Die Geschichte des goldenen Saffianschuhs – Kapitel 3
Antonina Domańska
Die Geschichte des goldenen Saffianschuhs
Original: Historia żółtej ciżemki
Eine Erzählung aus der Zeit der Herrschaft von Kasimir IV. Andreas
Mit 11 Illustrationen
Kapitel 3: Bei den Gauklern
Die Prinzessin und die Teufel – Der Bauchredner – Herr Prot spendiert Bier – Margośka auf dem Seil – Wawrzek steht auf dem Kopf – Die Ziege Beksa und Grzegorz’ Peitsche – Warum die Wagenplane schepperte
Wawrzek schlug die Augen auf.
»Wo bin ich denn?«, rief er laut.
Im ersten Moment konnte er sich an rein gar nichts erinnern. Da es ihm jedoch nicht sonderlich drängte, der Sache sofort auf den Grund zu gehen, blieb er einfach lang ausgestreckt auf dem Stroh liegen, den Hafersack unter dem Kopf, und sah sich um.
Und zu sehen gab es jede Menge interessanter Dinge: Zuerst bemerkte er als ordentlicher Bauernsohn drei bestens gepflegte Pferde, die direkt neben ihm ihr Futter mampften. Auf dem Boden lag eine wunderschöne weiße Ziege mit langem, lockigem Fell. Drüben auf dem Marktplatz, wo er gestern Nacht noch eine Vielzahl abgespannter Wagen gesehen hatte, erblickte er heute zwei Reihen von Marktständen. Soweit er es aus seiner Ecke erkennen konnte, waren darauf herrliche Schätze ausgebreitet. Und gleich in der Nähe hatte ein Töpfer seine Waren aufgebaut, gefolgt von weiteren Ständen mit unzähligen Körben, und direkt neben dem Korbmacher hatte sich ein Schuster eingerichtet und einige Dutzend Paar Schuhe, Stiefel und Schnabelschuhe in den verschiedensten Farben aufgehängt.
»Ach du meine Güte … die sind ja gelb wie Stroh in der Sonne!«, seufzte Wawrzek und starrte voller Entzücken auf ein Paar Riemchenschuhe, die an einer Stange hingen und sanft hin und her baumelten. »Wenn Mutter doch nur hier wäre, würde ich sie bitten … sie ist doch so gutherzig … sie würde mir diese Schuhe bestimmt kaufen. Was für lange Spitzen sie haben! Ich spüre förmlich, dass sie mir wie angegossen passen würden.«
Er gähnte laut, drehte sich auf die rechte Seite und schloss die Augen. Nach all den Abenteuern hatte er sich noch etwas Ruhe verdient.
»Ist Seine Gnaden etwa schon aufgewacht?«, zwitscherte über seinem Kopf eine feine Stimme.
Er blickte auf. Neben einem riesigen Wagen – mindestens dreimal so groß wie die anderen und mit einer dicken Planhaube bedeckt – stand ein schönes Mädchen. Sie trug einen Kranz aus bunten Blumen im dunklen Haar, ein schneeweißes Hemdchen mit kurzen Ärmeln, ein Mieder so grün wie frisches Gras und reich mit glänzendem Flitter bestickt, dazu einen ebenso schmucken, sehr kurzen Rock. An den Füßen trug sie genau solche gelben Schuhe.
»Oje … ich werde mich lieber nicht rühren, damit ich möglichst lange weiterträume … was für eine wunderschöne Prinzessin!«
Das Mädchen flocht eine silberne Borte in ihren Zopf und lachte laut auf.
»Das ist mir ja vielleicht ein Schlafmütze! Alle Welt hat schon gefrühstückt, und der da schnarcht und schnarcht … Hast du keinen Hunger?«
»Darf ich denn zu einer echten Prinzessin sprechen?«
»Ach was, du Dummkopf … was bin ich denn für eine Prinzessin! So viel wie du ein König bist. Malgosia heiße ich, und das war’s. Mutter! Vater!«, rief sie und drückte die Lippen an einen Spalt im Planenaufbau. »Der Kleine ist aufgewacht!«
»Bring ihn herein, er soll was essen«, ertönte eine Stimme aus dem Inneren des Wagens.
»Na los, steh auf und komm mit, sonst haben wir später keine Zeit mehr für dich.«
Sie hob die herabhängende Leinwandplane ein Stück an, stieg die kleinen Stufen in den Wagen hinauf und zog den Jungen hinter sich her. Ein Glück, dass sie ihn an der Hand hielt, denn er schrak so gewaltig zurück, dass er glatt rücklings von der Treppe gestürzt wäre und sich übel zugerichtet hätte.
Denn so sicher Malgosia eine Prinzessin gewesen sein mochte – obwohl sie es nicht zugeben wollte –, so sehr glichen die beiden Gestalten, die er in diesem seltsamen Wagenhaus erblickte, zwei Kreaturen, die schnurgerade aus der Hölle auf die Erde aufgestiegen sein mussten.
Ihm drehte sich der Kopf …
Die eine Gestalt war dick und kurz, völlig närrisch gekleidet: der rechte Ärmel rot, der linke gelb, das rechte Hosenbein bläulich, das linke weiß mit schwarzen Kreisen. Die Jacke selbst war gestreift, als würden Schlangen darauf herumkrabbeln, aber das war alles noch gar nichts gegen diese abscheuliche Fratze! Keine Wand war so weiß wie das Gesicht dieses Dicken. Darauf waren Flecken, als hätte jemand den Finger in Blut getaucht und hier und da einen Klacks gemacht; und die Haare … waren das überhaupt Haare? Widerliche, rote Zotteln.
Die andere Gestalt wiederum, die dort in der Ecke stand, war schwarz wie Pech: Fratze, Haare und die gesamte Kleidung. Und die Prinzessin lief keineswegs davon, sondern lachte nur und redete leise mit ihnen.
»Oh, heilige Mutter Gottes … ich danke dir!«
Eine ganz gewöhnliche Frau stand am Herd und goss aus einem Topf eine Schöpfkelle Essen in eine Schüssel. Sie schnitt Brot ab, drehte sich um … Mensch, die hatte er doch gestern Nacht gesehen!
