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Der Detektiv – Band 32 – Der sprechende Kopf – Kapitel 1

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 32
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der sprechende Kopf
Kapitel 1
Das Eidechsen-Problem

Zwei Tage nach unserer Rückkehr nach Singapur kam Harst spät abends nach einem Ausgang in unser Hotel zurück und erzählte mir, dass er eine kleine Motorjacht für zwei Monate gemietet und auch bereits vier deutsche Seeleute als Besatzung angeworben habe, darunter als Kapitän einen früheren Steuermann namens Weber, der ihm von Detektivinspektor Jobster, unserem alten Freund, warm empfohlen worden war.

Vier Tage später, gegen 6 Uhr morgens.

Die drei anderen Landsleute, der Maschinist Jürgensen und die Matrosen Kersten und Ewald, waren jüngere Männer. Sie gaben ehrlich zu, dass sie sich für die STANDARD nur hatten anheuern lassen, weil sie in Gesellschaft des berühmten Liebhaberdetektivs Harald Harst so allerlei zu erleben hofften.

Jakob Weber ließ nun das Fernglas sinken und rief dem das Steuer bedienenden Kersten zu: »Halt nu genau Kurs auf jene Insel mit der einzelnen Palme auf der flachen Hügelkuppe, min Jong!« Dann wandte er sich an Harst: »In einer Viertelstunde können wir in die schmale Bucht einlaufen, in der damals die Piraten mit dem Kutter landeten.«

Weber hatte zu viel versprochen. Wir mussten noch zwei Stunden suchen, bevor wir die durch Risse und Klippen verdeckte Buchteinfahrt fanden. Dann wurde die STANDARD an der uns bereits bekannten Landungsbrücke vertäut, die einst hier in der Weltabgeschiedenheit dieses unbewohnten Inselchens Eugenie Malcapiers Vater für seine Schmugglerbrigg gebaut hatte.

Harst, Weber und ich gingen nun an Land, durchquerten das Dickicht und gelangten durch die enge Felsspalte in jenen schroffen Talkessel, wo der Schmugglerkapitän einst seinen Schlupfwinkel gehabt hatte. Dort standen noch die verkümmerten Kokospalmen, dort noch die beiden halb verfallenen Blockhütten.

Still und einsam lag der Talkessel da. Papageien flogen hin und her, und vor der einen Hütte sonnte sich ein Pärchen jener gelbschwarzen Rieseneidechsen, die ganz außerordentlich scheu sind und in Birma allgemein Tau-Tau genannt werden, weil sie beim Anblick eines Menschen mit einem gurgelnden Ruf, der wie Tau-Tau klingt, blitzschnell fliehen.

Harst hielt uns plötzlich mit einem leisen »Halt!« zurück. Wir blieben stehen. Er beobachtete aufmerksam die Eidechsen, die noch immer unbeweglich dort auf jenem sandigen Fleck vor der schief in den Angeln hängenden Tür der kleineren Hütte lagen.

»Was gibt es denn?«, fragte ich etwas ungeduldig.

»Hm – so manches zu sehen«, meinte er gedehnt und schritt auf die Eidechsen zu.

Wir folgten ihm. Er machte dicht vor den beiden Tieren halt und erklärte: »Die Sache hat fraglos etwas zu bedeuten. Die Tau-Taus sind tot. Man hat sie nur durch in den Sand gebohrte Aststückchen so gestützt, dass sie von Weitem wie lebende aussahen.«

Ah – er hatte recht. Und er hatte wieder einmal die besseren Augen gehabt!

Harald starrte noch immer auf die Tau-Taus zu seinen Füßen.

Ich muss hier notwendig näher beschreiben, wie die Tiere lagen: Die Hütte stand in der Längsrichtung genau Nord-Süd. Die Tür zeigte nach Osten. Die eine Eidechse lag zwei Meter von der Türschwelle ab mit dem Kopf nach Nordost. Der lange Schwanz war also nach Südwest gerichtet. Die andere wieder war mithilfe der Aststückchen 30 Zentimeter weiter nach Osten so aufgebaut, dass der Kopf etwa nach Südost, der Schwanz aber nach Nordwest gerichtet war.

Harst stellte die Richtungen mithilfe seines Taschenkompasses fest, maß auch die Entfernungen und zeichnete alles genau in sein Taschenbuch ein.

Jakob Weber flüsterte mir zu: »Wozu das, Herr Schraut?«

Ich konnte nur die Achseln zucken.

Harst war nun mit seiner Zeichnung fertig. »Die Eidechsen bleiben unberührt«, sagte er. »Wir müssen uns auch hüten, hier Fußspuren zu hinterlassen. Also bitte: Herunter mit den Schuhen.«

Dann durchsuchten wir erst die Hütten, danach noch den ganzen Talkessel. Wir fanden nichts Besonderes. Wenigstens Weber und ich bemerkten nichts. Dass Harst etwas entdeckt hatte, erfuhren wir sehr bald.

