Adalbert von Geiersberg – Kapitel 1
Adalbert von Geiersberg
genannt: Der Ritter von Habenichts,
ein Zauberzwerg namens Mossul sowie Meschhed, die Amazonenkönigin – das schönste Weib auf Erden und zugleich die furchtbarste Zauberin des Morgenlandes.
Eine abenteuerliche und höchst wundersame Geschichte aus der Zeit der Kreuzzüge nach Jerusalem.
Altötting und Burghausen, um 1860
Verlag der J. Lutzenberger’schen Buchhandlung
Der Ritter von Habenichts
Am Hofe des Kaisers hatte Adalbert, eine arme junge Doppelwaise, vier Jahre verlebt, in zwei Feldzügen ruhmvoll gekämpft und schließlich im Alter von 24 Jahren von einem kinderlosen Oheim die Burg Geiersberg im Rheingau geerbt, die er jedoch noch nie gesehen hatte. Zur Belohnung für seine mit großer Auszeichnung geleisteten Dienste erteilte ihm der Kaiser auf feierliche Weise den Ritterschlag, schenkte ihm zwei vortreffliche Pferde sowie etwas Geld und entließ ihn mit den huldvollsten Zusicherungen seiner kaiserlichen Gnade, damit er nun auf seine Burg ziehen und dort als Ritter leben könne. Er gab ihm zudem noch Aufträge an den reichen und mächtigen Grafen Erich von Greifenklau – den Besitzer von sechs prächtigen Burgen – und an den Erzbischof Siegfried von Epstein in Mainz, die er noch vor dem Einzug in seine Burg schleunigst zu erledigen hatte.
Als Adalbert, auf Kosten des Kaisers ausgerüstet, Abschied nahm, war auch die Kaiserin mit ihrer einzigen Tochter anwesend: der wunderschönen Prinzessin Hedwig. Sie liebte Adalbert, den schönsten Ritter am kaiserlichen Hof, unendlich. Er wusste, dass auch sie ihn liebte, obwohl beide davon überzeugt waren, dass diese Liebe ewig hoffnungslos bleiben würde. Sie hatten sich ihre Liebe bei einem Festbankett gestanden, als sie miteinander tanzten. Adalbert hatte ihr gelobt, niemals zu heiraten – selbst wenn sie nach dem Willen des Kaisers eine Ehe eingehen müsste.
»Es könnten sich Dinge ereignen«, hatte er zur Prinzessin gesagt, »von denen wir jetzt noch gar keine Ahnung haben und die das Unmögliche möglich machen könnten – wovon es gar manche Beispiele gibt. Sie möge nur jeden Heiratsantrag zu vereiteln suchen. Das gelingt am besten, wenn sie erklärt, das Gelübde abgelegt zu haben, keinem Freier die Hand zu reichen, der nicht als Kreuzfahrer am Grabe des Erlösers gebetet hat. Manche ihrer Freier werden den Zug unter irgendeinem Vorwand gar nicht erst unternehmen, manche auch gar nicht mehr zurückkommen.«
»Ihr werdet also auch in das Gelobte Land ziehen, Adalbert?«
»Ja, sonst würde ich Eure Bedingung ja nicht erfüllen, meine angebetete Hedwig!«
»Wenn Ihr aber den Tod fändet?«
»Dann bin ich für Euch gestorben.«
»Ich würde Euch bald in das Grab folgen; diesen Verlust könnte ich nicht überleben.«
»Gott und meine Liebe werden mich beschützen!«
»Und ich werde täglich für Euch beten.«
Zur Stunde des Abschieds war der Kaiser sehr huldvoll gegenüber Adalbert.
»Ungern entlasse ich Euch von meinem Hof, dessen Zierde Ihr gewesen seid, Adalbert«, sprach er. »Allein Ihr müsst Euch doch auf Eurer Burg umsehen, auf dass Euch bald eine schöne und reiche Hausfrau das langweilige Burgleben versüße!«
»Gnädigster Kaiser«, erwiderte der Ritter mit einer tiefen Verbeugung – ohne dass ihm die plötzliche Blässe in Hedwigs Antlitz entging, die mit Angst auf seine Antwort zu warten schien –, »ich bin noch viel zu jung und habe noch viel zu wenig Ritterwürdiges geleistet, um jetzt schon an eine Ehefrau zu denken.«
»Wenn Ihr vielleicht, Ritter«, sagte die Kaiserin, »Euer Herz bei irgendeiner Dame unseres Hofes zurücklasst, dann wendet Euch getrost an mich, sobald Ihr die Zeit für gekommen erachtet, eine Burgfrau heimzuführen. Ich werde als Eure Vermittlerin nicht eher ruhen, bis ich die von Eurem Herzen Gewählte in Eure Arme führen kann.«
»Gnädigste Kaiserin, Eure Verheißung macht mich zum glücklichsten Mann! Ich bitte Euch inständig, dieser Stunde und Eures huldreichen Versprechens immer eingedenk zu bleiben«, versetzte Adalbert.