»Nun, mein kleiner Burschenknirps«, sprach die Frau Wawrzek an, »hast du gut geschlafen? Kein Räuber im Traum erschienen?«
Er wagte es, einen Schritt vorzutreten.
»Ach, gnädige Frau …«, flüsterte er, »habt Erbarmen mit mir Armen und führt mich sofort hier raus! Ich will gar nichts mehr essen, wenn ich nur diese Teufel da nicht ansehen muss.«
Obwohl er versuchte, so leise wie möglich zu sprechen, hörte Margośka, die direkt neben ihm stand, seine letzten Worte. Sie fing so laut zu kichern an, dass sie sich auf die Bank setzen musste.
»Hab doch keine Angst, fürchte dich nicht, hi hi hi … Habt Ihr gehört, Vater, was er sagt? Er glaubt, Ihr seid der Teufel und Froncek auch … hi hi hi … gleich kriege ich noch Bauchschmerzen vor Lachen!«
Die ältere Frau streichelte das Kind, führte es zum Herd und sagte mit sanfter Stimme: »Iss, mein Sohn, mit Gottes Segen, und hab vor nichts Angst. Die beiden da in der Ecke sind Menschen wie wir auch. Sie wollen nur nach der Hochmesse auf dem Marktplatz Kunststücke vorführen, deshalb mussten sie sich verkleiden und sich die Gesichter anmalen. Wenn sie sich nachher waschen, wirst du sehen, dass sie überhaupt nicht unheimlich sind.«
»Kunststücke? Wozu denn Kunststücke?«
»Bist schon so groß gewachsen und hast noch nie etwas von Gauklern gehört?«, fragte ihn der lange, schwarze Teufel.
»Mein Lebtag nicht! Bei uns in Poręba gab es so etwas nicht.«
»Siehst du, wie gut es ist, dass du zu uns geraten bist? Da hast du gleich etwas Interessantes gelernt«, fügte der Ältere hinzu.
»Ach was … das kümmert mich doch gar nicht, ich bin auf gar nichts neugierig, außer wo Poręba liegt. Es sind so viele Leute auf dem Jahrmarkt, wenn nicht der eine, fährt mich eben ein anderer zurück zu meinem Vater.«
»Na klar, ganz recht. Aber warum solltest du bei fremden Leuten herumfragen? Du hättest es gar nicht besser treffen können als bei uns – wir fahren nämlich schon morgen nach Poręba.«
»Gleich morgen? Oh, wie wunderbar! Ich irre nun schon den dritten Tag umher, alleine hätte ich nie nach Hause gefunden.«
»Siehst du? Aber dafür musst du uns ein bisschen zur Hand gehen.«
»Selbstverständlich helfe ich, solange ich es nur kann!«
»Keine Sorge, das ist ein einfacher Dienst. Ich werde dich fein herausputzen, denn mit so einem Dreckspatz würde ich mich vor den Leuten schämen. Du wirst um uns herumwuseln, als würdest auch du Kunststücke vorführen. Danach geht ihr zwei mit Margośka und den kleinen Schüsseln durch die Menge, und die Leute werden euch Denare1 hineinwerfen.«
»Wozu Denare?«
»Damit wir morgen nicht vor Hunger sterben müssen und die Pferde ihr Futter bekommen. Bist du fertig mit Essen? Dann geh hinaus auf den Platz zum Brunnen und wasch dich. Margośka, pump ihm etwas Wasser.«
Der Alte beugte sich zum Ohr des Mädchens und flüsterte: »Aber pass gut auf, dass er dir nicht entwicht!«
Bei den Marktständen waren noch wenige Leute unterwegs; fast alle Bewohner des Städtchens befanden sich beim Gottesdienst in der Kirche. Margośka huschte mit Wawrzek zwischen den Wagen hindurch, passte auf, dass er sich gründlich abschrubbte, und kehrte so schnell wie möglich zum Wagen zurück, da sie sich den Leuten nicht vor der Zeit zeigen wollte.
Auch der Vater und Froncek nutzten den geringen Betrieb auf dem Marktplatz: An der Stelle, die ihnen gestern vom Stadtschreiber zugewiesen worden war, breiteten sie einen großen Teppich aus, der aus mehreren geflickten Wandteppichen zusammengenäht war. In die Mitte stellten sie einen Tisch auf Böcken, und unter den Tisch legten sie verschiedene Akrobatik- und Requisitenteile.
Die Mutter band sich ein rotes Kopftuch um, legte eine frische Schürze an, und kaum kamen die ersten Leute aus der Kirche, da ertönten vom Wagen der Seiltänzer auch schon schreckliche Töne, Trommelschläge und das Geläut kleiner Glocken. Froncek stand auf dem Tisch und blies aus Leibeskräften auf einer Pfeife, die Mutter schlug die Trommel, und Wawrzek – über und über in Atlasstoff und goldglänzende Plättchen gekleidet – schüttelte voller Begeisterung eine Rassel, die mit zwanzig Glocken behängt war.
Der Gottesdienst war zu Ende, die Kirche leerte sich, und auf dem Marktplatz wimmelte es bald von Schaulustigen und Käufern. Hier liefen Kinder zum Lebkuchenstand, worauf sie schon seit einem Jahr voller Sehnsucht gewartet hatten; dort suchte ein junger Burschenschaftler für sein Mädchen einen Ring mit einem Stein aus; ältere Frauen probierten bunte Kopftücher an, und Mädchen banden sich Perlenketten um den Hals. Andere, wohlhabendere Kundinnen umringten den Schneiderstand und feilschten um Mieder oder Schürzen. In der Luft lag der Duft von gebratenen Blutwürsten, Bratwürsten und Kutteln. Das Getümmel, das Lachen und das Feilschen am Markt wurden von der Katzenmusik der Seiltänzer, dem Wiehern der Pferde und dem Bellen der Hunde begleitet.
»Leute, kommt her und seht! Die Gaukler zeigen ihre Kunststücke!«, munterten sich die jungen Leute gegenseitig auf. Sie scherzten und spotteten übereinander, doch zunächst wollte niemand als Erster an die hässlich angemalten Basteleien herantreten.
