Mörder und Gespenster – Band 1 – 24. Teil
August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Muttermörder
Kapitel 5
Seitdem sich diese Ereignisse zugetragen hatten, war das Haus, das Heinrich Walter von seinen Eltern geerbt hatte und das nach seinem gewaltsamen Tod an entfernte Erben gekommen war, zum Sitz unheimlichen Spuks geworden. Noch kurze Zeit wurde es bewohnt, dann aber scheute sich ein jeder, hineinzuziehen, und es stand leer, obgleich die Eigentümer es in einem freundlichen Zustand erhielten, um Bewohner anzulocken.
Die Hauptursache dieses Rufes lag in der Erscheinung eines alten Mütterchens, das, wie die Sage ging, niemandem etwas zuleide tat, aber doch die Leute auf seltsame Weise erschreckte. Mussten die Mägde zur frühen Arbeit aufstehen, gab es eine Wäsche oder dergleichen im Haus, so sah man die graue, neblige Gestalt des Mütterchens emsig nach allem sehen, den Dienstleuten nachgehen, ihnen in den Keller und auf den Boden folgen – kurz: so tun, als ob es die Oberaufsicht führen müsse. Hatte dieser oder jener das Herz, die Erscheinung anzureden, so gab sie keine Antwort; stets zeigte sie dieselben schmerzlichen Züge, dasselbe erloschene Auge, stets dasselbe bleiche Antlitz.
Tätiger jedoch zeigte sich das Gespenst, wenn einem Kind im Haus eine Krankheit drohte oder wenn es schon in Gefahr war. Dann schellte es oft zur Nachtzeit in den Kammern der Dienstleute; unsichtbare Hände weckten sie auf, und begaben sie sich dann in die Zimmer ihrer Herrschaft, um nach den Befehlen zu forschen, so hatte niemand geschellt, niemand geweckt, aber ein Vorzeichen war es, dass irgendein trüber oder gar trauriger Fall sich in der Familie ereignen würde.
Dies waren Tatsachen, die glaubwürdige Leute verbürgten; was mehr davon in der Stadt verbreitet war, konnte als bloße Erfindung angesehen werden. Diese eben war es, die das Ganze in einen Schleier des Entsetzlichen hüllte und jeden Versuch fernhielt, das Haus wieder zum Wohnsitz glücklicher Menschen zu machen; mit einem Wort: das Geheimnis zu finden, das den Geist zu bannen imstande war.
So musste denn die unglückliche Frau Walter noch nach dem Tod die Last büßen, in ihrem angestammten, ihr so lieben Haus zu weilen, und die mütterliche Sorge, die sie im Leben geübt hatte, sie auch im Tod nicht verlassen. Durch beides hatte sie Unheil über ihr Geschlecht gebracht, und nun huscht ihr grauer Schatten durch die öden Räume des Hauses und kann, von den Menschen geflohen, das nicht ausüben, was ihn zum endlichen Heil – zur Erlösung – geleiten könnte.
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