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Der Kapitän Fracasse – Band 1 – 5.1.

Théophile Gautier
Der Kapitän Fracasse
Ein Mantel-und-Degen-Roman, 1863
Band 1
Fünftes Kapitel Teil 1
Beim Herrn Marquis

Im Strahlenglanz eines schönen Morgens entwickelte sich das Schloss Bruyères auf die vorteilhafteste Weise von der Welt. Die am Saum der großen Ebene gelegenen Domänen des Marquis waren ergiebiger Boden, und der unfruchtbare Sand stieß mit seinen letzten weißen Wogen an die Mauern des Parks.

Ein Anstrich von Gedeihen, welcher zu der Armseligkeit der Umgebung einen entschiedenen Gegensatz bildete, erfreute das Auge auf angenehme Weise, sobald man den Fuß hineinsetzte.

Ein Wolfsgraben mit einer schönen steinernen Mauer bezeichnete den Umkreis des Schlosses, ohne dasselbe zu maskieren. Der Graben selbst war mit klarem, fließendem Wasser gefüllt, dessen Reinheit durch keine Wasserpflanze getrübt wurde. Darüber hinweg führte eine aus Ziegel- und Bruchsteinen erbaute Brücke, welche mit Geländern versehen und so breit war, dass zwei Wagen bequem nebeneinander herfahren konnten.

Diese Brücke führte zu einem prachtvollen Gittertor von geschmiedetem Eisen, einem wahren Monument der Schlosserkunst, so schön, dass man glaubte, es sei unter dem Hammer des alten Vulkan selbst hervorgegangen.

In der Mitte des steinernen Gewändes dieses Gittertors strahlte das Wappen des Marquis, und zu beiden Seiten waren eiserne, sogenannte Artischocken mit spitzen Blättern angebracht, um das Einsteigen kecker Diebe und Räuber zu verhindern.

Es war ein beinahe königlicher Eingang. Als ein Diener in der Livree des Marquis das Tor geöffnet hatte, zögerten die den Wagen ziehenden Ochsen, wie geblendet von diesem Glanz und sich ihres schlichten ländlichen Ansehens schämend, die Schwelle zu überschreiten, sodass es einer Berührung mit dem Stachelstock des Treibers bedurfte, um sie dazu zu bestimmen.

Diese wackeren, allzu bescheidenen Tiere wussten nicht, dass die Arbeit die Ernährerin des Adels ist.

In der Tat hätten durch ein solches Tor nur vergoldete Karossen mit Samtpolstern und venezianischen Spiegelfenstern einfahren sollen, aber die Komödie hat auch ihre Vorrechte und der Thespiskarren dringt überall ein.

Ein Sandweg, der ebenso breit war wie die Brücke, führte durch einen im neuesten Geschmack angelegten kleinen Garten bis zum Schloss selbst. In diesem Garten herrschte die vollkommene Symmetrie. Die Schere des Gärtners gestattete keinem Blatt, das andere zu überragen, und die Natur war trotz ihres Widerstrebens gezwungen, die gehorsame Dienerin der Kunst zu sein.

In der Mitte jeder Abteilung stand in mythologischer Haltung die Statue einer Göttin oder Nymphe.

Sand von verschiedenen Farben diente diesen vegetabilischen Zeichnungen, welche selbst auf dem Papier nicht regelmäßiger hätten ausgeführt werden können, als Hintergrund.

In der Mitte des Gartens kreuzte sich ein Weg von derselben Breite mit dem ersten; sie mündeten nicht in rechten Winkeln, sondern in eine Art Rundteil aus, in dessen Mitte sich ein kleiner Teich mit einem kleinen Triton befand, welcher aus seinem Muschelhorn eine Rakete flüssigen Kristalls emporsteigen ließ.

Diese Pracht versetzte die armen Schauspieler, welche nur selten Zutritt in solche Umgebungen erhielten, in die größte Verwunderung.

Die Serafina nahm sich fest vor, die Soubrette auszustechen und die Liebe des Marquis für sich selbst zu gewinnen, weil diese ihr als Trägerin des ersten weiblichen Rollenfaches, wie sie glaubte, mit Recht gebührte. Seit wann wäre auch wohl jemals der Soubrette der Vorzug vor der Primadonna eingeräumt worden?