»Komm schon, Jagna, komm!«, trieb der Küchenjunge des Bürgermeisters seine Schwester an. »Das ist alles nur Schein! Der eine malt sich das Gesicht schwarz an, der andere weiß – das ist bei denen einfach Brauch. Aber Angst braucht man nicht zu haben, die tun niemandem was.«
»Das sind doch nur dumme Narren«, belehrte ein älterer Zimmergeselle seine Begleiter. »Manchmal lohnt es sich zu sehen, was für Kunststücke sie draufhaben. Letztes Jahr waren sie in Mogiła, aber das waren nicht dieselben … na ja, wer blickt bei diesen Gauklern schon durch.«
»Und was, wenn sie uns verhexen?«, fragte Marysia, die Tochter des Organisten, und verdeckte ihre Augen mit der Zipfelecke ihrer Schürze.
»Ach was, wenn nur du niemanden verhexst …«, spöttelte Stach, einer der Gerichtsdiener, der um Marysias Gunst warb.
»Ich sage euch, das sind Zauberer …«, urteilte die Krämerin Wajdżina mit gesenkter Stimme, während sie mit einer Holzkelle heiße Kutteln für den ehrenwerten Meister Prot, den Fassbinder, aufschöpfte.
»Wie viel? Vier Denare? Ein kleines Schüsselchen Kutteln für zwei Bissen – und dafür gleich vier Denare? Wo gibt’s denn so was? Davon wird man doch gar nicht satt!«
»Wenn Ihr Fassbinder seid, dann schnürt Euren Bauch doch mit Fassreifen zu, damit Ihr was spürt! Lasst doch diese Gaukler über mich richten, ich habe keine Angst. Eine halbe Quarte Kutteln für vier Denare, und sogar noch mit Nachschlag! Geht doch zur Gawlikowa – ich bin gespannt, wie viel sie Euch für acht gibt!«
Der ehrenwerte Herr Prot schwieg geschlagen, kratzte die Schüssel bis auf das letzte Krümelchen aus, wischte sich den Schnurrbart ab und ging hinüber, um den Gauklern zuzusehen. Das Beispiel einer so angesehenen Persönlichkeit wirkte ermutigend auf die anderen: Einzeln und in Gruppen strömten die Leute herbei, bis sie schließlich Kopf an Kopf dicht vor der Bühne – also vor dem ausgebreiteten Teppich – standen.
»Ehrwürdige Meister aller Zünfte, verehrte Handwerksgesellen … schöne Jugend beiderlei Geschlechts … werte Herren Hausväter nebst Gemahlinnen! Gregorius Hipopotamus, Magister der freien und halsbrecherischen Künste, heißt euch willkommen!«
So begann der alte Grzegorz, das Oberhaupt der Seiltänzerfamilie, die Vorstellung. Eigentlich war er noch gar nicht alt, aber wegen seines Sohnes nannte er sich selbst so.
»Erlaubt mir, wertes Publikum, dass ich mich zur Stärkung meiner Kräfte ein wenig erfrische … ich habe nämlich noch nicht gefrühstückt.«
Mit diesen Worten zog er ein hohes, scharfes Messer aus dem Gürtel, legte den Kopf in den Nacken und schob sich die Klinge bis zum Heft in den Hals.
Ein Flüstern des Entsetzens ging durch die Zuschauer. Magister Gregorius zog den Dolch wieder aus dem Mund, verneigte sich anmutig nach drei Seiten, strich sich über den Magen, schleckte sich die Lippen und reichte das Messer dem ersten Burschen am Rand zur Überprüfung, dass es tatsächlich aus echtem Stahl und scharf geschliffen war.
»Möchte es vielleicht jemand versuchen? Bitte sehr … Nein? Nun gut, dann schlucke ich dieses Elixier noch einmal auf das Wohl dieser vortrefflichen Gesellschaft!«
Und er wiederholte das Kunststück ein zweites Mal.
»Nun, da ich mich seltsam gestärkt und frisch fühle, als wären zwanzig Jahre von mir abgefallen, möchte ich der erlauchten Versammlung die Wirkung dieses nahrhaften Frühstücks beweisen. He, Froncek! Bring mal ein Fässchen Bier von dort drüben unter dem Schankzeichen … hörst du?«
Der schwarze Teufel sprang zum nächsten Schankraum, kehrte mit großer Mühe mit einem stattlichen Eichenfässchen zurück und stellte es vor seinem Vater auf den Tisch.
»Bevor ich mich an die Arbeit mache, ist es mir eine Freude, Ihnen ein männliches Kind vorzustellen, das von Geburt an wunderbar begabt ist. Das ist Franciscus Bipes Nero! Als er erst einen Tag alt war, betrank er sich schon … mit Milch; mit fünf Jahren konnte er passabel gehen, und mit zehn sprach er wie ein Alter. Was am meisten Verwunderung verdient: Trotz dieser reichen Gaben der Natur ist er gesund aufgewachsen und lebt bis zum heutigen Tag. Froncek … verneige dich vor den Herrschaften, aber ordentlich!«
Der Junge stieß sich mit den Füßen vom Boden ab, drehte sich in der Luft wie ein Kreisel, machte an die zehn Purzelbäume und marschierte anschließend auf den Händen zurück zum Wagen.
Grzegorz fasste das Fässchen mit zwei Fingern am hervorstehenden Rand über dem Boden und schwenkte es mehrmals im Kreis herum.
»Hoho!«, rief eine Frau aus der Menge. »Das Fässchen ist leer, das ist keine große Kunst!«
»Ich habe selbst gesehen, dass der Wirt ihm ein leeres Fass gegeben hat!«, rief ein anderer lachend.
»Mit Verlaub, Eure Gnaden«, sagte der Gaukler mit beleidigter Miene, »ein leeres Fass an zwei Fingern im Kreis zu schwenken ist auch nicht so einfach, wie es aussieht – geschweige denn ein volles. Wer wagt zu behaupten, dass kein Bier im Fässchen ist?«
Meister Prot, der sich auf die Worte desjenigen stützte, der gesehen haben wollte, dass das Fass leer war, hob die Hand.
