Sattelt die Pferde, Ronco ist zurück
Weston Crosmont (Werner Gronwald)
Ronco Band 1
Neuauflage
Von Wölfen gejagt
Western, Heftroman, Bastei, Köln, 18.10.2025, 68 Seiten, 2,40 EUR, Titelbild Günther König, mit einem Vorwort von Alfred Wallon
Klappentext:
Ein Gewehrschuss peitschte durch die Stille. Sofort zügelte Ronco seinen schwarzen Mustang. Das Pferd stolperte leicht. Ronco lauschte angespannt. War er in eine Falle geritten? Der Schuss kam aus der gleichen Richtung, die er eingeschlagen hatte, um seine Verfolger abzuschütteln. Ein Zurück gab es nicht mehr. Ronco musste den Steilhang hinauf, die schützenden Felsen erreichen. Wieder stolperte sein Pferd. Hatten sie ihn Meile um Meile durch die öde, glutheiße Ebene gejagt, um ihn jetzt völlig erschöpft in die Zange zu nehmen? War dies das Ende seiner monatelangen Flucht? Ronco spürte sein dunkles Schicksal mit jeder Faser. Er musste ruhig bleiben. Wie immer, wenn er dem Tod ins Handwerk pfuschte …
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Sattelt die Pferde, Ronco ist zurück
Warum sich das Warten auf die Bastei-Neuauflage gelohnt hat
Es gibt Romanhefte, die leise in Archiven verstauben – und es gibt Ronco. Unter echten Western-Fans genießt die Serie längst Kultstatus. Fast vier Jahrzehnte lang mussten Liebhaber darauf warten, dass der gejagte Held im klassischen Heftformat auf die Bildfläche zurückkehrt. Nun macht der Bastei-Verlag Nägel mit Köpfen und startet eine Neuauflage ab Band 1 – inklusive der charakteristischen Original-Cover von Günther König. Für Nostalgiker und Fans kompromissloser Western-Action ist das ein echter Grund zur Freude.
Beim Aufschlagen des ersten Heftes sollte man allerdings bedenken: Selbst die legendärsten Helden brauchen ein paar Meilen Anlauf, um voll in Fahrt zu kommen.
Band 1 Auf der Flucht, verfasst von Werner Gronwald unter dem Pseudonym Weston Grosmont, lässt trotzdem nichts anbrennen. Ronco entkommt dem knallharten Kopfgeldjäger Ron Devlin, befreit seinen Kumpan Eddy Wagner aus einer verlassenen Geisterstadt, schaltet Bankräuber aus, stößt auf eine reiche Goldader und verteidigt den Fund sogleich gegen gierige Rivalen.
Der Autor zieht alle Register und packt den Stoff ganzer Buchreihen in ein einziges Heft. Das Erzähltempo ist hoch und hält die Handlung auf Trab. Dass Kopfgeldjäger Devlin seinen Rechnungen am Ende ruhen lässt, weil ihn Roncos Zähigkeit beeindruckt, ist feinstes 70er-Jahre-Kino im Heftformat: In der Welt der Prärie zählte Respekt manchmal eben mehr als das Kopfgeld.
Schon auf den ersten Seiten wird klar, worin die größte Stärke der Serie liegt: in ihrer unverkennbaren Atmosphäre. Ronco entstand 1972 – mitten in der Hochphase des Spaghetti-Westerns. Statt sauberer Helden im blütenweißen Hut atmet die Reihe den dreckigen, rauen Geist von Sergio Leones Filmklassikern.
Für Genre-Fans ist das ein Fest, denn die Hommagen an die großen Vorbilder sind unübersehbar:
| • | Ronco selbst erinnert nicht zufällig an den jungen Terence Hill. |
| • | Ron Devlin ist mit seinem markanten Profil das spiegelbildliche Äquivalent zu Lee Van Cleef. |
| • | Eddy Wagner stimmt in brenzligen Momenten eine düstere Melodie an – eine liebevolle Verbeugung vor Charles Bronsons legendärem Mundharmonika-Motiv aus Spiel mir das Lied vom Tod. |
Dass Bastei die Reihe konsequent ab Nummer 1 neu auflegt, ist ein starkes Signal an die Community. Der Verlag vertraut auf den langen Atem seiner Leser – und das völlig zu Recht.
Denn Kenner wissen: Ihren eigentlichen Höhepunkt erreicht die Serie ab den Bänden 15 bis 20. Als der renommierte Autor Dietmar Kuegler das Ruder übernahm, verpasste er der Reihe einen durchdachten, epischen Handlungsbogen und machte Ronco zu einer der besten Westernserien im deutschsprachigen Raum.
