American Indian Weekly Nr. 2 – Aufgespürt in seinem Versteck – Kapitel 6
American Indian Weekly
Nummer 2, 1910
Aufgespürt in seinem Versteck
oder Die Verfolgung des Mitternachtsräubers
von Colonel Spencer Dair
Kapitel 6
Die Rächer werden aufgehalten
Nach einem einstündigen, harten Ritt stießen die Rächer auf den Kadaver eines Ochsen, der mitten auf dem Pfad lag.
Der Anblick des verendeten Tieres schien den Besitzer der Double Cross-Ranch schier um den Verstand zu bringen.
»Seht euch diesen Ochsen an!«, brüllte er. »Nie hat besseres Vieh auf den Ebenen gegrast! Und hier liegt es nun, zu Tode gehetzt! Verflucht seien diese Teufel! Ich werde sie dafür büßen lassen, dass sie meine Rinder geraubt und sie dann so mörderisch behandelt haben! Hinterher, Jungs! Trödelt nicht damit herum, das Vieh zu untersuchen!«
»Sachte, Sam, sachte«, entgegnete Sandy. »Wir kriegen sie schon, mach dir keine Sorgen. Aber es schadet nichts, einen Blick auf den Kadaver zu werfen. Ein paar Minuten machen den Braten auch nicht fett, und an der Körperwärme können wir ablesen, wie weit die Viehdiebe uns voraus sind.«
Kaum hatte der Vormann diesen Vorschlag ausgesprochen, da war Deadshot auch schon vom Pferd.
Der Cowboy, dem der Sarkasmus seines Bosses wegen seines Versagens beim Aufspüren der Pferdefährte zu Beginn des Trails noch immer in den Knochen saß, hatte kaum die Seite des am Boden liegenden Ochsen erreicht, als er sich auch schon im Mesquite-Gebüsch hinkniete. Und noch während Sandy sprach, glitten seine erfahrenen Hände prüfend über das Fell.
Gespannt warteten die anderen auf sein Urteil darüber, wie lange das Tier schon dort lag. Doch Deadshot verlor kein Wort.
»Nun?«, herrschte ihn sein Herr an, unfähig, seine Ungeduld im Zaum zu halten, als mehrere Minuten vergangen waren und der Cowboy noch immer keine Meinung geäußert hatte.
»Der Kadaver ist kalt, Sam. Aber noch nicht steinkalt.«
»Was bedeutet, dass uns ein verdammt harter Ritt bevorsteht, wenn wir diese elenden Halunken einholen wollen, bevor sie sich im Sumpf verlieren«, warf Pinky ein.
»Das zeigt nur, wie viel du verstehst«, entgegnete der Rancher. »Wir sind gut zwanzig Meilen vom Heim-Corral entfernt, was laut Deadshot etwa die Hälfte des Weges bis zu den Flussniederungen ist, und der Brocken hier ist kalt. Folglich muss der Rest der Bande hier vor gut sechs Stunden durchgekommen sein. Kein Mensch, es sei denn, er hätte Flügel, könnte die Viehdiebe einholen, bevor sie Sangammon erreichen, nicht wahr, Sandy?«
»Ich schätze, da liegst du verdammt richtig, Sam«, erwiderte sein Vormann. »Die Schänder haben gut sechs Stunden Vorsprung, und wenn man sich den Zustand dieses Ochsen hier ansieht, treiben sie das Vieh bis aufs Äußerste. Wenn dieses Tier nicht dreißig Pfund magerer ist als beim Verlassen des Corrals, dann verstehe ich überhaupt nichts von Rindviechern.«
»Du glaubst also, wir haben keinen Boden auf sie gutgemacht?«, fragte Bowser besorgt.
