Das Geheimnis zweier Ozeane – Erster Teil – Kapitel 10
Grigori B. Adamow
Das Geheimnis zweier Ozeane
Ein wissenschaftlich-phantastischer Roman
Originaltitel: Тайна двух океанов
Erster Teil
Ein außergewöhnliches Schiff
Kapitel 10
Im Dickicht der Algen
Eine gewaltige Schildkröte rollte ihre schwarzen, glänzenden, perlenartigen Augen, drehte den Kopf an ihrem langen, gestreckten Hals hin und her, tauchte in die Tiefe, warf sich von einer Seite zur anderen, spreizte ihre breiten, flachen, ruderähnlichen Flossen und schoss dann wie ein Vogel in die Höhe.
Voller Freude über seine eigene Schnelligkeit und die Gewandtheit seiner Bewegungen jagte Pawlik, glücklich lachend, der Schildkröte hinterher. Er blieb ihr dicht auf den Fersen, packte sie mal an den Flossen oder an ihrem an der Wurzel dicken, am Ende aber spitzen Schwanz, mal überholte er sie, mal legte er sich fast flach auf ihren buckligen, harten Panzer, der über und über mit ovalen, dunklen Schilden bedeckt war, die Kacheln glichen.
Ringsumher wimmelten blaugekrönte Lotsenfische, bunte Lippfische und Papageienfische umher. Hässliche Groppen schnellten vom Grund hoch und sanken wieder herab. Träge und gemächlich zogen gefleckte Drückerfische mit ihren harten, großen Schuppen und drei spitzen Strahlen auf dem Rücken vorbei. Wie Blitze schossen prächtige, goldglänzende Doraden durchs Wasser. Eine Gruppe großer, blassbrauner Meeraale glitt sich windend abseits vorbei, beschäftigt mit ihren eigenen Angelegenheiten. Zu Tode erschrocken durch diesen ungewohnten Trubel, strebte ein Igelfisch ungeschickt und mit aller Kraft nach oben. Er streckte seine rüsselartige Nase über die Wasseroberfläche, schnappte Luft, blies sich zu einer Kugel auf und drehte sich auf den Rücken, wobei er seine unzähligen Stacheln zur Abschreckung seiner Feinde nach allen Seiten streckte. Ein Schwarm von Physalien, wunderschönen Staatsquallen in herrlich goldblauer Färbung, umzingelte Pawlik und seine Schildkröte, wurde jedoch im selben Moment durch ihr ungestümes Herumtollen wieder zerstreut.
Die Schildkröte geriet schließlich völlig in Panik, als ihr hartnäckiger Verfolger sie plötzlich am Schwanz packte und auf das dunkle Algendickicht zerrte, das in der Nähe aufragte. Sie riss ihren harten, hakenförmigen Schnabel auf, der braun und wie lackiert aussah, und ruderte aus Leibeskräften mit den Flossen, konnte aber nichts ausrichten. Mit der geballten Kraft der fünfzig Pferdestärken, die in seinem winzigen Elektromotor steckten, zog Pawlik die Schildkröte hinter sich her.
Beide durchbrachen den Vorhang aus Algen und brachten Schrecken und Verwirrung in die Welt der Lebewesen, die diesen den Menschen fast unbekannten Unterwasserdschungel bewohnten.
Um Pawlik und die Schildkröte stob ein Schwarm von Garnelen, winzigen Krebsen, Würmern, Meeresspinnen und Krabben auf, die auf den Algenstängeln lebten, sich von ihnen ernährten, auf ihnen geboren wurden und auf ihnen starben. Kleine und große Fische huschten so schnell in das Gestrüpp, dass Pawlik sie nicht einmal genau erkennen konnte. Das war ihm in diesem Moment ohnehin völlig gleichgültig.