»Ich wette darum!«
»Einverstanden!«
»Wer verliert, zahlt ein Eimer Bier – ich oder Ihr!«
»Gut!«
»Bringt Krüge und Gläser!«
Man brachte sie herbei; Grzegorz zog den Spund heraus, füllte die Krüge und bewirtete freundlich die Versammlung. Alle tranken mit Genuss und lachten über Herrn Prot.
»Ach … warum hat der da auch so einen Unsinn geschrien, wenn er sich seiner Sache nicht sicher war? Jetzt hat er sich irgendwo verkrochen oder verhält sich ruhig, weil er sich schämt!«
»Ich schäme mich überhaupt nicht, ich stehe direkt neben Euch!«
»Wo? Wer?«
Meister Prot sah sich verärgert um, wollte sich für den Spott der Leute und die entstandenen Kosten rächen, aber direkt neben ihm standen zwei kleine Kinder, etwas weiter weg – Stach und Marysia, die tief im Gespräch versunken waren und von der Welt um sich herum nichts mitbekamen, und dahinter Damian Jemioła mit seiner Frau – Verwandte und Freunde von Meister Prot.
»Mich würde interessieren, wo er steht, wo ich doch niemanden sehe!«
»Ich bin in Eure Tasche gekrochen!«, ertönte eine Stimme mit gedämpftem Ton.
»Zauberei! Teufelswerk!«
»Teufelszeug!«, riefen einige erschrocken. Mancher wäre am liebsten davongelaufen, aber im dichten Gedränge kam man kaum weg.
Da schlug sich der Stadtschreiber, der ebenfalls in der ersten Reihe stand, plötzlich an die Stirn und platzte los vor Lachen.
»Ach was … gleich Zauberei! Ein Bauchredner ist das, weiter nichts! Die Frau, die gesprochen hat, der andere und das, was in die Tasche gekrochen ist – das hat er alles selbst gesprochen!«
Magister Gregorius blickte stolz und zufrieden auf das Publikum und verneigte sich erneut nach allen drei Seiten.
Es gab unendlich viel Lachen und Applaus. Froncek wurde herbeigerufen; er schlug Purzelbäume, sprang wie besessen herum und rollte sich auf dem Teppich zu einem Knode zusammen, sodass man kaum erkennen konnte, wo Kopf und wo Beine waren. Danach reichte ihm Wawrzek verschiedenfarbige Bälle, und Froncek warf zehn davon in die Luft, fing sie geschickt auf und warf sie wieder hoch – nicht ein einziger der zehn Bälle fiel auf den Boden.
Zum Abschluss band man ein Seil an der Dachrinne im ersten Stock des Gasthofs Zur goldenen Gans fest und spannte es schräg hinüber zur Dachrinne auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes in gleicher Höhe. Magister Gregorius kündigte der erlauchten Versammlung feierlich an, dass seine Tochter Margośka, ein liebliches und tugendhaftes Mädchen, auf dem Seil von einem Ende zum anderen gehen und anschließend rückwärts wieder zurückkehren werde.
Mit brausendem Beifall wurde diese Ankündigung aufgenommen, und er fügte ernst hinzu: »Mögen Eure Gnaden sich bitte nicht laut wundern und auch nicht durch Händeklatschen ihre Freude zeigen, solange dieses überaus gefährliche Kunststück nicht beendet ist; hier geht es um Leben und Tod.«
Die Stimme des Gauklers zitterte vor Sorge um sein geliebtes Kind … sein weiß bemaltes Gesicht sah hässlich und lächerlich zugleich aus.
Froncek führte Margośka auf den Teppich; sie verneigte sich vor dem Publikum, wobei sie ihre weißen Zähne zeigte, und dann liefen beide hinüber zur Goldenen Gans. Das Mädchen erschien am offenen Fenster, stellte sich mit einer Stange zur Wahrung des Gleichgewichts auf das gespannte Seil und machte langsam, steif wie aus Holz und ohne nach unten zu sehen, sondern starr nach vorne blickend, die ersten Schritte. Ihre kleinen Füße setzte sie geschickt und vorsichtig auf.
Wawrzek hatte überhaupt nicht verstanden, was die Vorbereitungen mit dem Seil bedeuten sollten. Erst als er die Prinzessin sah, wie sie etwa zwanzig Fuß über dem Boden auf dem Seil schritt, schrie er auf, als würde man ihn mit einem Messer schneiden, und rannte los auf den Gasthof zu – vermutlich, um sie vor dem Tod zu retten. Eine harte Hand packte ihn am Kragen, und eine noch härtere Stimme flüsterte ihm ins Ohr:
»Steh still und halt den Mund, du verrückter Kerl! Wenn du so schreist, erschreckst du das Mädchen, sie fällt herunter und bringt sich um. Gib keinen Mucks von dir, sonst reiße ich dich in Stücke!«
Das Kind hielt sich mit den Händen den Mund zu und stand wie starr da, die Augen auf Margośka gerichtet, und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Der Vater spielte auf der Pfeife einen wilden, aber sehr rhythmischen Marsch, die Mutter schlug das Tamburin, und das Mädchen ging wie eine Schlafwandlerin auf dem Seil, indem sie ihre Füße im Takt setzte, weil sie so leichter das Gleichgewicht hielt. Als sie am gegenüberliegenden Fenster ankam, setzte sie sich auf den Rahmen und ruhte sich aus. Sie war sehr blass.
Nach einem kurzen Moment stellte sie sich wieder auf das Seil, nun mit dem Rücken dazu, und trat den Rückweg an, indem sie Schritt für Schritt rückwärtsging. Die Herzen der Zuschauer schlugen um die Wette mit dem Tamburin der Mutter und der Pfeife des Vaters.
Noch zwei Schritte … noch einer … geschafft!
Erst jetzt erdröhnte der Marktplatz von Applaus und den Rufen der Menge, sodass die Hauswände ein Echo zurückwarfen. Wawrzek hockte sich auf den Boden, und die so lange zurückgehaltene Angst um die Prinzessin brach in lautem Schluchzen aus ihm heraus.