Der erste Band ist der Auftakt zu einer langen Reise. Wer die frühen Hefte als charmantes Zeitzeugnis genießt und dabeibleibt, wird schon bald mit echten Sternstunden der Heftromankunst belohnt.
Also: Zügel fest im Griff halten, Western-Freaks – die besten Abenteuer liegen erst noch vor uns!
Leseprobe:
1
Auf der höchsten Felsterrasse des Steilhangs stolperte das schwarze Pferd erneut. Ronco hatte den Mustang die letzte Wegstrecke zu Fuß am Zügel heraufgeführt. Er redete ruhig und geduldig auf das erschöpfte Tier ein. Die Worte waren unwichtig, der Tonfall beruhigte das Pferd.
Sie mussten beide weiter. Hinter ihnen wehte die Staubfahne der Verfolger. Und dort unten auf der anderen Hangseite erwartete sie vermutlich auch nichts Gutes.
Ronco ließ die Zügel fallen und spähte zwischen zwei Felsen hindurch den Geröllhang hinab.
Was er sah, war eine Stadt – eine Geisterstadt!
Hitze flimmerte über der gespenstisch stillen Main Street. Die sengende Nachmittagssonne von New Mexico zeichnete die Schlagschatten der halbverfallenen Häuser und Hütten auf die morschen Brettergehsteige und auf die mit Unkraut überwachsenen Höfe.
Ein weiterer Schuss zerriss die Stille. Das war nun schon der fünfte in den vergangenen zehn Minuten. Ronco konnte weder den Schützen noch das Ziel seiner Kugeln sehen. Aber die Situation war klar, auch dort unten gab es Jäger und Gejagte.
Während Ronco in die Geisterstadt hinabsah, hatte er das Gefühl, dass eine unbarmherzige Macht des Schicksals ihn wieder mal höhnisch und brutal auf seine ausweglose Lage hinweisen wollte. Wohin er auch ritt, überall fand er Jäger und Gejagte. Und das war auch sein Schicksal. Er war auf der Flucht vor einem Albtraum, auf der Flucht vor menschlichen Raubtieren, die noch unbarmherziger waren als alle vorstellbaren Albträume.
Wieder peitschte ein Schuss durch die Stille. Die Kugel riss Splitter aus der Schwingtür des Saloons auf der rechten Straßenseite. Die eine Türhälfte pendelte ein paarmal wie von Geisterhand bewegt hin und her.
Aus dem Innern des Saloons war im nächsten Augenblick ein Poltern wie von einer Kegelkugel zu hören. Und dann rollte tatsächlich etwas unter der Schwingtür hervor ins Freie und blieb am Rand des Brettergehsteigs liegen.
Es war keine Kegelkugel, sondern ein Totenkopf. Der Schädel glänzte hell im Sonnenlicht, die Augenhöhlen waren schwarze Löcher, die Zähne des Toten schimmerten wie in einem grausig herausfordernden Grinsen über die Straße und dort hinüber, wo die Schützen im ehemaligen Hotel verschanzt lagen.
»Schaut euch das an, ihr Hundesöhne!«, rief eine kräftige Männerstimme aus dem Saloon. »Lasst mich in Frieden! Zieht ab! Oder wollt ihr, dass eure Schädel in ein paar Wochen hier ebenso schön und bleich herumliegen?«
Aus dem Hotel tönte ein raues Lachen über die Main Street.
»Immer zu Späßen aufgelegt, der alte Bastard! He, deine Frist läuft ab!«
Ein Schuss aus dem Saloon brachte den Mann im Hotel zum Schweigen.
Diesmal hatte Ronco den Mündungsblitz und den Gewehrlauf gesehen, der sofort wieder vorsichtig vom Fensterrahmen des Saloons außer Sicht gezogen wurde.
Ronco überlegte. Ein Gejagter und zwei Jäger. Ein Bandit, der von Männern des Gesetzes verfolgt wurde? Oder einer wie er, unschuldig gejagt und jetzt in der Falle?
Ronco schaute über die Schulter. Eine Bewegung, die ihm zur Gewohnheit geworden war, in den vielen Wochen und Monaten seit … Aber daran wollte er jetzt nicht denken, nicht an das Verhängnis, das hinter ihm lag und das drohend und düster sein Leben zu überschatten schien.
