Secret Service Band 4 – Kapitel 4
Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 4
Old and Young King Brady Detectives
Der geniale Bluff der Bradys
Oder: Ihre Verfolgungsjagd zur Rettung einer Erbin
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detective
Kapitel 4
Auf der Hayden-Farm
Es erübrigt sich fast zu sagen, dass die beiden Detektive die Ohren spitzten. Dies war eine Enthüllung von höchster Wichtigkeit. Dass sie auf die Spur eines neuen Bauernfängertricks gestoßen waren, war ein Glücksfall. Nun konnten sie miterleben, wie leicht es war, das listenreiche Trio zu stellen, während es gerade dabei war, seinen schändlichen Plan in die Tat umzusetzen.
Sie spannten ihr Gehör bis zum Äußersten an.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte Corcoran zuversichtlich. »Ich werde meinen Teil schon gut spielen.«
»Alles klar«, stimmte Hardy zu. »Und wie sieht dein System aus, Corcoran?«
»Der altehrwürdige Trick, so alt wie die Hügel Roms, aber so wirksam und unfehlbar wie Schlangengift«, erwiderte die Hochstaplerin Lively Ann. »Das gute alte Goldbarren-Spiel.«
»Du bist ein Prachtweib!«
»Gewiss.«
Einen Moment lang herrschte Stille.
»Glaubst du, er ist ein sicheres Opfer, an dem man arbeiten kann?«, fragte Corcoran.
»Meiner Meinung nach ja.«
»Gut. Dann schieß los. Ich habe volles Vertrauen in dich. Wann wirst du ihn sehen?«
»Er kommt morgen Vormittag nach New York. Er wird mich in meinem bescheidenen Heim in der Second Avenue besuchen. Du kennst die Hausnummer. Dort wird er den heimgekehrten Minenarbeiter im Bett vorfinden, und den Goldbarren aus Nuggets, geformt aus der Erde des Klondike, wird er ebenfalls dort sehen. Der Goldbarren dient als Sicherheit für Geld, das für neue Ansprüche in der Nähe von Dawson City vorgestreckt wird, um dem Bergmann die Rückkehr und den Abbau von Millionen zu ermöglichen. Zehntausend Dollar wird Farmer Hayden in unseren Händen lassen und wie üblich den sprichwörtlichen wertlosen Ziegelstein erhalten.«
Die Bunco-Werber lachten schallend.
»Du bist eine Wucht, Annie!«
»Es braucht eben eine Frau, um sie zu übertölpeln.«
»Jedes Mal.«
»Alles sehr clever!«
»Ja«, murmelte Old King Brady leise vor sich hin. »Alles sehr clever.«
»Haltet ein!«, rief Corcoran. »Gesteht auch mir ein sauberes Spiel zu. Seht euch den edlen Grafen Giuseppe an, der allein die Fäden in dem prächtigen Palast von Mrs. Hadley-Larkin in der Fifth Avenue zieht. Sie hat fast schon meinen Scheck über zwanzigtausend unterschrieben, mit italienischen Anleihen als Sicherheit.«
»Dreißigtausend sind ein Kinderspiel, wenn diese beiden Jobs gut laufen!«, rief Hardy vergnügt. »Wir können bald unseren Wohnsitz im schönen Paris aufschlagen und dort einen Palast besitzen!«
Welche weiteren Pläne den lauschenden Detektiven noch offenbart worden wären, lässt sich nur schwer erahnen, wäre da nicht ein Zwischenfall dazwischengekommen.
In diesem Moment ertönte ein leichter Schritt an der Schwelle des Zimmers, in dem sie sich befanden. In der Tür erschien ein farbiges Dienstmädchen, denn die Betrüger führten einen organisierten Haushalt mit entsprechendem Personal.
Sie betrat den Raum und bemerkte im ersten Moment die beiden Männer nicht, die flach auf dem Boden lagen. Die Bradys sahen sie. Keiner von ihnen wagte zu atmen.
Sie ging quer durch den Raum zum Frisiertisch. Es wäre möglich gewesen, dass sie sich wieder zurückgezogen hätte, ohne die Detektive zu bemerken. Doch über dem Tisch hing ein Spiegel. Darin sah sie die beiden Männer überdeutlich.
Das Ergebnis war markerschütternd. Sie hielt augenblicklich inne und starrte sie einen Moment lang entgeistert an. Dann gellte ein Entsetzensschrei von ihren Lippen. In wilder Flucht stürzte sie aus dem Zimmer.
Schreiend rannte sie die Treppe hinunter. Natürlich war im nächsten Moment alles in Aufruhr. Old King Brady sprang auf seine Füße. Young King Brady tat es ihm gleich.