Die Soubrette ihrerseits, welche sich ihrer von den Frauen geleugneten, von den Männern aber ohne Widerspruch anerkannten Reize sicher wusste, betrachtete sich schon beinahe wie zu Hause, und das nicht ohne Grund. Sie sagte sich, dass der Marquis sie besonders ausgezeichnet habe und dass nur infolge ihres auf ihn abgeschossenen mörderischen Blickes plötzlich die Vorliebe für das Theater in ihm erwacht sei.

Isabelle, deren Gedanken durch keinerlei ehrgeizige Pläne in Anspruch genommen wurden, sah sich nach Sigognac um, welcher hinter ihr in dem Wagen saß, in welchen er sich infolge einer gewissen Scham geflüchtet hatte, und suchte durch ihr reizendes Lächeln seine unwillkürliche Melancholie zu zerstreuen.

Sie fühlte, dass der Kontrast zwischen dem prachtvollen Schloss Bruyères und dem erbärmlichen Kastell Sigognac einen schmerzlichen Eindruck auf das Gemüt des armen Edelmannes machen musste, welcher sich durch die Ungunst des Schicksals genötigt sah, die Abenteuer eines Karrens voll herumziehender Komödianten zu teilen. Mit ihrem sanften Fraueninstinkt versuchte sie den Schmerz des verwundeten Herzens zu beschwichtigen, welches in jeder Beziehung eines besseren Schicksals würdig gewesen wäre.

Der Tyrann überlegte die Summe, welche er als Gage für seine Truppe verlangen sollte, und fügte bei jeder Umdrehung der Räder der Ziffer eine neue Null hinzu.

Blazius, der Pedant, leckte sich mit seiner Satyrzunge die vor unauslöschlichem Durst aufgesprungenen Lippen und dachte mit Wonnegefühl an den herrlichen Wein aus den besten Jahrgängen, welcher in den Kellern dieses Schlosses liegen musste.

Der Leander, welcher mithilfe eines kleinen Kammes seine ein wenig in Unordnung geratene Perücke frisierte, fragte sich mit Herzklopfen, ob in diesem zauberhaften Schloss auch eine Herrin existiere.

Diese Frage war für ihn von der höchsten Bedeutung. Die stolze, entschlossene, obschon joviale Miene des Marquis mäßigte jedoch ein wenig die kecken Hoffnungen, welchen der Leander sich im Stillen bereits hinzugeben begann.

Unter der vorigen Regierung neu erbaut, zeigte das Schloss Bruyères sich nun von Weitem am Ende des Gartens, den es beinahe in seiner ganzen Breite einnahm. Der Stil, in dem es erbaut war, erinnerte an den der Hotels an der Place Royale in Paris.

Ein großes Mittelgebäude und zwei Flügel bildeten einen Ehrenhof, und um die Eintönigkeit der langen Linie des Mittelgebäudes zu unterbrechen, hatte der Architekt in der Mitte eine Art Pavillon angebracht, welcher das Eingangstor enthielt, zu welchem man mithilfe einer Rampe hinaufstieg.

Die hohen Schieferdächer ließen ihre von großen verzierten Schornsteinen unterbrochenen geraden Linien angenehm gegen den Himmel abstechen.

Aus diesen Schornsteinen stiegen, obschon es noch früh am Tage war und die Jahreszeit eigentlich noch kein Heizen der Zimmer nötig machte, leichte Rauchwolken empor und verrieten ein glückliches, rühriges Leben des Wohlstands.

Auf rüstigen Pferden sitzend, brachten die Jagdhüter Wild für die Mahlzeiten des Tages und die Pächter allerlei Gemüse und Früchte herbei, welche von Küchenbeamten in Empfang genommen wurden. Lakaien überschritten den Hof, um Befehle auszuführen und zu befördern.

Nichts konnte für das Auge angenehmer sein als der Anblick dieses Schlosses, dessen Mauern von neuen Ziegeln und Steinen die Farben zu besitzen schienen, in welchen die Gesundheit auf dem Gesicht eines sich wohlbefindenden Körpers blüht; und man war sofort überzeugt, dass hinter diesem neuen Luxus sich alter Reichtum verberge.