Pawlik hatte absolut nicht vorhergesehen, was diese zerbrechlichen, schlüpfrigen, zu neunzig Prozent aus Wasser bestehenden Pflanzen anrichten konnten, wenn sie in einer derart gewaltigen Masse auftraten. Auf dem fünften Meter ihres Weges durch den Tang hatte die Schildkröte so viele Stängel und Blätter um ihre Flossen, ihren Schwanz und ihren Hals gewickelt, dass sie sich nicht mehr rühren konnte. Pawlik erging es nicht viel besser. Zwar waren seine Arme und Beine noch vergleichsweise frei, doch dafür hatte sich sein Propeller in den Algen verfangen, sodass er sich in der gleichen hilflosen Lage befand wie seine Beute. Er ließ die Schildkröte los und versuchte, den Propeller mit den Händen zu erreichen, um ihn zu befreien. Aber in den metallenen Ärmeln seines Taucheranzugs war das schlicht unmöglich.
Was für ein Ärger!, dachte er besorgt. Aus eigener Kraft komme ich hier nicht mehr raus. Ich muss wohl um Hilfe rufen.
Er sagte laut: »Arsen Dawidowitsch!«
»Was gibt es, Jungchen? Wo steckst du?«, ertönte als Antwort die vertraute Stimme.
»Ich stecke in Schwierigkeiten, Arsen Dawidowitsch. Ich bin in ein Algendickicht geraten, und mein Propeller hat sich darin verheddert. Tja …«
»Und du kannst dich nicht mehr vom Fleck rühren?«
»Ja. Und die Schildkröte auch nicht.«
»Was für eine Schildkröte?«
»Eine große … so eine riesige. Ich habe sie gefangen und wollte sie zu Ihnen schleppen.«
»Bist du verrückt geworden, Junge!«, erwiderte der Zoologe und lachte schallend. »Wie hast du sie denn geschleppt?«
»Am Schwanz.«
Das Lachen erklang nun mit dreifacher Lautstärke, da sich dem Bariton des Zoologen der rollende Bass Skworeschnjas und das leise Kichern Zois anschlossen.
»Wo steckst du da eigentlich fest?«, fragte der Zoologe, nachdem er sich ausgelacht hatte.
»Draußen … auf der Ozeanseite … gleich hinter der Biegung. Von Ihnen aus in Richtung Nordost.«
»Verstanden«, sagte Skworeschnja. »Auf welcher Tiefe?«
»Achtundsiebzig Meter«, antwortete Pawlik nach einem Blick auf den Tiefenmesser.
»Schon gut, Jungchen. Bleib ganz ruhig. Ich bin gleich bei dir. Wenn ich das Kommando gebe, beginnst du zu peilen.«
»In Ordnung, Arsen Dawidowitsch.«
Pawlik war es zugleich amüsant und peinlich zumute: Die Männer waren mit wichtiger Arbeit beschäftigt, und nun musste er sie stören. Wegen einer solchen Dummheit! Warum hatte er sich auch unbedingt durch die Algen zwängen müssen, wenn er sie genauso gut hätte umgehen können? Weil er es eilig gehabt hatte. Aber man musste eben auch seinen Verstand gebrauchen! Wenn er auch nur eine Sekunde nachgedacht hätte, wäre ihm klar gewesen, dass man sich hier so heillos verheddern konnte, dass es kein Entkommen mehr gab.
Pawlik betrachtete die Algen nun mit neuer Aufmerksamkeit und Neugier.
Sie standen um ihn herum – aufrecht, still, verflochten zu einem unzerstörbaren Geflecht, das an ein Gefängnisgitter erinnerte. Ihre zimtbraunen, orangefarbenen und gold-olivgrünen, runden Stängel trugen lange, teils fein gezackte, teils tief eingeschnittene Blätter, die der Länge nach wie eine Hohlhand gebogen waren. Andere, blattlose Stängel verzweigten sich in eine Unzahl winziger, feiner Ästchen. Sie alle waren übersät mit mal größeren, mal kleineren Luftbläschen, die wie Kirschen an feinen Stielen hingen. Stängel und Blätter schienen mit Flecken aus weißem Moos bedeckt zu sein. Doch Pawlik wusste bereits, dass dies kein Moos war, sondern Kolonien wundersamer Tiere – Moostierchen –, die mal einem feinen Spitzenmuster, mal dem kunstvollen Werk eines Elfenbeinschnitzers glichen.
