Marc Jordan – Band 1 – Kapitel 3
Marc Jordan
Heldentaten des größten französischen Detektivs
Band 1
Die Entführung einer Jungfrau
Kapitel 3
Das Grab ist leer!
Am nächsten Morgen um fünf Uhr setzte die Kutsche des Herzogs von la Riviera ihn vor dem Grab seiner Tochter ab. Auf dem Gipfel des Friedhofs Père-Lachaise war man gerade dabei, ein prachtvolles, kostbares Monument für sie zu errichten.
Es dämmerte kaum und der Morgen war nebelförmig; eine dichte Nebeldecke strich über die Gräber. Der Herzog war leichenblass – gezeichnet ebenso von den tiefen Emotionen wie von der Kälte dieses Herbstmorgens.
Kaum hatte er einige Schritte außerhalb seiner Kutsche gemacht, trat ein Mann an den Edelmann heran. Er trug einen schwarzen Gehrock sowie einen Zylinder, den er zur Begrüßung in die Hand nahm: »Habe ich die Ehre mit Herrn Herzog von la Riviera?«
Der Vater von Carmen war unfähig, ein Wort hervorzubringen, und nickte nur stumm.
»Ich bin der Polizeikommissar des Bezirks«, sagte der Mann im Gehrock. »Der Chef der Sicherheitsbehörde hat mich angewiesen, die Exhumierung durchzuführen.«
Beim Wort Exhumierung durchfuhr ein Schauder den Körper des Herzogs, und er erblasste noch mehr. Er blickte auf das Grab seiner Tochter, und Tränen traten in seine Augen.
Der Kommissar fügte hinzu: »Die Totengräber stehen bereit. Wann immer Sie wünschen …«
»Fangen Sie an!«, forderte der unglückliche Vater.
Der Kommissar gab ein Zeichen. Die Arbeiter, die sich hinter den Grabsteinen verborgen gehalten hatten, traten vor und begannen ihr düsteres Werk.
Eine tiefe Stille herrschte über dem Friedhof. Das Ansetzen der Eisenhebel an den mit Zement verbundenen Steinen erzeugte ein unheimliches Geräusch.
Der Herzog hielt den Atem an. Mit stieren, tränenüberströmten Augen starrte er wortlos auf die arbeitenden Männer, während sein gesamtes Wesen vor Schmerz zertrennt wurde. Als die Männer schließlich den gelb lackierten Holzsarg mit den silbernen Griffen aus seiner Steinholung hoben und ans Licht brachten, erkannte er ihn sofort wieder. Die Wucht seiner Gefühle war so überwältigend, dass er beinahe auf die Knie gesunken wäre.
Doch schon schraubte einer der Arbeiter die Totenkiste auf. Als sich der Deckel hob, beugte sich der Herzog gierig vor, um hineinzusehen – nur um im nächsten Moment mit einem dumpfen Schrei zurückzuweichen.
Der Sarg war leer!
Bewusstlos sank er auf die feuchte, vom Nachttau aufgeweichte Erde.
Tatsächlich enthielt der Sarg keinen Leichnam, sondern lediglich einige schwere, zusammen gewürfelte Gegenstände, die das Gewicht eines sechzehnjährigen Mädchens vortäuschen sollten.
Der Kommissar und die Arbeiter konnten ihre Verblüffung kaum verbergen. Doch an erster Stelle galt es, sich um den unglücklichen Vater zu kümmern. Der Kommissar, der für alle Fälle einige starke Riechsalze dabei hatte, machte sich sogleich daran.
Als der Herzog nach mehreren Versuchen endlich die Augen aufschlug, hatte er das Gefühl, aus einem schrecklichen Albtraum zu erwachen. Zunächst begriff er weder, wo er sich befand, noch was geschehen war.
Dann erblickte er die Männer, den Sarg, die Gräber – und stieß einen Verzweiflungsschrei aus: »Oh, mein Gott!«
Und sogleich: »Ich wusste es! Man hat sie mir gestohlen! Man hat mir den Leichnam meiner Tochter gestohlen!«
Ohne auf den Kommissar oder die Arbeiter zu achten, stürzte er zu seiner Kutsche, stieg ein und rief dem Kutscher zu: »Zum Chef der Sicherheitsbehörde, schnell!«
Doch der Polizeichef war noch nicht aufgestanden. Der Herzog musste warten und trat vor Ungeduld von einem Fuß auf den anderen. Als er schließlich ins Arbeitszimmer des hohen Beamten geführt wurde, berichtete er ihm sofort von den Ereignissen.
»Ich wusste es! Man hat sie mir gestohlen! Man hat den Leichnam meines Kindes gestohlen!«
Der Polizeichef konnte seine Bestürzung kaum verbergen und konnte sich nicht erklären, wie dieser kühne Coup gelungen war. Doch es war nicht die Zeit für Vermutungen. Die Tatsache stand fest, es musste gehandelt werden. Er bat den Vater, eine formelle Anzeige zu erstatten, damit die Justiz eingeschaltet werden konnte.