Der erste Impuls des jungen Detektivs war es, zum Dach zu stürmen und auf demselben Weg zu fliehen, auf dem sie das Haus betreten hatten. Doch Old King Brady hatte einen anderen Plan.
»Hier entlang!«, flüsterte er.
Sie stürzten hinaus in den Korridor. Nahe dem Treppenabsatz befand sich ein Wandschrank. Die Tür stand offen. Vor der Tür hingen jedoch schwere Wandteppiche oder Vorhänge. Der alte Detektiv erreichte diesen schweren Vorhang und verbarg sich dahinter, ebenso wie Young King Brady.
Jeder von ihnen hielt einen gespannten Revolver in der Hand. Im Falle einer Entdeckung würden sie sich verteidigen. Natürlich schlug das Dienstmädchen bei den Ganoven im Zimmer darunter Alarm. Zusammenhanglos berichtete sie ihnen von den beiden Männern im Zimmer oben.
Hardy und Corcoran zogen mit wilden Flüchen ihre Revolver und stürmten die Treppe hinauf. Die Frau, Ann Prentiss, folgte ihnen und das Dienstmädchen eilte zu einem rückwärtigen Fenster, um zu sehen, wie die Eindringlinge durch den scheinbar einzig verbliebenen Fluchtweg entkamen.
Old King Brady hätte die beiden Bunco-Männer fast berühren können, als sie an ihm vorbeistürmten. Sobald sie in dem Zimmer verschwunden waren, aus dem sie gerade erst gekommen waren, glitt der alte Detektiv aus seinem Versteck. Lautlos eilten die beiden Detektive die Treppe hinunter bis zum Erdgeschoss.
Geräuschlos schob Old King Brady den Riegel der Haustür zurück. Behutsam, schweigend und von den Bewohnern unbemerkt traten beide Detektive aus dem Haus. Einen Augenblick später waren sie bereits unter die Passagiere in der 44th Street gemischt.
Natürlich blieb die Suche von Corcoran und Hardy erfolglos. Sie fanden keine Spur der beiden Männer, die das Mädchen beschrieben hatte. Das Ergebnis war, dass man ihrer Geschichte keinen Glauben schenkte und das Ganze als Fehlalarm abtat. Die Beschattungsaktion der beiden Bradys war somit ein voller Erfolg gewesen.
Sie hatten überaus wertvolle Hinweise gewonnen. Young King Brady fragte: »Sollen wir einen Trupp Polizei holen und das Haus umstellen?«
»Noch zu früh«, sagte Old King Brady kopfschüttelnd. »Wir haben sie bereits in die Enge getrieben.«
»Sehr wohl, aber noch haben wir nichts gegen sie in der Hand. Ihre Methoden sind so raffiniert, dass ihnen nichts nachzuweisen wäre. Wir müssen sie auf frischer Tat ertappen, dann wird das Ergebnis eindeutig sein.«
»Dann ist Ihr Plan, den Fall Farmer Hayden zu verfolgen?«
»Exakt.«
»Das wird hervorragend funktionieren. Und nun habe ich einen Plan!«, der alte Detektiv nickte. »In Ordnung«, sagte er.
»Es wird nicht schwer sein, den Wohnsitz von Farmer Hayden in Westchester ausfindig zu machen. Angenommen, ich gehe dorthin und heuere, wenn möglich, als Landarbeiter an. Sie behalten diesen Teil der Fährte im Auge.«
»Kapital!«, rief Old King Brady. »Du machst deine Sache gut, Harry.«
»Ich habe sie ja noch nicht vollbracht«, entgegnete der junge Detektiv bescheiden. »Wenn Sie mir eine Nachricht zukommen lassen wollen, schreiben oder senden Sie diese an Jonas Pilkins, bei Farmer Hayden, Westchester.«
»Jonas Pilkins?«
»Ja.«
»Du gehst sofort?«
»Mit dem ersten Zug.«
»Gut! Ich werde in dieser Gegend bleiben. Der Farmer wird natürlich zuerst in die Stadt kommen.«
»Ja.«
»Er wird zweifellos die Höhle der Betrüger in der Second Avenue aufsuchen. Der Goldbarren wird dort sein. Aber Farmer Hayden wird das Geld sicher nicht bei sich tragen. Die Bunco-Männer werden den Barren zu seinem Haus auf dem Land bringen müssen. Dort können Sie dann Ihren Teil der Arbeit erledigen.«
»Ganz genau.«
»Sollte irgendetwas eintreten, das diesen angenommenen Lauf der Dinge ändert, werde ich Ihnen sofort Nachricht geben.«
»Verstanden.«
»Wir werden die Halunken auf frischer Tat ertappen. Das wird ein großartiger Fang!« »Das will ich meinen!«
Die beiden Detektive trennten sich. Es gab keine Zeit zu verlieren. Eine halbe Stunde später brachte ein Zug vom Grand Central Depot Young King Brady hinaus nach Westchester.
