Im Schatten des Vollmonds I
Im Schatten des Vollmonds I
Weshalb der Werwolf im Horror-Filmgenre benachteiligt ist
Im Vergleich zu anderen klassischen Filmunholden der Kinogeschichte werden Werwölfe, um aufrichtig zu sein, häufig vernachlässigt. Während sich Vampire und Untote auf zahlreiche legendäre Werke berufen können und Geister beziehungsweise Hexen ohnehin allerorts präsent sind, erweisen sich hervorragende Lykanthropen-Produktionen auf der großen Leinwand als eine Rarität. Die Gründe hierfür werden im folgenden Beitrag analysiert.
Allerdings zählt der Werwolf zu den ältesten sowie weltweit am häufigsten verbreiteten Wesen der volkstümlichen Überlieferung. Sein modernes Fundament erstreckt sich bis zur antiken griechischen Schrifttradition, bevor er sich zu einer zentralen Figur in europäischen mündlich überlieferten Erzählungen entwickelte und die Menschheit am Feuer mit Besorgnis erfüllte. Gegenwärtig begegnet man der Gestalt des Werwolfs in praktisch allen kulturellen Regionen – vom nordischen Úlfheðinn bis zum östlichen Werewolf – und unterstreicht die menschliche Leidenschaft für die Vermischung von Mensch und Tier. Allerdings treten Werwölfe auf der Leinwand deutlich seltener – und zumeist weniger erfolgreich – auf als erheblich neuere Nachtgeschöpfe wie zum Beispiel der Vampir.
Bereits der erste Versuch von Universal Pictures, den Werwolf ins Kino zu bringen, stellte sich als erfolglos dar: Werewolf of London (1935) war ein finanzieller Misserfolg und verschwand völlig neben den herausragenden Meisterwerken jener Epoche wie Dracula oder Frankenstein. Dieses anfängliche Scheitern sollte sich als charakteristisch für die gesamte Filmgeschichte dieses Genres erweisen. Das Studio kehrte zwar einige Jahre später mit Der Wolfsmensch (The Wolf Man, 1941) zur Thematik zurück und erhielt positivere Kritiken, wodurch die Grundzüge der klassischen Werwolf-Ikonografie im Film geschaffen wurden. Dennoch wird dieser Film selten in der gleichen Kategorie wie Universals bedeutendsten Monster-Produktionen eingeordnet. Stattdessen verbleibt er häufig in der Nachbarschaft etablierterer Horrormeisterwerke.
Möglicherweise ist dieser ungünstige filmische Anfang dafür verantwortlich, dass Werwölfe niemals die uneingeschränkte Dominanz im Horrorkino erlangen konnten, die andere Monumente für sich reklamieren. Der kommerzielle Rückschlag der frühen Verfilmungen führte zu reduzierten Mitteln für das Genre und beeinflusste die gesellschaftliche Wahrnehmung nachhaltig. Mit Ausnahme einer kurzen, aber bemerkenswerten Aufschwungphase in den 1980er-Jahren – in welcher gleich drei einflussreiche Werwolf-Filme in einem einzelnen Jahr veröffentlicht wurden und das Subgenre vorübergehend neubelebten –, ist die kinotechnische Produktion der Mondbestien im Verhältnis zur bluttrinkenden Rivalität eher überschaubar. Dieses Jahrzehnt offenbarte indessen, dass das Leistungsvermögen des Genres längst nicht völlig ausgeschöpft war. Und im Grunde genommen: Ein beträchtlicher Anteil dieser Arbeiten ist schlicht minderwertig, und nicht selten tragen solche fehlgeschlagenen Unternehmungen bedeutsam zur Verachtung des Genres bei.
Häufig werden Werwölfe in Filmproduktionen zur Nebensache herabgestuft – nicht infrequent lediglich als dekorative Elemente oder als Gegenspieler zu vermeintlich reizvollerem Ungeheuer. Das deutlichste Musterbeispiel hierfür ist vermutlich das Twilight-Universum, das eine äußerst problematische Darstellung der Werwolf-Tradition anbot. Dort spielten die Lykanthropen nur eine untergeordnete Funktion und dienten als schmückendes Zubehör für jene funkelnden Vampire, welche als eigentliche Zentralfiguren die Bühne übernahmen und damit vielen Generationen die Perspektive auf das Genre langfristig präfiguriert haben. Diese Tendenz zur Marginalisierung setzt sich bis in die Gegenwart fort und trägt erheblich zur gesellschaftlichen Unterschätzung des Werwolfs bei.
Trotz all dieser Nachtseiten existiert auch außergewöhnliches Licht: Wenn ein Werwolf-Film wirklich ausgezeichnet ist, entwickelt er eine geradezu berauschende Anziehungskraft. Der Kern der meisten Werwolf-Erzählungen besteht aus profunden Tragödien – mehr als zahlreiche übrige Horrorfilme. Die zentralen Personen sind zumeist simple Menschen, deren Transmutation sie in einen entsetzlichen, körperlichen wie psychischen Zusammenbruch treibt. Diese fundamentale Komponente verleiht dem Genre eine psychologische Komplexität, die vergleichbare Horrorformate oft entbehren.
Der Biss eines Werwolfs fungiert als wirkungsvolle Repräsentation für nicht beherrschbare Entwicklungen: von Leiden über die Flegeljahre bis hin zur unaufhaltsamen zeitlichen Verfall. Besonders diese Mehrdeutigkeit macht das Genre derart beachtenswert und facettenreich. Am meisten fesseln diese Filme, wenn sie ohne Rücksicht bloßlegen, inwiefern dieser grauenhafte Zustand die befallene Person innen zerfetzt und ihr die Grundzüge der Menschlichkeit beraubt. Die Hoffnungslosigkeit, die Machtlosigkeit und die progressive Entmenschlichung generieren eine emotionale Kraft, die sich tief ins Gedächtnis des Publikums einprägt.