Pawlik konnte sich an ihrer bescheidenen Schönheit gar nicht sattsehen. Sie erinnerten ihn an ein altes chinesisches Elfenbeinkästchen voller filigraner Muster, das man seinem Vater vor langer Zeit in Shanghai zum Geburtstag geschenkt hatte. Bei dieser plötzlichen Erinnerung stieß Pawlik fast einen Schrei aus: Genau heute, am sechsundzwanzigsten Mai, war ja der Geburtstag seines Vaters! Früher hatte er diesem Tag immer schon lange im Voraus entgegengefiebert. Er hatte ihm so viel Freude und Vergnügen versprochen. Und nun hatte er ihn völlig vergessen.
Der sechsundzwanzigste Mai … Der Gedanke an seinen verletzten, einsamen Vater erfüllte ihn mit Traurigkeit. Doch plötzlich tauchte ein neuer Gedanke auf. Der sechsundzwanzigste Mai! Irgendwo war Pawlik diesem Datum doch erst kürzlich in einem ganz anderen Zusammenhang begegnet. Wo? Wann? Der sechsundzwanzigste Mai … Plötzlich regte sich direkt neben ihm auf einem flachen Algenblatt ein gräulich-weißer Fleck, streckte kleine Beine und Fühler aus und hob Scheren empor. Im nächsten Moment rannte eine winzige, aber waschechte, olivfarbene Krabbe mit einem weißen Fleck auf dem Rücken flink über das Blatt und lavierte dabei geschickt zwischen den Stielen zierlicher Hydroidpolypen hindurch, die wie ein winziges Wäldchen auf diesem Blatt wucherten. Genau auf dem Weg der Krabbe streckte in diesem Moment ein kleiner Wurm seinen halben Körper aus seinem gewundenen Gehäuse. Noch bevor er in seine Höhle zurückhuschen konnte, packte ihn die Krabbe mit ihrer Schere, riss ihn im Ganzen aus seinem Häuschen und beförderte ihn in ihr Maul.
Die von Pawlik und der Schildkröte gestörte Ruhe kehrte zurück, und das kurzzeitig erstarrte Leben forderte wieder sein Recht.
Von dem ungewöhnlichen Schauspiel völlig in den Bann gezogen, vergaß Pawlik alles um sich herum. Die weißen Flecken begannen sich mal hier, mal da plötzlich zu bewegen und entpuppten sich mal als der Rücken einer dunkelgrünen Garnele oder einer olivfarbenen Krabbe, mal als der Kranz grauer Tentakel auf einer winzigen, gold-orangefarbenen Seeanemonen-Schönheit.
»Was für Schlitzohren!«, sagte der verblüffte Pawlik laut. »Wie die sich tarnen!«
»Wer ist ein Schlitzohr, Junge?«, erklang unvermittelt die Stimme des Zoologen. »Wer tarnt sich?«
Pawlik war derart in seine Beobachtungen vertieft gewesen, dass er völlig vergessen hatte, wo er war und was ihn umgab. Er fasste sich jedoch schnell wieder und antwortete: »Hier lebt so eine Masse an Tieren auf den Algen, und sie alle sehen den Moostierchen unheimlich ähnlich. Ich habe sie zuerst gar nicht als solche erkannt.«
»Ah … das nennt man Mimikry, Pawlik. Die Tiere nehmen die Farbe oder das Aussehen von Gegenständen in ihrer Umgebung an, um sich so vor Feinden zu schützen oder für ihre Beute unsichtbar zu bleiben.«
In sämtlichen Lücken zwischen den Algenstängeln und -blättern tauchten wundersame Wesen auf und wieder unter, die Pawlik in den ersten Minuten seiner Ankunft in diesem Dickicht weder bemerkt noch genauer betrachtet hatte. Sie alle waren nicht besonders groß – fünfzehn bis zwanzig Zentimeter lang – und hielten sich senkrecht im Wasser, als ob sie stünden. Ihre Köpfe und Hälse glichen auf verblüffende Weise denen von Pferden, wobei die Schnauzen zu einer Röhre ausgezogen waren. In der Mitte dieser Röhre, auf einem warzenähnlichen Höcker, ragten zwei lange, wie Hauer gebogene Strahlen nach oben. Auf dem stolz geschwungenen Hals sträubte sich eine zerzauste, spärliche Mähne. Der Hals ging weiter unten in ein rundes Bäuchlein über. Auf dem Rücken, am unteren Ende des Halses, befand sich eine Flosse, die aussah wie ein aufgeschlagener halbrunder Fächer ohne Griff. Gleich hinter dem kurzen Bauch begann ein langer, biegsamer Schwanz, der sich nach vorne zu einer Spirale einrollte. Die blasse, aschbraune Färbung dieser merkwürdigen Geschöpfe schimmerte gelegentlich mattblau oder grünlich.