»Nein, nein!«, unterbrach ihn der unglückliche Vater sofort. »Keine Anzeige. Ich will keinen Skandal. Bringen Sie mich mit einem Ihrer fähigsten Agenten in Kontakt. Ich zahle jeden Preis!«
»Das ist unmöglich, mein Herr«, erwiderte der Chef der Sicherheitsbehörde. »Meine Agenten dürfen sich nur dann mit dem Fall befassen, wenn die Justiz eingeschaltet ist. Aber ich kenne einen Mann, der Ermittlungen zu seinem Vergnügen anstellt und uns schon oft große Dienste erwiesen hat. Er ist äußerst geschickt und von kompromissloser Kühnheit.«
»Sein Name, schnell, schnell! Er bekommt alles, was er verlangt!«
Der Polizeibeamte gab dem Herzog den Namen und die Adresse von Marc Jordan. Dieser machte sich unverzüglich auf den Weg zu dem berühmten Ermittler, der damals als der unvergleichliche König aller Detektive galt.
Da er vom Chef der Sicherheitsbehörde geschickt worden war, wurde er sofort empfangen. Nach dem der Herzog ihm geschildert hatte, was geschehen war, und den Namen des Mannes nannte, den er verdächtigte, rief Marc Jordan sogleich aus: »Ich werde Ihnen Ihre Tochter zurückgeben, mein Herr – und zwar lebendig!«
Der Herzog stieß einen Schrei des Staunens aus: »Lebendig?!«
»Ja, lebendig! Denn für mich lebt sie. Ich kenne die Person, deren Namen Sie mir gerade genannt haben, schon lange. Er ist nicht im Geringsten sentimental und würde sich nicht mit einer Leiche belasten. Wenn er Ihre Tochter entführt hat, dann deshalb, weil sie lebt! Sie bedeutet für ihn nicht Vergnügen oder Liebe – zu solchen Gefühlen ist er gar nicht fähig –, sondern ein Vermögen. Und womöglich ein beträchtliches.«
»Ich bin sehr reich«, sagte der Brasilianer.
»Sehen Sie!«
Der Herzog konnte seine Fassungslosigkeit kaum verbergen. Er konnte noch immer nicht glauben, was er da hörte. Seine Tochter sollte leben? Aber wie? Er war sich doch so sicher gewesen, sie tot gesehen zu haben! Allerdings hatte er sie auch in ihrem Sarg gesehen – und da war sie nun doch nicht gewesen.
Das Ganze grenzte an Magie, ein Rätsel, das er sich nicht erklären konnte und das ihn völlig benommen zurückließ. Doch der Mann sprach mit einer solchen Selbstsicherheit, dass er fast überzeugt war. Und der Wunsch, dass es wahr sein möge – dass seine Tochter lebte –, war so unermesslich groß!
Dennoch wandte er ein: »Aber damit dieser Komplott gelingt, damit dieser Mann meine Tochter heiraten kann, bräuchte er doch …«
»Ihre Zustimmung? Die werden Sie ihm geben.«
»Niemals!«
»Man hätte Ihre Überraschung und Ihre Freude ausgenutzt. Und vielleicht liebt Ihre Tochter diesen Mann sogar schon?«
»Ja … sie liebt ihn.«
»Sehen Sie!«
»Aber niemals, solange ich lebe.«
»Man hätte Ihren Tod abgewartet. Und bei einem Kerl wie dem, mit dem wir es hier zu tun haben, hätte das nicht lange gedauert.«
Der Herzog erzitterte. »Glauben Sie?«
»Ich traue ihm alles zu.«
»Und meine Tochter?«
»Wenn sie ihn liebt, wird sie alles tun, was er will.«
»Sogar gegen ihren eigenen Vater?«
»Ich bin mir bereits sicher, dass die Unglückliche keinen eigenen Willen mehr hat und die Sklavin dieses Mannes ist.«
Dieser letzte Schlag traf den armen Vater hart. Er sank in einen Sesseln zurück, vergrub das Gesicht in den Händen und murmelte: »Was soll ich nur tun?«
»Geben Sie mir eine Vollmacht«, sagte Marc Jordan, »und ausreichend Geld. Ich werde Ihnen Ihre Tochter zurückbringen und den Verbrecher, der sie sich gegriffen hat, persönlich der Justiz übergeben.«
»Alles, was ich besitze, werde ich opfern«, sagte der arme Vater, »nur um mein Kind wiederzusehen und den Schuft zu bestrafen, der sie mir genommen hat.«
Er händigte Marc Jordan die von diesem festgelegte Summe aus, und der Detektiv machte sich unverzüglich an die Arbeit.
Schon bald fand er heraus, dass der Mann im Dienste des Grafen von Cazalès ein berüchtigter Bandit war: ein gewisser Maudru, genannt Eisenarm, der vor Kurzem aus dem Zuchthaus entkommen war und den die Polizei bisher vergeblich gesucht hatte.
Jordan hatte begonnen, den Schurken zu beschatten. Und genau bei dieser Verfolgung war er ihm in die Kanalisation gefolgt – wo er nun von dem schlammigen Torren mitgerissen wurde, der ihn unaufhaltsam der Seine entgegentrieb.
Schreibe einen Kommentar