Dies besagt nicht, dass das Subgenre ausschließlich aus düsteren Persönlichkeitsstudien besteht. Das Genre demonstriert eine außerordentliche Spannbreite und Variabilität. Welcher könnte die blutigen Action-Spektakel wie Dog Soldiers oder die kultverdächtigen Humorfilme wie Teen Wolf ignorieren? Manchmal haben wir als Publikum einfach nur den Wunsch, einem Wolfsmensch völlig ungezügelt durch eine Gruppe von Opfern verwüsten zu sehen – und zum Glück wissen etliche Vertreter des Genres solch einen blutigen Appetit zu befriedigen. Diese Verschiedenartigkeit sollte das Werwolf-Genre als Vorteil etablieren, nicht als Mangel.
Es wird daher Zeit, den Werwölfen die Anerkennung zu geben, die ihnen gebührt. Daher steigen wir tiefgründig in die Archive der Kinogeschichte ein und stellen euch die vorzüglichsten lykanthropischen Albtäume zusammen – von finstereren Geheimtipps wie Die Zeit der Wölfe (The Company of Wolves) bis zu bekannten Höhepunkten wie Das Tier (The Howling). Diese Zusammenstellung dokumentiert die Facettenreichtum sowie das künstlerische Leistungsvermögen des Genres und ehrt jene Regisseure, welche es wagten, die Werwolf-Sage auf neuartige und einfallsreiche Weise auszulegen.
Verriegelt die Fenster, bestückt eure Waffen mit Silberkugel – und bleibt bei diesem Abenteuer auf der Hut!
Den Auftakt der bedeutendsten Werwolf-Filme soll der bereits oben erwähnte sein.
Der Wolfsmensch
Vergesst den Kassenflop Werewolf of London von 1935 – Universal Pictures brauchte einen zweiten Anlauf, um den perfekten Bestien-Terror auf die Leinwand zu bannen. Mit Der Wolfsmensch schuf das Studio 1941 ein düsteres Meisterwerk, das sich seinen Platz im Pantheon der Horror-Ikonen direkt neben „Dracula“ und „Frankenstein“ verdient hat.
Die Story liefert feinsten Gothic-Horror mit tragischer Note: Lon Chaney Jr. verkörpert Larry Talbot, einen Amerikaner, der nach Wales zurückkehrt, um seinen verstorbenen Bruder zu begraben. Er verliebt sich rasch in die bezaubernde Gwen (Evelyn Ankers), doch das Schicksal schlägt unbarmherzig zu: Als er sie vor einem Monster rettet, fängt er sich einen verhängnisvollen Biss ein und wird selbst verflucht – die ultimative, bittersüße Urform des Romantasy-Dramas.
Die erdrückende Kulisse aus waberndem Nebel, unheilvollen Schatten und undurchdringlichen Wäldern zieht das Publikum vom ersten Frame an in ihren Bann. Wenn meisterhafte Kameraarbeit auf pechschwarze Lichtregie trifft, entsteht ein klaustrophobischer Albtraum, der fesselt und verstört. Diese beklemmende, stetig ansteigende Spannung packt einen bei der Kehle und lässt bis zur fatalen Schlussszene nicht mehr los.
Was diesen Film jedoch unsterblich macht, ist das revolutionäre Special-Effects-Make-up. Die viszeralen, realistisch wirkenden Transformationsszenen waren eine absolute Revolution und ein Zeugnis brillanter handwerklicher Kreativität. Hier wurden die Maßstäbe für das gesamte Genre gesetzt – ein Vermächtnis, das die visuelle Gestaltung übernatürlicher Bestien nachhaltig geprägt hat.
Das wahre Herz des Films pocht jedoch unter dem Wolfspelz. Lon Chaney Jr. liefert uns kein stumpfes Monster, sondern die Tragödie eines zerrissenen Mannes. Mit unfassbarer emotionaler Tiefe und einer zutiefst traurigen Menschlichkeit verkörpert er die innere Zerreißprobe seiner Figur. Seine charismatische Verletzlichkeit zwingt uns dazu, mit dem Protagonisten mitzufühlen – eine schauspielerische Meisterleistung, die weit über das bloße Knurren hinausgeht.
Dieser Streifen ist weit mehr als nur ein Creature-Feature; er ist ein psychologisch vielschichtiges Kunstwerk. Ein zeitloser Klassiker, der bei jedem Vollmond neu auf den Altar des Horrorgenres gehört.
Angaben zum Film
Titel: Der Wolfsmensch, Originaltitel: The Wolf Man, Produktionsland: USA, Originalsprache: Englisch, Erscheinungsjahr: 1941, Länge: 70 Minuten, Altersfreigabe: FSK 12, Produktionsunternehmen: Universal Pictures
Stab
Regie: George Waggner, Drehbuch: Curt Siodmak, Produktion: George Waggner, Musik: Charles Previn, Kamera: Joseph Valentine, Schnitt: Ted J. Kent
Besetzung
Lon Chaney Jr.: Larry Talbot, Wolfsmensch, Claude Rains: Sir John Talbot, Evelyn Ankers: Gwen Conliffe, Warren William: Dr. Lloyd, Ralph Bellamy: Colonel Montford, Patric Knowles: Frank Andrews, Maria Ouspenskaya: Maleva, Zigeunerin, Bela Lugosi: Bela, Zigeuner, Fay Helm: Jenny Williams, J. M. Kerrigan: Mr. Charles Conliffe, Forrester Harvey: Twiddle, Doris Lloyd: Mrs. Williams
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