»Nicht der Rede wert.«
»Und was noch dazukommt: Wir werden ihren Vorsprung nicht weit genug verkürzen können, als dass es sich lohnen würde, unsere Pferde bei dem Versuch zu Schanden zu reiten«, schaltete sich Deadshot ein. »Sandy sagt die reine Wahrheit, wenn er meint, dass die Teufel die Ochsen treiben, was das Zeug hält. Wenn wir nicht auf mehr als die Hälfte von ihnen stoßen, bevor wir die Sümpfe erreichen, habe ich mich gewaltig geschnitten.«
Einen Moment lang dachte der Rancher über diese Worte nach.
»Wenn das so ist, dann hat es keinen Zweck, weiter auf der Fährte zu bleiben«, rief er schließlich aus.
»Warum nicht?«, verlangten die anderen zu wissen, überrascht über diese Worte, da sie sich an den Schwur ihres Bosses erinnerten.
»Weil wir rüber zu Henry Hawks müssen, damit er einige seiner Männer schickt, um Sarah und das, was von meinem Vieh im Corral noch übrig ist, zu beschützen.«
»And wenn ihr meinen Rat hören wollt, dann bringt ihr den alten Hen dazu, sich uns mit ein paar seiner Jungs anzuschließen«, warf Deadshot ein. »Diese Diebe zur Strecke zu bringen, wird kein Kinderspiel – besonders nicht, wenn sie sich im Sumpf verschanzen!«
»Abgemacht«, pflichtete Bowser bei. »Je mehr wir sind, desto besser. Kommt schon, jeder Galoppsprung auf dieser Fährte führt uns jetzt nur weiter weg von Star and Moon. Wenn wir jetzt direkt darauf zuhalten, sollten wir rechtzeitig zum Abendessen bei Hen sein.«
Demnach gaben die Rächer die von den Viehdieben hinterlassene Spur fürs Erste auf. Sie wendeten ihre Pferde schnurstracks nach Süden und ritten los, um Schutz für die einsame Frau zu besorgen, die auf der Double-Cross-Ranch zurückgeblieben war, und um ihre eigenen Reihen zu verstärken, damit sie das Gesindel umso schneller in die Enge treiben konnten.
Der Tribut, den das Galoppieren durch das hohe Gras und die Beifuß-Büsche ihren Pferden abverlangte, war weitaus größer, als wenn sie der Rinderfährte gefolgt wären; infolgedessen kamen sie langsamer voran. Trotz dieses Handicaps machten sie jedoch recht gute Zeit, und die Sonne stand genau im Zenit, als sie im leichten Galopp auf den Hof der Star and Moon-Ranch ritten.
Als das rasche Schlagen der Hufe ertönte, kam Mrs. Hawks an die Tür.
»Na, Sam Bowser, wenn das keine Freude ist, dich zu sehen!«, rief sie herzlich aus, sobald sie die Reiter erkannt hatte. »Treibt eure Pferde in den Corral und kommt sofort rein. Ihr kommt genau richtig zum Essen. Ich schätze, ich habe genug da, und wenn nicht, kann ich verdammt schnell noch was zaubern. Ich bin …«
In der Annahme, dass der Redeschwall der guten Frau bald von selbst versiegen würde, hatte Bowser darauf gewartet, dass sie von alleine innehielt. Doch als sie, nachdem sie den Reitern ihre herzliche Einladung zum Essen ausgesprochen hatte, schon wieder zu einer neuen Tirade ansetzte, beschloss der Rancher, sie zu unterbrechen.
»Ist Hen nicht zu Hause?«, fragte er, da das Ausbleiben des Mannes ihm eine alles andere als willkommene Ahnung aufdrängte.
