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Jenseits des Rheins

Erik Hauser
Jenseits des Rheins
Unheimlich makabre Geschichten aus der Kurpfalz

Kurzgeschichten, Hardcover, AGIRO Verlag, Neustadt an der Weinstraße, September 2016, 328 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 9783939233640, Titelbildfoto: Peter Kauert, Titelbild: Michael Beck
www.agiro.de

[…] Es ist Zeit, den Tatsachen ins Auge zu blicken, ich muss mich umdrehen, den Blick ins Zimmer wenden. Dort erwarten mich keine Monet’schen Seerosen, keine impressionistische Landhausidylle. Eher ein später Bacon oder ein Picasso in seiner kubistischen Phase. Einzelne menschliche Glieder, zerstückelt und verrenkt, ein Unterkiefer, der sich nicht zum Rest des Schädels fügen will, ein Auge an der falschen Stelle – zum ersten Mal habe ich nicht mit dem Pinsel, sondern mit der Axt ein Meisterwerk geschaffen […]

(Aus: Der geschlossene Kreis)

Mein Onkel Stanislaus

Onkel Stanislaus ist ein unangenehmer und undankbarer Zeitgenosse, der ein hartes Familienregiment führt und seiner Umgebung sowie seiner Ehefrau, Tante Rose, das Leben zur Hölle macht. Eines Tages bildet sich eine Nekrose, die auf seinen unmäßigen Tabakgenuss zurückzuführen ist. Dies ist nur der Auftakt zu mehreren Amputationen, die ihn schließlich komplett ans Bett fesseln. So wird das Leben für Tante Rose noch anstrengender und demütigender, was sie alles ohne Wehklagen erträgt. Selbst nach Stanislaus Beerdigung trauert Rose ihrem Mann noch nach.

Der geschlossene Kreis

Zufrieden bewundert Fred sein neustes Meisterwerk, das, zugegeben, etwas grob geraten ist. Die zerstückelte Leiche seiner Frau Annika, die es nun, während die idyllische Welt um das versteckt gelegene Ferienhaus in den Rheinauen im schönsten Morgenlicht erwacht, zu entsorgen gilt. Doch einige Dinge scheinen verändert, als er von Annikas nassem Grab ins Haus zurückkehrt. Ist man ihm schon auf der Spur?

Der Schrecken von Brühl oder: Rashomon am Rhein

Ein unheimliches Wesen, halb Mensch, halb Amphibie, soll in den ersten Sommertagen nahe des Rheins gesehen worden sein. Gewilderte Tiere und eine verschwundene Naturforscherin schüren die Panik, aber auch die Neugier in der Bevölkerung. Die Biologin tut diese Meldungen als wissenschaftlich völlig unhaltbaren Mumpitz ab, der Esoterikfreak freut sich über eine neue Rasse auf Gottes Erden. Während Schäfer und Pfarrer sich um ihre Schäfchen sowie das verliebte Pärchen sich um ihren abgelegenen Schmuseplatz sorgen, wittert der Bürgermeister schon eine touristenwirksame Attraktion.

Onkel Herberts große Stunde

Im Familien- und Bekanntenkreis hat Onkel Herbert den Ruf eines Aufschneiders vor dem Herrn, der mit seinen Geschichten regelmäßig die komplette Gesellschaft unterhält, doch insgesamt als harmloser Spinner gilt. Eine seiner Geschichten, als er sich im Wald verirrt hat und von einem Wolf angegriffen wurde, scheint er nicht ganz so unbeschwert zu erzählen. Liegt es vielleicht daran, dass er seitdem in den Vollmondnächten unter Schlaflosigkeit leidet? Jedenfalls hat er den Vorfall mit den Rockern, die Cousin Willys Hochzeit aufmischen wollten, in dieser Vollmondnacht, in aller Stille geregelt.

