ich sie nicht störe. O Mutter … ein Räuber mit einer schrecklichen Axt! In der anderen Hand hat er auch so etwas … er hält es an den Mund und bläst …«
»Lasset das Feuer aus!«, rief der Wächter, als er das Licht erblickte, das noch hie und da in den Fenstern flackerte. Er trat an die Tore und schlug mit der Hellebarde dagegen.
»Aha, das ist bestimmt der Gutsherr selbst; er ruft die Knechte, oder was? Ich bitte ihn um ein Stückchen Brot; ich habe solchen Hunger … aha, und wenn er mich mit der Axt schlägt? Ich muss weg hier …«
Er lief auf die gegenüberliegende Seite des Marktplatzes.
»Das ist ja eine Scheune! Was für eine große! Im Namen des Vaters und des Sohnes … ein Turm! Das ist ja eine Kirche! Lieber Gott … du Allerheiligster … schickst du mich nicht von deinem Haus weg? Der ärmste Bettler darf hier schlafen, also darf ich armes Geschöpf mich auch auf den Stufen schlafen legen. Nein, nicht ganz oben, sonst ärgern sich die Herren; ich verstecke mich hinter der Kleinmauer. Hier schläft es sich bestimmt gut …«
Er kroch in eine Ecke bei einem der fünf Strebepfeiler, die das Presbyterium stützten, und legte sich hin.
»Oje … da liegen ja fremde Lumpen … ich muss wegrücken, damit ich den Schlaf nicht störe. Oh Menschen!«, schrie er und deckte sich rasch mit der Hand den Mund zu. »Ein Mantel … ein Hut … mit Muscheln, ein Stecken … den hat der Unglückselige gehabt, und hier sind wir zusammen gelandet! Ich gehe lieber auf die andere Seite der Kirche schlafen.«
Er ging drei Schritte zurück und suchte, wo er sich am sichersten vor dem Hexenmeister verstecken könnte. Der Mond stieg bereits hinter den niedrigen Häusern in den Himmel und warf helles Licht; da knarrte etwas: Eines der Kirchenfenster öffnete sich langsam, und an einem dicken Seil, das an einer eisernen Klammer befestigt war, ließ sich ein Mensch herunter. Mit den Händen hielt er das Seil fest, und im Mund klemmte ein kleines Bündel, das in ein Tuch gewickelt war.
Wawrzek stand wie angewurzelt da und starrte ihn an … doch auch der andere bemerkte ihn im selben Moment. Ein erstickter Schrei rang sich aus seiner Brust; damit seine Zähne die Beute nicht losließen, fiel das Bündel zu Boden, Und aus dem im Netz eilends zusammengebundenen Tuch fielen die goldenen Kirchengefäße und eine strahlende Monstranz heraus.
Der Dieb sprang aus einigen Fuß Höhe herab und wandte sich mit einem vor grausamer Wut verzerrten Gesicht dem Kind zu.
O mein Jesus … das ist er … das ist derselbe!, dachte Wawrzek.
»Hast du es gesehen?«, schrie der schwarze Mann und blickte nach rechts und links, ob sich niemand näherte. »Hast du es gesehen? Das ist gut; auf dieser Welt wirst du nun nichts mehr sehen!«
Er stürzte sich mit ausgestreckten Krallen auf ihn, verfing sich jedoch mit dem Fuß in seinem eigenen Mantel, den Wawrzek erst kurz zuvor aus der Ecke gezogen hatte, und schlug der Länge nach auf den Boden. Der Junge sprang mit zwei weiten Sätzen wie ein aufgeschrecktes Fohlen davon und rannte, ohne mit den Füßen fast die Erde zu berühren, mit gellendem Geschrei los: »Er bringt mich um! Er bringt mich um!«
Der Dieb sah ein, dass er ihn nicht mehr einholen würde, und raffte eilig – aus berechtigter Furcht vor den Leuten – die goldenen Gefäße zusammen, knüpfte sie zu einem Bündel und eilte hinter der Kirche in die nächste Gasse davon.
Auf Wawrzeks Schreie hin, die die nächtliche Stille zerrissen, liefen zwei Nachtwächter und etliche Dutzend Menschen zusammen, die auf dem Marktplatz bei ihren Wagen mit den Waren für den morgigen Jahrmarkt schliefen.
»Was schreist du denn so furchtbar?«, herrschte ihn der alte Mikołaj an und schlug mit der Hellebarde auf den Boden.