Farmer Hayden war in jener ländlichen Gegend wohlbekannt. Es war für den stämmigen Burschen vom Lande nicht schwierig, nachdem er den Zug aus New York verlassen hatte, dessen Farm ausfindig zu machen. Farmer Hayden saß an seinem Scheunentor und kaute auf einem Strohhalm, als der Landstreicher in seinen Hof schlenderte.
»Guten Tag«, sagte Jonas Pilkins mit einem breiten Dialekt. »Sind Sie Mister Hayden?« Der Farmer blickte Jonas prüfend an.
»Das ist mein Name«, sagte er. »Wie steht es mit der Ernte da draußen, wie man so hört?«
»So mittelprächtig«, erwiderte Jonas mit einem unbeholfenen Scharren seiner Rindslederstiefel.
»Suchen Sie zufällig einen verdammt guten Allround-Mann?«
Farmer Hayden kaute auf seinem Halm. Es dauerte einige Augenblicke, bis er antwortete: »Nun, ich weiß nicht recht. Ich bin ganz gut versorgt.«
»Hören Sie, Mister«, sagte Jonas ernsthaft, »ich brauche Arbeit. Bezahlung ist egal. Ich arbeite für mein Essen. Das ist doch fair, oder?«
Farmer Haydens Gesicht hellte sich auf. Das sah nach einem Schnäppchen im Bereich der Mietarbeiter aus. Er starrte Jonas erneut an. »Was kannst du denn?« fragte er. »Alles, was auf einer Farm anfällt.«
Farmer Hayden erhob sich. »Nimm einen Eimer und geh rein und melke die Kühe«, sagte er. »Um sechs Uhr kannst du zum Abendessen ins Haus kommen. Morgen früh kannst du um fünf aufstehen, die Kühe melken und mich dann zum Bahnhof fahren, denn ich fahre nach New York. Wenn du mir gefällst, behalte ich dich.«
Jonas Pilkins zog seine Jacke aus. Es war ein Glück für Young King Brady, dass er seine Jugendtage auf einem Bauernhof verbracht hatte. Daher war er mit der Kunst des Melkens und den bäuerlichen Pflichten im Allgemeinen vertraut. Der neue Mann erledigte die Arbeit tadellos.
An jenem Abend saß Farmer Hayden an seinem Scheunentor und schmunzelte. »Wenn er nur durchhält«, murmelte er, »aber die meisten von diesen Burschen halten nicht durch.«
In diesem Moment kam Jonas Pilkins mit schmatzenden Lippen heraus. Er hatte gerade ein dampfendes Abendessen genossen. Er warf seinem Arbeitgeber einen scheuen Blick zu, hielt aber respektvoll und klug Distanz.
Hayden brummte zufrieden. »Kennt auch seinen Platz«, murmelte er. Dann rief er schroff: »Komm mal her, Pilkins.«
Jonas kam schlurfend näher. Er wagte es, sich auf einen umgekippten Wassereimer an der anderen Ecke der Türschwelle zu setzen.
»Wie stehen die Dinge eigentlich in Jersey? Früher dachte ich immer, Jersey sei das Höchste. Aber ich schätze, Westchester schlägt alles dort drüben.«
»Oh, um Längen besser«, stimmte Jonas zu. »Dort ist es momentan völlig tot. Es gibt kaum Nachfrage nach Waren vom Jersey-Markt. Deshalb bin ich ja hierhergekommen, um Arbeit zu finden.«
Hayden hörte finster zu. Hat auch einen klugen Kopf, dachte er. Dann sagte er laut: »Hast du jemals von einem Ort namens Klondike gehört?«
Jonas blickte ihn verständnislos an. »Nö!«, sagte er.
Verdammt unwissend, dachte Hayden. Dann laut: »Nun, das ist ein Ort, wo sie Gold graben. Davon finden sie dort ganze Haufen. Ich bin fast versucht, diese Farm hier zu verkaufen und dorthin zu gehen.«
»Sie wären ein Narr!«
Hayden fuhr überrascht herum. Die Worte waren energisch vorgebracht worden, und der Ausdruck auf Pilkins’ Gesicht war lebhaft und fast feindselig.
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