Ein wenig hinter dem Schloss, zu beiden Seiten der Flügel, sah man große hundertjährige Bäume, deren Gipfel safrangelbe Färbungen zeigten, deren Unterteil aber noch aus kräftigen grünen Zweigen bestand.

Es war dies der Park, welcher sich weit, umfangreich, schattig, tief und stolz erstreckte und die Voraussicht und den Reichtum der Ahnen bezeugte, denn das Gold kann wohl rasch Gebäude erstehen lassen, aber das Wachstum der Bäume kann es nicht beschleunigen.

Der gute Baron von Sigognac hatte sicherlich niemals die Giftzähne des Neides in sein redliches Herz schlagen und demselben jenes grüne Gift einflößen gefühlt, welches sich bald durch alle Adern verbreitet und zuletzt selbst die besten Charaktere der Welt verdirbt.

Dennoch aber konnte er nicht ganz einen Seufzer unterdrücken, als er bedachte, dass früher die Sigognacs vor den Bruyères den Vortritt gehabt hatten, weil sie von älterem Adel waren und sich schon zur Zeit des ersten Kreuzzuges hervorgetan hatten.

Dieses frische, neue, rot und weiße Schloss, wie die Wangen eines jungen Mädchens, war eine unwillkürlich grausame Satire auf das alte verfallene, welches mitten in Schweigen und Vergessenheit in Trümmer fiel, nur noch Ratten, Eulen und Spinnen zum Obdach diente und nahe daran war, über seinem unglücklichen Herrn zusammenzubrechen, welcher es im letzten Augenblick verließ, um nicht unter diesem Einsturz zermalmt zu werden.

Ohne daher auf den Marquis gerade eifersüchtig oder neidisch zu sein, konnte er nicht umhin, ihn sehr glücklich zu schätzen.

Der Wagen machte vor der Rampe des Schlosses Halt und der junge Baron erwachte aus seinen Betrachtungen, die ohnehin nichts Erfreuliches für ihn hatten. Er versuchte, so gut er konnte, diese unzeitige Schwermut zu verbannen, unterdrückte mit männlicher Willenskraft die Träne, welche ihm verstohlen ins Auge trat, und sprang entschlossen aus dem Wagen, um Isabella und den anderen Damen, deren Unterröcke der Morgenwind ballonförmig aufbauschte, die Hand zu bieten.

Der Marquis von Bruyères, welcher die komische Karawane von Weitem hatte kommen sehen, stand auf der Rampe des Schlosses in einem Wams von braunem Samt, Beinkleidern von demselben Stoff, grauseidenen Strümpfen und weißen Schuhen, alles mit zu den Farben passenden Bändern verziert.

Er kam einige Stufen der hufeisenförmigen Treppe herab, wie ein höflicher Wirt, welcher es mit dem Stand und dem Rang seiner Gäste nicht allzu genau nimmt. Übrigens konnte im Notfall diese Herablassung durch die Anwesenheit des Barons von Sigognac unter der Truppe gerechtfertigt werden.

Auf der dritten Stufe blieb er stehen, denn er fand es nicht seiner Würde angemessen, noch weiterzugehen, sondern begrüßte von hier aus die Schauspieler mit einer freundschaftlichen, gönnerhaften Handbewegung.

In diesem Augenblick steckte die Soubrette unter dem Leinwanddach des Wagens ihren Kopf hervor. Ihre Augen und ihr Mund schossen Blitze. Sie neigte sich, nachdem sie halb aus dem Wagen gestiegen war, mit den Händen am Querholz festhaltend, sodass man ein wenig von ihrem Busen sehen konnte, und tat, als ob sie wartete, dass man ihr hilfreiche Hand leiste.

Sigognac, welcher mit Isabella beschäftigt war, achtete nicht auf die erheuchelte Verlegenheit der durchtriebenen Schelmin, welche ihre leuchtenden, bittenden Blicke zu dem Marquis emporhob.

