Kommissar Rosic – Band 1.11
Rodolphe Bringer
Kommissar Rosic
Band 1
Der Dolch aus Kristall
Kapitel 11: Rosic verliert fast den Verstand
Drei Stunden später befand sich Rosic wieder in Valence. Ein Auto hatte ihn zurückgebracht, in dem er, völlig erschöpft von der Müdigkeit, eingeschlafen war und schreckliche Träume gehabt hatte. Der Tag brach an; doch die Geschäfte, die Rosic zu besuchen gedachte, hatten noch nicht geöffnet. Sämtliche Hotels und Cafés hatten ihre Rollläden noch heruntergelassen. Rosic steuerte auf den Bahnhof zu, wo er zumindest in der Bahnhofsgaststätte eine Tasse heiße Schokolade bekommen konnte.
Die erste Person, die ihm begegnete, war der stellvertretende Bahnhofsvorsteher Guillenot, der ihm zurief: »Wissen Sie schon? Man hat die Jacke gefunden!«
»Wirklich? Und wann?«
»Gerade eben erst. Als ein Rangierer zum Dienst ging, hat er sie hinter dem Bahnhof, nahe der Gas-Brücke, entdeckt.«
»Gerade eben erst?!«, rief Rosic erstaunt aus.
»Kaum eine halbe Stunde her. Das Futter war zerrissen – der beste Beweis, dass sich Papiere darin befanden!«
»Und Sie sagen, man hat diese Jacke vor einer halben Stunde gefunden?«
»Ja.«
Da erinnerte sich Rosic, dass der angebliche T. D. Shap ihm am Vorabend gegen elf Uhr im Zug gesagt hatte, die Jacke liege – ihres Inhalts beraubt – hinter dem Bahnhof. Woher hätte er das wissen können, wenn er sie nicht selbst dort hingeworfen hatte?
Nein, ein Zweifel war unmöglich: Dieser berühmte Detektiv war in Wahrheit W.-R. Burnt! Im Übrigen sollte Rosic schon bald weitere Beweise dafür erhalten. Zunächst bei einem Herrenausstatter an der Porte-Neuve. Der Verkäufer erinnerte sich genau, am Vormittag einem Herrn in einem grünlichen Anzug und ohne Hut ein sogenanntes Suffolk-Reisekostüm aus gräulichem Stoff verkauft zu haben. Und nur eine halbe Stunde später, in einem Kaufhaus nahe dem Bahnhof, erkannte ein Angestellter den Koffer als denjenigen wieder, den er am Vortag an einen Reisenden im grauen Suffolk-Anzug verkauft hatte.
»Dieser Kunde hat sehr lange für die Auswahl gebraucht. Aber aufs Geld hat er nicht geschaut. Parbleu! Er suchte eben einen Koffer, der demjenigen mit den Papieren haargenau glich!«
Und Rosic fügte das gesamte Puzzle zusammen: Dieser verdammte Burnt schlich um ihn herum! Er hatte erfahren, dass man in Saint-Rambert seinen Koffer neben der Leiche von Joé Wistler entdeckt hatte. Diesen Koffer brauchte er so schnell wie möglich zurück! Also kaufte er einen identischen, folgte Rosic nach Saint-Rambert – oder kam ihm zuvor, völlig egal. Er stieg mit ihm in denselben Zug, in ein anderes Abteil und trat dann auf den Plan. Der leere Koffer musste im Korridor gestanden haben, und der Austausch war vollzogen worden – ah, wie meisterhaft! – während des Bruchteils einer Sekunde, in dem Rosic ihm beim Aussteigen den Rücken zugedreht hatte. Das war meisterhafte Arbeit.
Rosic konnte nicht umhin, sie zu bewundern. Mit so einem Burschen würde er noch viel Ärger haben. Aber er würde ihn sich greifen … ja, und sollte er bei dieser Aufgabe zugrunde gehen!