»Na, steh auf … hier hast du einen Lumpen, wisch dir die Augen ab«, brummte Grzegorz halblaut. »Habe ich dir nicht gesagt, dass du mit Margośka Denare sammeln wirst? Los, rühr dich!«
Sie mussten sich beeilen, bevor die Begeisterung des Publikums abkühlte. Margośka nahm tänzelnd und lächelnd die bereits zu diesem Zweck vorbereiteten Teller vom Tisch, gab einen davon Wawrzek und hieß ihn, ihr zu folgen. Die Zuschauer zeigten sich durchaus großzügig; kaum jemand schlich sich davon, ohne einen Denar hineinzuwerfen. Das Mädchen sang dazu fröhliche Volkslieder, brach manchmal mitten im Vers ab, um mit dem einen oder anderen einen Scherz zu machen. Ihr hübsches Gesicht und ihre schlagfertigen Worte gewannen ihr die Gunst aller. Auf dem Teller wuchs ein Haufen Kupfermünzen, hier und da schimmerten auch Silbermünzen hervor. Wawrzek hielt seine Schüssel hin, aber niemand achtete auf ihn. Erst eine barmherzige Bürgerin hatte Mitleid mit den verweinten Augen des Kindes und warf ihm ein Dreierstück hinein.
»Warum weinst du denn, Kleiner?«
»Das ist mein Brüderchen, ich bitte um Eure Nachsicht!«, antwortete Małgosia schnell. »Er hat sicher was angestellt und der Vater hat ihm eins übergezogen; aber das ist bei uns an der Tagesordnung. Seht Ihr, er lacht schon wieder!«
In der Tat: Der Gedanke, er sollte der Bruder einer Prinzessin sein, kam dem Jungen so drollig vor, dass er den Mund aufsperrte und alle Zähne zeigte.
»Ihr ehrwürdigen Herrschaften, gebt dem Kind doch auch ein paar Kupfermünzen; sonst bekommt er eine Strafe, wenn er mit nichts zurückkommt!«
Anschließend wurden die Gauklerrequisiten aufgeräumt, Bretter und Böcke im Wagen verstaut. Grzegorz und Froncek wuschen sich, zogen ihre Alltagskleidung an und gingen hinaus, um sich auf dem Jahrmarkt umzusehen. Der stattliche, etwas dickliche Mann im grauen Mantel sah eher wie ein Viehhändler aus als wie ein Gaukler. Und aus Froncek war so ein hübscher Bursche geworden, dass die Mädchen ihm hinterhersahen; niemand hätte geglaubt, dass dies derselbe war, der eben noch Purzelbäume geschlagen und den schwarzen Teufel gespielt hatte. Er hatte sich nämlich absichtlich so dreckig gemacht und entstellt, damit man ihn später nicht wiedererkannte.
»Die Mutter hat es gut gemacht, dass sie das Kind gestern bei unserem Wagen schlafen ließ«, sagte der Alte zu seinem Sohn. »Du bist schon zu groß, dich trägt die Ziege nicht mehr. Aber so ein Kleiner – wenn man ihn nur anlernt – wird Purzelbäume schlagen, dass es eine Freude ist.«
»Die Mutter wird nicht einverstanden sein«, antwortete der Sohn. »Sie meinte doch heute Morgen, man müsse das Kind zum Pfarrhaus bringen, damit der Pfarrer ihn nach Hause schickt.«
»Ach was! Der Pfarrer weiß auch nicht mehr als wir, wohin er ihn schicken soll. Ich werde vernünftig mit der Mutter reden. Geht es dem Jungen etwa schlecht bei uns? Er wird sich satt essen – wenn er will, sogar mehr als satt –, er muss sich nicht überarbeiten, sondern nur jeden Tag eine Stunde lang üben.«
»Aha, und Prügel kassieren!«, frotzelte Froncek.
»Ohne Peitsche geht es nicht«, sagte der Vater vollmundig. »Du hast auch Prügel bekommen, manchmal bis aufs Blut.«
»O ja, das habe ich!«
»Na und? Deine Knochen sind heile, du bist gewachsen wie eine Weide, du zeigst wunderschöne Kunststücke – hat es dir geschadet?«
»Kein Mädchen will einen Gaukler zum Mann haben!«
»Bist du dumm … hat die Mutter mich etwa nicht gewollt? Übrigens, was soll das Gerede – schau dich doch um, ob auch nur eine an dir vorbeigeht, ohne dich anzulächeln. Jedes Handwerk ist gut, solange es Brot bringt. Also fahren wir heute Nacht von hier ab. Morgen machen wir Rast in Księża Wólka, und übermorgen ist Vorstellung in Miechów, denn dort ist gerade Jahrmarkt. Wir müssen dem Jungen morgen ein bisschen was beibringen, damit er wenigstens auf den Händen laufen kann. Schaffst du das?«
»Wenn er willig ist, warum nicht? Auf den Händen zu laufen ist doch keine große Kunst.«
»Rede ein vernünftiges Wort mit ihm; mach ihm ein bisschen Angst vor mir, dann wird er gehorchen.«
Wie der alte Grzegorz es angeordnet hatte, so wurde es getan: Noch vor Anbruch der Nacht verließen sie das Städtchen – die Mutter mit den drei Jungen im Wagenaufbau, der Vater auf dem Kutscherbock, die weiße Ziege an der Leine hinter dem Wagen. Am frühen Morgen erreichten sie eine wunderschöne Lichtung im Wald. Grzegorz spannte die Pferde aus, ein Lagerfeuer wurde entfacht, Margośka holte Wasser aus dem Fluss, die Mutter kochte das Frühstück, und Froncek kümmerte sich um Wawrzek und seine erste Akrobatikstunde. Der Kleine erklärte frei heraus, dass er nicht auf den Händen gehen werde, weil die Leute in Poręba ihn auslachen würden, wenn er anders liefe als die anderen.
