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Sagen der mittleren Werra 108

Die Tulipan am Frankenstein

Von Barchfeld ging einmal eine Frau nach Kloster Allendorf zum Begräbnis einer Nonne, die zu ihrer Freundschaft gehörte. Der Tag war heiß, und da die Frau wusste, dass sie bei dem Leichenbegängnis lange zu stehen hätte, setzte sie sich erst ein wenig an der Quelle hinter der Klostermühle am Fuße des Frankensteins nieder. Kaum aber hatte sie sich gesetzt, so schoss dicht neben ihr eine prächtige Tulpe (Tulipan) aus dem Boden.

Die Frau war ganz überrascht, griff aber doch zu, brach die Blume ab und hielt nun ganz erschrocken statt der Tulpe einen mächtigen Schlüssel in ihrer Hand. Sie blickte sich darauf scheu nach allen Seiten um und gewahrte nun auch eine verschlossene Tür hinter ihrem Rücken. Unentschlossen blieb sie einen Augenblick stehen, dann aber fasste sie sich ein Herz, steckte den Schlüssel ins Schloss, und die Tür sprang auf. Die Neugier trieb sie bald in das Innere. Hier sah sie einen großen Kessel voll blinkender Geldstücke. Vorsichtig nahm sie einige Hände voll in ihre Schürze; da kam es ihr vor, als ob ihr der Kessel durch eine unsichtbare Hand entgegengeschoben würde, und nun fing es an ihr zu gruseln. Sie eilte daher rasch ins Freie, und als sie sich umsah, war die Tür verschwunden. Ihr Schleier aber, den sie beim Eintreten daran gehängt hatte, hing nun auf einem wilden Rosenstrauch.

Hätte es der Frau nicht gegruselt und sie den Kessel mutig angefasst, so hätte sie ihn samt dem ganzen Schatz ans Tageslicht ziehen können. So blieb ihr nichts, als das, was sie in die Schürze gerafft hatte.

Der Schatz am Frankenstein

Auf einem Acker an der Westseite des Frankensteins wollen mehrere in der Mittagsstunde ein helles Feuer gesehen haben. Dort, sagen sie, liegt noch der Schatz der Dynasten von Frankenstein oder vielleicht auch der des alten Nonnenklosters vergraben. Einige Knechte aus Neuendorf, die so glücklich waren, beim Ackern mit der Schaar den Henkel des Kessels aufzuwühlen, machten den ihnen so überrascht dargebotenen Schatz durch freudiges Ohä, welches sie den Pferden zuriefen, plötzlich wieder verschwinden. Einen anderen Schatz soll eine weiße Jungfrau auf dem Schlossplatz bewahren.

Vom spukenden Bauer am Frankenstein

Zu Witzelroda lebte ein reicher hachsiger Bauer, der droben auf dem Frankenstein einem seiner Anlieger nach und nach ein ganzes Teil seines Ackers weg- und sich zugepflügt hatte; dafür musste er nach seinem Tod büßen.

»Ich habe ihn oft gesehen und gehört«, so erzählte ein Witzelröder Schäfer. »Wenn die Gespensterstunde drunten auf dem Turm geschlagen hatte, stand der alte Hach jedes Mal pünktlich auf der früheren richtigen Grenze der beiden Äcker und versuchte mit einem Besen in der Hand, den gestohlenen Erdboden längs des ganzen Stücks wieder hinüber auf den seines Nachbarn zu fegen. Man hörte ganz deutlich das Kratzen. Einmal hatten wir, mein Junge und ich, es versehen und unsere Schafhütte ihm gerade in den Weg gestellt. Wir hörten es auch ganz gut, als er wieder angekratzt kam, blieben jedoch ruhig liegen. Aber Donner und Wetter, wie flogen wir auf einmal mit der Hütte beiseite! Wir haben es nicht wieder probiert. Seinem Sohn wurde der Spektakel im Dorf endlich doch zu arg; er ackerte seinem Nachbarn das gestohlene Eigentum wieder zu, und seitdem hat auch der Alte Ruhe im Grab gefunden.«

Vom Otternkönig im Grundhof

Eine Viertelstunde unterhalb Salzungen windet sich am rechten Ufer der Werra nach dem Moorgrund hinauf ein liebliches Tal. Am Ende der vorderen Wiesen in der Nähe des Grundhofs steigt rechts vom Weg dicht neben einer süßen Quelle ein Säuerling aus dem Fuß des Berges. Hier trinkt und badet der Otternkönig. Wer vor der Ankunft desselben ein weißes Tüchlein, das jedoch in einer der heiligen Nächte gebleicht sein muss, dorthin ausbreitet, dem legt der Otternkönig ein güldenes Krönlein darauf, dessen Besitz keinen verarmen lässt, da das Gold, welches man abschabt, sich immer wieder von selbst ersetzt.

Vom Tränenkrüglein in Unterrohn

In dem Dörfchen Unterrohn steht an einem Rain nach Tiefenort zu ein Haus, darinnen starben den Leuten kurz nacheinander zwei Kinder in noch zartem Alter, und die Mutter konnte des Abhärmens und des Weinens kein Ende finden. Alle Vorstellungen ihres Mannes, dass sie die Kinder dadurch doch nicht ins Leben zurückrufen könnte und ihnen nur die Ruhe im Grab raube, fanden kein Gehör.

So saßen die beiden Eheleute eines Abends wieder beisammen, und der Mann bot alles auf, die laut weinende Frau zu trösten, als die Stubentüre plötzlich sich öffnete. Die beiden Kinder traten still ein, jedes mit einem Krüglein in der Hand, setzten sich auf die Ofenbank und beobachteten die arg bewegte Mutter eine Weile gar traurig. Erschrocken stierten die beiden Eltern nach der Erscheinung hin.

Da begann das älteste der Kinder: »Mutter, Mutter, warum weinet Ihr nur immer noch so sehr und raubt uns die Ruhe im Grab? Weint doch nicht mehr! Seht, in diesen Krügen müssen wir in unseren Gräbern alle eure Tränen auffangen. Fast sind sie schon voll, und wenn sie überlaufen, dann werden wir bei dem lieben Gott ja nicht in Gnaden angenommen. Weint also nicht mehr!«

Nach diesen Worten erhoben sich die Kinder wieder und verschwanden durch die Tür. In den Augen der Frau aber hat niemand mehr eine Träne gesehen.

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