In Valence gab es für ihn nichts mehr zu tun. Er ging nicht einmal mehr zu M. Chaulvet. Wozu auch? Um zehn Uhr nahm er den Schnellzug nach Paris. Sein erster Weg nach der Ankunft führte ihn zur Sûreté. Es lag ihm am Herzen, eine der außergewöhnlichsten Behauptungen des angeblichen T. D. Shap zu überprüfen. Denn während der Fahrt waren ihm Zweifel gekommen: War dieser ganze Kriminalroman, den der falsche Detektiv ihm haarklein aufgetischt hatte, nicht vielleicht von A bis Z seiner Fantasie entsprungen? Hatte er nicht auch hier nur ein Spiel mit ihm treiben, seinen Scharfsinn täuschen, seine Ermittlungen auf eine falsche Fährte lenken wollen?
Gewiss, die Geschichte klang plausibel und deckte sich perfekt mit allem, was er bereits wusste. All diese Fakten, die von dem Mann unter der Identität von T. D. Shap aufgedeckt worden waren, fügten sich nahtlos zusammen und warfen ein helles Licht auf die dunkelsten Winkel dieses Mysteriums um Abteil B-14. Aber er hatte es mit einem extrem gerissenen Gegner zu tun. Hatte er da nicht jedes Recht, misstrauisch zu sein?
Am Boulevard du Palais angekommen, steuerte er direkt den Erkennungsdienst an. Man kannte ihn dort.
»Sieh mal an, unser trefflicher M. Rosic! Welcher gute Wind weht Sie denn her?«
»Kennen Sie einen gewissen Barnabé?«, fragte Rosic frei heraus.
Der Angestellte, der ihn begrüßt hatte – ein alter Hase im Geschäft –, kramte einen Moment in seinem Gedächtnis.
»Barnabé … Warten Sie mal … Ja, der Name ist mir nicht unbekannt. Barnabé … Jetzt hab ich’s! Barnabé … die Sache in Fontenay! Eine Villa, am helllichten Tag ausgeräumt … direkt unter den Augen des Pförtners! Ah, ja! Ein ganz Schlauer. Er wurde vor acht Jahren zu dreißig Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er müsste um diese Zeit in der Sträflingskolonie sitzen.«
»Es sei denn, er ist entkommen.«
»Das wüssten wir!«
»Hm … Hm …« Rosic wusste genau, wie der Hase lief und dass die verschiedenen Dienststellen ihre Informationen leider nur selten untereinander austauschten.
Er fragte: »Sie haben doch sicher ein Foto von diesem Herrn?«
»Aber natürlich!«
»Würden Sie es mir zeigen?«
Der Angestellte sah Rosic durchdringend an.
»Sie hecken doch wieder etwas aus. Oh, ich kenne Sie! Sie sind ein Gerissener. Und wenn Sie der Pariser Sûreté eins auswischen können, nehmen Sie keine Samthandschuhe an – nur um zu zeigen, dass man in Lyon genauso pfiffig ist wie hier!«
»Aber nein … keineswegs«, wiegelte Rosic ab.
Gewiss, unter allen anderen Umständen hätte ihm dieses indirekte Kompliment geschmeichelt. Doch unter den gegebenen Umständen wirkte es auf ihn wie bittere Ironie.
»Na schön!«, meinte der Angestellte. »Ich zeige Ihnen die sympathische Visage des besagten Barnabé. Freut mich, wenn es Ihnen nützt.«
Er wühlte in den Karteikästen, brauchte nicht lange und reichte Rosic Abzüge, auf die der Chef der Lyoner Sûreté sofort seinen Blick warf.
»Er ist es tatsächlich«, murmelte er.
Ein Irrtum war ausgeschlossen: Es war genau der Kopf, den man am Ufer der Isère gefunden hatte – derselbe Kopf, der so perfekt auf den geköpften Rumpf der Leiche aus Abteil B-14 passte. Burnt hatte ihn nicht belogen.
»Sie erkennen ihn also wieder?«, fragte der Angestellte.