Na, die sehen ja haargenau aus wie Schachspringer mit Schwanz, dachte Pawlik.
Es handelte sich tatsächlich um Seepferdchen – komische und zugleich grazile Geschöpfe. In großer Zahl schwirrten sie durch die hellgrünen Lücken zwischen den Algen. Manchmal drückten sie mit wichtiger Miene langsam den Bauch heraus, rissen ihre Pferdeköpfe stolz in die Höhe und die Augen auf; dann wieder legten sie sich flach ins Wasser und pflügten schnell voran, wobei sie mit ihren Schwänzen wie die Propeller kleiner Dampfer arbeiteten. Einige hatten sich mit der Schwanzspitze um Algenstängel gewickelt und wippten sanft hin und her, offensichtlich um sich auszuruhen und nach Beute Ausschau zu halten. Dabei rollten ihre Augen unabhängig voneinander in verschiedene Richtungen, ganz wie bei einem Chamäleon. Zwei Seepferdchen, die hastig aufeinander zu schwammen, verhakten sich unerwartet mit den Schwänzen. Sie unternahmen verzweifelte Anstrengungen, sich wieder voneinander zu lösen, zerrten und ruckten in verschiedene Richtungen, rollten panisch mit den Augen und hakten sich mit dem Kinn an nahegelegenen Stängeln fest.
Pawlik, der den Atem anhielt und ein breites Grinsen auf den Lippen trug, ließ diese komischen Pferdchen, die aussahen, als wären sie direkt von einem Schachbrett gehüpft, nicht aus den Augen. Plötzlich schwebte direkt vor ihm ein Seepferdchen mit einem auffällig dicken Hängebauch aufrecht im Wasser. Es starrte Pawlik aus Kulleraugen an, die unter einer komisch zerzausten Frisur aus ein paar abstehenden Haaren hervorlugten. Auf einmal begann sich die Haut am unteren Teil des Seepferdchenbauchs zu bewegen, und ein Spalt öffnete sich. Eine winzige, spitze Schnauze kam zum Vorschein, und im nächsten Moment sprang die Gestalt eines winzigen Seepferdchens aus dieser geöffneten Tasche. Es sah dem großen so ähnlich und war dabei derart drollig, dass Pawlik sich nicht mehr beherrschen konnte und laut loslachte. Dem Ersten folgten gleich mehrere Dutzend dieser Miniaturwesen aus der Bauchtasche. Sie umkreisten ihr schwimmendes Zuhause in anmutigen Spiralen, bevor sie plötzlich pfeilschnell darauf zuschossen und im Nu in der rettenden Tasche verschwanden, deren Besitzer sogleich aus dem Blickfeld des erstaunten Pawlik flüchtete.
Pawlik bemerkte nicht gleich, was diese lebensfrohe Familie so erschreckt hatte. Doch dann entdeckte er inmitten der leicht schwankenden, gefleckten Blätter ein Paar Augen – düster und bösartig unter finster zusammengezogenen Brauen. Daraufhin schälten sich dicke, fleischige, an den Mundwinkeln herabgezogene Lippen heraus, die einen dünnen Algenzweig umklammert hielten. Schließlich wurde der ganze massige, bisonartige Kopf mit zotteligen Hörnern und einem fransigen Bart sichtbar. Es hatte den Anschein, als bestünde der gesamte Fisch aus wackelnden Fetzen und Lumpen, die ihm als Flossen und Schwanz dienten, größtenteils aber völlig ohne erkennbaren Zweck kreuz und quer an seinem Kopf, unter dem Kinn, an den Wangen und hinter dem Kiemendeckel herumhingen. Unzählige weiße Flecken – große wie kleine – waren über den gesamten Körper dieses ungewöhnlichen Fisches und seine Anhängsel verstreut. Gerade diese seltsamen Fetzen und Flecken machten ihn im Dickicht der gefleckten, wogenden Algen jedoch vollkommen unsichtbar.