»Hat er wohl Wahnvorstellungen, der Bursche? Seht ihn euch an!«, fügte der zweite Wächter hinzu. »So viel Aufruhr in der Nacht; man sollte ihm das Fell gerben, dass es nur so raucht, und gut ist’s.«
»Seid doch still!«, unterbrach eine Frau aus der Menge. »Der Junge ist doch schon groß, der würde nicht so schreien, wenn nichts passiert wäre. Er zittert ja wie ein Espenblatt. Was ist denn los, mein Sohn? Sag schon, hab keine Angst!«
…»Ein Der … der … der … dieb hat mich … ge … ge …jagt … er wollte mich er … er … drosseln!«
»Wo ist denn ein Dieb? Was für ein Dieb denn schon wieder?«, brummte Mikołaj beleidigt, dass unter seiner wachsamen Hellebarde jemand es wagen sollte, eine solche Untat zu vermuten.
»Wo ist der Dieb?«, wiederholten die neugierigen Leute und scharten sich um das Kind.
»Er ist aus dem Kirchenfenster geklettert, das Gold ist herausgefallen, und als er mich erblickt hat, ist er auf mich losgesprungen und hat gedroht, mich umzubringen!«
»Ach was, der redet doch Unsinn!«, wiegelte ein Mann ab.
»Schadet es euch etwa, mal bei der Pfarrei nachzusehen?«, entgegnete die Frau. »Er soll zeigen, was er gesehen hat und wo.«
»Richtig, die Frau hat recht; gehen wir hin!«, riefen einige.
Und die Menge zog geschlossen zur Kirche; Wawrzek führte sie an.
»Jesus, Maria … da war wirklich ein Dieb!«
»Das Fenster ist offen!«
»Das Seil hängt ja bis auf die Erde!«
»Das Kind hat nicht gelogen!«, riefen die Leute durcheinander.
Um Wawrzek herum summte es wie in einem Bienenstock: In den Häusern wurden die Fenster geöffnet, aus denen neugierige Frauenköpfe lugten; Männer liefen aus den Häusern herbei, und die Menge wuchs von Minute zu Minute. Die einen liefen los, um den Pfarrer und den Bürgermeister über den Sakrileg-Diebstahl zu informieren, andere verstreuten sich mit lautem Geschrei in der Stadt, und jemand schlug die Sturmglocke. Wawrzek stand mitten im Getümmel der Neugierigen.
Der Wächter Mikołaj rüttelte ihn an der Schulter: »Sprich schon, Junge! Hast du ihn dir gut angesehen? Würdest du ihn wiedererkennen?«
»Und ob! Ich habe ihn doch heute schon im Wald am Fluss gesehen; und jetzt schien der Mond ihm mitten ins Gesicht, ich habe ihn sofort wiedererkannt!«
»Wie sieht er denn aus?«
»Nun, groß, dunkel im Gesicht, ein schwarzer Bart …«
»Vortrefflich!«, unterbrach ihn jemand aus der Menge. »Und wie war er gekleidet?«
»Ganz komisch, wie ein Zauberer«, antwortete Wawrzek. »Ein Mantel mit Kapuze, ein Hut mit Muscheln …«
»Ein Pilger! Ein Pilger!«, riefen mehrere Stimmen auf einmal.
»Tatsächlich, so einer war doch vor dem Abend hier!«
»Ich habe ihn auch gesehen!«
»Ich auch!«
»Ich auch!«
Alle Anwesenden begannen durcheinander zu erzählen, wo sie dem Pilger begegnet waren; es gab sogar welche, die mit ihm gesprochen hatten. Andere hatten gesehen, wie er die Kirche betreten hatte.
»Aha …«, rief ein Mädchen. »Er hat sich bestimmt in einer Ecke versteckt und sich einschließen lassen!«
»Richtig! Aber er hatte eine kurze Kleidung an, das habe ich deutlich gesehen!«, behauptete ein Mann.
»Kein Wunder, ein weiter Mantel hätte ihn beim Klettern aus dem Fenster nur behindert«, meinte ein anderer.
»Aha, aha, da ist noch etwas!«, rief Wawrzek plötzlich aus.