»Ich verlange ja auch gar nicht, dass du von morgens bis abends kopfüber herumläufst, aber ich muss es dir beibringen; der Vater hat es so befohlen.«
»Wozu denn?«
»Was kümmert dich das? Er hat es befohlen, und damit basta. So, keine Zeit verlieren!«
Er packte ihn mit einer Hand am Gürtel um die Taille, nahm mit der anderen beide Beinchen, und die Lektion begann.
»Ich will nicht … ich mache das nicht … warum quälst du mich?!«, kreischte Wawrzek.
Da kam Grzegorz mit der Peitsche herbeigeeilt.
»Kriegen willst du wohl was auf die Haut, du Nichtsnutz?!«, rief er und hieb ihm auf die nackten Beine, sodass rote Striemen entstanden. »Du tust, was man dir sagt, sonst setzt es Prügel!«
Und Wawrzek tat, was man ihm befahl, nur um keine Hiebe zu bekommen. Da er geschmeidig, klein und leicht war, begriff er noch am selben Morgen die geheimnisvollen Regeln des Gleichgewichts, sodass Grzegorz staunte, wie gelehrig das Kind war. Er lief so mühelos auf den Händen, wie mancher es auf den Beinen kaum besser könnte. Beim Mittagessen bekam er ein Lob und ein paar aufmunternde Worte für die weitere Arbeit.
»Aber ich will lieber nach Poręba! Ihr habt doch gesagt, dass Ihr mich zu meinem Vater bringt.«
»Was für ein dummes Kind das doch ist, furchtbar!«, erwiderte Grzegorz und führte den Löffel zum Mund. »Siehst du denn nicht, dass wir schnurgerade nach Poręba fahren?«
Alle lachten mit einem unangenehmen Lachen; nur Grzegorz’ Frau zuckte unwillig die Achseln.
»Schnurgerade?«, wiederholte Wawrzek und klatschte in die Hände. »Und ist es noch weit?«
»Na ja, es werden so drei Stationen sein«, antwortete Froncek ernst, und der Alte fügte hinzu: »Ach was … wohl eher vier!« Und wieder brachen sie in Lachen aus.
»Und in welche Richtung?«
»Na dort, wo die Birken stehen. Da macht die Chaussee einen Bogen, und dann liegt Poręba schon wie auf der Hand da.«
Nach dem Mittagessen legte sich Grzegorz zum Ausruhen hin, Froncek und Margośka gingen Pilze suchen, und Wawrzek spielte mit der Ziege, mit der er seit der ersten Minute eine innige Freundschaft geschlossen hatte. Fronceks Worte, dass Poręba gleich hinter den Birken zu sehen sei, klangen ihm unaufhörlich in den Ohren; irgendetwas trieb ihn in diese Richtung.
Warum sollte ich da noch warten? Wer weiß, wie lange sie noch Rast machen, dachte er. Und wenn es so nah ist, werde ich den Weg schon finden. Er ging zu Grzegorz’ Frau und küsste ihr die Hand.
»Was willst du denn, mein Sohn?«
»Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden. Ich gehe nach Hause. Gott lohne Euch alles.«
»Was redest du da, Kind? Was bildest du dir ein? Du findest den Weg doch gar nicht!«
»Sie haben gesagt, es sei nah. Haltet mich nicht auf, ich muss gehen!«
Mit einem einzigen Sprung setzte er an und rannte wie besessen auf die Birken zu. Sie wagte nicht zu schreien, um ihren Mann nicht zu wecken, und zum Hinterherrennen fehlte ihr die Kraft.
Nun gut, Gottes Wille, soll das Kind entkommen, dachte sie. Er wird auf gute Menschen treffen; vielleicht erwartet ihn ein besseres Schicksal, als mit uns herumziehen.«
Zum Unglück für Wawrzek führte der Weg, der hinter den Birken abbog, keineswegs nach Poręba, sondern war – was noch schlimmer war – die Straße nach Miechów, wohin die Gaukler unterwegs waren.
Anfangs lief er wie auf Flügeln und hielt ständig Ausschau, wo denn das Poręba sei, das wie auf der Hand liegen sollte. Er war noch nicht weit gelaufen, da musste er seinen Schritt schon verlangsamen, und nach einer Stunde setzte er sich unter einen wilden Birnbaum am Wegesrand, um ein Weilchen zu rasten. Die Sonne brannte, die Beine taten ihm ein wenig weh; er streckte sich im Schatten aus und schlief ein.
Er erwachte durch einen Schmerz, der wie Feuer brannte … Er schreckte auf … Der alte Grzegorz stand rot vor Zorn über ihm und drosch heftig und unbarmherzig mit der Peitsche auf ihn ein.
»Wirst du noch mal weglaufen? Wirst du?! Wirst du?! Wirst du?!«
»Ich bin nicht weggelaufen, ich bin nur nach Hause gegangen, zum Vater!«
»Da hast du deinen Vater! Da hast du dein Poręba! Da!«
Bei jedem Wort traf der geknotete Strick das grobe Hemdchen; das Kind krümmte sich, zuckte zusammen und wand sich vor Schmerz.
»O Jesus … ich mach’s nicht mehr … nie wieder!«, schrie er mit zerreißender Stimme.
»Merk dir das! Wenn du es noch ein einziges Mal versuchst, prügele ich dich so zusammen, dass du im Blut schwimmst, du Gaunerbrut! Und nun mach Beine, ab in den Wagen!«
Vom nächsten Morgen an begann für Wawrzek der Dienst bei den Seiltänzern – eine harte Lehrzeit. Er musste auf den Händen gehen, Purzelbäume über Distanzen und auf der Stelle schlagen, über eine hoch angesetzte Stange springen. Und als er in all dem große Fertigkeit erlangt hatte, brachte Margośka ihm bei, auf einem Seil zu gehen, das dicht über dem Boden gespannt war.
Jeden Tag wurde es um eine halbe Spanne höher gebunden. Seine Lehrerin erklärte ihm alles sehr sanft, streichelte und küsste ihn, wenn etwas gut gelang, und schlug ihn niemals. Er begriff, dass man nicht nach unten sehen durfte, weil einem sonst schwindelig wurde; er verstand, dass man sich beim Aufsetzen des linken Fußes ein wenig nach links neigen musste und umgekehrt. Doch sehr oft fiel er noch vom Seil, sodass an ein Vorführen dieses Kunststücks noch nicht zu denken war.