»Ja. Und Sie können ihn aus Ihren Karteien streichen. Denn zum jetzigen Zeitpunkt stehen die Chancen gut, dass dieser Barnabé der Polizei keine Sorgen mehr macht.«
»Warum das?«
»Weil er tot ist.«
»Kein großer Verlust.«
»Ermordet in einem Luxuszug!«
»Ach, was Sie nicht sagen!«
Doch Rosic war nicht danach zu Mute, Geschichten zu erzählen. Er bedankte sich bei dem Beamten des Erkennungsdienstes und verließ das Gebäude. Es gab keinen Zweifel: Die Dinge hatten sich genauso abgespielt, wie Burnt es ihm geschildert hatte. Auf jeden Fall war dieser Burnt ein verdammt gerissener Hund.
Doch plötzlich durchzuckte ein Verdacht Rosics Verstand: Was, wenn es gar nicht Burnt gewesen war? Was, wenn es sich in Wahrheit doch um T. D. Shap handelte? Im Grunde war die Sache von enormer Tragweite, womöglich eine große Spionageaffäre! T. D. Shap hatte sie aufgeklärt … und er hätte nicht versucht, den vollen Ruhm dafür einzuheimsen? Dieser Burnt und dieser Wistler konnten sehr wohl Amerikaner sein. T. D. Shap war ihnen vielleicht auf der Spur gewesen. Aber ihm hatte der Koffer gefehlt … und den hatte er sich besorgt.
Polizisten spielten sich gegenseitig oft solche Streiche. Schließlich waren nur ein Bandit oder ein Polizist in der Lage, diesen Koffer mit solcher Raffinesse zu entwenden. Wäre dieser Burnt wirklich schlau genug gewesen, um so bemerkenswert zu arbeiten? Dieser Gedanke tröstete Rosic; er fand es weit weniger demütigend, von einem Kollegen hereingelegt worden zu sein – besonders wenn dieser Kollege zu den Koryphäen der Weltpolizei gehörte – als von einem einfachen Zivilisten. Er konnte sich rasch Gewissheit verschaffen, denn er hatte die Sûreté noch nicht verlassen. Dort kannte man T. D. Shap. Er würde sich einfach erkundigen. Sein Freund Ferroux würde ihn aus der Ungewissheit befreien. Er machte sich auf den Weg zum Büro seines Freundes.
»Sieh mal an, Rosic!«
»Ich bin’s.«
»Du bist also in unserer Gegend?«
»In privater Angelegenheit, ich fahre heute Abend wieder zurück.«
»Gibt es nichts Neues bei euch?«
»Nichts!«, erwiderte Rosic ziemlich trocken.
»Immer noch standhaft?«
»Man hält sich wacker. Aber das ist nicht der Punkt: Kennst du diesen amerikanischen Detektiv, von dem man so viel hört – T. D. Shap?«
»Und ob! Ich habe zwei- oder dreimal mit ihm zu Abend gegessen!«
»Könntest du mich ihm vorstellen?«
»Mein lieber Freund, dafür müsstest du schon nach New York reisen oder warten, bis er wieder nach Frankreich kommt!«
»Er ist also in seine Heimat zurückgekehrt?«
»Schon seit einem guten Monat!«
»Bist du dir da sicher?«
»So sicher, wie man nur sein kann, wenn man jemanden persönlich zum Bahnhof gebracht hat!«
Rosic biss sich auf die Lippen. Dann fragte er weiter: »Wie schade. Wie sah er denn aus?«
»Wer?«
»Dieser Shap!«
»Nun ja … klein, mager, glattrasiert. Aber warte mal!«
Ferroux kramte in seiner Tasche, zog seine Brieftasche heraus und entnahm ihr ein Foto:
»Da ist er … in voller Größe, nach dem Bankett, das wir für ihn veranstaltet haben. Du siehst ihn hier … direkt neben mir … dieser kleine Kerl.«
Rosic starrte auf die Fotografie.
»Der da?!«
»Ja!«
»Verdammt!«, entfuhr es ihm.