Raphaels dritter Engel oder: Vampir wider Willen

Sogar samstags, wenn seine Mutter zur Arbeit muss, muss Max in den Sonnenscheinhort von Hedwig Glockner, der »bleichen Hedwig«. Dann heißt es immer Rücksicht auf den griesgrämigen Franz Glockner nehmen, der Nachtschicht hatte und in einem der Zimmer den Tag verschläft. Außer heute, wo er ihnen die Tür öffnet, weil seine Frau nicht da ist. Beinahe steif vor Angst sitzt Max bei dem Alten in der Küche. Das seltsame Benehmen und die verdunkelten Fenster lassen für den Jungen nur einen Schluss zu: Franz Glockner ist ein Vampir.

Mädchen, Monster, Modigliani

Nicht umsonst tummeln sich unzählige verliebte Pärchen in lauen Sommernächten auf der Heidelberger Scheffelterrasse mit Blick auf die hell erleuchtete Schlossruine, die als eine der romantischsten Europas gilt. Auch Anna und ihr Verehrer haben endlich eine eigene Sitzgelegenheit gefunden, doch die Gliedmaßen und die schmatzenden Geräusche, die aus einem nahen Busch dringen, stören die Romantik erheblich.

Tante Theas langer Abschied

Krankheiten, Entbehrungen, Unfälle. Es ist bereits ein akzeptierter Dauerzustand, dass Tante Thea nach eigenem Bekunden schon seit ihrer Geburt, am Rand des Grabes jongliert, nur um – mit ausgeprägtem Hang zum Melodram – immer wieder dem Tod von der Schippe zu springen. Viel eher scheint sie schon seit jeher einen todbringenden Einfluss auf die Menschen in ihrer Umwelt auszuüben.

Ohne Fleisch kein Preis oder: Darf’s auch noch ein bisschen mehr sein?

Seit gegenüber Charcutier Eders Metzgerei und Feinkost eröffnet hat, gehen Metzger Bölkes Geschäfte in den Keller. Sogar die Witwe Huber kauft nur noch die Hundewurst bei ihm. So bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als die Geschäfte des Kollegen zu sabotieren. Doch die mongolische Wüstenspringmaus seiner Tochter landet im Magen von Eders Kater, noch bevor auch nur einer von dessen Kunden etwas davon bemerken konnte. Von da an macht Bölke – unter dem Einfluss von Edgar Allan Poes Die schwarze Katze – Eders Kater für sein Unglück verantwortlich und setzt alles daran, das Vieh in die Finger zu bekommen.

Der alte Niklas

Der alte, obdachlose Niklas lebt allein auf einem Gelände nahe der Rheinauen. Bis auf seinen Geruch ein netter Kerl, wie er feststellen muss, als er eher unfreiwillig die Bekanntschaft des Alten macht. Doch Niklas war seinerzeit nicht nur einer der ersten »Grünen», er war auch derjenige, der Brühl vor den Gefahren des Jenseits bewahrte. Besonders in den Nächten um Allerheiligen, wenn die Trennwand zum Reich der Toten sehr dünn ist. Jedes Jahr um diese Zeit muss ein Ritual ausgeführt werden, um Brühl vor den Mächten des Bösen zu schützen.

[…] Es war klar, dass die toten Fische und wahrscheinlich auch die anderen aufgefundenen Kadaver auf das Konto eines größeren Tieres gehen mussten, das diese erlegt hatte. Aber was für ein Tier konnte das sein? Ein Tier mit einem immensen Appetit, so viel stand fest. Ein Raubtier, auf dessen Speiseplan sowohl Land- als auch Wasserbewohner standen, das unterschiedslos Wildschweine und Bachforellen jagte, aber auch Ratten und Mäuse nicht verschmähte. Eine unbekannte Kreatur, die gleichermaßen zu Land wie zu Wasser heimisch war, auf Beutesuche ging und die erlegte Beute dann nach ein paar hastigen Bissen achtlos beiseite warf, den Ratten zum Fraß. Welches Tier oder welche Kreatur tat so etwas? […]

