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Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges 36

Max Klose
Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges
Mit zahlreichen Abbildungen aus dem Riesengebirge
Verlag von Brieger & Gilbers. Schweidnitz (Świdnica). 1887.
Überarbeitete Fassung

XI.Bolkenhain und Schweinhaus

1. Die Bolkoburg und Bolkenhain

Die Bolkoburg hat ihren Namen nach dem Erbauer, dem heidnischen Fürsten Bulko oder Bolko, erhalten, welcher dort eine Burg (807) und um diese einen heiligen Hain anlegte, den er dem Götzen Mars weihte. Die Sage berichtet, dass Kaiser Karls des Großen Sohn, König Ludwig, in seinen großen Kriegen gegen die Polen und Böhmen bis zur Bolkoburg vorgedrungen sei, dort die heidnischen Götzen zerstört und an der Stelle des Marshains einen Flecken gegründet habe, welchen er Bulkohain nannte.

Nach einer anderen Sage soll der Name von Bolus herrühren – eine Bezeichnung für lemnische Erde oder Farbenton, der in der Nähe des Ortes gegraben wurde.

Eine dritte Auslegung nennt Herzog Bolko I. von Schweidnitz als Erbauer und Namensgeber der Burg, die 1614 von den Schweden niedergebrannt wurde.

2. Der Hungerturm

Aus den Ruinen der Bolkoburg ragt noch heute ein 160 Fuß hoher Turm hervor, welcher schon in der Heidenzeit erbaut wurde. Dieser trägt den Namen Hungerturm. In der Tiefe desselben befindet sich das Burgverlies, in welchem zur Mitternachtsstunde ein unheimliches Gewimmer wahrzunehmen ist, wenn die geisterhaften Fledermäuse um die Burg fliegen.

3. Die eingemauerte Prinzessin

In der Mauer des Hungerturmes auf der Bolkoburg wird eine Vertiefung gezeigt, in welcher einst zur Strafe eine Prinzessin lebendig eingemauert worden sein soll, die sich gegen das sechste Gebot in widernatürlichster Weise vergangen hatte. Vor zweihundert Jahren sind noch die Knochen der armen Sünderin im Mauerwerk gefunden worden.

4. Der versteinerte Wein

In einer Mauerlücke des Hungerturmes soll man vor vielen Jahren nicht nur ein versteinertes Brot, sondern auch eine Flasche aufgefunden haben, deren Inhalt zu Stein geworden war. Daraus kann man auf das hohe Alter des Hungerturmes schließen!

5. Die Schätze in der Bolkoburg

Die Burgherren der Bolkoburg haben in den festen Kellern große Schätze verborgen und eingemauert. Diese sind jedoch so gut verwahrt und von unsichtbaren Geistern bewacht, dass selbst die Rutengänger vergebens mit der Wünschelrute angeschlagen haben. Wer die Schätze einst entdeckt, darf sie nur mit unbescholtener Hand berühren, sonst ist er des Todes.

6. Herzog Boleslaus und der Narr

Als einst Herzog Boleslaus von Frankenstein auf der Bolkoburg von Langeweile geplagt wurde, rief er seinen Hofnarren, einen schwachsinnigen Menschen namens Jakob Thau, herbei, um sich mit ihm die Zeit zu vertreiben. Er quälte den Narren jedoch mit Wort und Tat, bis dieser ergrimmte. An solch ohnmächtigem Zorn hatte der Herr seine Freude; der andere schäumte jedoch vor Wut und warf seinem Quälgeist einen Stein an die Schläfe. Tödlich getroffen sank der Herzog zu Boden und rief aus: »Thau, ich bin der größere Narr von uns beiden gewesen, und dir soll aus Anlass meines Todes kein Haar gekrümmt werden!«

Der Herzog starb bald darauf an seiner Verwundung. Seiner letztwilligen Bestimmung gemäß ging der Narr jedoch straflos aus.

7. Die Tartaren vor Bolkenhain

Im Jahre 1241 zogen die Tartaren vor Bolkenhain und bedrängten das Städtchen hart. Die Bolkenhainer hätten die anstürmenden Feinde gewiss nicht abwehren können; doch die Tempelherren, welchen der Gemahl der heiligen Hedwig (Heinrich I. der Bärtige) im Jahre 1206 den Steinhof zu Bolkenhain für ewige Zeiten zu eigen gegeben hatte, verteidigten die geängstigte Stadt mit großer Tapferkeit und schlugen die Angriffe der Tartaren ab. Die wackeren Templer erlitten in dem Kampfe jedoch schwere Verluste, sodass nur sechs von ihnen am Leben blieben. Die Bolkenhainer schworen ihnen dafür ewige Dankbarkeit.

