Nick Carter – Band 20 – Ein Kindesraub – Kapitel 6
Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein Kindesraub
Ein Detektivroman
Kapitel 6
Auf der Fährte der Bankräuber
Am liebsten wäre Nick Carter noch am nämlichen Abend nach Port Jervis zurückgefahren, um unverweilt mit seinem Feldzug gegen Groble und seine Kumpane zu beginnen, hätte er nicht Rücksicht auf seine Wunde nehmen müssen.
Dann bedachte er aber auch, dass es besser war, wartete er erst den Bericht seines Gehilfen Chick ab, welcher sich unverweilt nach Poughkeepsie begeben hatte, um im dortigen Gefängnis Rücksprache mit Pete Oakey zu nehmen.
Am Abend des nächsten Tages kehrte Chick von seinem Ausflug zurück.
»Nun, Chick, wer brach in die Bank ein?«, sagte der Detektiv, seinen vertrauten Mitarbeiter mit herzlichem Händedruck begrüßend.
»Das weiß ich nicht, alter Junge, doch schwerlich ist unser Freund Oakey mit ihm im Spiel gewesen!«, entgegnete der junge Detektiv.
»Was hat die Behörde inzwischen ermittelt?«, wollte Nick wissen, als in dessen Arbeitszimmer die beiden Detektive sich gegenüber saßen.
»So gut wie nichts!«, entgegnete Chick unter vielsagendem Achselzucken. »Sie haben Pete Oakey in Nummer Sicher und behaupten steif und fest, er sei schuldig. Mit diesen billigen Lorbeeren sind sie zufrieden und denken gar nicht an weitere Nachforschungen!«
»Das sieht unseren ländlichen Gerichten wieder einmal ähnlich! Doch ich denke, was diese Herrschaften unterließen, das besorgtest du?«
»Gewiss, wenigstens bis zu einem gewissen Punkt. Der Nachtwächter in der Bank wurde überwältigt. Es waren verschiedene Einbrecher am Werk und von diesen sah der Mann einen deutlich genug, um ihn wieder erkennen zu können. Oakey persönlich hat er nicht gesehen, doch da Letzterer ein berufsmäßiger Einbrecher ist, so nimmt das Gericht ohne Weiteres an, dass er auch bei jenem Einbruch beteiligt gewesen ist.«
»Woher die Einbrecher kamen, weiß man nicht?«, wollte der Detektiv wissen.
»Nun, ich will dir sagen, was ich herausbekommen habe, und du kannst ja dir einen Vers daraus machen. Hätten wir den Fall sofort aufgenommen, wären die Kerle vermutlich innerhalb 24 Stunden zur Strecke gebracht worden. Nach Ablauf eines Monats ist es fast unmöglich, noch sichere Spuren zu finden. Höre nun, was ich noch herausfinden konnte, alter Junge, doch ob es eine solche Spur ist oder nicht, das weiß ich nicht!
Also in jener Nacht stieß das nördlich fahrende Troy-Dampfboot ungefähr um Mitternacht mit einer Jolle, in welcher sich mehrere Männer befanden, zusammen. Die Leute schienen sich in großer Eile zu befinden und ruderten zur westlichen Küste.«
»Das klingt gut«, warf Nick Carter ein. »Du rudertest natürlich ebenfalls zur westlichen Küste.«
»Selbstverständlich. Ich ließ mich wenigstens hinrudern. Dort wurde ich mit einem Bootsverleiher bekannt. Dieser hat in jener Nacht kein Ruderboot verliehen, doch er vermisste ein solches am nächsten Morgen. Er fand es ungefähr eine Meile stromabwärts in einer kleinen Bucht und sein Zustand zeigte, dass es die Nacht über benutzt worden war.«
»Das klingt noch besser, Chick. Sonst noch etwas?«
»Ja, an der Westshore-Eisenbahnlinie befindet sich, New Hamburg gegenüber, eine kleine Station. Der Agent dort kennt jedermann in der Nachbarschaft. Als an jenem Morgen der erste Zug passierte, bestiegen ihn zwei Männer.«
»Nicht mehr?«, brummte der Detektiv enttäuscht.
»Nun, Nick, du darfst auch nicht gar zu anspruchsvoll sein!«, erklärte Chick lachend. »Für so eine kleine Haltestelle sind zwei Fahrgäste auf einmal immerhin schon eine anständige Leistung!«
»Spaßvogel!«, knurrte Nick, ihm mit dem Finger drohend. »Du weißt ganz gut, wie ich es meine. Die übrigen Kerle müssen auf der nächsten Station eingestiegen sein?«
»Selbstverständlich, denn sie wagten jedenfalls nicht, zusammen sich öffentlich zu zeigen.«
»Wohin fuhren die Burschen?«
»Sie kauften keine Fahrkarten.«
»Verd… schlaue Kerle!«, meinte der Detektiv anerkennend. »Du hast recht, Chick, solch schwache Spuren noch nach Monatsfrist zu verfolgen, ist nahezu unmöglich. Vermutlich begabst du dich dann nach Poughkeepsie und suchtest Pete Oakey auf?«
»Allerdings. Ich kann nur sagen, Freund Pete machte auf mich den Eindruck, als ob er mir offen und rückhaltlos die Wahrheit gestand. Er war natürlich damals in New Hamburg nicht seiner Gesundheit wegen, sondern hatte sich beruflich dorthin begeben – natürlich aber in seiner gewohnten Branche, dem Haus- und nicht dem Bankeinbruch.