Er musste eine Entscheidung treffen. Sofort. Sollte er weiterziehen und sich hier irgendwo in einem Ausläufer der Rockies in einem Canyon verkriechen? Oder sollte er verharren und die Gefahr auf sich nehmen, zwischen zwei Fronten zu geraten?
Ronco, der große Mann mit dem verschlossen wirkenden Gesicht und den blauen Augen, die einen so überraschenden Kontrast zu seinem dunkel gebräunten Gesicht bildeten, griff in seine Hemdtasche. Etwas Silbernes blitzte auf seiner Handfläche, wirbelte durch die Luft und fiel lautlos in den Sand. Ein aus dem Silber geprägter Frauenkopf auf dem Medaillon schien zu Ronco hinaufzulächeln. Gütig und verheißungsvoll.
»Du hast gewonnen«, sagte Ronco leise, während er das Silbermedaillon aufhob und wieder in die Tasche zurückschob.
Solange er zurückdenken konnte, begleitete ihn dieser Talisman. Eine Erinnerung an eine sehr weit zurückliegende Vergangenheit, die für ihn wohl immer in geheimnisvolles Dunkel gehüllt bleiben sollte. Wenn er die Münze hochwarf und ihm danach der Frauenkopf zulächelte, sah er das als eine Aufforderung an, nicht weiter zu fliehen. Seit er auf der Flucht war, hatte er erst viermal das Medaillon um Rat gefragt. Nur einmal hatte ihm der Frauenkopf bisher zugelächelt, und das hatte ihm tatsächlich Glück gebracht.
Bevor er seinen Beobachterposten verließ, warf Ronco einen letzten Blick zurück. Die Staubwolke war näher gerückt. Aber seine Verfolger waren noch unten in der Sandwüste, bevor die Felswildnis begann. In einer Stunde konnten sie hier sein, wenn sie auf seiner Fährte blieben. Und daran zweifelte er nicht.
2
Die beiden Männer, die im Vorraum des Hotels lauerten, nannten sich Wilford und Pecos. Sie gehörten der Bande von Black Joe Howard an, die vor einigen Tagen einen missglückten Überfall auf die Bank von Gilmore City unternommen hatte. Zurück blieben ein erschossener Kassierer hinter dem Bankschalter und zwei tote Banditen auf der Main Street von Gilmore City. Der Rest der Bande teilte sich auf und verschwand.
Wilford und Pecos hatten den kürzesten, aber gefährlichsten Fluchtweg gewählt. Durch die Wüste, in die Felswildnis der Südausläufer der Rocky Mountains hinein. Ein Pferd mit gebrochenem Vorderbein hatten sie erschießen müssen, das andere hatten sie gemeinsam zuschanden geritten.
Die drei Maultiere des Goldsuchers drüben im Anbau hinter dem Saloon waren genau das, was Wilford und Pecos jetzt brauchten. Aber dieser Eddy Wagner war ein harter, zäher Brocken, er wollte einfach nicht einsehen, dass zwei Männer mehr Lebensrecht besaßen als einer. Also musste Eddy Wagner sterben. So eindeutig waren die Gesetze, an die Wilford und Pecos glaubten.
»Anderthalb Stunden noch, höchstens zwei, dann ist es dunkel«, sagte Wilford.
»Wir werden den Bastard ausräuchern müssen«, meinte Pecos.
»Aber die Maultiere.«
»Das könnte zum Problem werden«, gab Pecos zu.
Sie saßen auf zwei klapprigen Korbstühlen im Vorraum des Hotels. Pecos beobachtete die linke Seite der Main Street, Wilford die rechte. Beide hatten ihre schussbereiten Gewehre über den Schenkeln liegen, und beide trugen Revolver in ihren Holstern.
Aber sie hatten nicht nur das Problem mit den Maultieren, sondern noch ein anderes. Munition. Zusammen besaßen sie noch vierzig Patronen, davon nur fünfzehn für die Gewehre. Doch die Zeit arbeitete für sie. Die Zeit und die näher rückende Dunkelheit. So glaubten sie.
Und das glaubte auch Eddy Wagner drüben im Saloon. Er machte sich keine Illusionen über seine Überlebenschancen. Jemand mit einem makabren Sinn für Humor hatte irgendwann den Totenschädel auf die noch gut erhaltene Theke des Saloons und auf ein ebenso gut erhaltenes Whiskyfässchen gestellt. Von dort hatte der Totenschädel in die düstere Leere des Saloons gegrinst, bis ihn Eddy Wagner in einem Anfall von verzweifeltem Galgenhumor gepackt und ins Freie geschleudert hatte.