Dafür ging es der weißen Ziege prächtig. Vor drei Jahren, als Froncek kaum größer war als Wawrzek und die Ziege kaum aus den Kinderschuhen heraus war, hatte man sie für bestimmte Kunststücke dressiert. Geißlein hatte gedacht, das seien nur Streiche, und hatte gern mit Froncek herumgetollt. Aber sie hatte ihre Kunststücke längst vergessen und musste neu angelernt werden. Das Gute war: Ohne noch zu wissen, was ihn erwartete, hatte Wawrzek sein Brot mit der Ziege geteilt, Grzegorz’ Frau Prisen von Salz entwendet und sich mit diesen Leckerbissen Beksas Liebe für alle Zeiten erkauft. Wenn es nun galt, Anlauf zu nehmen, die Ziege an den Hörnern zu packen, in der Luft einen Salto zu schlagen und mit beiden Füßen auf ihrem Rücken zu landen, widersetzte sich Beksa dem Willen ihres Freundes nicht sonderlich – umso mehr, als Erinnerungen an ihre Jugend in ihr wachwurden. Sie stellte ihren gehörnten Kopf wie zum Kampf auf und stand wie angewurzelt da, was es für Wawrzek sehr erleichterte.
Es war bereits mehrfach vorgekommen, dass bei den Vorstellungen, die die fahrenden Gaukler in den Städtchen gaben, die Ziege und Wawrzek am besten gefielen. Der Knirps sah gar nicht nach seinen Jahren aus, er war winzig und schmal; deshalb machte es auf das Publikum großen Eindruck, wenn so ein Winzling wie ein Floh vom Boden auf den Kopf und den Rücken der Ziege sprang.
Der alte Grzegorz beglückwünschte sich zu dieser Erwerbung; der Junge kostete ihn fast nichts und trug viel zur Vermehrung des Verdienstes bei. Er trug den Samt und den Flitter ab, aus dem Froncek herausgewachsen war, aß wie ein Mäuschen und arbeitete nicht weniger als die Älteren.
Nur sehnte er sich unaufhörlich nach Poręba. Obwohl er vor Grzegorz nicht laut darüber sprach, hörte der Alte mehr als einmal, wie er vor Margośka sein Herz ausschüttete. Sie bewachten ihn daher alle wie ihren Augapfel – außer der Mutter, denn diese hatte von Anfang an Mitleid mit dem Kind und sann unentwegt darüber nach, wie man Wawrzek seinen Eltern zurückgeben oder ihn wenigstens einem guten Menschen anvertrauen könnte, damit dieser einen ehrbaren Handwerker aus ihm mache.
Auf ihrer unaufhörlichen Wanderschaft von einem Winkel des Landes in den anderen hielten sich die Gaukler an die Gewohnheit, nachts zu reisen, morgens zu rasten und tagsüber Vorstellungen zu geben. Trafen sie unterwegs auf ein Städtchen – umso besser; wenn nicht, zeigten sie ihre Kunststücke auch in den Dörfern, sei es nur für einen Laib Brot oder ein Bündel Heu für die Pferde. Auf diese Weise bestritten sie die Kosten ihrer Reise und zogen von Norden nach Süden, von Osten nach Westen. Nicht selten trafen zwei oder drei Seiltänzerfamilien aufeinander; die einen berichteten den anderen, wo es sich zu halten lohnte und auf welcher Chaussee man am sichersten reiste, woraufhin jeder Wagen wieder seiner Wege zog.
Wawrzek, durch die bittere Erfahrung gelehrt, dass eine Flucht keine leichte Sache war und Grzegorz’ Peitsche etwas Schreckliches war, fand sich zum Schein mit seinem Schicksal ab und veranstalte immer spektakulärere Saltos, sowohl mit als auch ohne Ziege. Doch nachts, wenn alle im Wagen tief schliefen und das Gefährt langsam über Schlaglöcher und Pfützen holperte – ach, dann weinte der arme Kleine bitterlich wie ein gefangenes Vögelchen, das im Käfig zappelt und sich die Flügel an den Stäben einschlägt, und spann sonderbare Pläne zu seiner Befreiung.
In einer wolkigen Nacht, als der Wagen langsam auf einem Waldweg dahinrollte, jeden Augenblick über dicke Wurzeln stolperte oder bis zur Achse im Schlamm versank, hörte Grzegorz’ Frau, die in der drückenden Hitze des geschlossenen Wagens nicht einschlafen konnte, Wawrzek’ leises Schluchzen.
»Was hast du denn, Kleiner?«, fragte sie vorsichtig, um niemanden zu wecken, und zog den Strohsack mit dem Kind zu sich herüber.
»Nichts … ich bin nur so unglücklich«, antwortete er.
»Warum unglücklich? Tut dir was weh?«, und sie streichelte ihm übers Köpfchen.
Er wusste, dass man der Mutter alles gestehen konnte; wie oft hatte er gehört, wie sie ihren Mann drängte, den Jungen unterwegs an irgendeinem Gutshof oder an ein Handwerk abzugeben. Er wusste, dass sie ihn nicht verraten würde, denn sie war immer gut zu ihm gewesen. Also schlang er die Arme um ihren Hals und stammelte im leisester Flüstern:
»Ich will zu meiner Mutter … nach Poręba!«
»Er sorgt sich um das Würmchen … Er behütet das Grashalmfeld …«, erinnerte sich Grzegorz’ Frau an ein Lied über die göttliche Vorsehung. Nun, vielleicht ist es der Wille des Herrn Jesus, dachte sie. Soll das Kind gehen, wohin seine Augen ihn tragen; eine bessere Gelegenheit als heute wird es nicht geben.