»Nun, was denn?«
»Er hatte keine Ohrmuscheln … links jedenfalls nicht!«
»Was? Keine Ohren? Das ist ja ein Ding!«
»Ja, an so einem Zeichen erkennt man ihn sofort wieder!«
Von der anderen Seite des Marktplatzes kam eilig der Bürgermeister herbeigeeilt, gefolgt von sechs Gerichtsdienern, also der Polizeiwache. Den Gerichtsdienern schlossen sich die Nachtwächter und fast die gesamte männliche Bevölkerung des Städtchens an. Sie wurden in drei Trupps aufgeteilt, da man vermutete, dass der Verbrecher am ehesten zum Wald hin fliehen würde; dort im undurchdringlichen Dickicht konnte man sich leicht verstecken, und eine Verfolgung war fast unmöglich. Der Bürgermeister befahl daher, ihm von drei Seiten den Weg abzuschneiden und den Zugang zum Wald zu versperren.
Sie brachen mit Laternen und Fackeln auf, denn wie zum Trotz hatten sich Wolken vor den Mond geschoben.
»Macht Platz, Leute!«, rief jemand in der Menge. »Der Pfarrer kommt!«
Der Pfarrer lief mit entblößtem Haupt auf kurzem Weg zur Kirche; der alte Sakristan mit einer Laterne in der Hand konnte nicht mithalten und blieb außer Atem zurück.
»Zurück von der Tür!«, rief der Pfarrer.
Er holte den Schlüssel aus der Tasche und öffnete mit zitternder Hand das schwere Schloss. Er hatte es Eile nachzusehen, ob der Kirchenräuber nicht gar die geweihten Hostien entweiht hatte. Der Bürgermeister eilte ihm nach. Es stellte sich heraus, dass das Ziborium unversehrt geblieben war; der Pfarrer atmete erleichtert auf. Das Schatzkästchen, das mit einer dicken Eisenstange verriegelt und mit zwei Vorhängeschlössern gesichert war, lag ebenfalls unberührt da. Der Dieb hatte nur das mitgenommen, was offen in der Sakristei lag: zwei Kelche, die für die heilige Messe am morgigen Ablasstag vorbereitet gewesen waren, ein goldenes Reliquiar und die besagte Monstranz. Beim Durchsuchen der Schubladen hatte er die Gewänder herausgerissen und auf dem Boden verstreut. Der Schaden war beträchtlich, aber im Tresor befanden sich Klunkern und goldene Gefäße von zehnfach höherem Wert. Sie waren noch nicht dazu gekommen, die Kaseln und Ornamente vom Boden aufzusammeln, als wütendes Geschrei an ihre Ohren drang. Sie liefen aus der Kirche heraus.
Eine Menge aus mehreren Hundert Menschen führte den gefangenen Übeltäter herbei. Wären da nicht die Gerichtsdiener und Nachtwächter gewesen, die ihn in ihre Mitte genommen hatten, hätte das Volk ihn wohl lebendig zerrissen. Die an sich träge und friedliche Bevölkerung des Städtchens war in eine Wut geraten, die zu den grausamsten Taten fähig war.
»Häutet den Lump!«, schrien einige.
»Stecht ihm die Augen aus!«
»Hackt dem Kirchenräuber die Hände ab!«
»An den nächsten Ast mit ihm!«
»Verbrennt ihn lebendig!«
Von den Stufen der Kirche herab rief der Pfarrer mit donnernder Stimme: »Ruhe! Schweigt!«
Die Nächststehenden hörten den Befehl und reichten ihn nach hinten weiter; die Wächter ihrerseits beruhigten die tobende Menge. Es murrte und brodelte noch einige Minuten lang, schließlich beruhigten sich die Leute erschöpft.
Der Bürgermeister stellte sich neben den Pfarrer und rief: »Schluss mit dem Lärm! Die Gerichtsdiener haben den Verbrecher gefasst, und ihr führt euch auf wie die Räuber. Was schreit ihr denn so? Er steht doch gefesselt vor euch; morgen bringt ihn die Wache in die Festung, die Richter werden ein gerechtes Urteil fällen, und das Henkerbeil wird ihn nicht verfehlen. Ersucht also nicht selbst nach Rache und haltet Ruhe!«
Die Menge kam zur Vernunft und gehorchte. Der Unbekannte, den zwei Gerichtsdiener trotz der Fesseln an den Armen festhielten, nutzte den Moment der Stille, verneigte sich vor dem Bürgermeister und sagte in völlig ruhigem Ton: »Gestattet, gnädiger Herr Bürgermeister, dass ich als unschuldiger Mann ein Wort zu meiner Verteidigung sage.«
Drohende Rufe schallten durch die Menge.
