Adalbert von Geiersberg – Kapitel 2
Adalbert von Geiersberg
genannt: Der Ritter von Habenichts,
ein Zauberzwerg namens Mossul sowie Meschhed, die Amazonenkönigin – das schönste Weib auf Erden und zugleich die furchtbarste Zauberin des Morgenlandes.
Eine abenteuerliche und höchst wundersame Geschichte aus der Zeit der Kreuzzüge nach Jerusalem.
Altötting und Burghausen, um 1860
Verlag der J. Lutzenberger’schen Buchhandlung
Die Mörderhöhle im Wald
Als Adalbert vor vier Jahren von einer weiten Reise im Auftrag des Kaisers heimkehrte, hatte er in einem schattigen Wald sein Ross an den Ast eines Baumes gebunden und sich darunter gelagert, um sich von der heftigen Sonnenhitze des anstrengenden Ritts zu erholen. Vor Ermüdung war er in einen tiefen Schlaf gesunken, aus dem ihn ein wilder Lärm aufschreckte. Fünf Räuber hatten ihn überfallen. Zwei von ihnen waren gerade damit beschäftigt, ihm Hände und Füße zu binden, während sich die drei anderen gegen einen einzelnen jungen Mann verteidigten, dessen Hiebe wie Blitzstrahlen unter sie fuhren und der bereits einen von ihnen getötet hatte.
Plötzlich sprang dieser beiseite, um einen Räuber niederzuhauen, der eben versuchte, Adalberts Ross vom Ast loszumachen. Sein Kumpan, mit dem er gemeinsam den Schlummernden gebunden hatte, eilte den anderen zu Hilfe. Rasch schnitt der junge Mann die Stricke des gefesselten Adalbert durch. Als dieser emporschnellte, sein Schwert zog und gleichfalls auf die drei noch lebenden Räuber eindrang, zogen diese eine schnelle Flucht in das Dickicht einem blutigen, aussichtslosen Kampf vor.
Dieser tapfere junge Mann, der dem Adalbert das Leben rettete, war Georg – damals ein herrenloser Reisiger –, den jener aus Dankbarkeit in seine Dienste nahm. Er war seinem neuen Gebieter mit Leib und Seele zugetan. Dieser konnte sich vollkommen auf seine unerschütterliche Treue sowie auf seine Schlauheit und entschlossene Gewandtheit in allen Lagen verlassen.
Georg war nicht bloß der Diener, sondern auch der Vertraute seines Herrn in allen Angelegenheiten, die nicht als tiefes Geheimnis gewahrt bleiben mussten. Er verdiente dieses Vertrauen und bewährte sich bei vielen Gelegenheiten durch klugen Rat und nützliche Tat – besonders bei den Kriegszügen des Kaisers als treuer Mitkämpfer.
Unter mancherlei Gesprächen und Plänen für die Zukunft ritten sie vier Tage lang nebeneinander. Dabei bestanden sie rühmliche Abenteuer in Feld und Wald gegen allerlei lose Galgenvögel, die in jenen stürmischen Zeiten überall das Land durchschwärmten.
In einer dunklen Nacht hatten sie sich in einem großen Wald verirrt. Nach langem Ritt erblickten sie zu ihrer großen Freude in der Ferne das Schimmern eines schwachen Lichtes, auf das hin sie ihre Richtung einschlugen. Sie gelangten zu einer Waldschenke und hörten in deren unterer Kammer ein verworrenes Stimmengetöse. Georg saß ab und schlich sich an das kleine Fenster, das vom Hoftor ziemlich weit entfernt lag. Er fand den Raum von mindestens zwanzig bis fünfundzwanzig wild aussehenden Gestalten angefüllt, die an hölzernen Tischen saßen, tranken und miteinander stritten. Ihre trotzigen Gesichter schienen Räubern und Mördern anzugehören. Georg meldete dies leise dem Ritter und gab ihm den klugen Rat, lieber wieder in den Wald zurückzureiten und dort zu übernachten, anstatt diese Mörderhöhle zu betreten.
»Fürchtest du dich, Georg?«, fragte der Ritter.
»Ich kenne keine Furcht, Herr!«, antwortete dieser. »Aber wir sind müde wie auch hungrig und wollten schlafen – genau wie unsere Rosse. Wenn wir aber in dieser verdächtigen Schenke schlafen, kann man uns im Schlaf umbringen, woraus sich für uns keinerlei Ruhm gewinnen lässt.«
»Der Gefahr aus dem Weg zu gehen, zeugt doch immer von Furcht.«
»Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um – das habe ich schon die Prediger sagen hören.«
»Ich möchte mich selbst davon überzeugen, ob du recht hast oder nicht.«
»Oh, Herr Ritter! Mein Leben steht Euch zu Diensten, wenn Ihr das Eure aufs Spiel setzen wollt. Zwar weiß ich nicht, ob ein Liebchen Gott bittet, dass er Euer Leben in Schutz nehme, doch so viel weiß ich aus Eurem eigenen Mund: Der gnädigste Kaiser hat Euch wichtige Aufträge erteilt, und ihm dürfte sehr viel an deren richtiger Ausführung gelegen sein. Jedenfalls wird Euch an diesen Aufträgen mehr gelegen sein als an Eurem eigenen Leben.«
»Klug gesprochen, Georg«, erwiderte der Ritter. »Deshalb wollen wir hier auch nicht übernachten, sondern nur einen Imbiss einnehmen, die Rosse füttern und dann sogleich wieder aufbrechen.«
»Wenn wir bis dahin nicht schon umgebracht worden sind«, flüsterte Georg.
Beide ritten auf die Schenke zu. Ihre Hufschläge verrieten die Ankunft. Plötzlich erlosch das Licht, was Georg nur noch mehr in seiner Vermutung bestärkte. Das Tor öffnete sich, und eine lange Gestalt trat heraus – in der Linken eine Stalllaterne haltend.
»Was wollt Ihr?«, fragte der Wirt.
»Nachtquartier, Essen und Trinken sowie Futter für unsere Rosse«, antwortete der Ritter.
»Wie viele seid Ihr?«
»Nur wir zwei.«
»Gut. Jahraus, jahrein kommen nur die Waldarbeiter in meine Schenke; ich bin also nicht auf das Beherbergen von Gästen eingerichtet. Ich will Euch aber gerne mein eigenes Lager neben der Küchenkammer überlassen; Euer Diener wird ohnehin bei den Rossen im Stall schlafen.«
»Ei freilich, der geht nicht von ihnen weg. Ich möchte auch keinem anderen raten, meinem Schimmel nahe zu kommen, wenn ihm sein Leben lieb ist!«
»Nun, so tretet herein!«, sagte der Wirt. Er führte den Ritter in die Küchenkammer, während Georg die beiden Rosse in den Stall brachte, den ihm der Wirt mit dem Finger wies. Darauf schloss der Wirt das Tor wieder mit dem Balken.
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