Dieser erhörte diesen Ruf. Er ging rasch die letzten Stufen der Treppe hinunter und näherte sich dem Wagen, um mit ausgestreckter Hand und wie zum Tanz vorgesetztem Fuß seine Pflichten als dienender Kavalier zu erfüllen.

Mit einer flinken, koketten Bewegung, gleich der einer jungen Katze, schwang die Soubrette sich auf den Rand des Wagens, zögerte einen Augenblick, tat, als ob sie das Gleichgewicht verlöre, umschlang mit ihren Armen den Hals des Marquis und hüpfte leicht wie eine Feder auf den Boden hinab, sodass auf dem glattgerechten Sand kaum die Spur ihrer kleinen Vogelfüße zurückblieb.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie zu dem Marquis, indem sie eine Verwirrung heuchelte, welche sie weit entfernt war zu empfinden, »ich glaubte zu fallen und habe mich an dem Ast Ihres Halses festgehalten. Wenn man fällt oder in Gefahr kommt, zu ertrinken, hält man sich fest, wo man kann. Ein Sturz ist für eine Schauspielerin keine Kleinigkeit und von schlimmer Vorbedeutung.«

»Erlauben Sie mir, diesen kleinen Vorfall als eine Gunst des Schicksals zu betrachten«, antwortete der Herr von Bruyères, der schon ganz aufgeregt war, denn er hatte den künstlich schlagenden Busen der jungen Dame an seiner Brust gefühlt.

Die Serafina hatte mit halb herumgewendetem Kopf diese hinter ihrem Rücken vorgehende Szene mit jenem eifersüchtigen Scharfblick einer Nebenbuhlerin bemerkt, welchem nichts entgeht und welcher es den hundert Augen des Argus gleichtut.

Sie konnte nicht umhin, sich auf die Lippe zu beißen. Zerbine – so hieß die Soubrette – hatte sich durch einen vertraulichen, kecken Handstreich die Honneurs des Schlosses zu erobern gewusst, welche doch der Primadonna gebührt hätten.

Es war dies eine verdammliche Ungeheuerlichkeit, welche, wenn man ihr freien Spielraum gestattete, den Umsturz der ganzen theatralischen Hierarchie zur Folge haben musste.

»Seht doch diese Vagabundin! Sie braucht Edelleute, um sich beim Heraussteigen aus dem Karren helfen zu lassen«, sagte die Serafina bei sich selbst in einer Weise, welche mit dem manierierten Ton, den sie sonst beim Sprechen affektierte, durchaus nicht in Einklang stand. Der Ärger der Frauen entlehnt aber, selbst wenn es Herzoginnen oder große Schauspielerinnen wären, gern Ausdrücke, die sonst nur dem Bereich der Fisch- und Höckerweiber anzugehören pflegen.

»Jean«, sagte der Marquis zu einem Diener, der sich auf einen Wink seines Herrn genähert hatte, »lass diesen Wagen auf den Hinterhof bringen und die Dekorationen und anderen Dinge, welche er enthält, in einen Schuppen tragen. Die Koffer dieser Herren und Damen kommen auf die durch meinen Intendanten angewiesenen Zimmer und man verabreiche den Herrschaften alles, was sie brauchen oder verlangen. Ich will, dass man ihnen mit Ehrerbietung und Höflichkeit begegne. Geh.«

Nachdem diese Befehle erteilt waren, ging der Marquis würdevoll wieder die Freitreppe hinauf, nicht ohne, ehe er unter der Tür verschwand, der ihm zulächelnden Zerbine einen lüsternen Blick zugeworfen zu haben.

Der Wagen lenkte, von dem Tyrann, dem Pedanten und dem Scapin begleitet, nach einem Hinterhof, und mithilfe der Diener des Schlosses hatte man sehr bald einen Marktplatz, einen Palast und einen Wald in Gestalt dreier langer Rollen alter Leinwand ausgeladen. Dann folgten Leuchter von antiker Form, ein Stück vergoldetes Holz, ein blecherner, in den Griff zurückfahrender Dolch, rote Troddeln, welche bestimmt waren, das Blut der Wunden nachzuahmen, ein Giftfläschchen, eine Aschenurne und andere für tragische Entwicklungskatastrophen notwendige Gegenstände.

