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Felsenherz der Trapper – Teil 02.7

Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 2
Das Geheimnis der Llano Estacado
7. Kapitel
Abschied für immer

Die Mescalero hatten die Verfolgung des Flüchtlings bald aufgegeben. Gegen ein Uhr morgens herrschte im Lager tiefe Ruhe. Nur die Wachen umkreisten den Platz beständig, und vor jedem der vier Gefangenen saß ein eigener Wächter.

In der Dunkelheit näherte sich ein einzelner Weißer der Postenkette. Er führte ein hoch beladenes Packpferd am Zügel. Es war der Skalpierte. Die Wachen ließen ihn ohne Zögern passieren; er war ein bekannter Händler. Er schritt bis zur Mitte des Lagers und band seine Stute Aurora an einen Baum direkt hinter den Pfählen, an denen die Gefangenen festsaßen. Dann begab er sich zum Zelt des Häuptlings Wattami, der seine Brandwunden noch immer mit Wasser kühlte.

Der Skalpierte setzte sich neben ihn. »Wattami sollte mir die Behandlung seiner Wunden überlassen«, sagte er kurz angebunden. Er holte eine Flasche hervor und rieb die verbrannte Haut des Häuptlings ein.

»Spürt der Häuptling bereits Linderung?«

Wattami nickte.

»Gut«, meinte der Händler. »Dann trink diese zweite Flasche zur Hälfte leer, leg dich schlafen und finde deine Kraft wieder.«

Er wechselte das Thema: »Man sagte mir, das weiße Mädchen sei entflohen. Ich hätte dir zwanzig Pfund Pulver für sie gegeben. Falls du sie wieder fängst …«

Wattami unterbrach ihn voller Hass: »Die Bleichgesichter und der Athabaske sterben heute Morgen am Marterpfahl! Auch Felsenherz und seine Schwester werden bald um ihr Leben winseln. Unser Freund wird das Mädchen niemals loskaufen können. Ich habe gesprochen!«

»Gut, Wattami. Dann verzichte ich. Erlaubst du, dass ich bis zum Morgengrauen hier bleibe?«

»Der Skalpierte ist uns stets willkommen«, erklärte der Häuptling und verschwand in seinem Zelt.

Aurora knabberte derweil an den Blättern der nahen Büsche. Den schweren Packen hatte ihr Herr abgenommen und auf den Boden gelegt. Kaum zehn Minuten später begann sich die Lederhülle des Bündels zu bewegen. Der Kopf und der Oberkörper eines Mannes schoben sich heraus – es war Felsenherz. In der Rechten hielt er sein Jagdmesser. Er ahmte fünfmal das Zirpen einer Grille nach, woraufhin Chokariga am nächsten Pfahl den Kopf fünfmal unmerklich neigte. Sein Wächter starrte schlaftrunken ins Feuer.

Felsenherz schob sich lautlos vor. Sein Messer schnitt durch die Riemen, die den Comanchen hielten. In diesem Moment schlenderte der Skalpierte herbei, setzte sich zum Wächter des langen Billy und zog eine Flasche hervor. Er tat, als tränke er, und reichte sie dann dem Mescalero. »Mein Bruder mag das Feuerwasser mit den anderen Wächtern teilen.«

Der Rote tat einen tiefen Schluck und reichte die Flasche an seine Gefährten weiter. Keiner von ihnen ahnte, dass dem Getränk ein starkes Schlafmittel beigemengt war. Einer nach dem anderen sanken sie zur Seite und blieben reglos liegen. Der Skalpierte erhob sich ruhig, schnürte seinen Packen wieder auf die Stute und verließ das Lager, als wäre nichts geschehen.

Felsenherz hatte inzwischen auch den Lord und Billy befreit. Chokariga huschte zu seinem Wächter, nahm ihm Büchse und Tomahawk ab und trat vor Hobler – den einzigen, der noch gebunden war.