»Hast du denn keine Angst vor der dunklen Nacht?«
»Der Bär und das Wildschwein sind schon an mir vorbeigelaufen, ich habe in der Nacht schon die Augen des Wolfes gesehen, und mir ist nichts passiert … Ich fürchte mich vor gar nichts, nur dass der Meister mich nicht erwischt.«
»Dann hör zu: Steck dir das Viertel Brot unter den Kittel, das da auf der Truhe liegt. Hast du es ertastet?«
»Ja.«
»Und jetzt krieche langsam zu den Stufen … knöpfe die Plane auf … leise … da rührt sich jemand.«
Sie hielten den Atem an und warteten. Froncek fing wieder an zu schnarchen, Margośka murmelte etwas im Schlaf.
»Du kannst beruhigt gehen, sie schlafen fest. Und stoß dort nichts um.«
»Gott lohne es Euch! Küsst Ihr mich nicht zum Abschied?«
Sie umarmten sich.
Etwas raschelte zwischen den Kisten und Bündeln, etwas frische Luft drang durch die gelöste Plane ins Innere, und mehr geschah nicht.
Dank der täglichen akrobatischen Übungen war der Sprung aus dem fahrenden Wagen für Wawrzek ein Kinderspiel, zumal die Pferde im Halbschlaf nur im Schritt gingen; Grzegorz flüsterte, um den Schlaf zu vertreiben, das Stundengebet.
»Wart nur, jetzt bin ich schlau, ein zweites Mal fängst du mich nicht!«, flüsterte er und drohte dem unsichtbaren Tyrannen mit der geballten Faust. »Es ist dunkel wie im Schornstein; ich verstecke mich im Gebüsch, und du kannst mich suchen, bis es dir leid wird.«
Er machte einen Satz in den Wald.
»Nein … im Gebüsch hocke ich mich nicht hin: Wenn sie zwei Laternen anzünden, entdecken sie mich sofort; oder ein Raubtier kommt vorbei und frisst mich. Ich klettere auf einen Baum.«
Mit der Gewandtheit einer Katze krallte er sich mit den Fingern in die dicke, rissige Borke; die Beine halfen den Händen, und binnen einer Minute saß er schon auf einem Ast. Er tastete hier und dort, vergewisserte sich, wo der Baum die dichtesten Äste hatte, und kletterte vorsichtig höher, um sich nicht den Kopf an einem Ast zu stoßen.
»Oh, hier ist es genau richtig für mich; hier warte ich auf den Morgen.«
Die vom Nagel gelöste Plane, die den Wagen der Seiltänzer verschloss, flatterte im leichten Wind und raschelte, indem sie gegen die Wände schlug. Grzegorz’ Ohr, das auf jedes Geräusch achtete, hörte dieses Rascheln.
»Was ist denn da los?«, brummte er. »Ist was gebrochen oder abgerissen, dass das so scheppert?«
Er hielt die Pferde an und stieg vom Kutscherbock.
»He … wer hat da die Plane aufgemacht?«
»Was wollt Ihr denn?«, ertönte aus der Tiefe die verschlafene Stimme von Froncek.
»Ich frage, warum ihr die Plane aufmacht! Am Ende rutscht noch ein Bündel heraus und fliegt auf die Straße.«
»Ich habe mich nicht einmal gerührt, ich schlafe seit dem Abend auf derselben Seite.«
»Vielleicht Margośka oder die Mutter?«
Margośka antwortete mit Schnarchen, und die Mutter tat so, als schliefe sie.
»Oje … Vater …«
»Nun, was ist?«
»Der Strohsack ist leer, der Junge ist nicht da!«
Grzegorz zischte durch die zusammengebissenen Zähne einen gefurchten Fluch aus, doch ohne Zeit mit nutzlosen Worten zu verlieren, schlug er sogleich Feuer, zündete eine Laterne an und befahl Froncek, dasselbe zu tun.
»Gehen wir suchen!«, sagte er. »Du siehst auf der linken Seite nach, ich auf der rechten. Er kann noch nicht weit gelaufen sein; es ist keine zehn Minuten her, dass ich das Rascheln gehört habe.«
Sie machten sich auf den Weg die Straße entlang, in der Erwartung, das Kind einzuholen. Erst als sie ein gutes Stück gelaufen waren, kam ihnen der Gedanke, dass er sich ganz in der Nähe im Dickicht versteckt haben könnte. So kehrten sie langsam um und leuchteten Schritt für Schritt, Strauch für Strauch ab; nicht ein Farnkrautbüschel ließen sie aus. Sie blieben stehen, lauschten – nichts.
»Binde mal die Laterne an die Stange, damit du weiter oben zwischen den Bäumen leuchtest; vielleicht ist er irgendwo auf einen Baum geklettert.«
»O Jesus!«, flüsterte das Kind. »Er leuchtet genau auf meine Kiefer … Er muss mich sehen … Das weiße Hemd ist zwischen den Ästen zu erkennen!«
»Was starrst du denn so auf eine Stelle?«
»Seht selbst, da wird ganz oben etwas grau …«
»Wo, wo? Ich sehe nichts.«
Flügelflattern ertönte: Ein aufgeschreckter Uhu ließ sich von der Spitze des Nachbarbaumes herab und schlug auf der fluchtartigen Suche nach Dunkelheit heftig mit den Flügeln gegen Grzegorz’ Gesicht. Der Alte war ins Wanken geraten, streckte die Hände aus und klammerte sich an Fronceks Arm; überrascht davon ließ dieser die Stange los, die Laterne fiel zu Boden und erlosch.
»Lasst das Suchen doch sein!«, rief die Mutter aus dem Wagen. »Der Junge ist schon vor Mitternacht entkommen, und ihr sucht ihn hier erst!«
»Sooo? Das wusstest du und hast keinen von uns gerufen?!«
»Ich wusste eben von gar nichts! Mir hat nur im Traum gedämmert, dass sich jemand neben mir vorbeischiebt; er hat mir sogar die Hand geküsst. Ich konnte einfach nicht aufwachen oder die Augen öffnen. Eins weiß ich mit Gewissheit: Es ist mehr als zwei Stunden her, seit er türmte. Seid also nicht dumm und sucht nicht den Wind im Feld!«
Beide fluchten nach Herzenslust und kehrten zum Wagen zurück.
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