Die Diener des Marquis berührten nur mit den Fingerspitzen und mit verächtlicher Miene diese dramatischen Siebensachen, welche sie in dem Schuppen nach den Befehlen des Tyrannen, welcher zugleich Regisseur der Truppe war, aufstellten. Sie fanden es ein wenig demütigend, herumziehende Schauspieler zu bedienen. Der Marquis aber hatte gesprochen und sie mussten gehorchen, denn er duldete keine Widerspenstigkeit, sondern entwickelte in solchen Fällen eine wahrhaft asiatische Freigebigkeit in der Austeilung von Hieben.

Mit so ehrerbietiger Miene, als ob er es mit wirklichen Königen und Prinzessinnen zu tun hätte, kam der Intendant mit dem Barett in der Hand, um den Schauspielern ihre Zimmer anzuweisen.

In dem linken Flügel des Schlosses befanden sich die für die Gäste bestimmten Gemächer. Um zu denselben zu gelangen, stieg man schöne, weiße steinerne Treppen hinauf und ging lange, schwarz und weiß getäfelte Korridore entlang, welche durch ein Fenster an jedem Ende erleuchtet waren und auf welche die Türen der Zimmer hinausführten, welche man nach der Farbe ihrer Tapete bezeichnete, die durch den äußeren Türvorhang angedeutet wurde, damit jeder Gast mit leichter Mühe sein Schlafgemach finden könne.

Es gab demgemäß das gelbe Zimmer, das rote Zimmer, das grüne Zimmer, das blaue Zimmer, das graue Zimmer, das braune Zimmer, das getäfelte Zimmer, das antike Zimmer und noch eine Menge anderer, deren Namen man sich mithilfe der Analogie selbst denken kann, denn eine längere Aufzählung wäre zu langweilig und würde eher einen Tapezierer als einen Romanschreiber verraten.

Alle diese Zimmer waren sehr zweckmäßig eingerichtet und enthielten nicht bloß das Notwendige, sondern auch das Angenehme.

Der Soubrette Zerbine fiel das antike Zimmer zu, an dessen Wänden man allerlei üppige Darstellungen aus dem Gebiet der Mythologie sah. Isabella bekam das blaue Zimmer, weil diese Farbe den Blondinen besonders gut steht. Das rote war für Serafina, und das braune erhielt die Duenna, durch die Farbe ihrem Alter angemessen.

Der Baron erhielt ein mit böhmischem Leder ausgeschlagenes Zimmer nicht weit von Isabelles Tür.

Es war dies eine zarte Aufmerksamkeit vonseiten des Marquis, und dieses prachtvolle Zimmer wurde nur vornehmen Gästen angewiesen. Der Herr von Bruyères machte es sich zur Aufgabe, einen Mann von Geburt unter diesen herumziehenden Künstlern besonders auszuzeichnen und ihm zu beweisen, dass er ihn zu schätzen und zugleich das Geheimnis seines Inkognito zu respektieren wusste.

Der übrige Teil der Truppe, der Tyrann, der Pedant, der Scapin, der Matamor und der Leander wurden in den anderen Zimmern untergebracht.

Sigognac betrachtete, nachdem ihm sein Zimmer angewiesen worden war, wohin man ihm auch sein wenig umfangreiches Gepäck brachte, während er zugleich über seine seltsame Lage nachdachte, die Räumlichkeiten, welche er während seines Aufenthaltes auf dem Schloss bewohnen sollte, mit erstauntem Blick, denn niemals hatte er etwas Derartiges gesehen.

Die Wände waren, wie der Name des Zimmers andeutete, mit böhmischem Leder bekleidet, auf welchem ein wunderliches goldenes Muster strahlte. Die Fenstervorhänge waren von gelbem und rotem Brokat und derselbe Stoff bildete die Garnitur des Bettes, welches so gestellt war, dass zu beiden Seiten ein kleiner Zwischenraum bis zur Wand blieb.

Stühle mit viereckiger Lehne und gewundenen Füßen, mit vergoldeten Nägeln beschlagen, und Sessel, welche einladend ihre wohlgepolsterten Arme öffneten, standen längs der Wände und bezeichneten um den Kamin herum den Ort vertraulicher Unterhaltung.