Auch Mimikry, dachte Pawlik. Er passt sich an …
Der Fisch hing einige Sekunden reglos im Wasser, ohne seine finsteren Augen von Pawlik abzuwenden. Beruhigt wandte er sich dann einem dicken Stängel zu und begann, mit seiner Schnauze gegen einen kleinen, etwa faustgroßen Höcker zu stoßen, der über dem Stiel eines breiten Blattes befestigt war. Erst bei genauerem Hinsehen erkannte Pawlik, dass dieser Höcker in Wahrheit ein richtiges Nest war und dass der sonderbare Fisch den mitgebrachten Zweig daran befestigte. Der Zweig glitt, von Schleim überzogen, aus seinem Maul und schmiegte sich fest an seinen Platz in der Nestwand.
Der Bau des Nestes war damit offensichtlich abgeschlossen, denn der Fisch erhob sich darüber und begann, mit seinem Bauch an dessen Rändern zu reiben. Aus seinem Bauch quoll ein Strang von Fischeiern, die sich in ordentlichen Reihen ins Innere des Nestes legten.
»Junge!«, ertönte plötzlich wieder scharf die Stimme des Zoologen. »Beginne mit der Peilung! Richtung – Süd-Südost. Tiefe – fünfundachtzig bis achtzig Meter, Frequenz – zwanzigtausend Kilohertz, Energie – achtzig Watt.«
Pawlik war sofort wieder bei Sinnen und antwortete knapp, ganz nach Seemannsart:
»Zu Befehl, Arsen Dawidowitsch! Richtung Süd-Südost, Tiefe fünfundachtzig bis achtzig Meter, Frequenz zwanzigtausend Kilohertz, Energie achtzig Watt.«
Hastig zog er die flache Ultraschallpistole aus seinem Gürtel, bestimmte die Richtung mit dem Kompass an seinem linken Arm und die Höhe mit dem Tiefenmesser. Dann hob er die Pistole, drückte den Knopf und begann, damit langsame, für das Auge kaum wahrnehmbare Bögen vor sich zu beschreiben, wobei er den Lauf allmählich immer weiter senkte.
Pawlik war fernab der Heimat aufgewachsen, fern von ihrem erfüllten Leben, dem mitreißenden Kampf gegen die gewaltigen Naturkräfte und den Überbleibseln vergangener, versklavter Jahre, fern von ihren Siegen und Errungenschaften. Sechs Jahre, die für die Entwicklung eines Menschen so prägend sind, hatte er im kapitalistischen Amerika verbracht, in einer Atmosphäre der Feindschaft von Mensch zu Mensch, von Arbeitern zu Kapitalisten, von Armen zu Reichen. Pawlik lebte einsam, ohne Mutter – die bereits im ersten Jahr nach ihrem Umzug in das stille, patriarchalische Québec verstorben war –, ohne Brüder und Schwestern, ohne Freunde und Kameraden.
Unerwartet, nachdem er eine tödliche Gefahr überstanden hatte, war Pawlik auf das sowjetische U-Boot geraten – in den engen Kreis mutiger Menschen, eine verschworene Familie von Kameraden, die an Gefahren gewöhnt waren und verstanden, sie zu bekämpfen und zu besiegen. Sie hatten sein Herz mit ihrer Lebensfreude, ihrem kameradschaftlichen Zusammenhalt, ihrer heiteren Freundschaft und ihrer lockeren, und doch eisernen Disziplin erobert. Die Heimat – stark, liebevoll und mutig – hatte Pawlik in den engen Räumen der PIONIER aufgenommen. Sie hatte ihm neue Gefühle eingehaucht und in ihm ein brennendes Verlangen geweckt, ihrer würdig zu sein; den tiefen Wunsch, ihren besten Söhnen nachzueifern und ihnen gleich zu werden, in deren Mitte er nun aufgenommen war.