(Aus: Der Schrecken von Brühl oder: Rashomon am Rhein)

Brühl in Baden, nahe der Universitäts- und Schlossstadt Heidelberg ist ein beschauliches, freundliches und sogar recht wohlhabendes Örtchen mit einer blühenden Lokalkultur. So stellt es sich dem oberflächlichen Betrachter dar. Doch Erik Hauser, selbst in Brühl aufgewachsen, weiß anderes zu berichten. Von Onkel Herbert, der womöglich ein Werwolf ist und dem Nachtarbeiter Franz Glockner, der nichts anderes sein kann als ein Vampir. Von Tante Thea, die trotz langjähriger eigener Prognose eine eiserne Gesundheit ihr Eigen nennt und von dem egoistischen Familienfeldwebel Stanislaus, der den Bogen bei seiner Frau doch irgendwann überspannt. Von Metzger Bölke, der eines Morgens tot im Kühlraum seines Konkurrenten aufgefunden wird und vom »Wassa-Watschla«, der einen Sommer lang die Fantasie nahezu aller Brühler auf verschiedenste Art und Weise auf Trab hält. Nicht zu vergessen der alte Niklas, ein sonderbarer Kauz, der nichtsdestoweniger genau weiß, warum dies alles ausgerechnet in Brühl geschieht.

So serviert Erik Hauser, der mit Jenseits des Rheins seine erste Geschichtensammlung vorlegt, einen stets liebevollen Blick auf seine Mitmenschen, überzeichnet diese mit einem Augenzwinkern ins Ironisch-Satirische und hebt das Ganze fast unmerklich auf einen gar nicht so leicht zu bestimmenden Grat zur Fantastik, sodass es dem Leser überlassen bleibt, wie er die Geschichten interpretiert. So hält Erik Hauser seine Erzählungen durchgehend meisterhaft und humorvoll in der Schwebe. Selbst deftigere Beiträge wie Der geschlossene Kreis entbehren nicht eines wohltuenden klugen Witzes. Überhaupt ist ein solides Maß an Allgemeinbildung angebracht, um so manche Feinheiten zu erfassen.

Da die Erzählungen alle nahe beieinander spielen, gibt es auch einige Überschneidungen, was die Personen angeht. Hauptfiguren tauchen in Nebenrollen wieder auf und umgekehrt. Einzelne Szenen »sieht« man nochmals aus anderer Perspektive. Die abschließende Erzählung macht sogar eine große Klammer um alles und liefert außerdem eine Erklärung für die Häufung mysteriöser Ereignisse in Brühl. Als Cameo und persönliche Signatur hat sich auch Erik Hauser selbst (als Mann mit Hund) in den meisten Geschichten auftreten lassen.

Ergänzt werden die Kurzgeschichten von einseitigen »Vignetten», die auch gewissen Örtlichkeiten oder lokalen Ereignissen gewidmet sind, die in den Erzählungen erwähnt werden, sodass das Gefühl eines einheitlichen und kompakten Ganzen entsteht.

Jenseits des Rheins ist als Hardcover im Neustädter an der Weinstraße beheimateten Agiro Verlag erschienen, der vor allem für die 100 % Pälzer!-Cartoons von Steffen Boiselle bekannt ist, aber auch die Regionalfantasten Lossau und Schumacher (Der Rebenwolf) und Bände mit Sagen und Geistergeschichten aus Ludwigshafen am Rhein, Mannheim und Bad Dürkheim im Programm hat.

Fazit:
Skurril, mit klugem Witz und doch immer stimmungsvoll. Dazu wandeln die unheimlichen Geschichten aus Brühl am Rhein auf einem schmalen Grat, sodass jeder Leser selbst entscheiden kann, wie viel Fantastik er hineinliest.

(eh)