»Ruhig jetzt, lasst ihn reden!«, befahl der Bürgermeister.
»Ich ging durch die Straßen der Stadt«, sagte der Fremde, »ich ging langsam, müde von der langen Reise. Ich dachte weder an Flucht noch daran, mich zu verstecken; ich suchte ein Nachtlager, aber alle Häuser waren verschlossen. Da wollte ich den erstbesten Passanten fragen, wo das Pfarrhaus liegt, und den Pfarrer um einen Schlafplatz und ein Bündel Stroh bitten. Morgen früh wäre ich weitergezogen, denn ich bin auf dem Weg nach Krakau. Doch während ich in Gedanken versunken war, fielen bewaffnete Männer mit wilden Rufen über mich her, fesselten mich bis aufs Blut und schleiften mich fort wie einen Mörder, ohne dass ich ahnte, wessen man mich beschuldigt.«
»Oho, ein Wolf im Schafspelz!«, rief ein alter Bürger.
»Unterwegs«, fuhr der Gefangene fort, »habe ich so manches mitbekommen und ahne nun, dass hier ein Diebstahl begangen wurde. Aber habe ich etwa auch nur einen fremden Faden an mir? Ich bin arm, hungrig und obdachlos, aber ehrlich. Befehlt, Herr Bürgermeister, mich freizulassen.«
Er hatte die letzten Worte noch nicht ganz ausgesprochen, als aus der nächsten Nebengasse zwei Burschen mit jubelnden Rufen herbeirannten.
»Wir haben die heiligen Gefäße gefunden, hochwürdiger Herr!«
»Alles ist da! Der Schurke hat sie unter dem Zaun weggeworfen!«
»Na, was sagst du jetzt? Willst du immer noch den Heiligen spielen?«, schrie ihm jemand direkt ins Ohr.
»Bestreite ich etwa, dass ein Diebstahl begangen wurde?«, entgegnete er achselzuckend. »Der Dieb ist geflohen, und ihr quält einen Unschuldigen.«
»O Leute … wo habt ihr nur euren Verstand!«, rief dieselbe Frau, die Wawrzek schon zuvor ausgefragt hatte. »Ruft doch das Kind her; der Junge wird uns sagen, ob er diesen Mann im Kirchenfenster gesehen hat oder jemand anderen.«
»Richtig … wahre Worte!«
»Bringt den Jungen her!«
»Er ist nicht da!«
»Der ist bestimmt nach Hause gegangen!«
»Nein, er hat sich hinter der Mauer versteckt. Komm her, komm schon, wovor hast du Angst? Der Räuber ist doch gefesselt.«
Wawrzek wurde vor den Bürgermeister geführt, der ihn sanft an der Hand nahm und befahl, den Gefangenen näher heranzubringen. Einer der Gerichtsdiener leuchtete ihm mit der Laterne ins Gesicht.
»Schau genau hin; kennst du diesen Mann?«
»Ich kenne ihn nicht.«
»Sieht Eure Hochwohlgeboren … das Kind lügt wohl kaum!«, rief der Fremde triumphierend.
»Also hast du nicht ihn aus dem Kirchenfenster steigen sehen?«
»Doch, genau ihn.«
»Warum sagst du dann, dass du ihn nicht kennst?«
»Na, weil es die Wahrheit ist! Weiß ich denn, wer das ist? Heute im Wald habe ich ihn zum ersten Mal im Leben gesehen; wie soll ich da bezeugen, dass ich ihn kenne?«
»Ihr macht einen verschlafenen, dummen Jungen zu meinem Ankläger«, sagte der Gefangene verbittert. »Wahrlich, ein Reisender kann in dieser berühmten Stadt nicht einmal sicher durchreisen.«
»Sag die Wahrheit, vielleicht hast du schlecht gesehen, vielleicht kommt es dir nur so vor? Vielleicht war es jemand Ähnliches und nicht derselbe?«, hakte der Bürgermeister nach.
»Was soll mir da vorkommen? Seht doch selbst nach, ob er beide Ohren hat. Dem Dieb fehlte das linke Ohr.«
Der alte Mikołaj strich mit der Hand das lange Haar des Fremden zur Seite.