In den wenigen Tagen, die seit der denkwürdigen und glücklich überstandenen Gefahr vergangen waren, hatte Pawlik viel gelernt. Er hatte sich gründlich mit seinem Taucheranzug vertraut gemacht, den Skworeschnja ihm aus den kleinsten an Bord vorrätigen Größen herausgesucht hatte. Er hatte gelernt, die Ultraschallpistole als Waffe und zur Kommunikation sowie Signalgebung einzusetzen. Er hatte gelernt, sich mithilfe des Tiefenmessers und des Kompasses in den Tiefen des Meeres zu orientieren; über sein Funkgerät Peilungen vorzunehmen und zu empfangen, aufzutauchen und zum Grund abzusinken, indem er den Luftsack auf seinem Rücken regulierte; den Propeller zu starten und anzuhalten, die Ruder zu steuern und sie mit Händen und vollem Körpereinsatz zu unterstützen.
Deshalb hatte er die Schildkröte so geschickt verfolgen und seine Freunde mit der Ultraschallpistole so sicher anpeilen können.
Das Prinzip bestand darin, mit dem Ultraschallstrahl die Membran auf der Brust eines seiner Freunde zu treffen. Dort verwandelte sich der Strahl in ein hörbares Geräusch, und an dessen Reinheit und Klarheit ließ sich die Richtung bestimmen, die man einschlagen musste, um zur Schallquelle zu gelangen.
Drei Minuten später, während er mit seinem Dolch die Algen von Pawliks Propeller schnitt, sagte der Zoologe: »Diese Schildkröte kann ich nicht gebrauchen, Pawlik. Du hättest lieber nach meiner Eunice branchiata cephala suchen sollen. Ich wage schon gar nicht mehr, meinen eigenen Namen an die Klasse anzuhängen, die bisher nur in Form eines einzigen, einzigartigen Individuums existiert. Was für eine himmelschreiende Ungereimtheit!«
Er seufzte traurig.
»Ach, Arsen Dawidowitsch, grämen Sie sich nicht«, versuchte Pawlik ihn zu trösten. »Sie werden sehen: Wenn nicht hier, dann an einem anderen Ort – aber wir werden diese Cephala ganz bestimmt für Sie finden.«
»Nun gut, du bist wieder frei, Pawlik. Ein andermal … Halt, was ist das denn?«, unterbrach der Zoologe sich plötzlich selbst.
Pawlik blickte in die Richtung, in die sich der Wissenschaftler gewandt hatte. Durch die Algenstängel hindurch bemerkte er die Silhouette eines großen Mannes in einem bläulichen Taucheranzug, der sich mithilfe seines Rückenpropellers zur Wasseroberfläche erhob. Der Mann hielt drei biegsame, ringförmige Schläuche in den Händen, die leuchtend rot gestrichen waren. Nachdem er in einer Entfernung von zwanzig Metern an dem Zoologen und Pawlik vorbeigeschwebt war und dabei einen Schwarm silberner Fische aufgescheucht hatte, der wie ein Regenguss nach unten schoss, verschwand der Mann rasch nach oben hinter der dichten Pflanzenwand.
»Seltsam, wer könnte das hier draußen sein?«, fragte der Zoologe nachdenklich und starrte weiter unverwandt nach oben. »Soweit ich mich erinnere, sollten heute außer uns beiden nur Schelawin, Skworeschnja, Zoi und Marat das U-Boot verlassen. Der Taucheranzug dieses Mannes ist wohl Größe Null, und von solchen Hünen haben wir meiner Meinung nach nur zwei an Bord: Skworeschnja und Gorelow. Aber Skworeschnja ist beschäftigt. Sollte es wirklich Gorelow sein?«
»Arsen Dawidowitsch!«, unterbrach ihn Pawlik. »Warum ist er denn nach oben gestiegen? Auf Befehl des Kapitäns darf sich doch niemand auf eine Tiefe von weniger als fünfundfünfzig Metern der Oberfläche nähern.«
Der Zoologe zuckte unter seinem Taucheranzug mit den Schultern: »Ich verstehe das nicht. Allerdings scheint er die Richtung geändert und sich horizontal in die Strömung gelegt zu haben, bevor er aus unserem Blickfeld verschwand. Lass mich ihn mal über Funk anrufen. Es ist ja bald Zeit für das Mittagessen …«
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