Hinter sich im Anbau des Saloons hörte Eddy die drei Maultiere rumoren und schnauben. Die Tiere waren durstig und daher unruhig. Zusammen mit den Werkzeugen und Vorräten in den Packsäcken und Satteltaschen waren diese Maultiere der wichtigste Besitz des Goldsuchers, der mit seinen vierzig Jahren noch immer dem Traum von einem großen Goldfund nachjagte.
Drüben, hinter einem der dunklen Fensterlöcher im Hotel, regte sich wieder etwas. Reflexartig riss Eddy Wagner die Winchester hoch, zielte und schoss.
»Einen von euch nehme ich mit!«, rief er. »Einen oder euch beide! Und meine Maultiere bekommt ihr niemals, ihr Hurensöhne! Lieber gebe ich den Viechern den Gnadenschuss!«
Drüben im staubigen Hotel fluchte Wilford immer noch leise vor sich hin und löste mit Daumen und Zeigefinger vorsichtig einen Holzsplitter aus seiner fleischigen Wange dicht unter dem linken Auge. Eddys Gewehrkugel hatte diesen Splitter aus dem Fensterrahmen gerissen und war hinter den beiden in die nach oben führende Holztreppe geschlagen.
»Der Kerl ist dazu imstande«, kommentierte er Eddys Drohung. »Ehe wir ihn unschädlich machen können, bringt er noch die Tiere um. Und was dann?«
»Vielleicht sollten wir es anders versuchen«, schlug Pecos vor. Ohne eine Antwort seines dicklichen Komplizen abzuwarten, rief der spindeldürre Pecos über die stille Main Street hinweg: »Hör zu, Oldtimer! Wir haben einen Vorschlag. Keine zwei Meilen von hier entfernt liegen zwanzigtausend Dollar. Unser Beuteanteil. Wir reiten zusammen hinaus, und du bekommst die Hälfte, wenn du uns zwei Maultiere überlässt.«
»Damit kannst du dir ein ganzes Rudel Maultiere kaufen!«, ergänzte Wilford und blinzelte seinem Komplizen zu. »Und du kannst dir eine nagelneue Ausrüstung für deine nächste Goldsuche kaufen. Ist das ein gutes Angebot?«
Falls sich Pecos und Wilford gerade für besonders schlau hielten, wurden sie im nächsten Augenblick enttäuscht. Aus dem Saloon herüber schallte nur ein verächtliches Lachen. Eddy fand es nicht einmal der Mühe wert, auf diesen billigen Trick zu antworten.
Aber Ronco wusste nun Bescheid. Der Gejagte war offenbar ein alter Prospektor, und seine Jäger waren zwei Banditen.
Mit der Geduld, die er von seinem Lehrmeister Little Friend, einem Apachen, gelernt hatte, war Ronco inzwischen leise und ungesehen in die Bachsenke hinabgestiegen, die sich dicht hinter der verlassenen Goldgräberstadt nach Südwesten erstreckte. Damit Wildcat ihn nicht verriet, hatte er dessen Hufe mit Lappen umwickelt.
Pferd und Reiter hatten aus dem dünnen Rinnsal getrunken, in das sich der Fortune Creek zu dieser Jahreszeit verwandelt hatte.
Das Hotel lag ziemlich genau in der Mitte der Main Street. Von seiner augenblicklichen Position hinter dem Mietstall konnte Ronco gerade noch die Inschrift auf dem verwitterten Schild über der Veranda erkennen.
FORTUNE HOTEL
Fortune. Glück. Genau das werde ich jetzt brauchen, dachte Ronco. Mehr Glück als all die Männer, die hier einmal in dem steinigen Bachbett und weiter oben zwischen den Felsklippen nach der einen großen Goldader gesucht hatten, die sie aus Armut und Not hatten befreien sollen.
Weder krachte ein Gewehrschuss, und gleich darauf rief einer der Banditen aus dem Hotel: »Nimm Vernunft an, Oldtimer! Unser Angebot gilt noch!«
Während die Echos des Schusses noch von den Felsen widerhallten, war Ronco schon in dem schmalen Durchgang, zwei Häuser vom Hotel entfernt. Der Totenschädel vor dem Saloon grinste zu ihm herüber. Ronco legte sein Gewehr an und schoss. Der Totenschädel flog zurück, zusätzlich zu den Augenhöhlen war jetzt noch mitten auf der Knochenstirn ein kreisrundes Loch.

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