»Das Bleichgesicht soll ebenfalls frei sein«, flüsterte der Comanche und zerschnitt Hoblers Fesseln.

Hobler wollte sofort in den Büschen untertauchen, doch er war kaum einen Schritt weit gekommen, als Chokariga seine Streitaxt mit furchtbarer Wucht auf den Schädel des Verräters niedersausen ließ. Hobler war auf der Stelle tot.

Die Gruppe kroch zum Ufer hinab und schwamm lautlos zum Westufer des Sees hinüber. Dort richtete sich Chokariga auf und deutete nach Westen.

»Mein Bruder wird bald das Kriegsgeschrei der Comanchen hören! Chokariga hat dem Skalpierten nicht alles anvertraut. Eine zweite Abteilung meiner Krieger hielt sich bereit, als ich mich gefangen nehmen ließ. Am Morgen werden die Apachen umzingelt sein.«

Plötzlich tauchte die Gestalt des Skalpierten aus der Dunkelheit auf. »Chokarigas Krieger sind bereits in der Nähe«, erklärte er gebieterisch. »Doch es soll kein Blutvergießen zwischen den Stämmen geben. Nur die Mörder der Felsen-Familie sollen ihre Strafe erhalten. Wir sind alle Kinder Manitus!«

Chokariga schüttelte den Kopf. »Der Skalpierte spricht kühne Worte! Chokariga wird tun, was er für richtig hält.«

Da reckte der Händler sich stolz empor. »Chokariga wird schweigen, wenn der Geisterbüffel erscheint! Wartet hier!«

Er verschwand erneut in der Nacht.

Drüben im Lager brach nun Aufruhr aus. Ein gellendes Geheul verkündete, dass die Flucht bemerkt worden war. Die Feuer wurden neu entfacht. Doch kaum fünf Minuten später verstummten die Schreie der Mescalero und schlugen in nacktes Entsetzen um. Hell beschickt von den Flammen tauchte der Geisterbüffel auf. Er stand einen Moment still, rannte dann durch das Lager und trabte schließlich um den See direkt auf Felsenherz und seine Gefährten zu.

Mit einem Mal flog das leuchtende Büffelfell, das mit einer Phosphorlösung eingerieben worden war, zur Seite. Auf dem Rücken seiner Stute Aurora saß der Skalpierte und rief: »Der Geisterbüffel wird nie wieder gesehen werden! Ich bin Edward Barnley, und diese Maskerade diente mir dazu, Neugierige von meiner Behausung fernzuhalten!«

Er sprang aus dem Sattel, und im nächsten Moment lagen sich die Brüder Barnley in den Armen.

Die Mescalero, gelähmt vom Schrecken über die Geistererscheinung, flohen nach Süden. Doch Chokariga umzingelte sie zwei Tage später in einem Canyon und erzwang die Auslieferung der Mörder. Wattami fiel im Zweikampf gegen den Comanchenhäuptling; die übrigen Mörder wurden hingerichtet.

Drei Wochen später war Anna Felsen wieder genesen. Lord Robert Barnley nahm sie mit nach Europa zu ihren Verwandten. Der Tag des Abschieds in Galveston war für Felsenherz besonders schmerzlich. Er wusste, dass er seine Schwester wohl nie wiedersehen würde. Er hatte die Prärie lieben gelernt und konnte sich ebenso wenig vom abenteuerlichen Leben trennen wie Edward Barnley, der ebenfalls im Westen bleiben wollte.

Der lange Billy, Chokariga, Edward und Felsenherz kehrten zur Llano Estacado zurück. Doch der Frieden währte nicht lange: Sie wurden in den Unabhängigkeitskrieg der Texaner gegen Mexiko hineingezogen, in dem die Indianerstämme als Verbündete auf beiden Seiten fochten.

Der nächster Band trägt den Titel

Der Kundschafter von Fort Kavett

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