Es war offensichtlich: Der Herr aus dem Zug konnte unmöglich T. D. Shap sein. T. D. Shap war ein ganz kleiner Mann mit einem hageren, gerissenen Gesicht – das reinste Altweibergesicht! Und der andere …
Ferroux missverstand Rosics Ausruf jedoch.
»Ja«, meinte er, »nicht wahr? Man würde nie glauben, dass das ein Polizist ist, und doch ist er ein ganz Großer! Es hätte dich sicher gefreut, seine Bekanntschaft zu machen.«
»Sicherlich«, antwortete Rosic ausweichend. Doch er war gedanklich längst woanders. Es bestand kein Zweifel mehr: Es war tatsächlich Burnt gewesen, der ihn derart an der Nase herumgeführt hatte. Er drückte seinem Freund die Hand und verschwand.
Als er jedoch gerade die Brücke überquerte, wurde er beinahe von einem Ansturm von Zeitungsausträgern umgerannt, die mit dicken Zeitungspaketen unter dem Arm wie Verrückte rannten und wie Besessene schrien:
»Kaufen Sie den PARIS-MATIN! Dritte Ausgabe! Das Geheimnis von Abteil B-14!«
Rosic zuckte zusammen. Was … die Zeitungen berichteten bereits über diese Affäre – und bei der Sûreté hatte man ihm kein Wort davon gesagt?!
Er kaufte ein Exemplar, und die riesige Schlagzeile raubte ihm auf der Stelle den Atem:
DIE GEHEIMNISSE VON ABTEIL B-14
Ein Reisender betäubt und in die Rhône geworfen. – Ein Apache im Zug erwürgt. – Ein Kopf in der Isère. – Eine Leiche in Saint-Rambert. – Die gestohlene Jacke. – Der Kristalldolch. – M. Rosic, der berühmte Polizist, klärt diese Mysterien auf. – Was enthält der Koffer, der der Polizei in die Hände gefallen ist? – Morgen erfahren Sie es!
Rosic saß auf dem Rand des Brunnenbeckens am Place du Châtelet und las diesen merkwürdigen Artikel. Es war Wort für Wort all das, was ihm der angebliche T. D. Shap im Zug erklärt hatte – von dem er nun mit absoluter Sicherheit wusste, dass er W.-R. Burnt persönlich gewesen war.
Wer um alles in der Welt hatte dem PARIS-MATIN diese Informationen zugespielt?
Die Sûreté war es nicht gewesen, denn dort wusste man rein gar nichts von dieser Affäre; niemand hatte davon gesprochen, als er eben noch in ihren Büros gestanden hatte. Ohnehin konnte die Sûreté noch gar nichts von diesem Verbrechen im B-14 wissen. Er selbst war es ebenfalls nicht gewesen.
Wer dann? Wer sonst … als Burnt selbst!
Warum? Zu welchem Zweck? Warum ging dieser Mann, kaum dass er in Paris angekommen war und nachdem er Rosic den Koffer gestohlen hatte, nicht zur Polizei? Warum weihte er nicht die Justiz in seine Angelegenheiten ein, sondern lief stattdessen zu einer Zeitung und erzählte ihr haarklein diese ganze mysteriöse Geschichte? Und warum überließ er den gesamten Ruhm dafür ausgerechnet Rosic – Rosic, den er an der Nase herumgeführt, bestohlen und nach Strich und Faden lächerlich gemacht hatte? Wenn er ein Spion war, war das eine reichlich seltsame Art, Stillschweigen zu bewahren.
Denn es gab keinen Zweifel: Ausgerechnet Burnt – und kein anderer – hatte diesen Artikel verfasst. Rosic erkannte Redewendungen wieder, die er bereits im Zug gehört hatte. Doch sie waren allein gewesen, niemand hätte sie belauschen können. Was hatte das bloß zu bedeuten? Welches neue Geheimnis verbarg sich dahinter? Warum enthüllte dieser Mann, der alles getan hatte, um unerkannt zu bleiben, seine Angelegenheit ausgerechnet jetzt in aller Öffentlichkeit?
Rosic presste die Hände an den Kopf und hatte das Gefühl, den Verstand zu verlieren.
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