Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 14 – 1. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 14
Das Geheimnis der Goldgräberhütte
Kapitel 1
Aus Amerika zurück
In die Halle des Viktoria-Bahnhofes zu London brauste der Schnellzug aus Liverpool.
Schon seit zehn Minuten harrte auf dem breiten, taghell erleuchteten Perron ein zahlreiches Publikum auf das Eintreffen dieses Zuges, denn so mancher hatte einen Verwandten oder Freund zu erwarten, der nicht nur aus Liverpool heimkehrte, sondern der aus weiter Ferne zurückgekommen war.
Ist doch Liverpool der größte Hafen Englands, und die aus Indien kommenden Schiffe, die aus Amerika heimkehrenden Luxusdampfer laden dort ihre zahlreichen Passagiere aus, die dann mit einem der Schnellzüge nach der Hauptstadt Englands eilen.
Auch eine mit vornehmer Einfachheit gekleidete, auffallend hübsche, junge Dame promenierte, von einem alten Diener gefolgt, seit einigen Minuten auf dem Perron auf und ab.
In ihren Zügen lag freudige Erwartung, und von Zeit zu Zeit wandte sie sich an ihren weißköpfigen Begleiter mit der Frage:
»Ist der Zug noch nicht zu sehen? Ist das Signal noch nicht gegeben?«
»Noch nicht, Miss Flora«, gab der Alte zur Antwort, »aber ich begreife Ihre Ungeduld. Auch mir schlägt das Herz bis zum Halse herauf, und ich kann den Moment kaum erwarten, da ich ihn wiedersehen werde, unsern Artur, den ich so oft auf meinen Knien gewiegt habe.«
»Nicht wahr, du hast ihn auch geliebt, alter Daniel?«, fragte das junge Mädchen, indem es jetzt ganz an den Diener herantrat, »und du weißt es ja am besten, er trägt keine Schuld an dem Zerwürfnis mit dem Vater, das ihn ins ferne Land getrieben hat?«
»Gott bewahre! Mr. Artur war ganz schuldlos. Aber auch Mr. Titchburn war so recht keine Schuld zu geben. Solche Zerwürfnisse zwischen Vater und Sohn kommen eben im Leben hin und wieder vor.
Traurig ist nur, wenn der Sohn darüber in die Ferne gehen muss, und wenn der Vater, bevor der Sohn noch heimkehrt, stirbt.«
»Und du glaubst wirklich, Daniel«, forschte Flora, »dass nichts anderes der Grund dieses Zerwürfnisses zwischen meinem Papa und meinem Bruder gewesen ist als die tiefe Neigung, welche Artur für ein armes Mädchen gefasst hatte?«
»Nichts anderes, Miss Flora. Da können Sie sich darauf verlassen. Ich habe ja alles miterlebt.«
»Und du hast jenes junge Mädchen gekannt?«
»Ei freilich! Sie war ja die Tochter unseres Gärtners. Nelly war ein reizendes Geschöpf, und begreifen konnte man es schon, dass der junge Herr sich über beide Ohren in sie verliebte.
Aber auch ebenso begreiflich war es, dass sie ihn gerne hatte, denn einen schöneren jungen Mann wie unseren Artur gab es in London nicht.«
»Der Zug kommt!«, rief Flora in diesem Augenblick, da sich ein dumpfes Brausen vernehmen ließ.
Dann läutete eine Glocke, und fauchend und pustend dampfte zuerst die riesengroße Lokomotive in die Halle hinein und zog dann die vielen Waggons hinter sich her.
»Wenn wir ihn nur erkennen, Daniel«, sagte Flora, »er hat sich in Amerika gewiss sehr verändert.«
»Gewiss, Miss Flora, neun Jahre sind ja auch keine Kleinigkeit. Zwanzig Jahre zählte Mr. Artur, als er England verließ; heute ist er ein Mann von 29 Jahren.
Aber hat er Ihnen denn nicht geschrieben, dass er ein Erkennungszeichen tragen wird?«
»Ja. Er will dieselbe gelbe Reisetasche, in welcher er die wenigen Habseligkeiten, die er nach Amerika mitnahm, barg, auch heute bei seiner Ankunft in der Hand halten.«
»Da ist er schon!«, rief der alte Daniel nun laut auf, »heiliger Gott, er ist es. Er hat sich zwar einen Vollbart wachsen lassen, und ein wenig größer und breiter ist er geworden – aber die gelbe Tasche! Ich kenne sie nur zu gut. Er trägt sie in seinen Händen. Dort – dort, Miss Flora, Ihr Bruder!«
Flora eilte mit ausgebreiteten Armen auf einen großen, stattlichen, elegant gekleideten Herrn zu, der einem Coupé erster Klasse entstiegen war, dann aber, unschlüssig stehen bleibend, sich suchend umgesehen hatte.