8. Die Vertreibung der Tempelherren

Die Templer saßen auf dem Steinhofe zu Bolkenhain bis zum Jahre 1313. Damals geriet der Stadtpfarrer zu St. Hedwig, Reinko, mit ihnen in Streit und soll die Bürger in schrecklicher Weise gegen sie aufgestachelt haben. Diese fielen über die Herren her, erschlugen am Obertor den greisen Komtur und jagten die anderen aus der Stadt. Der Komtur wurde an der Stelle begraben, wo er seinen Tod gefunden hatte, und noch heute ist dort an einem Haus das eiserne Kreuz zu sehen, das zur Erinnerung an den Mord eingefügt worden ist.

10. Frau Bürgermeister Schuller

In Bolkenhain soll durch eine schlechte Tat einmal eine Tote erweckt worden sein. Die Sage erzählt, dass Anno 1553 die schöne Frau des Bürgermeisters Schuller, die kaum vierundzwanzig Jahre zählte, im Kindbett gestorben sei. Der Bürgermeister hatte sein Weib jedoch abgöttisch geliebt und geriet durch ihr Ableben fast in Verzweiflung. Er ordnete deshalb an, dass die Verstorbene mit den größten Ehren begraben und in einem weißen Samtkleid, geziert mit prächtigem Goldschmuck, eingesargt werde. Die Bolkenhainer, welche zur Leichenschau herbeiströmten, staunten über die reichen Kleinodien, und der Totengräber Philipp Benedig nahm sich vor, die Leiche zu berauben. Er ging des Nachts auf den Friedhof, schlug das Grabgewölbe ein und öffnete den Sarg. Mit Eifer riss er die Schmucksachen vom Leichenkleid; plötzlich aber ergriff die kalte Hand der Toten seine Rechte. Schreck und Grauen vertrieben ihn, und er vergaß an der Gruft sogar seine Laterne. Die junge Frau, die nur scheintot gewesen war, richtete sich auf, begab sich in die Begräbniskirche und zündete mit der Laterne des Totengräbers die Kerzen am Hochaltar an. Auf den Altarstufen verharrte sie dann in innigem Dankgebet zu Gott für ihre sonderbare Errettung. Draußen gewahrte der Nachtwächter mit Grauen die Beleuchtung in der Friedhofskirche, eilte zum Bürgermeister und meldete den Geisterspuk. Als man die Kirche aufschloss, eilte die vermeintlich Tote in die Arme ihres Gatten. Der Totengräber blieb für sein Verbrechen nicht nur unbestraft, sondern der glückliche Bürgermeister, der sich zu Dank verpflichtet glaubte, schenkte dem Leichenräuber auch die geraubten Schmucksachen. Die Frau Bürgermeisterin lebte noch lange Jahre glücklich mit ihrem Gatten; ihre Gesichtsfarbe blieb jedoch bis zu ihrem späten Tode leichenblass.

Nach einer anderen Sage soll die scheintote Frau der Gruft entstiegen sein und sich mit der Laterne des Totengräbers nach Hause geleuchtet haben, wo ihre Magd vor Schreck bei ihrem Anblick starb. Ihr Gemahl wurde ebenfalls von gewaltigem Grauen gepackt, erkannte aber bald, dass er es nicht mit einem Geist, sondern mit seinem leibhaftigen Weibe zu tun hatte, und dankte Gott innig für die wunderbare Rettung.

10. Benjamin Scholz

Als die Türken im Jahre 1683 vor Wien lagen, arbeitete der Bäckergeselle Benjamin Scholz aus Bolkenhain bei einem dortigen Meister. Eines Morgens war er allein in der Werkstatt und vernahm ein Geräusch, das ihm aus der Tiefe des Fußbodens zu kommen schien. Er horchte auf und wurde in seiner Vermutung bestärkt. Als er auch noch die Würfel auf einer Trommel tanzen sah, ohne dass sie von Menschenhand berührt wurden, eilte er zum Befehlshaber der Stadt und berichtete atemlos von seiner Wahrnehmung. Sofort eingeleitete Nachgrabungen legten eine feindliche Mine bloß, die schon bis in die Mitte der Stadt getrieben worden war. Die türkischen Mineure wurden gefangen genommen oder erschlagen und der Minengang geräumt. Den Bäckergesellen Benjamin Scholz stellte der Befehlshaber dem Kaiser als Retter Wiens vor. Dieser schenkte dem wackeren Bolkenhainer eine goldene Halskette, Geld und das freie Bürgerrecht in seiner Vaterstadt. Die Bolkenhainer waren stolz auf ihren Mitbürger und wählten ihn auf Lebenszeit in den Rat der Stadt.

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