Dieser Kamin von weiß und rot geflecktem Marmor war hoch, weit und tief. Ein an diesem frischen Morgen sehr wohltuendes Feuer loderte darin und beleuchtete mit seinem heiteren Schein das darüber angebrachte Wappen des Marquis von Bruyères.

Auf dem Sims bezeichnete eine kleine Uhr, welche einen Pavillon mit der Glocke als Kuppel vorstellte, die Stunde auf einem in der Mitte durchbrochenen silbernen Zifferblatt, welches einen Blick in die innere Zusammensetzung des Räderwerks tun ließ.

Ein Tisch mit gewundenen Füßen wie salomonische Säulen und mit einem türkischen Teppich bedeckt, nahm die Mitte des Zimmers ein.

Vor den Fenstern neigte eine Toilette ihren venezianischen Spiegel auf eine Spitzendecke, die mit dem ganz koketten Arsenal der Galanterie versehen war.

Unser armer Baron konnte, als er sich in diesem reinen Glas betrachtete, nicht umhin, seine äußere Erscheinung sehr armselig zu finden. Die Eleganz des Zimmers, die Neuheit und Frische der Gegenstände, von welchen er umgeben war, machten sein lächerliches, mangelhaftes Kostüm, auf welches die Garderobe des armen Barons gern verzichtet hätte, umso deutlicher.

Diese betrübende Musterung beschäftigte ihn so ausschließlich, dass er nicht hörte, wie bescheiden an die Tür gepocht wurde, welche gleich darauf sich öffnete und erst das rote, aufgedunsene Gesicht und dann den dicken Körper des Meister Blazius hindurchließ, welcher mit vielen übertriebenen Reverenzen, die eine zur Hälfte aufrichtige, die andere zur Hälfte erheuchelte Ehrerbietung verrieten, in das Zimmer trat.

Als der Pedant sich dem Baron näherte, hielt dieser gerade ein hundertfach durchlöchertes Hemd bei den Ärmeln ausgebreitet gegen das Fenster und betrachtete es mit trostlos kläglichem Kopfschütteln.

»Corpo di Bacco!«, sagte der Pedant, bei dessen Stimme der Baron überrascht zusammenfuhr, »dieses Hemd hat ein tapferes, siegreiches Ansehen. Man sollte meinen, es habe bei der Erstürmung eines festen Platzes die Brust des Gottes Mars bedeckt, so sehr ist es von Musketenkugeln, Bolzen, Pfeilen und anderen Wurfwaffen durchlöchert. Sie brauchen darüber nicht zu erröten, lieber Baron; diese Löcher sind Lippen, welche die Ehre verkünden, und manche funkelnagelneue, nach der neuesten Mode des Hofes zugeschnittene holländische Leinwand deckt die Schande eines einfältigen Emporkömmlings oder schlauen Betrügers. Mehrere angesehene Helden, deren Taten die Geschichte ausführlich berichtet, waren mit Wäsche nicht allzu gut versehen. Ich nenne beispielsweise Ulysses, einen ernsten, klugen und scharfsinnigen Mann, welcher vor der schönen Prinzessin Nausikaa nur mit einer Handvoll Seegras bekleidet erschien, wie dies in der Odyssee des Meisters Homerus des Weiteren zu lesen steht.«

»Unglücklicherweise«, antwortete der Baron dem Pedanten, »unglücklicherweise gleiche ich diesem wackeren Griechen, dem König von Ithaka, nur durch den Mangel an Hemden. Mein gegenwärtiges Elend wird nicht durch frühere Heldentaten aufgewogen. Meine Tapferkeit hat keine Gelegenheit gehabt, sich zu zeigen, und ich bezweifle sehr, dass ich jemals von Dichtern in Hexametern werde besungen werden. Ich gestehe, dass es mir, obschon man sich einer ehrenwerten Armut nicht zu schämen braucht, sehr unangenehm ist, unter dieser Gesellschaft in einem solchen Aufzug erscheinen zu müssen. Der Marquis von Bruyères hat mich wohl erkannt, obschon er es sich nicht anmerken ließ, und er kann mein Geheimnis verraten.«