»Artur!«, rief sie, stürzte sich an die Brust des Bruders und umschlang ihn mit ihren Armen. »Artur, lieber Bruder, ich bin’s ja, Flora, deine Schwester!«
Über das gebräunte Antlitz des Mannes huschte ein freudiges, ja sogar triumphierendes Lächeln.
Zärtlich drückte er das liebliche Mädchen an sich und küsste es auf Augen und Wangen.
Dann trat er einen Schritt zurück und maß Floras Gestalt mit Blicken der Befriedigung.
»Du bist aber groß geworden, Schwesterchen«, rief er dann, »haha, ich erinnere mich ganz deutlich, was du für ein kleines Ding warst, als ich die Heimat verließ. Du zähltest damals zehn Jahre und warst halb so alt als ich.
Ach, lass dich noch einmal umarmen, Schwester! Wenn du wüsstest, wie wohl es mir tut, dir diesen Namen geben zu können nach so langer, langer Zeit, in der ich unter fremden Menschen gelebt habe.«
»Und willst du den alten Daniel nicht auch begrüßen?«, fragte Flora, nachdem sie den Bruder noch einmal geherzt hatte.
»Der alte Daniel!«, rief der schöne, große Mann mit dem dunklen Bart aus, indem er dem alten Diener die Hand entgegenstreckte, »weiß geworden ist er, sehr weiß geworden. Aber doch noch stramm und aufrecht.
Lieber, alter Freund, ich muss auch dich umarmen, denn in einer so bedeutungsvollen Stunde schwinden alle Unterschiede des Standes und Ranges.«
Der alte Diener aber hatte sich schon niedergebeugt und seine Lippen auf die Hand des Ankömmlings gedrückt.
»Und jetzt schnell nach Hause!«, rief der Heimgekehrte, »mich drängt es, das alte Haus in der Kensington-Street wiederzusehen, in dem ich die Tage meiner Jugend verlebt habe.
Ach, zentnerschwer fällt es mir jetzt aufs Herz, dass ich in jenen Räumen den Mann nicht mehr finden werde, dem ich so schwere Sorgen bereitet habe, den edlen Mann, der es mich doch nicht entgelten ließ, dass ich ihn so schwer gekränkt.«
»Der letzte Gedanke des Vaters«, antwortete Flora, deren Augen von Tränen erglänzten, »gehörten dir, Artur. Er streckte seine Arme sehnend aus und wünschte nichts anderes, als dich noch einmal sehen zu können, und, da er dich nicht erreichen konnte, drückte er meine Hand und sagte: ›Bringe ihm meinen Segen, meine Tochter.‹«
Artur beschattete die Augen mit der Hand. Dann aber richtete er sich entschlossen auf und rief: »Was geschehen ist, ist geschehen und kann leider nicht mehr gut gemacht werden. Ich werde am Grab des geliebten Vaters niederknien und seine Verzeihung erflehen. Sein verklärter Geist wird mich hören. Deinen Arm, Flora; wartet unser Wagen?«
»Ganz recht«, erwiderte Daniel, der inzwischen Artur die gelbe Tasche abgenommen hatte, »und den Kutscher, den alten Mac Dowell, den schottischen Brummbären, den müsst Ihr ja auch noch kennen. Er stand damals, als Ihr fortgingt, schon fünf Jahre im Dienst unseres Hauses.«
»Natürlich erinnere ich mich Mac Dowells. Ein stachliger, brummiger Mann, aber herzensgut dabei. Komm, Schwesterchen. Nein, wie alle Erinnerungen jetzt auf mich einstürmen! Ja, die Heimat, die süße Heimat, das Lied hat nicht so unrecht, wenn es sie über alle andern Güter der Welt stellt.«
Wenige Minuten später rollten die Geschwister in einem eleganten Wagen ihrem Heim zu.
Flora hielt die Hand des Bruders in der ihren.
Ach, ihr war so wohl zumute, sie war so glücklich.
Und wie einsam hatte sie nach dem Tod des Vaters in der Welt dagestanden, denn ihre teure Mutter war schon bei der Geburt Floras gestorben.
Und nun hatte ihr der Himmel doch wieder eine Stütze gegeben, einen Beschützer, einen Freund, einen geliebten Bruder.