Er war gerade bei der Arbeit, nicht weit ab von der beraubten Bank, als er plötzlich die Explosion hörte. Der dumpfe Knall erweckte die Leute in dem Haus, welchem er seinen unerbetenen Besuch abzustatten gedachte. So ließ er sein Werkzeug liegen und brannte durch. Wie er dann aufgegriffen wurde, das weißt du ja am besten.«
»Gewiss«, bestätigte Nick. »Wurden die Werkzeuge gefunden?«
»Die meisten davon. Zu seinem Unglück war Pete Oakey noch nicht im Haus selbst gewesen, sondern hatte gerade einen geschlossenen Fensterladen zu öffnen versucht, als die Explosion geschah. Vor Schreck ließ er einige seiner Werkzeuge fallen. Dann, als die Leute im Haus munter wurden, musste er an einem Rebstockspalier hinunter, über einen Rasenplatz und dann wieder über eine Mauer, um auf die Straße zu gelangen. Beim Erklettern der Mauer will er einen besonders kunstvoll geformten Schraubschlüssel verloren haben. Als er dann auf der Straße war und die Gefahr immer drohender wurde, dass er ergriffen werden möchte, warf er auch noch den Rest seiner Werkzeuge fort, damit keine solchen bei ihm gefunden werden sollten.«
»Aha!«, warf Nick ein. »Diese Werkzeuge wurden vermutlich von den Polizisten gefunden und dienen nun der Anklage als Unterlage?«
»Selbstverständlich. Doch die Kerle waren zu faul, sich nach dem Haus umzuschauen, in welches Oakey seiner Angabe nach einbrechen wollte. Ich unterzog mich der Mühe und fand unterm Reblaub sowie in dem an der Mauer befindlichen Buschwerk richtig genau dieselben Werkzeuge, welche Pete Oakey dort verloren haben will.«
»Ein Zeichen, dass Freund Pete die Wahrheit gesprochen hat und beim Bankraub nicht beteiligt gewesen ist«, fiel der Detektiv ein.
»Du nimmst an, Nick, dass dein Mann Groble der Bankräuber ist, eh?«
»Ich weiß es!«
»Aber wie willst du es denn beweisen?«
»Das müssen wir abwarten. Was dich anbelangt, Chick, so musst du zuschauen, ob du die beiden Männer, welche auf der kleinen Haltestelle so frühzeitig den Zug bestiegen haben, nicht ausfindig machen kannst. Das ist ein schwieriger Auftrag, doch vielleicht können die Zugbeamten dir behilflich sein. Besonders der Kondukteur ist wahrscheinlich mit den Fahrgästen auf jener Nebenstrecke persönlich bekannt und erinnert sich wohl gar der beiden Leute, zumal sich auf der nächsten Station noch verschiedene andere mit ihnen vereinigten.«
»Soll mich wundern, ob mich die Spur nicht nach Port Jervis führt!«
»Das vermute ich, und es soll mich freuen, trifft es zu.«
Die Haushälterin trat eben ein und brachte ein Telegramm für den Meister, welches dieser alsbald laut vorlas:
Ihr Freund ist noch nicht hier und verhält sich sehr ruhig. Die Mehrzahl seiner Gäste sind abgereist. Sonst nichts Neues.
F. E. Bentley.
»Ich schickte Patsy nach Port Jervis, und zwar just noch in derselben Minute meiner Ankunft zuhause!«, erklärte der Detektiv. »Ich beauftragte ihn, nichts zu unternehmen, sondern sich ruhig zu verhalten und lediglich zu beobachten. Ich werde mich nunmehr unverzüglich nach Port Jervis begeben.«
»Gedenkst du diesen Groble sofort zu verhaften?«
»Wüsste ich sicher, dass der Wachtmann der Bank ihn wieder erkennen würde, so verhaftete ich ihn auf der Stelle. Das muss ich erst herausfinden – nun«, beendete er die Unterredung, »erfülle du deine Aufgabe und ich werde meine Schuldigkeit tun! Jedenfalls werde ich meine innere Ruhe erst wieder finden, weiß ich den gefährlichen Patron für eine längere Reihe von Jahren unschädlich gemacht!«
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