»Es ist dies allerdings sehr zu beklagen«, entgegnete der Pedant, »aber es gibt für alles ein Mittel, nur nicht für den Tod, sagt das Sprichwort. Wir armen Schauspieler, Schatten des menschlichen Lebens und Gespenster von Personen jeden Standes und Ranges, besitzen in Ermangelung des Seins doch wenigstens den Schein, welcher sich zu Ersterem verhält wie das Spiegelbild zur Sache. Wenn es uns beliebt, so nehmen wir mithilfe unserer Garderobe, in welcher alle unsere Königreiche, Erbteile und Herrschaften beruhen, den Schein von Fürsten, Baronen und Edelleuten von stolzer Haltung und Miene an. Auf einige Stunden gleichen wir in Bezug auf Kleiderpracht denen, welche sich am meisten darauf einbilden. Die Stutzer ahmen unsere entlehnte Eleganz nach und machen eine wirkliche daraus, indem sie feines Tuch an die Stelle des dünnen Wollstoffs, Gold an die Stelle des Flitters und den Diamant an die Stelle des böhmischen Steines setzen, denn das Theater ist die Schule der Sitten und die Akademie der Mode. In meiner Eigenschaft als Garderobemeister der Truppe verstehe ich aus einem gemeinen Tölpel einen Alexander, aus einem armen Teufel einen reichen, vornehmen Herrn, aus einer Landstreicherin eine große Dame zu machen, und wenn Sie es mir verstatten, so bin ich bereit, meine Kunst auch in Bezug auf Sie in Anwendung zu bringen. Da Sie die Güte gehabt haben, unser Nomadenlos zu teilen, so machen Sie wenigstens auch von den uns zu Gebote stehenden Hilfsmitteln Gebrauch. Entsagen Sie dieser Livree der Schwermut und des Mangels, welche Ihre natürlichen Vorzüge verdunkelt und Ihnen ein ungerechtes Misstrauen gegen sich selbst einflößt. Ich habe gerade einen sehr hübschen Anzug von schwarzem Samt mit feuerfarbenen Bändern in Reserve, dem man das Theater nicht anmerkt und den ein Hofkavalier tragen könnte, denn es kommt jetzt bei den Autoren und Dichtern häufig vor, dass sie unter erdichteten Namen Abenteuer der Gegenwart in Szene setzen, welche das Kostüm solider Leute und nicht beliebig nach antiker oder romantischer Weise vermummter Schauspieler nötig machen. Ich habe das Hemd, die seidenen Strümpfe, die Schnallenschuhe, den Mantel, kurz alles, was zu dem Kostüm gehört, welches, wie in Voraussicht unseres Abenteuers, ausdrücklich nach Ihrem Maß zugeschnitten zu sein scheint. Es fehlt nichts daran, nicht einmal der Degen.«

»Was diesen betrifft, so ist er nicht nötig«, sagte der Baron mit stolzer Gebärde, in welcher sich der ganze Stolz des Edelmannes spiegelte, der durch kein Unglück niedergebeugt werden kann. »Ich besitze den meines Vaters.«

»Heben Sie ihn gewissenhaft auf«, antwortete Blazius, »ein Degen ist ein treuer Freund und der Beschützer des Lebens und der Ehre seines Herrn. Er verlässt ihn nicht in Unglück oder Gefahren, wie die Schmeichler, diese Schmarotzer des Glückes, zu tun pflegen. Unsere Theaterschwerter haben weder Schneide noch Spitze, denn sie dürfen nur scheinbare Wunden schlagen, von welchen man am Ende des Stückes schnell wieder genest, und zwar ohne Scharpie, Salbe oder Theriak. Dieser hier wird Sie im Notfall zu verteidigen wissen, wie er es schon getan hat, als der Bandit mit den Strohmännern jenen abscheulichen und lächerlichen Streich an der Heerstraße ausführte. Gestatten Sie jedoch, dass ich die Sachen aus dem Bauch des Koffers herbeihole, welcher sie jetzt birgt. Ich sehne mich, die Puppe sich in den Schmetterling verwandeln zu sehen.«

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