»Nein. Er und die Jungs sind seit drei Tagen weg, um das Vieh für den Verladetransport zusammenzutreiben. Ich erwarte ihn allerdings heute Nachmittag zurück. Er sagte, es würde höchstens drei Tage dauern.« Als sie dann den enttäuschten Blick bemerkte, den ihre Worte auf das Gesicht ihres Nachbarn zauberten, fragte sie hastig: »Es ist doch nichts passiert, oder? Ist Sarah etwa etwas zugestoßen?«
»Mit Sarah ist alles in Ordnung; zumindest war sie es, als wir bei Tagesanbruch aufbrachen. Aber ein paar elende Viehdiebe sind letzte Nacht in meinen Corral eingedrungen und haben fünfzig Stück Vieh weggeschleppt.«
Und in aller Kürze berichtete er Mrs. Hawks von den unheimlichen Umständen des Überfalls.
Mit Augen, die bei jedem Wort größer wurden, lauschte die gute Frau dem Bericht über die mysteriöse Heimsuchung.
»Herrje noch mal! Und du hast Sarah allein gelassen, während dieses Pack jeden Moment bei ihr aufkreuzen kann?«, rief sie voller Bestürzung aus. »Wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich keine Minute länger allein dort bleiben. Nein, Mister, keine einzige Minute. Es ist nicht fair von dir, Sam, ihr das zuzumuten. Ich möchte Henry Hawks mal erleben, wenn er mich unter solchen Umständen allein ließe!«
Diese energische Standpauke wegen des mangelnden Schutzes für seine Frau beschämte den Besitzer der Double Cross, und eine heiße Röte trat auf sein wettergebräuntes Gesicht, während er sich zu rechtfertigen suchte.
»Genau deswegen bin ich ja hier rübergekommen«, stammelte er. »Ich wollte, dass Hen mir ein paar seiner Jungs überlässt, damit ich meine eigenen Männer nehmen kann, um die Fährte der Räuber aufzunehmen.«
»Es ist völlig egal, was du vorhattest«, erklärte Mrs. Hawks bestimmt. »Ihr Männer seid alle gleich. Ihr scheint zu glauben, dass wir Frauen ganz allein zurechtkommen, egal was passiert. Und als ob es nicht schon genug wäre, dass wir hier draußen in der Einöde der Prärie leben müssen, geht ihr hin und lasst uns einfach zurück, wann immer es euch gerade passt. Wenn ich Sarah wäre, würde ich dich spüren lassen, was ich von einer solchen Behandlung halte – besonders, wenn sich hier ein Gespenst herumtreibt.«
»Na, Gott sei Dank bist du nicht Sarah«, murmelte Bowser leise in seinen Bart. Laut jedoch sagte er: »Um die Wahrheit zu sagen, Amy, ich war so wütend darüber, wie man mich an der Nase herumgeführt hat, dass ich an nichts anderes denken konnte, als die Fährte der Diebe aufzunehmen. Aber nach dem, was du gesagt hast, sehe ich ein, dass es Sarah gegenüber nicht gerade richtig war.«
»Pinky, trenn eines von Hens Ponys im Corral ab und reite so schnell zurück zur Ranch, wie deine Mähre laufen kann. Denk dran, ich werde dich fragen, wie lange du gebraucht hast, wenn ich nach Hause komme«, fügte er hinzu, als er den enttäuschten und verärgerten Blick bemerkte, der sich bei diesen Anweisungen auf dem Gesicht seines Cowboys breitmachte.
Doch Pinky wusste, dass Befehl nun mal Befehl war – besonders, wenn er vom Besitzer der Double Cross-Ranch kam. Ohne langes Federlesen wendete er sein Pferd, ritt hinüber zum Corral, suchte sich einen der Star and Moon-Broncos aus und jagte, ohne seinen grinsenden Kameraden auch nur einen einzigen Blick zu würdigen, vom Hof.
Für sich genommen jedoch dachte der Cowboy in keineswegs unmissverständlichen oder höflichen Worten darüber nach, was er von einmischenden alten Weibern hielt. Und seine Gedanken zu diesem Thema waren so weitschweifig, dass er seiner Meinung immer noch heftig Luft machte, als er gut drei Stunden später auf den Hof der Double Cross einritt.
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