»Ja, so wahr mir Gott helfe!«, sagte die Kaiserin feierlich.
Ein Hoffnungsstrahl verklärte Hedwigs schöne Augen. Sie hatte den freudigen Eindruck der Worte ihrer Mutter auf den Geliebten wohl bemerkt und war überzeugt, dass er sie zu seiner Zeit gewiss an ihr Versprechen erinnern werde.
»Was gedenkt Ihr zunächst auf Eurer Burg zu tun, Ritter?«, fragte der Kaiser.
»Meine Burg, wohin ich meinen treuen Diener Georg voraussende, werde ich erst nach der Erfüllung der Aufträge besuchen, mit denen mein gnädigster Kaiser mich beehrt hat. Nach kurzem Verweilen auf meiner Burg will ich mich dem bevorstehenden Kreuzzug in das Gelobte Land anschließen und erst nach meiner glücklichen Rückkehr – sofern Gott mir diese verleihen mag – an ein ruhiges Leben am häuslichen Herd denken.«
»Diesen ritterlichen Entschluss lobe ich höchlich«, entgegnete der Kaiser. »Es ist jetzt wirklich für jeden gesunden und kräftigen Ritter eine Schmach, nicht für das Heilige Kreuz und das Heilige Grab gekämpft zu haben. Gott sei mit Euch!«
Der Kaiser nickte ihm freundlich zu und erhob sich von seinem Thronstuhl; und ebenso machten es die Kaiserin und Hedwig, zum Zeichen der Verabschiedung des Ritters, der noch die Gnade eines Handkusses erhielt. Es versteht sich wohl von selbst, dass die beiden Liebenden sich bei dieser Gelegenheit herzlich die Hand drückten.
Vor dem Tor der kaiserlichen Burg wartete bereits Georg mit zwei Rossen – Geschenke aus dem Marstall des Kaisers. Das für Adalbert bestimmte Pferd war ein kräftiger, feuriger Hengst: ein türkischer Schimmel, reich geschirrt, aber so ungestüm, dass ihn der starke Georg kaum zu halten vermochte. Der Kaiser, die Kaiserin und Hedwig erschienen auf dem Balkon, um den Ritter fortreiten zu sehen. Eine große Menge von Zuschauern umstand den herrlichen Schimmel, der sich wie rasend gebärdete, in gehörigem Abstand – aus Angst, von seinen Hufen zerschmettert zu werden.
»Nehmt Euch vor dem Schimmel in Acht, Ritter Adalbert!«, rief der Kaiser vom Balkon hinunter. »Er hat noch nie einen Reiter im Sattel geduldet und meine Besten abgeworfen!«
»Gnädigster Kaiser«, erwiderte der Ritter, »ich danke Euch für Eure Warnung! Aber mich hat noch nie ein Ross abgeworfen, und auch diesem Schimmel soll es nicht gelingen.«
Er packte das Tier plötzlich unter der Kinnkette mit einem gewaltigen Druck auf die Luftröhre und schwang sich blitzschnell in den Sattel. Nun aber machte das Ross mit dem ganzen Leib einen furchtbaren Quersprung, schlug vorne und hinten aus und stieg dann senkrecht in die Höhe, als wollte es sich rückwärts überstürzen. Hedwig stieß auf dem Balkon einen Schrei des Schreckens aus, der sein Echo in der Menge fand. Aber der Ritter verstand es, das Tier so zu bändigen, dass es sich geduldig seiner Führung fügte. Er zeigte noch allerlei zierliche und kühne Reiterkünste auf dem weiten Burgplatz, ritt dann mit tiefer Verbeugung am Balkon vorüber – wo er die Worte des Kaisers vernahm:
»Ritter Adalbert, Ihr seid ein verwegener Reiter!« –, erhielt noch einen Blick der zärtlichsten Liebe aus Hedwigs Augen und sprengte hierauf von dannen, gefolgt vom treuen Georg. In diesem Augenblick meinte er, der reichste Ritter auf Erden zu sein, ohne eine Ahnung davon zu haben, dass er in Wahrheit der Ritter von Habenichts war.
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