Als die Wache den Kirchenräuber ins vorläufige Gefängnis im Rathauskeller abführte, wandte der Verbrecher den Kopf und warf Wawrzek einen langen, unheimlichen Blick zu – den schrecklichen Blick eines Wolfs, der in der Falle sitzt. Seine Oberlippe zuckte, die Zähne blitzten auf …
»Auf Wiedersehen, Kleiner …«, sagte er halblaut.
Wawrzek riss ruckartig den Ellenbogen über den Kopf und vergrub sein erschrockenes Gesicht in den Falten seines Ärmels. Als er wieder aufblickte, war der Pilger verschwunden. Die Menge, die den Gefangenen zum Verlies unter dem Rathaus begleitete, verdeckte ihn bereits.
Noch lange wimmelte es auf dem Marktplatz wie in einem Ameisenhaufen; die aufgeschreckten Menschen diskutierten lebhaft über das Verbrechen und den Übeltäter.
»Hier, du hast bestimmt noch nichts zu Abend gegessen«, sprach dieselbe Frau Wawrzek an und drückte ihm eine Scheibe Brot mit Käse in die Hand.
Der Junge bedankte sich nicht einmal, sondern stürzte sich gierig auf das Essen. Mit angezogenen Beinen setzte er sich auf eine Handvoll verstreutes Stroh und aß so hastig, dass ihm die Ohren wackelten. Als der erste Hunger gestillt war, fielen ihm die Augen zu, und er schlief ein, ohne es zu merken.
Er schlief lange, aber unruhig: Im Traum sah er bald die schrecklichen Augen des Kirchenräubers, bald wollte er vor ihm fliehen, doch seine Beine schienen am Boden festgewachsen zu sein, während der Pilger ihn einholte und schon nach seinem Nacken griff.
Mit einem Schrei schreckte er auf und blickte sich verstört um. Der gesamte Marktplatz war voller Menschen, lag aber in tiefem Schweigen; alles schlief noch, obwohl der Morgen bereits im grauen Zwielicht dämmerte.
Plötzlich drangen vom Rathaus her erst einzelne, dann ein ganzer Chor verwirrter Stimmen herüber. Über allen ragte Mikołajs Bass heraus. Während die Leute bei den Wagen allmählich erwachten, wuchs das Getöse und kam näher. Etwas war geschehen … aber was?
Wawrzek verstand es nicht. Er riss die schlaftrunkenen Augen auf, sperrte den Mund weit auf und lauschte.
»Ach was … dummes Zeug …«, sagte jemand abwertend, »die Tür war doch mit einem Riegel verschlossen.«
»Wieso dummes Zeug? Der Wächter Mikołaj selbst hat doch …«
»Mikołaj hat das nur geträumt.«
»Das Fenstergitter ist durchgesägt worden!«, schrie ein Dritter herbei.
»Woher denn? Das Gitter ist doch dick. Er muss wohl eine gute Feile dabeigehabt und es durchgesägt haben.«
»Dass Mikołaj so fest schlafen konnte …«
»Er ist halt ein alter Mann; außerdem, wer hätte denn ahnen können …«
»Und das so schnell?«, wunderte sich eine Frau.
»Na ja, er hatte immerhin gut drei Stunden Zeit.«
»Haben sie die Gerichtsdiener hinterhergeschickt?«
»Neugierig, wohin? In den Wald? Ein Stein im Wasser.«
»Oje … wenn das der Bürgermeister erfährt!«
»Ach, der wird nicht weinen. An den heiligen Gefäßen ist kein Schaden entstanden, und Mikołaj wird er schon nicht den Kopf abreißen.«
»Aber der Hundesohn war flink!«
»Klarer Fall, mit dem Teufel im Bunde.«
»Hört ihr, Leute? Der Dieb ist in der Nacht durchs Fenster entkommen!«, verkündete der Messner die Nachricht, während er schleppenden Schrittes zum Pfarrhaus schlenderte.
»Tatsächlich? Ehrlich?«, wurden seine Worte lachend aufgenommen. »Aber was noch schlimmer ist: König Popiel haben die Mäuse gefressen!«
»Ha, ha, ha, ha!«
Wawrzek schaute und hörte zu … ihm drehte sich alles im Kopf, das Herz klopfte ihm vor Angst bis zum Hals, und in seinen Ohren hallten die zwei schrecklichen Worte nach: »Auf Wiedersehen, Kleiner.«
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