»Sag, Artur«, begann Flora plötzlich, »wie ist es dir denn in Amerika gegangen? Erst im letzten Jahr hast du dem Vater einige Briefe gesendet. Bis dahin hast du dich gründlich ausgeschwiegen.«
»Liebes Kind«, antwortete der Gefragte, »ich habe nicht geschrieben, weil es mir bis zum letzten Jahre herzlich schlecht gegangen ist. Da wollte ich nichts von mir hören lassen, denn wer einmal drüben in Amerika ist, der will nur gute Nachrichten hinübersenden in die alte Heimat.«
»Ist es wirklich wahr – hast du unter den Goldgräbern gelebt?«
»Gewiss, mein Kind, unter den Goldgräbern von Sacramento.«
»Und hast du auch Gold gefunden?«
»Nein, denn ich habe mich niemals damit befasst, Gold zu suchen. Das ist ein mühseliges und sehr unsicheres Geschäft. Aber ich habe die Goldgräber mit Lebensmitteln versehen und habe dabei bessere Geschäfte gemacht.
Zwar, ein reicher Mann bin ich nicht dabei geworden. Doch ich denke, das ist jetzt einerlei. Wir haben ja das väterliche Vermögen geerbt, Schwesterchen. Beiläufig, wie hoch beläuft sich dasselbe?«
Flora wusste es sich selbst nicht zu erklären, weshalb ihr diese Frage wehtat.
Aber im nächsten Moment schalt sie sich schon, dass sie so empfindlich war.
Warum sollte denn der Bruder nicht hören wollen, was ihn in der alten Heimat erwartete? Im Grunde genommen war es doch nur eine berechtigte Frage, wenn er sich nach der Höhe der Erbschaft erkundigte.
»Die Geschäfte des Vaters«, antwortete Flora, »sind immer besser gegangen, das Bankhaus Titchburn hat floriert und gehört jetzt zu den größten und einflussreichsten Londons. Ich zweifle nicht daran, Bruder, dass es unter deiner Leitung sich noch mehr entwickeln wird, zumindest sich aber in der alten Blüte erhalten wird.«
»Ich werde ganz gewiss das meinige tun«, gab Artur zur Antwort, »haben wir noch das alte Personal im Geschäft? Ist der alte Buchhalter Senders noch da?«
»Ja! Und auch er freut sich darauf, dich wiederzusehen, wir alle, alle, die dich kennen.
Das Vermögen, das der Vater uns hinterlassen hat, beläuft sich auf zweihunderttausend Pfund Sterling.«
»Wovon dir, mein süßes Herz, die Hälfte gehört«, sagte Artur. »Nun, ich zweifle nicht daran, dass du bald eine kleine, glückliche Frau werden wirst. Hast du in dieser Beziehung schon deine Wahl getroffen?«
Die Wangen Floras übergossen sich mit purpurner Röte. Sie schlug die Augen in ihren Schoß nieder und murmelte einige Worte, welche Artur unverständlich blieben.
»Ah, ich merke schon, dein kleines Herz hat sich bereits eingefangen. Hoffentlich ist es ein Lord, denn einem Geringeren gönne ich meine schöne, reiche Schwester nicht.«
Flora zuckte zusammen, als erschrecke sie über diese Worte.
Glücklicherweise wurde sie einer Antwort überhoben, denn in diesem Moment hielt der Wagen vor dem Haus in der Kensington Street.
Daniel sprang, so schnell es ihm seine alten Beine erlaubten, vom Bock herunter und öffnete den Schlag.
Elastisch und elegant trat Artur Titchburn aus dem Wagen heraus und hob dann Flora aus dem Gefährt.
In demselben Augenblick aber, in welchem er mit der Schwester, der er den Arm gereicht hatte, auf das geöffnete, hell erleuchtete Portal zuschritt, stieß er mit einer jungen Dame zusammen, die in schlichter Kleidung sich schnell zwischen den Geschwistern und der Mauer vorüberdrängen wollte.
Der Zusammenprall war so heftig, dass die junge Dame bis an die Mauer geschleudert wurde.
»Verzeihen Sie«, sagte Artur, indem er ein wenig den Hut lüftete und an dem jungen Mädchen vorüber wollte.
Da geschah etwas Seltsames.
»Artur!« schrie sie, die Arme emporhebend, mit einem Gesicht, als ob sie einen Geist gesehen hätte. »Artur! Artur!«
Aber Titchburn hörte diesen Aufschrei, der aus einem gepressten Herzen sich mit elementarer Gewalt Bahn gebrochen hatte, nicht mehr.
Schon hatte er mit Flora das Vestibül des Hauses betreten. Schon eilte er die blumengeschmückte Treppen empor.
Die junge Dame aber stand eine Minute lang, die Hände auf die Brust gedrückt, schwer atmend da.
Dann neigte sie das Haupt auf die Brust und schlich von dannen.
Der alte Daniel, der noch im Eingang stand, blickte ihr traurig nach.
»Sie ist es«, flüsterte er leise vor sich hin, »es war Nelly, die Gärtnerstochter, und er … er hat sie nicht erkannt.«
Schreibe einen Kommentar