Wir standen nun beisammen im Schatten einer Palme. Es war gerade um die Mittagszeit. Harsts Gesicht hatte jenen Ausdruck, den man am besten mit weltentrückt bezeichnet.

Plötzlich murmelte er vor sich hin: »Der Schmuggler Malcapier muss hier ein Versteck für seine Waren gehabt haben. Vielleicht liegen die Leute dort …«

Weber stieß mich an. Ich zuckte nur wieder die Achseln.

»Suchen wir nochmals!«, forderte Harst lebhafter. »Nicht wahr, mein Alter, ein Schmugglerschlupfwinkel ohne einen geheimen Raum zur Unterbringung des Schmugglerguts ist undenkbar.«

Ich nickte. Und dann suchten wir. Weber und ich blieben beieinander und gaben uns die redlichste Mühe, an den schroffen Felswänden des Kessels irgendwo den Eingang zu dem Versteck zu finden, mit dessen Vorhandensein Harst so bestimmt rechnete.

Harst war nun in der engen Felsspalte verschwunden, die den Zugang zu dem kleinen Tal bildete.

Plötzlich rief er uns zu: »Hierher – ich habe es!«

Wir bogen um das Gestrüpp herum, das vor der Spalte wuchs. Diese glich einem niedrigen Kamin und war an der Sohle durchschnittlich 1 ½ Meter breit und etwa fünf Meter hoch.

Von Harst war jedoch nichts mehr zu sehen. Wir folgten der Spalte bis zum anderen Ende, kehrten wieder um, gingen nun Schritt für Schritt zurück. Weber packte mit einem Mal meinen Arm.

»Da … da!«

Er deutete in die Höhe. Dort sprang der Fels etwa drei Meter über dem Boden weit zurück und bildete so eine Terrasse. Und auf dieser Terrasse stand Harst mit geisterbleichem Gesicht und stierte uns wild an.

»Zwölf – zwölf Leichen!«, sagte er nun mit heiserer Stimme. »Dieser Satan von Weib hat die zwölf vergiftet. Entsetzlich!«

Gleich darauf kletterten wir an einigen unauffällig in die Steinwand eingehauenen Stufen und Handgriffen zu ihm empor. Im Hintergrund der Terrasse klaffte ein gezacktes Loch. Daneben lehnte eine flache Felsplatte – der Verschluss für diesen Eingang.

Harst hatte seine Taschenlampe noch in der Hand, ging voran, leuchtete uns. Tief gebückt folgten wir. Der niedrige Gang endete nach wenigen Metern in einer natürlichen Höhle.

Weber und ich prallten zurück. Ein furchtbarer Leichengeruch schlug uns entgegen. Und dort an der gegenüberliegenden Wand lehnten in sitzender Stellung, eng aufgereiht, zwölf Farbige: die Piraten – sieben Chinesen, vier Siamesen und am rechten Flügel jener Malaie Maukara, den ich sofort an seinen Wangen- und Stirntätowierungen erkannte.

»Kommt!«, sagte Harst.

Wir kletterten von der Terrasse herab.

»Geht nur voran zur Jacht«, meinte Harst. »Ich habe hier noch eine Kleinigkeit zu erledigen. Lieber Weber, wir verlassen die Bucht dann sofort wieder. Halten Sie die STANDARD zur Abfahrt bereit.«

Harst erschien dann nach etwa zehn Minuten an Bord. Die Jacht steuerte ins offene Meer hinaus. Harst bediente das Steuerrad jetzt selbst. Die STANDARD lief nach Süden um das Inselchen herum und bog dann in eine flache Bucht ein, wo er in einem von Röhricht dicht bewachsenen Bach ein gutes Versteck fand.

Als wir vor Anker gegangen waren, rief Harst die ganze Besatzung zusammen und erklärte, dass wir hier vorläufig bleiben müssten. »Niemand darf etwas von unserer Anwesenheit hier ahnen. Es muss also jedes laute Wort, jeder Lärm vermieden werden. Ich verbiete, dass jemand die Jacht verlässt. So lange wir, Schraut und ich, anderswo zu tun haben, tragen Sie, lieber Weber, die Verantwortung. Wir beide werden sofort nach dem Mittagessen aufbrechen und Proviant für mehrere Tage mitnehmen.«

Beim Mittag konnte Weber seine Neugier doch nicht länger verbergen und fragte Harst, was er denn eigentlich vorhätte.

»Das hängt mit dem Eidechsen-Problem zusammen!«, erwiderte Harst. »Gedulden Sie sich nur. Sie werden schon noch zeitig genug erfahren, was ich vermute.«

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